2. September 2021
Entscheider

Die Gleichgesinnten

Nora Pagels und Heinz-Egon Achterkerke im Interview

Nora Pagels und Heinz-Egon Achterkerke trennen fast 50 Jahre. Sonst sind die beiden sich so ähnlich, dass sie sich mittlerweile als Vater und Tochter vorstellen. Foto: Holger Isermann.

Nora Pagels und Heinz-Egon Achterkerke trennen fast 50 Jahre. Sonst sind die beiden sich so ähnlich, dass sie sich mittlerweile als Vater und Tochter vorstellen. Eine Geschichte über die Kindheit am Meer, wichtige Momente der Sichtbarkeit und die Frage, warum Bildung in unserem Land immer noch so stark vom Portemonnaie der Eltern abhängt …

Leben, wo andere Urlaub machen: Immobilien werden häufiger mit diesem Versprechen angepriesen – ganz so, als ob die Berge oder das Meer vor der Haustür automatisch zu einem unbeschwerteren Alltag führen. Jeder Tag wie Urlaub, das mag für Vermögende gelten, die viel Freizeit haben oder nach beruflichem Erfolg ihren Lebensabend ausklingen lassen wollen. Für die ganz normalen Menschen dagegen sind Urlaubsregionen häufig eine Traumwelt, an der sie nicht teilhaben. Schöne Immobilien, teure Autos, Boutiquen.

Der Traum von Haus und Garten

Nora Pagels ist auf Usedom aufgewachsen. Ihre Eltern getrennt, die Familie lebt von Hartz IV. „Ich habe mich sehr früh damit abgefunden, dass wir aufs Festland zu Kik oder Takko gefahren sind, um ein neues T-Shirt zu kaufen.“ Oft müssen es auch getragene Kleidungsstücke tun, die Freunde oder Verwandte per Post schicken. Das Geld ist knapp, der Satz „das geht nicht“ fällt häufig und Nora Pagels erlebt eine Kindheit an der Ostsee ohne je Urlaub gemacht zu haben. Schon früh reift in ihr die Erkenntnis, dass sie so später nicht leben möchte. „Ich träumte von einem Haus mit Garten, davon nicht jeden Euro zweimal umdrehen zu müssen.“ Eine solche Idylle lernt sie kennen und schätzen, wenn sie ihre Tante besucht. „Dort war alles so schön aufgeräumt und die Möbel haben zueinander gepasst. Das hat mir sehr gefallen“, erinnert sie sich.
Genauso wie an ihre Großtante – eine Lehrerin. Mit ihr schreibt sich die Schülerin regelmäßig Briefe, erzählt von Ängsten oder wenn es in der Schule nicht läuft. Die Antworten kommen postum, meist zusammen mit einem Englisch- oder Geschichtsbuch. „Das hat mir rückblickend wirklich geholfen.“ Pagels macht einen Dreier-Abschluss auf der Realschule in Ahlbeck, will eigentlich in die kreative Richtung, aber es gibt kaum Lehrstellen. Über einen Bekannten kommt ein Lehrstellenangebot aus Neubrandenburg: Einzelhandelskauffrau bei Galeria Kaufhof. „Eigentlich war das nicht mein Traum, aber ich wollte keine Lücke im Lebenslauf.“

Ein Sommer, der alles ändert …

Also zieht sie mit 16 aufs Festland und hört in der Berufsschule von einer Lehrerin den Satz, der ihr einen neuen Weg zeigt. Dass man auch seine Fachhochschulreife machen könne – „ein Aha-Erlebnis. Das Studium als Option hatte ich gar nicht auf dem Schirm. Ich dachte, das können nur ganz schlaue Kinder von Eltern, die selbst auch studiert haben.“ Fortan gibt die Schülerin Gas. Sie zieht zur Großmutter ins Seebad Ahlbeck und „will sich selbst Stück für Stück beweisen, dass es geht“. Schließlich verlässt sie die Schule mit einem Fachabitur und Einser-Schnitt in der Tasche. Dann geht es zum BWL-Studium nach Stralsund. Umzug, Bafög-Antrag – alles organisiert sie selbst.
Zu dieser Zeit hat Nora Pagels einige Nebenjobs. In den Semesterferien putzt sie Ferienwohnungen auf Usedom. Es ist Sommer im Jahr 2013 als eine Nachbarin fragt, ob sie in der Villa Achterkerke im Ostseebad Heringsdorf einspringen kann. Dort kreuzen sich die Lebenslinien von Nora Pagels und Heinz-Egon Achterkerke zum ersten Mal. Dessen Frau erzählt von der Studentin im dritten Semester, er macht ein Treffen aus und bietet an, Nora „zu fördern und fordern. Ich habe mich in ihr sehr stark wiedergefunden, in ihren Werten, ihren Ansichten, ihrem Handeln. Da war einfach eine gemeinsame Wellenlänge.“

Heinz-Egon Achterkerke (Zweiter von links) ist ein talentierter Fußballer, er schafft es sogar in die Bundesligareserve von Werder Bremen. Hier ist er bei einem Spiel der Bundeswehr im Jahr 1964 zu sehen. Foto: privat.

Im Tor von Werder Bremen
Denn die Biographien des Braunschweiger Unternehmers und der Studentin zeigen viele Parallelen. Achterkerke wächst ebenfalls am Meer auf – in der Nähe von Bremerhaven. Ein paar Schweine, etwas Grabeland, eine typische Arbeiterfamilie auf dem Dorf. „Ich war kein Schmuddelkind, aber aus einfachen Verhältnissen. Diese Rolle hatte ich auch in der Schule. Es gab die Kinder vom Bürgermeister oder vom Apotheker, die hatten es einfacher“, erinnert er sich und erzählt von seinem qualifizierten Hauptschulabschluss.
Achterkerkes Fahrkarte aus der Provinz ist der Sport. Er schafft es als Leichtathlet zu den Deutschen Meisterschaften und später als Torwart in die Bundesligareserve von Werder Bremen. Dort wird der Junge vom Dorf für andere Kreise sichtbar. Zum Beispiel einen Sponsor, der denkt, dass in ihm mehr als nur Sport stecken müsste. Oder der Vater einer Liebschaft – einen Reeder, der an die Nachfolge in seinem Unternehmen denkt. „Das hat mir enorm geholfen mich weiterzuentwickeln, aber ohne den Sport hätte ich diese Chance nicht bekommen.“

Der Weg zum Unternehmer
Achterkerke holt sein Abitur nach, studiert Maschinenbau und wird Stabstellenleiter beim Braunschweiger Traditionsunternehmen Schmalbach-Lubeca. „Der jüngste überhaupt.“ Später geht er als Assistent der Geschäftsführung zu Detert nach Lehrte und wird zu den Deutschen Edelstahlwerken ins Ruhrgebiet geschickt, um technische Probleme bei der Produktion für Miele zu lösen. „Das war damals eine Adelung, aber um bei Miele weiterzukommen, hätte ich eine der Töchter heiraten müssen. Und verheiratet war ich schon.“ Er lacht und erzählt von der Heimkehr nach Braunschweig – diesmal als technischer Leiter des Libra-Werkes.
1991 gründet er die Achterkerke GmbH. Mit Edelstahllösungen für die Industrie findet er eine Nische und wird zur „absoluten Nummer eins in Deutschland.“
Drei Jahre später entwickelt der Unternehmer eine Recycling-Anlage für Altfenster und lässt sie europaweit patentieren. 40 Anlagen für je 250.000 D-Mark finden einen Abnehmer und in Achterkerke reift die Idee, etwas zurückgeben zu wollen. „Es gab immer wieder Menschen, die mich gefördert haben. Und wenn man irgendwann nicht mehr eine, sondern zwei Mark übrighat, kann man so etwas anfangen.“ Dieses „so etwas“ ist die gleichnamige Stiftung – 2008 gegründet mit den Standorten Braunschweig und der Insel Usedom.

Die Villa Achterkerke ist eine von mehreren Ferienimmobilien auf der Insel Usedom, die der gleichnamigen Stiftung gehören. Foto: privat.

Ferienimmobilien als Stiftungskapital
Dort („im Elm an der Ostsee“) hat Achterkerke Anfang der neunziger Jahre zwei Wohnungen gekauft, später außerdem die älteste Villa im Ort. Alle Immobilien gehören mittlerweile der Stiftung, die Mieteinnahmen finanzieren die Projekte. 500.000 Euro wurden in den vergangen zehn Jahren ausgeschüttet. Außerdem fördert die Stiftung Begabte aus Familien mit wenig Einkommen. „Als ich die Idee erstmals im Freundeskreis kundgetan habe, wurde ich ganz entgeistert angeschaut: Wie willst du denn aus Hartz-IV-Kindern intelligente Erwachsene machen?“ Das habe ihn aber eher bestärkt, denn allein seine eigene Biographie war Beweis genug, dass dies kein Widerspruch ist.
Nora Pagels ist das dritte Kind, das die Stiftung mit rund 10.000 Euro pro Jahr fördert. „Ich war total perplex. Bis dahin musste ich immer alles selbst organisieren und auf einmal saß da ein wildfremder Mensch vor mir, der mir die Sorgen nehmen wollte. Das war anfangs sehr unwirklich.“ Sie will sich engagieren, übernimmt relativ schnell die Buchhaltung der Stiftung – geht für die Bachelor-Arbeit zur Achterkerke GmbH nach Braunschweig und hält 2015 ihren Studienabschluss in der Hand. An dieser Stelle hätte der gemeinsame Weg von Heinz-Egon Achterkerne und Nora Pagels wie bei anderen Förderkindern der Stiftung enden können.

Ex-Bundeskanzler Gerhard Schröder kommt 1997 als damaliger Minister­präsident Niedersachsens zur Stippvisite bei Achterkerke vorbei. Foto: privat.

Vom Förderkind zur Ziehtochter
Doch beiden fehlt etwas im Puzzle ihres Lebens – und sie sind jeweils das lang gesuchte Teil des anderen. „Mein Vater meldet sich nicht bei mir, außer zu Weihnachten und zum Geburtstag und meine Mutter ist vor allem mit sich selbst beschäftigt. Und dann gibt es jemanden, der sich für mich und mein Leben wirklich interessiert“, sagt Nora Pagels. Sie gießt sich Wasser nach und schaut über den Tisch zu dem Mann, den sie mittlerweile Vater nennt.
„Ich kann das am besten mit den Worten meiner Frau erklären“, erwidert er. „Wenn ich mit dir Dinge diskutiere, kann ich auch gleich mit Nora sprechen, sagt sie immer: Die Antworten und Ansichten sind die gleichen. Ich habe sie relativ schnell als Ziehtochter gesehen und das beschreibt unser Verhältnis auch treffend.“ Also bleibt Nora Pagels in Braunschweig, wird erst Werksstudentin, später Verwaltungschefin und schließlich Geschäftsführende Gesellschafterin des Unternehmens mit 25 Mitarbeitern – außerdem Vorständin der Achterkerke Stiftung.

Eine ganz andere Firma
Eine ganz normale Familiennachfolge also? „Nein, ich bin nicht ihr Steigbügelhalter, nur Förderer und vor allem Unternehmer. Wenn ich nicht an Nora und ihre Power glauben würde, wäre sie nicht Geschäftsführerin.“ Dabei macht die 29-Jährige vieles anders als der Firmengründer. Er setzt als starker Mann auf Top-Entscheidungen, sie auf Kooperation. „Dies war eine ganz traditionell organisierte Firma und jetzt sollen alle kleine Unternehmer sein und duzen sich. Aber sie ist sehr erfolgreich damit, das wundert mich ja.“ Da müssen beide lachen. Die Stimmung hier im zweiten Stock des Verwaltungsgebäudes in der Nähe des Braunschweiger Hafens ist auffallend gelöst.
Dass beruflicher Aufstieg und Status neue Menschen in das eigene Leben bringen, haben beide erfahren. „Ich war ein Emporkömmling und man hat es mir hier in Braunschweig mit dem vielen alten Geld anfangs auch gezeigt“, sagt Heinz-Egon Achterkerke und Nora Pagels ergänzt: „Ich versuche selbstbewusst mit meinem Backround umzugehen, aber ich nehme natürlich zur Kenntnis, dass die anderen Unternehmerkinder nicht aufgewachsen sind, wie ich.“ Die waren im Theater, in teuren Restaurants, sind seit jeher Ski gefahren, „ich kann schwimmen“. Sie zuckt mit den Schultern – hat angefangen Gitarre und Klavier zu spielen und kann es mittlerweile auch mal genießen, sich etwas zu leisten. „Aber ich habe ehrlich gesagt gar keine Zeit ständig shoppen zu gehen oder Urlaub zu machen, denn das alles hier kommt nicht vom Himmel gefallen.“

Eine Chance – für sich und viele andere …
Sie arbeite sieben Tage die Woche, „um das Lebenswerk von Heinz-Egon weiterzuentwickeln.“ Dieser hat zum Schluss des Gespräches selbst noch eine Frage an seine Tochter: „Willst du lieber noch stärker in der Breite alle Schüler auf Usedom erreichen oder weiter auch gezielt nach Talenten suchen?“ Nora Pagels muss nicht lange überleben. „Genau das ist mein Fokus. Wo sind die ungeschliffenen Diamanten, die vielleicht selbst noch gar nicht wissen, dass sie einer sind.“ In diesem Satz steckt viel Autobiographisches – von einem Mann aus einfachen Verhältnissen, der es zu Reichtum gebracht und entschieden hat, damit anderen eine Chance zu geben. Und von einer jungen Frau, die sich anschickt aus einer solchen Chance für sich auch eine für viele andere zu machen …

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