4. Februar 2021
Entscheider

„Die Grundstimmung ist negativ, auch meine“

Sascha Harland, Geschäftsführender Gesellschafter Creditreform Braunschweig Göttingen Bruns & Harland GmbH & Co. KG, im Interview

Sascha Harland, Geschäftsführender Gesellschafter Creditreform Braunschweig Göttingen Bruns & Harland GmbH & Co. KG. Foto: Creditreform Braunschweig Göttingen Bruns & Harland.

Herr Harland, laut Statistischem Bundesamt meldeten die deutschen Amtsgerichte von Januar bis September vergangenes Jahr 13,1 Prozent und im Oktober 31,9 Prozent weniger Unternehmensinsolvenzen als im Vorjahr. Wie aussagekräftig sind diese Zahlen vor dem Hintergrund der ausgesetzten Insolvenzantragspflicht?
Das ist eine der zentralen Fragen, die auch wir uns stellen. Die Zahl der Insolvenzen ist im Vergleich der Vorjahre deutlich rückläufig, im Jahr 2020 so stark wie seit Gültigkeit der neuen Insolvenzordnung aus dem Jahr 1999 nicht mehr. Durch die staatlichen Hilfsmaßnahmen wie die Hilfskredite, die Kurzarbeiterregelung und letztendlich auch die Aussetzung der Antragspflicht werden auch Unternehmen, die eigentlich in extreme Schieflage geraten sind, am Leben erhalten.

Die sogenannten Zombieunternehmen …
Genau. Die von uns bereits im letzten Jahr prognostizierte Insolvenzwelle wird dadurch nicht aufgehoben, nur verschoben.

Was schätzen Sie, wie viele dieser Zombieunternehmen gibt es derzeit?
Wir gehen von bundesweit 4.300 bis 4.500 Zombieunternehmen aus.

Wie bewerten Sie vor diesem Hintergrund die bis Ende April verlängerte Aussetzung der Insolvenzantragspflicht?
Es verschlimmert die Situation zunehmend. Mit den Maßnahmen wird der Schutz der höher bewertet als der Schutz der Gläubiger. Woher soll der Gläubiger jetzt wissen, ob das Unternehmen kreditwürdig ist, oder nicht? Aufgrund des Lieferantenkredits besteht die Gefahr, dass viele Unternehmen nicht mehr auf Rechnung, sondern nur noch gegen Vorkasse liefern. Das führt zu einem Hemmnis im Handel. Das Vertrauensverhältnis zwischen Lieferanten und Kunde wird nachhaltig gestört.

Auf welche Möglichkeiten können Unternehmen derzeit zurückgreifen, um sich zuverlässig über finanzielle Schieflagen von Partnerinnen und Partnern, Kundinnen und Kunden zu informieren?
Es gibt im Bundesanzeiger die Jahresabschlüsse 2019, die jedoch ein Bild von vor der Krise zeichnen und für den Moment nicht aussagefähig sind. Und die Jahresabschlüsse 2020 werden unserer Ansicht nach erst möglichst spät veröffentlicht, zumindest von den Unternehmen, die in der Krise gelitten haben. Deswegen ist die Beobachtung der unterjährigen Entwicklung, insbesondere der tatsächlichen Zahlungsweise und der Geschäftsentwicklung, von besonderer Bedeutung. Diesen Zweck erfüllen Auskunfteien wie wir.

Inwieweit hat sich Ihre Arbeit durch die Aussetzung der Antragspflicht verändert?
Die Aufgabenstellung für unsere Business-Analystinnen und -Analysten und insbesondere der Rechercheurinnen und Rechercheure ist deutlich gewachsen. Es ist langjährige Erfahrung vonnöten, um im Interview mit dem Unternehmen die richtigen Fragen stellen zu können und es wird mit einer Besonnenheit, aber auch der notwendigen Sensibilität vorgegangen. Wir haben auf der anderen Seite die Verpflichtung, Unternehmen nicht schlechter darzustellen, als es der tatsächlichen Lage entspricht. Das gelingt uns gut.

Woran machen Sie das fest?
Wir überprüfen unsere Ergebnisse und im Vergleich zu den Werten des Vorjahres stellen wir fest, dass sich die Ausfallsquoten der Unternehmen in bestimmten Bonitätsbereichen nicht gravierend verändert haben. Bisher. Was wir alle nicht wissen, ist, wie es sich auswirkt, wenn die Insolvenzanträge einschlagen.

Was prognostizieren Sie? Führt die Aufnahme der Antragspflicht unwillkürlich dazu, dass auf einen Schlag viele Unternehmen insolvent sein werden?
Das liegt auf der Hand. Wenn die Maßnahmen auslaufen, wird es für viele eng, die aktuell gar kein oder nur eingeschränkt Geschäft machen können. Auch die Hilfskredite sind nicht geschenkt, sondern müssen zurückgezahlt werden. Dass das geballt stattfinden wird, vermute ich eher nicht. Es gibt sicher Geschäftsführerinnen und Geschäftsführer sowie Inhaberinnen und Inhaber, die ihren gesetzlichen Pflichten Anfang Mai nachkommen. Aber es gibt sicherlich auch einen Teil, der den Insolvenzantrag nicht stellen wird, in der Hoffnung, dass es dem Unternehmen wieder besser geht, bevor es jemand mitbekommt.

Mit wie vielen Unternehmensinsolvenzen rechnen Sie?
Im Jahr 2019 gab es bundesweit 18.830 Unternehmensinsolvenzen. Für 2020 wird die Zahl voraussichtlich etwas über 16.300 liegen.

Wie hoch schätzen Sie derzeit das Schadensvolumen? Was hat die Krise die Wirtschaft bislang gekostet?
In 2020 gehen wir von einer Schadenssumme in Höhe von 34 Milliarden Euro aus. Im Vorjahr waren es rund 23,5 Milliarden Euro.

Können Sie die Diskrepanz zwischen steigendem Schadensvolumen bei rückläufigen Insolvenzzahlen erklären?
Es haben im Verhältnis mehr Großinsolvenzen stattgefunden. Etwa 1,5 Prozent der Gesamtinsolvenzen vergangenes Jahr betrafen Unternehmen mit mehr als 100 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. In 2019 waren es noch 0,8 Prozent. Eine weitere Zahl macht das ganz deutlich: Rund 332.000 Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer waren im Corona-Jahr von Unternehmensinsolvenzen betroffen. Im vorherigen Jahr lag diese Zahl bei 218.000.

Wie viele Privatinsolvenzen erwarten Sie für das Jahr 2020?
Wir gehen von etwa 45.800 Privatinsolvenzen aus – zum Vergleich: 2019 waren es 62.810.

Welche Rolle spielt in diesem Zusammenhang die verkürzte Restschuldbefreiung nach drei Jahren?
Für die Volkswirtschaft ist das grundsätzlich positiv zu bewerten, weil der Schuldner früher wieder wirtschaftlich aktiv werden kann. Andererseits führt es zu höheren Forderungsverlusten seitens der Unternehmen und zu höheren Prüfungs- und Sicherheitsmaßnahmen gegenüber den Privatpersonen. Im Wesentlichen ist so die Dauer der Bürde einer Insolvenz verkürzt. Das reduziert möglicherweise die Hemmschwelle, Schulden zu machen.

Insbesondere die Gastronomie, der Einzelhandel, die Reise- und Freizeitbranche gelten als von der Krise und den politischen Maßnahmen gebeutelt. Welche Branchen sind außerdem betroffen?
Pauschal lässt sich das nicht festschreiben. Im Prinzip sind alle Branchen betroffen, mit unterschiedlicher Ausprägung, insbesondere jedoch diejenigen, die auf Menschenkontakt angewiesen sind.

Der Onlinehandel ist der Gewinner der Krise …
… die Großen wie Amazon vorneweg. Aber auch die Lieferdienste profitieren – deshalb kann man nicht pauschal feststellen, dass es der Gastronomie durchweg schlecht geht. Restaurants, die ohnehin auf Außer-Haus-Lieferungen spezialisiert waren, haben keine finanziellen Einbrüche. Die Chemiebranche hat generell sicherlich wenige Einbußen, Autozulieferer dieses Sektors sind wiederum von den Schwächen der Automobilindustrie betroffen. Das Bild ist sehr gemischt.

Werfen wir einen Blick auf die Region Braunschweig-Wolfsburg. Wie steht es um die hiesigen Unternehmen derzeit?
Bisher können wir hier Gott sei Dank keine besonderen Auffälligkeiten feststellen. Aber die Lage kann in kürzester Zeit kippen.

Wie groß ist die Gefahr von Kettenreaktionen, dass Insolvenz auf Insolvenz folgt?
Die gibt es bei allen Insolvenzfällen. Wenn ein Unternehmen pleitegeht, hängen daran auch Folgeinsolvenzen, die sich anschließen werden. Es wird nicht gelingen, alle zu retten. Das hat auch nichts mit Corona zu tun. Es gab vor der Pandemie schon Unternehmen, die sich in Schwierigkeiten befunden haben und möglicherweise durch Corona und die Maßnahmen dahingerettet haben und jetzt mit umfallen. Es wird zu Bereinigungsprozessen kommen.

Wie verteilt sich das Insolvenzaufkommen innerhalb Deutschlands? Gibt es Bundesländer oder Regionen, die hervorstechen?
Historisch gibt es bei Insolvenzen ein Nord-Süd-Gefälle, wie auch im Bereich der Privatschuldner, geht es dem Süden besser als dem Norden. In Bremen gab es vergangenes Jahr 98, in Sachsen-Anhalt 59 und in Niedersachsens 47 Insolvenzfälle pro 10.000 Unternehmen. In Baden-Württemberg und Bayern liegt die Zahl bei 38 Fällen.

Und im europäischen Vergleich?
Man kann schon mit Fug und Recht sagen, dass Deutschland sehr gut im europäischen, aber auch weltweiten Vergleich davonkommt. Übrigens auch im gesundheitlichen Bereich, trotz aller Probleme.

Wenn Sie noch einmal auf das Corona-Jahr 2020 zurückblicken, wie sieht Ihr Fazit Stand heute aus?
Wenn nicht gleichzeitig der Schutz der besonders schutzbedürftigen Personengruppen bis ins Allerletzte ausgereizt wurde, ist es aus meiner Sicht fahrlässig, eine Volkswirtschaft stillzulegen, ohne über alternative Strategien nachzudenken. Die Maßnahmen sind bis zum 14. Februar verlängert, aber wer glaubt denn ernsthaft, dass sich die Situation bis dahin deutlich verbessert hat? In der Konsequenz der Logik der Bundesregierung müsste der Lockdown so weit fortgesetzt werden, bis eine kritische Menge von 60 Prozent durchgeimpft sind. Das wird laut den Plänen von Gesundheitsminister Jens Spahn im November 2021 beginnen.

Was wäre Ihrer Meinung nach eine angemessene alternative Strategie?
Den Lockdown weitgehend aufheben und den Schutz gefährdeter Personengruppen intensivieren. Betriebe haben viel in Schutzmaßnahmen investiert, um Geschäfte aufrechterhalten zu können. Diese Möglichkeit, Umsätze zu generieren und die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu halten, sollten wieder geboten werden. Im Übrigen hat sich in der Folge der Maßnahmen auch die Ausbildungsplatzsituation verschlechtert. Es gab in 2020 rund zehn Prozent weniger Ausbildungsplätze als im Vorjahr. Der Fachkräftemangel wird dadurch verschlimmert. Diese Bereiche darf man nicht aus dem Blick verlieren.

Sie stehen mit viele Unternehmerinnen und Unternehmern auch persönlich in Kontakt. Wie betroffen macht Sie die aktuelle Situation?
Sehr. Sie glauben nicht, mit wie vielen Unternehmerinnen und Unternehmern ich spreche, die ihre blanke Not berichten, die wirklich teilweise von der Hand in den Mund leben und eigentlich nicht wissen, wie es weiter gehen soll. Dazu kommt die Perspektivlosigkeit, die Ungewissheit.

Das klingt nach mehr Pessimismus als Optimismus …
Die Grundstimmung ist negativ, auch meine. Es hilft nichts, wenn die Medizin schlimmer wirkt als die Krankheit selbst. Die politischen Entscheiderinnen und Entscheider haben sich meiner Ansicht nach allzu sehr den medizinischen Beraterinnen und Beratern verschrieben und zu wenig den Wirtschaftswissenschaftlerinnen und -wissenschaftlern. Am Ende braucht es eine Kombination aus beidem.

Was stimmt Sie dennoch optimistisch für dieses Jahr?
Optimistisch stimmen mich die Meldungen über die Entwicklung geeigneter Medikamente. Ich hoffe, dass die Maßnahmen der Regierung und deren wirtschaftliche Folgen weiterhin auch kritisch betrachtet werden und dass im Zusammenhang mit einer schnelleren Impfstrategie, einer Schutzstrategie der besonders Betroffenen und besserem Wetter alles einen besseren Weg nehmen kann. Aber ich gebe ehrlich zu, besonders hoffnungsvoll bin ich für dieses Jahr nicht. Weder was die wirtschaftliche Entwicklung noch was die Pandemieentwicklung angeht.

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