„Die Karriere ist nicht das, was einen Menschen ausmacht“ - Standort38
9. September 2020
Entscheider

„Die Karriere ist nicht das, was einen Menschen ausmacht“

Prof. Anke Kaysser-Pyzalla, Präsidentin der TU, im Abschiedsinterview

Zum 1. Oktober wird Prof. Anke Kaysser-Pyzalla Vorstandsvorsitzende des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt. Foto: Stephanie Joedicke.

Zum 1. Oktober wird die erste Präsidentin der TU Braunschweig ihr Amt niederlegen und ihre Arbeit als Vorstandsvorsitzende des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt aufnehmen – Zeit also für ein kurzes Resümee und einen Blick zurück auf dreieinhalb Jahre Amtszeit. Prof. Anke Kaysser-Pyzalla in einem Gespräch über die Quintessenz der Corona-Krise, eine tragende Universitätskultur und das Bekenntnis zu Forschungsspitzen …

Frau Kaysser-Pyzalla, wie haben Sie die Hochschule vor dreieinhalb Jahren vorgefunden?
Ich habe die Universität in einem wirklich hervorragenden Zustand mit einer Kultur der Wertschätzung der Personen, der Arbeit und der Wissenschaft vorgefunden. Das ist etwas ganz Entscheidendes und trägt diese Technische Universität.

Was waren Meilensteine Ihrer Amtszeit?
Lassen Sie mich drei Meilensteine exemplarisch nennen, den Bau des neuen Studierendenhauses am Okerufer, die Exzellenzstrategie und die Organisationsentwicklung des International House und des Transferhauses. Das Studierendenhaus ist ein sichtbares Zeichen der Integration der Universität in die Stadt Braunschweig und gleichzeitig öffnet sich die Universität der Gesellschaft. Und natürlich ist es ein Zeichen, wie sehr wir unsere Studierenden schätzen.

… und die Exzellenzstrategie?
Damit haben wir uns zu unseren Forschungsstärken und wissenschaftlicher Leistung bekannt – und auch dazu, dass wissenschaftliche Leistung nicht gleichverteilt ist, sondern dass es Spitzen gibt, in denen Forschende gemeinsam auf einem Gebiet Herausragendes leisten. Das hat bei uns einen Prozess in Gang gesetzt.

Inwiefern?
Wir haben ein Konzept erarbeitet, das diese Zusammenarbeit noch weiter systematisiert. Und wir haben unsere Forschungsschwerpunkte so operationalisiert, dass sie innerhalb der TU Braunschweig sichtbar werden und ihnen in der Förderung Priorität eingeräumt wird. Mit „ Mobilität“, „Metrologie“, „Stadt der Zukunft“ sowie „Infektionen und Wirkstoffe“ haben wir genau die Felder gefunden, für die auch die Region steht und bei denen wir potente Anknüpfpartner haben.

Wie schwierig ist es, sich heutzutage gegenüber anderen Hochschulen zu profilieren?
Die Herausforderung ist es, sich auf Themen zu einigen. Diese müssen zu der Universität und ihrem Umfeld passen. Das ist uns an der TU Braunschweig besonders gut gelungen, weil wir starke Partner in unserem Umfeld haben, sowohl bei den Forschungseinrichtungen als auch in der Industrie. Dementsprechend haben wir auch eine große Anzahl an Professuren, die dort eine Anbindung haben und die untereinander vernetzt sind.

Vergangenes Jahr haben Sie außerdem 18 Tenure-Track-Professuren erhalten. Welche Bedeutung haben diese für die Universität?
Wir sind damit eine von insgesamt 75 Universitäten, die im Rahmen des Bund-Länder-Programms zur Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses berücksichtigt werden. Die neuen Professuren bieten herausragenden wissenschaftlichen Nachwuchskräften ausgezeichnete Zukunftsperspektiven. Gerade junge Forscherinnen und Forscher stehen heute vor großen Herausforderungen. Sie engagieren sich stark, um in einem hoch wettbewerblichen Umfeld erfolgreich zu sein. Dank unserer konzeptionellen Aufstellung sind wir inzwischen auch für internationale Spitzenkräfte attraktiv.

Wie wichtig ist Ihnen der dritte Meilenstein, die Organisationsentwicklung des International House?
Sehr wichtig. Wir haben unsere Aktivitäten im Bereich Internationalisierung inzwischen im International House zusammengefasst. Damit gibt es jetzt einen Ansprechpartner und eine Organisation, die alles für die Studierenden und Forschenden anbietet, die aus dem Ausland hierherkommen. Aber auch für alle Studierenden und Forschenden, die ins Ausland gehen wollen.

Das Projekt Gauss-Haus, für das die Universität vergangenes Jahr eine Auszeichnung des Auswärtigen Amtes erhalten hat, ist eng verbunden mit dem International House …
Das ist ein Ort der Begegnung und des interkulturellen Austauschs für deutsche und internationale Studierende. Wir haben derzeit etwa 13 Prozent internationale Studierende und viele unserer Studierenden gehen an die Partnerunis. Es ist wichtig, dass man während des Studiums erste Auslandserfahrungen sammelt und gleichzeitig ist auch die internationale wissenschaftliche Zusammenarbeit ein wichtiger Punkt. Ich war selbst beruflich viel international unterwegs, deswegen ist das etwas, was mir wichtig ist und was ich sehr zu schätzen weiß.

Gibt es Projekte, die Sie nicht mehr realisieren konnten, deren Ausgang Sie aber gerne gesehen hätten?
Natürlich hätte ich die Universität gerne in die nächste Runde der Exzellenzstrategie hineingebracht. Da sind wir aktuell in dem spannenden Prozess, die Forschungs- und Lehr-Governance zu durchleuchten und zu optimieren. Wir verbessern damit die Angebote für die Personalentwicklung der wissenschaftlichen und nichtwissenschaftlichen Beschäftigten deutlich. Das ist wichtig, um die Qualität über die gesamte Universität sicherzustellen und existenziell, um die besten Rahmenbedingungen für ihre Arbeit zu schaffen. Diesen Prozess hätte ich gerne weiter begleitet.

Die Zahl der Studierenden ist in den letzten Jahren leicht gesunken, das Finanzvolumen und die Drittmittelerträge sind gestiegen. Wohin bewegt sich die TU Braunschweig?
Wir haben sogar einen deutlichen Zuwachs an Drittmitteln, im Vergleich zu anderen Universitäten ist das ganz erheblich. Wir sind auch im Rahmen des DFG-Rankings wieder unter den Top-Universitäten. Die Universität bewegt sich dahin, dass wieder Forschungsverbünde möglich werden, das ist Voraussetzung für Erfolge in der Bundesförderung. Und sie nimmt ihre Forschungsschwerpunkte ernst.

Welchen Herausforderungen stand die TU Braunschweig in den letzten Jahren gegenüber?
Die Finanzierung ist eine Herausforderung, denn die globale Minderausgabe des Landes trifft uns schon hart.

Inwiefern?
Tarifsteigerungen werden nicht mehr ausgeglichen und wenn weitere Verringerungen im Mittelzufluss kommen und insbesondere das Thema des Sanierungsbedarfs nicht ausreichend thematisiert wird, ist es schwierig, den Studierenden gute Rahmenbedingungen zu ermöglichen. Das betrifft Räumlichkeiten, Labore, aber auch den Service, der durch die Verwaltung erbracht wird. Wenn man dann Stellen im Bereich der institutionellen Förderung abbaut, bedeutet das natürlich Einschränkungen.

Prognostizieren Sie eine Rückkehr zu den Studiengebühren?
Das ist eine politische Entscheidung.

Eine der großen Herausforderungen in diesem Jahr war die Covid-19-Pandemie – Lehrformate finden digital statt und Prüfungen mussten neu organisiert werden …
Das eine sind die Auswirkungen auf die Lehre, das andere die Auswirkungen auf das Universitätsleben an sich. Wir können nicht wie sonst diskutieren, uns treffen und austauschen. Nach Feierabend traf ich sonst immer Studierende und Kollegen vor dem Gebäude und bin mit dem einen oder anderen ins Gespräch gekommen. Jetzt muss man sich verabreden, um jemanden zu sehen. Das ist schwierig für so eine Gemeinschaft.

Welche langfristigen Auswirkungen wird die Pandemie auf die Hochschule haben?
Unser Alltag wird sich verändern. Wir werden evaluieren, an welchen Stellen auch zukünftig Homeoffice funktioniert und wo nicht. Man wird auch überlegen, an welchen Stellen digitale Lehrformate Sinn ergeben und welche interaktiven Lehrformate mit praktischen Anteilen nicht digital ersetzt werden können.

Es gibt Hochschulen, die inzwischen ein Fernstudium für sehr attraktiv halten und in Erwägung ziehen. Kommt das für die TU Braunschweig auch in Frage?
Wir bekennen uns zur Präsenzuniversität. Ein Fernstudium als Alternative haben wir nicht wirklich diskutiert. Nichtsdestotrotz heißt das nicht, dass man nicht auch einen guten Teil seines Studiums in der Ferne absolvieren könnte. Viele Studiengänge sind aber auf Arbeit vor Ort und interaktive Formate angewiesen.

Gibt es Punkte, in denen sich die Universität in den letzten Monaten besonders hervorgetan hat?
Es gibt eine ganze Reihe Forschungsprojekte, die sich mit Covid-19 beschäftigen, unter anderem forschen unsere Biotechnologen sehr vielversprechend an Therapien gegen das Virus, aber es gibt auch ganz praktische Unterstützung. Unsere Studierenden haben sich besonders mit dem WeCare-Projekt hervorgetan. Über die Plattform koordinieren wir Unterstützungsanfragen, Hilfsangebote und Projekte.

Medial war die TU Braunschweig dank der Virologin Prof. Dr. Melanie Brinkmann auch recht prominent vertreten …
Frau Brinkmann hat sich exponiert mit ihrer Expertise, was neben der fachlichen Leistung auch wirklich ein Akt von Mut und Tapferkeit ist. Denn als öffentliche Person wird man in die Diskussion aller möglichen Meinungen und aller möglichen persönlichen Einstellungen gezogen. Das ist nicht immer schön und deswegen finde ich es auch ganz stark, dass sie das gemacht hat.

Was ist für Sie die Quintessenz aus dieser Krise? War Covid-19 überhaupt eine Krise für die Universitäten?
Die Corona-Krise hat die Hochschulen natürlich erschüttert, weil Vorlesungen mit Studierenden und der Austausch mit Forschern aus aller Welt Kern unseres Verständnisses sind, wie Wissenschaft weiterkommt. Auf der anderen Seite hat man gesehen, dass es viele Formate gibt, die effizient sind und neue Freiheiten mit sich bringen – beispielsweise was die Vermeidung langer Fahrzeiten und von Emissionen angeht.

In den letzten Jahren standen an der Spitze von drei der vier Hochschulen unserer Region Frauen. Hat das eine Bedeutung für Sie?
Ich denke, dass das mittlerweile normal ist. Es ist gerade an der Universität Hildesheim eine Präsidentin gewählt worden und in Osnabrück ist Frau Menzel-Riedl neue Präsidentin. Es ist etwas Normales geworden, aber natürlich hat das zuweilen in der Geschichte lange gedauert.

In Ihrem Fall 275 Jahre …
Genau (lacht). Aber ich denke in den nächsten Generationen wird es noch viele Frauen an der Spitze der TU Braunschweig geben.

War es für Sie je ein Thema, dass Sie die erste Präsidentin der TU Braunschweig sind?
Nein.

Was prognostizieren Sie, wird nach Ihnen erneut eine Frau an der Spitze der TU Braunschweig stehen?
Es ist guter Brauch, dass man sich als amtierende Präsidentin aus der Frage der Vorbereitung für die Wahl vollständig heraushält und daran halte ich mich auch. Insofern werde ich wahrscheinlich die Letzte sein, die das erfährt.

Gibt es etwas, das Sie Ihrem Nachfolger, Ihrer Nachfolgerin gerne mit auf den Weg geben würden?
Aus meiner Sicht ist die TU Braunschweig ein Glücksfall. Sie ist eine erfolgreiche und kreative Universität mit einer wunderbaren kooperativen Zusammenarbeitskultur.

Das Gebäude des Niedersächsischen Forschungszentrums für Luftfahrt der TU Braunschweig am Forschungsflughafen Braunschweig. Foto: Sebastian Olschewski/TU Braunschweig.

Gut drei Jahre lang haben Sie das Amt der Hochschulpräsidentin bekleidet. Eine kürzere Amtszeit hatte nur Hans Jürgen Matthies, der 1978 bis 1979 Präsident war. Hätten Sie sich das zu Beginn Ihrer Amtszeit schon vorstellen können?
Nein, eigentlich habe ich erwartet, dass ich länger hier sein würde. Ich muss auch sagen, wenn es nicht das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt mit seinem internationalen Auftritt wäre, wäre ich auch ganz sicher länger hiergeblieben.

Welche Bedeutung hat die neue Position für Sie?
Ich denke, es ist eine Ehre für jeden, an der Spitze einer solchen Organisation zu stehen. Aber ich finde, es ist auch eine Ehre, Präsidentin der TU Braunschweig zu sein.

Gibt es Aufgaben und Herausforderungen beim DLR, auf die Sie sich besonders freuen?
Ich freue mich, dass es am DLR ebenfalls eine hervorragende Verbindung zwischen Wissenschaft und Wirtschaft gibt. Und es ist faszinierend, wie Themen für verschiedene Disziplinen als Quereinstiegsthemen interessant werden. Als wir im Exzellenz-Cluster mit dem Thema elektrisches Fliegen angefangen haben, hat uns noch manch einer bestaunt. Inzwischen haben alle erkannt, wie wichtig die Frage nach alternativen Treibstoffen ist. Das bringt die Energieforschung mit der Luft- und Raumfahrtforschung zusammen. Diese Zusammenarbeit verschiedener Disziplinen ist spannend und etwas, was die TU Braunschweig ein Stück weit mit dem DLR gemeinsam hat. Ich freue mich aber natürlich auch, dass ich in einem sehr internationalen Umfeld agieren werde.

Was würden Sie sagen, wie groß sind denn die Fußstapfen, in die Ihr Nachfolger treten wird?
Bei Schuhgröße 35 nicht besonders (lacht).

Wie werden Sie die TU Braunschweig nach dreieinhalb Jahren hinterlassen?
Ich hoffe, dass ich in meiner Amtszeit viele Prozesse angeregt, Absprachen getroffen und Qualitätsstandards, wie etwa Berufungsverfahren, die Aktualisierung der Grundordnung und die Musterinstitutsordnung, die Geschäftstätigkeiten und Prozesse in den einzelnen Instituten regelt, gesetzt habe, die uns langfristig weitertragen werden. Die Universität hat durch den Exzellenz-Prozess an Selbstbewusstsein gewonnen – auch in dem Kontext der anderen Universitäten.

Sie sind bald 54 Jahre alt, standen bereits an der Spitze des Helmholtz-Zentrums Berlin, der TU Braunschweig und jetzt des DLR. Würden Sie sich selbst als Karrierefrau bezeichnen?
Die Karriere ist nicht das, was einen Menschen ausmacht, sondern das, was man voranbringt Ich habe immer Tätigkeiten gemacht, die mir viel Freude bereitet haben. Das ist ausschlaggebend.

Wo sehen Sie sich in zehn Jahren?
Das wird man in zehn Jahren sehen. Aber ich bin sicher, dass ich irgendetwas tun werde, was mich herausfordert, was ich gerne mache und wo ich meine Stärken einbringen kann.

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