und
1. Juli 2021
Entscheider

„Die Kombination aus Stadtwerk und Regionalversorger ist eine ziemlich clevere Idee“

Sybille Schönbach und Dr. Frank Kästner in einem Gespräch über steigende Energiepreise, die Stadt als alleinige Gesellschafterin und einen Überseecontainer voller Nachos und Corona-Bier ...

Sybille Schönbach und Dr. Frank Kästner auf der Dachterrasse der Stadtwerke Wolfsburg. Foto: Holger Isermann.

Häufig schwärmen Pressesprecher oder Marketingchefinnen in Vorgesprächen für (Titel-)Interviews von spannenden Orten, neuen Meetingpoints oder der gerade aufgehübschten Gebäudefassade, wenn wir gemeinsam am Telefon nach Fotomotiven suchen. Und eigentlich immer findet sich auch ein schönes Plätzchen für die großformatigen Bilder im Magazin. Bei den Stadtwerken Wolfsburg kündigte man – Understatement pur – eine „schöne Dachterrasse“ an, die sich aber als viel mehr entpuppt. Nämlich ein überaus beeindruckendes Panoramafenster in die Stadt.
Doch nicht nur ihre Dachterrassen, auch die Stadtwerke selbst dürften von vielen Menschen landauf landab unterschätzt werden. Ein bisschen Strom, Wärme und Wasser – hin und wieder eine Rechnung im Briefkasten. „Wenn früher von vitalen Lebensbedürfnissen gesprochen wurde, war das vielleicht sehr überschaubar“, stimmt Wolfsburgs Stadtwerkechef Dr. Frank Kästner zu. Doch die Bedürfnisse der Menschen haben sich entwickelt – und mit ihnen die Unternehmen.
Das zeigen heute in und um Wolfsburg allein drei Unternehmensbeteiligungen und sechs Tochterfirmen. 2.000 Quadratkilometer Fläche betreut die größte von ihnen. Auf einer Fläche so groß wie das Saarland ist die LSW Netzbetreiber sowie Energie- und Wasserlieferant für 180.000 Kund:innen. 500 Millionen Euro Umsatz erwirtschaften Geschäftsführerin Sybille Schönbach und ein Team aus gut 500 Mitarbeiter:innen pro Jahr.
Wer mit ihr und Frank Kästner auf dem Nordkopftower steht und auf Wolfsburg blickt, kann die Lebensadern der Stadt erahnen – Stromleitungen und Glasfaserkabel, Busverbindungen und Fernwärmerohre – im Zentrum das Volkswagenkraftwerk mit seinen vier charakteristischen und zwei neuen Schornsteinen. Ohne unsere beiden Gesprächspartner und die zahlreichen Unternehmen, für die sie stehen, geht in Wolfsburg (fast) nichts. Das wird schnell klar – in einem Gespräch über steigende Energiepreise, die Stadt als alleinige Gesellschafterin und einen Überseecontainer voller Nachos und Corona-Bier …

Frau Schönbach, Herr Kästner, Wolfsburg ist eine recht junge Stadt – wie sieht es mit den Stadtwerken aus?
Kästner: Die Stadtwerke Wolfsburg sind fast so alt, wie die Stadt selbst – sie sind bereits im ersten Jahr gegründet worden. Ausgangspunkt war die Energieversorgung einer aufsteigenden Stadt. Relativ früh kam dann die Wasserversorgung dazu und außerdem ein Produkt, das man in anderen Städten erst viel später kannte – die Fernwärme …

… durch das Volkswagen-Kraftwerk …
K: … genau. Das ist übrigens bis heute so. Wesentlich älter als die Stadtwerke ist der Regionalversorger LandE, mit dem wir seit der Jahrtausendwende kooperieren. 2005 kam dann die Bündelung der Energie- und Wasserdienstleistungen in der LSW LandE-Stadtwerke Wolfsburg GmbH & Co. KG.
Schönbach: Dieser Zusammenschluss aus Stadt und Land hat einen besonderen Wert für uns, weil er zu einer sehr guten und effizienten Struktur führt – zum Beispiel für die Energiewende.

Können Sie das genauer erklären?
S: Es ist einfacher, wenn man den Raum hat, um beispielsweise überhaupt Windenergie zu erzeugen. Die Kombination aus Stadtwerk und Regionalversorger ist eine ziemlich clevere Idee und wir haben das zu einer Zeit gemacht, in der andere Städte eher ihre Energieversorger privatisiert haben.

Ein gutes Stichwort: Die Stadtwerke Wolfsburg gehören zu 100 Prozent der Stadt. Wie kontrovers wurde dieser Weg denn damals diskutiert?
K: Es ist ja oft so, dass die eigentlich Betroffenen nicht Teil der Diskussion sind. Die findet wesentlich im politischen Raum statt und es war sicherlich so, dass beide Varianten damals auf dem Tisch lagen. Besonders dadurch befeuert, dass in der unmittelbaren Nachbarschaft, in Braunschweig, ja wesentliche Anteile des dortigen Energieanbieters verkauft worden sind.

Warum hat man sich denn in Wolfsburg anders entschieden?
K: Wir hatten das Glück, dass wir bereits 1990 begonnen hatten, mit der LandE in einer Gesellschaft zusammenzuarbeiten und da gab es schon Anknüpfungspunkte, die den Weg der Kooperation vor dem der Privatisierung begünstigt haben. Außerdem war uns in Wolfsburg immer sehr wichtig, dass wir die Netze weiterhin im Zugriff der Stadt halten …

Gibt es heute einen breiten Konsens, dass das die richtige Entscheidung war?
K: Das wird nicht täglich diskutiert und das ist auch gut so. Denn mit solchen Diskussionen verunsichern Sie Kund:innen und Mitarbeiter:innen gleichermaßen. Aber wenn ich mir die Entwicklung und unserer Ergebnisse anschaue – und damit meine ich nicht nur den Jahresabschluss, sondern auch die Kundenentwicklung und Absatzzahlen, findet unser Weg eine große Zustimmung.

Wenn man sich andere Städte in der Größenordnung anschaut: Ist es etwas Besonderes, dass die Stadtwerke noch komplett in öffentlicher Hand sind?
K: Das ist nach wie vor üblich. Nach der Privatisierungswelle hat es ja sogar eher den Trend gegeben, dass Kommunen sich wieder stärker engagieren.

Sybille Schönbach beim Gespräch im Nordkopftower … Foto: Holger Isermann.

Inwieweit beeinflusst Ihre sehr klare Gesellschafterstruktur Ihre tägliche Arbeit? Spüren Sie weniger Kostendruck als Kollegen mit mehreren Gesellschaftern?
K: Ich habe grundsätzlich den Eindruck, dass die anderen immer einen einfacheren Job haben als ich (lacht). Aber im Ernst: Der Unterschied ist am Ende gar nicht so groß, weil wir auf demselben Markt agieren und dieselben gesetzlichen Rahmenbedingungen erfüllen müssen. Aber Ihre Frage steuert ja auf die Erwartungshaltung hinsichtlich der Renditen hin …

… unter anderem!
K: Und da muss ich sagen, dass ich als Verantwortlicher für die Stadtwerke und die LSW eine hohe Erwartung an die Rendite habe, weil wir die unbedingt brauchen, um unsere Aufgaben gut erfüllen zu können. Jedes Geschäft muss sich lohnen. Unabhängig davon, welche Eigentümer dahinterstehen. Es ist immer ein Kompromiss.

Zwischen?
K: Natürlich wünschen sich insbesondere Anteilseigner, die gewählt worden sind, sehr niedrige Preise im Interesse ihrer Wählerschaft. Aber Politiker:innen erkennen auch, dass es Bestandskosten gibt und beides im Gleichgewicht zu halten ist. Das Unternehmen muss existieren können und die Kund:innen dürfen nicht überfordert werden.
S: Das trifft auf die Gesellschafter der LandE-Seite – unter anderem viele Kommunen in der Region – ebenfalls zu. Man erwartet von uns günstige Angebote, aber auch ein angemessenes Geschäft, das uns Investitionen in die Netze und eine Ansprechbarkeit vor Ort ermöglicht. Wir sind eben kein reiner Online-Stromvertrieb.

Was ist denn Ihr Mindset – sind Sie ein kommunaler Versorger oder eher ein privatwirtschaftliches Unternehmen?
S: Wir sind ein privatwirtschaftliches Unternehmen. Deshalb haben wir den Anspruch, wirtschaftlich zu agieren. Ich will bewusst nicht sagen, Gewinne zu maximieren, das klingt zu hart.
K: Ich glaube, der Unterschied, wenn es ihn denn überhaupt gibt, besteht eher darin, dass wir ein engeres Zusammenwirken mit der städtischen Verwaltung haben. Schon allein dadurch, dass die politischen Vertreter:innen zum Beispiel im Aufsichtsrat sitzen und so einen sehr tiefen Einblick in unser Unternehmen haben.
S: Diesen Einfluss merken Sie auch beim Thema Konzession. Hierfür müssen wir uns ja immer wieder bewerben, weil das die Lizenz unseres Arbeitens ist. Von daher ist der Einfluss der Stadt und Kommunen auch unabhängig vom Gesellschafterstatus schon sehr hoch.

Reden wir über die verschiedenen Tochtergesellschaften Ihres Unternehmens und die Dienstleistungen, die sie anbieten …
K: Die Stadtwerke haben als bedeutendste Tochter die LSW. Dort sind wir mit 43 Prozent beteiligt. Und dann würde ich aufzählen – nicht nach Bedeutung, sondern in der Reihenfolge, wie es mir einfällt … die WVG für den öffentlichen Personennahverkehr, Wobcom für Telekommunikation und IT, die WDZ mit Personaldienstleistungen. Außerdem die Firma Thieme, die im Bereich Heizung, Lüftung und Sanitär tätig ist, das Unternehmen Termath, das inzwischen vor allem Produkte im Sicherheitsumfeld anbietet – von Brandmeldeanlagen bis Sprachalarmierung und Einbruchmeldeanlagen. Wir haben die Wolfsburger Schulmodernisierungs-Gesellschaft. Da stutzen viele erstmal …

… in dem nicht nur die Zentrale der LSW, sondern auch ihrer Muttergesellschaft sitzt – die Stadtwerke Wolfsburg AG mit ihrem Chef Dr. Frank Kästner. Foto: Holger Isermann.

… in der Tat …
K: … aber hier geht es nicht um den Betrieb der Schule im Sinne eines pädagogischen oder didaktischen Konzeptes, sondern um die Infrastruktur. Insofern passt das wunderbar zu uns. Außerdem haben wir noch die Wolfsburger Energieagentur, die wir zusammen mit der Wolfsburg AG gegründet haben und dann noch ein Unternehmen, dass mir sehr am Herzen liegt, nämlich die Entricon. Wir haben sie im Jahr 2003 zusammen mit der Neuland gegründet – mittlerweile ist es eine hundertprozentige Tochter der Stadtwerke und beschäftigt sich mit Facility- und Gebäudemanagement und Themen wie der Eigentümerverwaltung.

Das sind eine Menge Töchter …
K: … aber es fehlt noch eine Beteiligung – und zwar die an den Harzwasserwerken.

Das Gesamtunternehmen heißt trotzdem Stadtwerke Wolfsburg. Sind Sie diesem Namen mit Ihrer ganzheitlichen Aufstellung nicht längst entwachsen?
K: Gerade der Name spiegelt das wider, weil sich auch die Bedürfnisse ändern. Wenn früher von vitalen Lebensbedürfnissen gesprochen wurde, war das vielleicht sehr überschaubar. Heute gehören viele Dinge dazu, um am Leben teilhaben zu können. Mobilität beispielsweise, aber auch das Internet. Die Internetverbindung hat sich vom spinnigen Luxus zu einer Notwendigkeit entwickelt. Insofern ist es nur folgerichtig, all diese Leistungen in den Stadtwerken zu vereinen.

Ohne Sie geht hier in Wolfsburg nicht viel, oder?
S: Wenn wir bei Wasser und Energie sind, dann ist das klassisch so …
K: Aber ich glaube, Sie meinten jetzt uns persönlich? (lachen)

Sowohl als auch …
K: Sicherlich haben wir ein paar Besonderheiten, was die Breite angeht. Aber dafür haben wir auch ein paar Themen nicht, die ich in anderen Stadtwerken finde, wie Hafenbewirtschaftung, Parkhäuser oder Schwimmbäder.

Können wir an dieser Stelle über Zahlen reden? Also … Mitarbeiter:innen, Kund:innen, Umsatz …
K: Ich glaube am einfachsten ist es, wenn wir über die LSW reden. Weil dort das Energie- und Wassergeschäft gebündelt ist. Dort sind es 500 Millionen Euro Umsatz pro Jahr.
S: Auf der Personalseite haben wir ungefähr 440 Mitarbeiter:innenequivalente. Ich glaube, Mitarbeiter:innen sind es tatsächlich über 500, wenn man die Köpfe zählt …
K: … und Kund:innen etwa 180 Tausend.

Können Sie Ihr Geschäftsgebiet örtlich eingrenzen?
S: Die Stadt Wolfsburg in Gänze, der Landkreis Gifhorn einschließlich der Stadt Gifhorn; sowie Teile des Landkreises Helmstedt, Schladen am anderen Ende der A39 und in Oebisfelde haben wir auch einen entsprechenden Gas- und Wasserbetrieb. Das sind Töchter der LandE, die aber von der LSW bewirtschaftet werden. In diesen Gebieten haben wir dann auch noch Abwassergesellschaften.
K: Es sind also zirka 2.000 Quadratkilometer Fläche, die wir mit unterschiedlichen Produkten versorgen. Das ist die Größe des Saarlandes.

Seit November 2017 gibt es für die Kund:innen der Stadtwerke und der LSW unabhängig vom Thema einen zentralen Anlaufpunkt – den Nordkopftower in der Heßlinger Straße. Foto: LSW.

Seit rund dreieinhalb Jahren sitzen Sie hier in der Heßlinger Straße alle unter einem Dach?
K: Ja, das ist richtig. Im November 2017 haben wir das Gebäude bezogen. Hier ist unser Stammsitz, aber wir haben natürlich noch viele andere Liegenschaften.

Aber für Ihre Kund:innen ist das hier der zentrale Anlaufpunkt?
K: Das ist das große Ziel gewesen – einen Punkt zu schaffen, an dem unseren Kund:innen bei allen Fragen geholfen werden kann. Unabhängig davon, ob es eine technische oder kaufmännische Frage ist. Oder ob sie eine Busfahrkarte haben wollen oder sich über Kommunikation oder energetisch informieren wollen. Das ist ein sprichwörtliches Entgegenkommen gegenüber unseren Kund:innen.
S: Vorher waren wir über die Stadt verteilt und es war schon ein großer Wurf, hier alles zusammenzuführen – räumlich und organisatorisch.

Spüren Sie dieses Zusammenwachsen im Arbeitsalltag?
K: Unser neues Gebäude hat auch Einfluss auf die Mitarbeiter:innen der unterschiedlichen Unternehmen. Die Zusammenarbeit wird durch räumliche Nähe erleichtert. Dazu haben wir im Gebäude auch eine Vielzahl an Meetingpoints installiert. Das würde ohne Corona natürlich noch besser funktionieren …

Wie schade finden Sie es, dass weder Sie noch die Kund:innen die Vorzüge voll nutzen können?
K: Bei all den Problemen, die wir gegenwärtig haben, ist das sicher zu vernachlässigen. Das ist schade, aber es ist jetzt kein echter Faktor …

Was sind denn die größten Herausforderungen?
S: In den Büros konnten wir viele Regeln einführen, die draußen im Netzbetrieb einfach nicht funktionieren. Dort können Sie nicht sagen, dass alle von zu Hause aus arbeiten. Also mussten wir experimentieren – einerseits die Mitarbeiter:innen schützen und andererseits den Betrieb aufrechterhalten. Ein Thema, das gerade bei der ersten Welle diskutiert wurde und auch durch die Presse ging, ist unsere Netzleitstelle. Also das Herz des technischen Netzbetriebes.

Haben Sie weitere Beispiele?
S: Dann hatten wir gerade, das eint uns mit Braunschweig, letztes Jahr den ersten Schwung der sogenannten Marktraumumstellung. Das heißt, wir mussten tatsächlich in jedes Haus, in jeden Haushalt, um dort die Gasgeräte aufzunehmen und gegebenenfalls umzustellen. Und das so zu organisieren, dass sowohl die Kund:innen als auch die Mitarbeiter:innen sich sicher fühlen, war schon nicht ganz trivial.

Ein historisches Foto der LandE-Verwaltung … Foto: LSW.

Wie gut hat Ihr Konzept funktioniert?
S: Man muss man ganz klar sagen, dass wir bisher wirklich gut durchgekommen sind. Wir haben verhältnismäßig wenige Infektionen in der Mitarbeiterschaft gehabt, die nach unserem Eindruck auch eher aus dem privaten Umfeld kamen. Dabei haben uns vor allem unsere Mitarbeiter:innen selbst geholfen, die sehr verantwortungsvoll mit der Situation umgegangen sind.

Und wirtschaftlich? Die meisten Ihrer Angebote werden ja wahrscheinlich nicht unter der Pandemie gelitten haben – außer der ÖPNV natürlich …
K: Ich fange mal mit den klassischen Versorgungssparten an. Dort ist es so, dass es Einbrüche und Verschiebungen gegeben hat. Der Stromverbrauch hat sich ins Private verschoben, über Wärme entscheidet eher das Wetter und beim ÖPNV haben Sie recht. Hier haben wir fast durchgängig das volle Angebot aufrechterhalten, aber es wurde nur rund 40 Prozent der Kapazität genutzt. Wir haben aber das große Glück gehabt, dass der Bund und das Land Niedersachsen den ÖPNV finanziell unterstützt haben.

Gibt es bei Ihnen Krisengewinner?
K: Die Telekommunikation. Interessant ist, dass wir eine deutlich höhere Nachfrage nach Datenverbindungen bei Unternehmen sehen, damit deren Mitarbeiter:innen sich einwählen können. Auch der Datenverkehr insgesamt hat deutlich zugenommen. Ohne die Investitionen der letzten Jahre wäre das gar nicht händelbar gewesen.

… und der Wolfsburger Stadtwerke-Verwaltung aus dem Jahr 1963, die gemeinsam die Muttergesellschaften der LSW bilden. Foto: LSW.

Die deutsche Netzqualität wird öffentlich intensiv diskutiert. Was ist Ihre Meinung?
K: Man muss schon festhalten, dass es ordentlich vorwärts geht. Die Förderprogramme zeigen hier Wirkung. Sicherlich hilft das nicht dem Einzelnen, der sich gerade in einem Gebiet befindet, das über keine zeitgemäße Anbindung verfügt.

Woran liegt es denn, dass wir im internationalen Vergleich trotzdem noch hinterherhinken?
K: Das hat zwei Gründe. Der eine sind die hohen Oberflächenstandards – insbesondere im städtischen Bereich. Also Fußwege, aber auch Straßen und andere Oberflächen. Das treibt die Kosten nach oben und Sie können für die gleiche Summe weniger Meter Glasfaser verlegen als in vergleichbaren Ländern.

Und der zweite Grund?
K: Es fällt mir nicht leicht, das zu sagen, aber es ist einfach so: Wir haben ein sehr gutes Kupfernetz und Anbieter, die aus diesem Netz Bandbreiten herausgeholt haben, die ich technisch nicht für möglich gehalten habe. Und wenn man eine Variante hat, die in der Gegenwart funktioniert, ist der Druck natürlich niedriger, in eine zukunftsfähige Infrastruktur zu investieren. Aber ich sehe jetzt – insbesondere hier in Wolfsburg und dafür kann ich eigentlich nur wirklich reden – dass wir auf einem guten Weg sind …

Was heißt das konkret?
K: Wir haben einen sehr hohen Ausbaustand beim Thema Glasfaser und die 100 Prozent werden in der Stadt absehbar erreicht werden.

Absehbar?
K: Der Strategieausschuss der Stadt Wolfsburg hat mich in einer seiner letzten Sitzungen sagen lassen, dass wir 2023 mindestens in allen Gebieten mit dem Ausbau angefangen haben. Ob wir alles 2023 oder 2024 abschließen, hängt auch vom Fördergeber und den Tiefbaukapazitäten ab.

Schwieriges Thema, oder?
K: Ja, Tiefbaukapazitäten sind gerade sehr gefragt – mit entsprechenden Preisentwicklungen. Das trifft uns mehrfach.

Ein weiterer Bereich, der sich im Wandel befindet, ist die Mobilität. Wie lange sitzt noch ein Mensch am Steuer Ihrer Busse?
K: An dieser Art von Spekulation beteiligen sich ja sehr viele Menschen und in der Regel liegen sie falsch. Deshalb habe ich gelernt, mich zurückzuhalten oder vager zu formulieren. Ich glaube, dass es noch eine Weile dauern wird, bis der Bus wirklich ohne Fahrer:in fährt, aber wir erhoffen uns ganz viele Zwischenziele, die die Arbeit der Busfahrer:in deutlich erleichtern und die Sicherheit für die Fahrgäste erhöhen.

Die Wolfsburger Stadtwerke sind breit aufgestellt und bieten den Menschen mit ihren Tochterunternehmen eine Versorgung mit Wasser … Foto: LSW.

Das digitale Erwachen des Konzerns, auf den wir hier blicken (das Volkswagenwerk ist im Hintergrund zu sehen) dürfte für Sie und Ihre Netze Herausforderung und Wachstumsfeld zugleich sein, oder?
S: Ich fange mal mit der ersten Frage an. Natürlich ist es eine Herausforderung, wenn ich eine Stichstraße habe, an der alle zur gleichen Zeit mit maximaler Leistung ihr Elektroauto laden wollen. Netztechnisch ist das zu händeln. Und wir haben jetzt auf einen Schlag relativ viele neue E-Fahrzeuge und durch die KfW-Förderung auch Wallboxen dazubekommen. Ein älterer Kollege spricht immer von der Zeit, als die Durchlauferhitzer aufkamen und überlegt wurde, ob die Netze das schaffen. Von daher – es ist eine Herausforderung, aber der stellen wir uns gerne.

Ist diese starke Nachfrage bei den E-Autos regionsspezifisch?
S: Das ist relativ offensichtlich, aber so können wir hier in Wolfsburg schon einmal ausprobieren, was nachgelagert auch andere Regionen beschäftigen wird.

Von der Elektromobilität zur Nachhaltigkeit ist es kein weiter Weg. Wie blicken Sie persönlich auf die Maßnahmen, die wir als Gesellschaft aktuell ergreifen?
S: Das ist ein weites Feld …
K: … und wir könnten es uns jetzt einfach machen. Die Frage stellt sich für uns nämlich schlichtweg nicht, denn unsere Aufgabe ist es, mit den jeweils gegebenen Bedingungen als Unternehmen klarzukommen und wirtschaftlich zu sein. Wir versuchen die Dinge möglich zu machen, die von der Politik beschlossen werden …
S: … und das können auch kleine Schritte sein. Natürlich haben wir eine Energieberatung. Oder nehmen Sie das Thema Windenergie. Hier hat die letzten zehn Jahre fast nichts stattgefunden, weil der Regionalverband sich relativ viel Zeit gelassen hat, aber jetzt sieht man, dass die Genehmigungen von Windparks kommen und es wird einen richtigen Schub geben. In den nächsten drei Jahren sind fast 250 Megawatt an Windpark-Kapazität geplant und wir stehen durchaus in dem Ruf Windparks, wo immer möglich, kostengünstig in unser Netz zu integrieren. Das ist schon etwas, was vielleicht nicht überall gleichermaßen der Fall ist.

…Wärme… Foto: LSW.

Eine direkte Folge unserer Anstrengungen CO2 zu reduzieren, sind die steigenden Energiepreise. Aktuell liegen wir bei rund 30 Cent pro Kilowattstunde. Muss es so etwas wie eine rote Linie geben, damit die Energiewende sozialverträglich bleibt?
K: Wir haben ein dynamisches System, das nicht nur durch die Energiewende, sondern auch die Inflation und die Einkommensentwicklung beeinflusst wird – und natürlich im Preis schwankende Primärenergien. An dieser Stelle erinnere ich immer daran, dass wir auch schon Strompreise von 99 Pfennig hatten. Das ist sicherlich schon lange her, aber die Verträglichkeit hängt nicht nur von der absoluten Höhe ab. Und ein Aspekt ist mir ganz wichtig: Wenn die Stromanwendungen immer effizienter werden, wirken sich Preiserhöhungen auch immer weniger aus.

Wie oft haben Sie mit Beschwerden und Wechseln aufgrund des Preises zu tun?
S: Es gibt immer jemanden, der billiger ist. Ob günstiger ist die Frage. Was uns schon auch auszeichnet ist aber, dass wir präsent in der Region sind und einen Anteil an der Wertschöpfung vor Ort haben.
K: Die Kund:innen sind sehr kritisch und der Preis ist natürlich ein Faktor. Aber wie Frau Schönbach gesagt hat, erkennen viele Kund:innen an, dass wir hier und ansprechbar sind.

Hilft es Ihnen, dass Sie den Namen der Stadt tragen?
S: Es heißt ja immer so schön: Aus der Region, für die Region. Das klingt vielleicht manchmal ein bisschen pathetisch, aber es steckt auch viel Wahrheit dahinter und das spüren die Menschen.
K: Das wird auch durch unser vielfältiges Engagement deutlich – gerade beim Thema Sport oder für Kinder und Jugendliche. Das macht unsere Botschaft glaubhafter, dass wir die Kund:innen nicht nur als Quelle von Einnahmen sehen, sondern eben auch als Mensch und als Mitbürger:innen.

Wie ist Ihr Verhältnis zu den anderen Energieversorgern in der Region? Das Stichwort Bergmann darf hier natürlich nicht fehlen …
K: Natürlich gibt es Wettbewerb um die Kund:innen. Und das führt auch dazu, dass die Stimmung nicht immer gut ist. Gleichzeitig sind wir Kolleg:innen, haben ähnliche Herausforderungen und arbeiten in verschiedenen Verbänden zusammen …

Etwas ganz anderes: Frau Schönbach, Sie haben mal bei einer Fuck-Up-Night von Ihren persönlichen Misserfolgen berichtet …
S: Muss ich da jetzt nochmal drüber sprechen (lacht)?

… Internet … Foto: LSW.
… und Mobilität. Foto: LSW.

Vielleicht ganz kurz?
S: Das waren tatsächlich verschiedenste Versuche einer Selbstständigkeit. Mein damaliger Lebensgefährte und ich waren unserer Zeit wohl voraus und sind krachend gescheitert. Meine Lieblingsgeschichte ist, dass wir Anfang der 1990er-Jahre mal einen Container Nachos und Corona-Bier importiert haben, weil das damals in den USA und Kanada der absolute Renner war …

… aber?
S: In Deutschland wollte es damals niemand kaufen. Es war dann eine Mischung aus selbst verzehren und entsorgen (lacht) und für mich die Erkenntnis, dass es nichts nutzt, seine eigenen Vorlieben zum Maßstab zu machen, für die Frage, was der/die Kund:in will.

Warum haben Sie denn bei der Veranstaltung mitgemacht? Eigentlich reden Leute ja nicht gerne über Misserfolge …
S: Weil ich es nicht schlimm finde zu scheitern. Ich habe daraus gelernt.

Ist das Unternehmenskultur oder Ihre persönliche Meinung?
K.: Über Misserfolge lässt sich immer dann am einfachsten reden, wenn es am Ende doch ein Happy End gibt …
S: … genau, wenn man es überlebt hat.
K: Bei der Fehlerkultur gibt es bestimmt noch Luft nach oben, aber wir fragen auch heute schon nicht zu allererst nach dem oder der Schuldigen, wenn etwas nicht funktioniert hat.

Was sind denn Ihre wichtigsten Aufgaben?
S: Das Unternehmen auf Kurs zu halten und sicherzustellen, dass die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter auch morgen noch einen Job haben. Das ist, was mich zumindest sehr beschäftigt. So jetzt Sie (lacht).
K: Ja, das ist bei mir ähnlich. Ich würde vielleicht noch ergänzen wollen, dass gerade die Geschäftsführung eine Rolle in der Kommunikation und in Richtung der Gesellschafter hat. Und das täglich Notwendige darf uns nicht davon abhalten, über die Zukunft nachzudenken und sie mitzugestalten.

Wie funktionieren Sie beide als Team?
K: Das sollten Sie getrennt fragen (lachen). So wie Sie uns heute erlebt haben, sind wir auch sonst. Wir ziehen hier keine Show ab, damit Sie den Eindruck haben, dass wir gut zusammenwirken. Wir sind sehr unterschiedlich, aber in den wichtigsten Punkten in der Regel gleicher Meinung.
S: Stimmt.

Wie kommt man von Corona und Nachos zur LSW?
S: Ich habe meine Ausbildung schon in der Energiewirtschaft gemacht und war immer dort unterwegs. Mal war es mehr Gas und Öl, dann war es Abfall und jetzt ist es eben klassisch Strom und Gas. Nachdem das mit der Selbstständigkeit nicht funktioniert hat, bin ich meinen Leisten treu geblieben.

Herr Kästner, wie sah Ihr Werdegang aus?
K: Ich bin im Vergleich zu Frau Schönbach ein Seiteneinsteiger und habe lange Zeit hier die IT verantwortet, bevor ich mein Wirkungsfeld erweitert habe. Das ist wahrscheinlich nicht ganz alltäglich.

Ein ITler an der Spitze passt zu den aktuellen Herausforderungen, oder?
K: Ja, das war Weitblick der Verantwortlichen hier, die mich gefördert haben (lacht). Aber im Ernst: Ich glaube auch wirklich, dass meine persönliche Entwicklung eng gekoppelt ist mit den Erfordernissen der Liberalisierung seit dem Ende der 1990er-Jahre.

„Jedes Geschäft
muss sich lohnen.
Unabhängig davon,
welche Eigentümer
dahinterstehen.“ Foto: Holger Isermann.

Was machen Sie, wenn Sie mal nicht arbeiten?
S: Reiten. Kurz und bündig. Dressur und Springen.

Hobby oder ambitioniert?
S: Hobby … ambitioniertes Hobby.
K: Ich bin gerne draußen, egal ob beim Sport oder zum Spazierengehen.

Sind Sie eigentlich Ihr eigener Kunde?
S: Selbstverständlich. Klar.
K: Ich bin Fernwärmekunde mit Glasfaseranschluss und Ökostrom von der LSW, bis hin zu TV und Wallbox. Viel mehr Luft nach oben gibt es nicht mehr …
S: … ich wohne im Landkreis Helmstedt, da gibt es kein Glasfaser, aber trotzdem schon einen guten Wobcom-Anschluss. Und auf Glasfaser hoffe ich dann irgendwann doch noch (lacht) …

 

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