13. Juli 2021
Entscheider

„Die Pferde sind ihr eigenes Lob“

Familie Schrader Pferdehöfe der Region – Teil 6

Susanne und Jochen Schrader züchten seit 25 Jahren Dressurpferde. Die Stute Filia ist eine Enkelin ihrer ersten Zuchtstute. Im März kam Beautiful Girl zur Welt. Foto: Susanne & Jochen Schrader GbR.

Susanne und Jochen Schrader züchten in Königslutter Dressurpferde. Und das quasi mitten in der Stadt: Der Reit- und Ausbildungsstall liegt direkt an den Bahnschienen, die Braunschweig und Königslutter verbinden.
Der Hof der Schraders ist seit Generationen in der Hand der Familie: Jochen Schraders Großvater Fritz Jesse war Vieh- und Pferdehändler. „Die unmittelbare Nähe zum Bahnhof war damals wichtig für den Transport von Milchkühen aus Schleswig-Holstein nach Königslutter“, berichtet er. Zum Betrieb gehören außerdem sieben Hektar Grünland im Umland von Königslutter. Idealer wäre es, ergänzt seine Frau Susanne Schrader, wenn die Flächen arrondiert wären. Aber durch die besondere Lage lernen bei ihnen schon die Fohlen den Transport im Pferdeanhänger kennen. Ganz behutsam.
Jochen Schraders Mutter war eine begeisterte Reiterin, die ihn mit der Liebe zum Pferd ansteckte. Die Tiere wurden sein Lebensinhalt: Seine Ausbildung zum Pferdewirt mit dem Schwerpunkt Zucht und Haltung machte er im Landgestüt Celle. Danach folgte die Qualifikation zum Pferdewirt, Schwerpunkt Reiten, an der Landesreitschule in Vechta. Als Reiter trat er bei Dressur-Turnieren der Klasse S – also Schwer – an.

Rund um Königslutter haben Schraders mehrere Hektar Grünland. Durch die besondere Lage lernen die Fohlen, so wie Gingers Tochter Valerie aus diesem Jahr, früh den Transport per Anhänger kennen. Foto: Susanne & Jochen Schrader GbR.

Erst kam die Pferdepension, dann die Zucht
Seit 1989 betreibt er in Königslutter eine Pferdepension und gibt Reitunterricht. Auch therapeutisches Reiten gehörte zu seinem Angebot. „Das haben wir alles etwas runter gefahren, denn im Stall bin ich mehr oder weniger alleine. Meine Frau packt, neben ihrem Vollzeitjob, mit an und auch unsere Einsteller sind sich nicht zu schade bei größeren Aktionen mit anzupacken“, erzählt er. Die Konzentration liegt auf der Zucht von Hannoveranern für den Dressursport.
Vor 25 Jahren stieg Schrader in die Zucht ein. Sein Großvater hinterließ ihm die Stute Wienerin, die 14 Fohlen zur Welt brachte – viele davon hoch prämiert. „Vier ihrer Nachkommen waren in der schweren Klasse der Dressur erfolgreich. Und das nicht nur in Deutschland, ihr Sohn Winston war sehr erfolgreich in den USA“, so Schrader. Der Wienerin-Sohn Duvall war, im Team mit Klaus Schrader, Jochen Schraders Bruder, bei Grand-Prix-Turnieren erfolgreich – der Königsklasse, wie Schraders erzählen. Eine Tochter und eine Enkelin der Wienerin, Daria und Filia, gehören zu den Stuten, mit denen das Ehepaar aktuell züchtet. „Die Nachkommen der Wienerin sind nicht nur leistungsbereit und rittig, sondern auch hübsch. Jüngstes Beispiel ist ihre Urenkeltochter Beautiful Girl, die ihrem Namen alle Ehre macht: Bei der Fohlenbesichtigung des Pferdezuchtvereins wurde sie als bestes Fohlen mit Dressurabstammung ausgezeichnet“, freut sich Susanne Schrader.
Ebenfalls im Zuchteinsatz ist die Hannoveraner Stute Ginger, aus einer zweiten Zuchtlinie der Schraders, die dieses Jahr ihr erstes Fohlen zur Welt gebracht hat. Ihre Mutter Ferrera stellte bereits mehrere Auktions- und erfolgreiche Turnierpferde. Die neue Besitzerin von Duna Blanca, einer Ferrera-Tochter aus 2014, kontaktierte Schraders vor einiger Zeit: Bereits mit der 6-jährigen Stute konnte sie bei Turnieren antreten, das Sportpferde-Portal rimondo.com listet sie für 2020 auf Platz eins der Nachwuchs-Dressurpferde. Mittlerweile reitet Jil Seidel Duna Blanca auf S-Turnieren – erfolgreich.

Zuchtziel ist ein angenehmes Reitpferd
Für die Zucht setzen Schraders auf die Besamung mit Frischsamen ausgewählter Dressurhengste. „Wenn wir das Verfahren im Vergleich zur Tiefkühlvariante sehen, ist es für die Stute weniger belastend: Oft reichen wenige tierärztliche Untersuchungen aus, um den richtigen Zeitraum zu erwischen. Beim Einsatz des bereits einmal eingefrorenen Samens muss der richtige Zeitpunkt exakt getroffen werden – mit mehreren Untersuchungen innerhalb weniger Stunden. Das ersparen wir unseren Stuten in der Regel“, führt er auf.
Bis Gingers Nachwuchs Valerie verkauft wird – seit den ersten Tagen der Zucht haben Schraders 33 Pferde über die Verdener Auktion verkauft, dazu kommen die Verkäufe ab Hof – werden noch einige Jahre vergehen. Die Ausbildung von Dressurpferden beginnt mit frühstens drei Jahren, verkauft wird in der Regel ab vier Jahren. Bis ein Start auf Turnieren möglich ist, vergehen weitere Jahre. Nur selten sind die Pferde bei S-Klasse-Wettkämpfen jünger als acht Jahre. Aus Sicht der Schraders ist diese Zeit auch notwendig, um sie voll auszubilden. „Ein Springpferd aus einer guten Zucht kann durchaus Dressurübungen bewältigen und erfolgreich an Turnieren der unteren Klassen teilnehmen. Aber den Anspruch in den höheren Klassen erfüllen oft nur Pferde, die aus einer Dressurlinie stammen“, erklärt Jochen Schrader. Die Dressur, erklärt er, sei der Tanz der Pferde – die Grundlagen kann mit etwas Fleiß fast jeder seinem Tier beibringen. Für die Spitzenklasse sind hingegen Training, Ausdauer und Talent notwendig. Die Pferde müssen sich schwungvoll, mit Ausdruck, bewegen und den Takt halten können.
Trotzdem liege der Schwerpunkt der Zucht in Königslutter auf der Produktion von rittigen Pferden. Darauf, dass die Käufer:innen im täglichen Umgang und der gemeinsamen Arbeit Freude haben. Denn auch bei der entsprechenden genetischen Veranlagung ist der Erfolg nicht vorprogrammiert. „Selbst bei Vollgeschwistern hat das eine Pferd das Zeug für Turniere, das andere wird Freizeitpferd. Da ist doch jedes Tier anders – wie bei uns Menschen auch“, lacht Jochen Schrader. Daher gehöre es zum größten Lob den eine Zucht bekommen kann, wenn zufriedene Auktionskäufer:innen später weitere Tiere direkt bei ihm kaufen. Dafür präsentiert das Paar die aktuelle Nachzucht und Verkaufspferde gerne auf der Webseite ihres Betriebs. Ihren Stammbaum müssten seine Pferde nicht verstecken, erzählt Schrader. Am liebsten ist es ihm aber, wenn ein:e potentielle:r Käufer:in das Pferd sieht und die Qualität sofort erkennt. Die Erfolge der Eltern und Geschwister seien eine schöne Bestätigung, sollten aber nicht der alleinige Grund für den Kauf sein. Auch die Harmonie müsse stimmen. „Die Pferde sind ihr eigenes Lob.“

Als Fohlen trug der Fuchswallach Fürst Dollar, ein Sohn von Daria und Fürst Romancier, noch den Rufnamen Franziskus. Er wechselte im Juli 2020 über die Verdener-Onlineauktionen den Besitzer. Foto: Susanne & Jochen Schrader GbR.

Ohne Geduld und Feingefühl geht nichts
Abgesehen von Olympia sind Dressur-Turniere in den Medien wenig präsent. Die Berichterstattung darüber ist etwas für Eingeweihte. Denn ähnlich wie beim Tanz oder Turnen geht es bei der Bewertung um Feinheiten. Für Schrader liegt darin auch die Ursache für die geringere Begeisterung des reiterlichen Nachwuchs an der Disziplin: „Beim Springen sieht jeder sofort, ob ein Hindernis hoch ist, ob es berührt wurde oder nicht – um Schritt- und Taktfehler zu erkennen, muss man genauer hinschauen“, erklärt er. Für die Dressur seien Geduld und gute Trainer:innen notwendig, Nachwuchsförderung läuft über Empfehlungen. „Es gibt wenige richtig gute Trainer und die schauen sich genau an, wen sie fördern. Warum sollten sie Zeit in jemanden investieren, der vielleicht für die erste Liebe oder die berufliche Ausbildung alles aufgibt? Dazu kommt, dass es kaum sportliche Förderung für talentierte Reiter gibt – damit ist auch das Familienbudget ein limitierender Faktor“, zählt er auf.
Und wer an der Weltspitze mitreiten will, brauche das entsprechende Pferd. Bei den Grand-Prix- und Weltcup-Turnieren sind es fast ausnahmslos Warmblut-Rassen, wie Schraders sie mit ihren Hannoveranern züchten. Bei den Auktionen in Verden stehen die Dressurpferde den hoch gehandelten Tieren aus Springer-Linien preislich nicht nach – eher im Gegenteil. Bei der zweiten Online-Auktion der Reitpferde 2021 zahlte ein Dressurausbilder aus Hessen 105.000 Euro für den Secret/Don Crusador-Sohn Sympatico. Der Durchschnittspreis für ein Reitpferd lag bei 25.634 Euro.

Das Ziel der Zucht sind rittige Pferde, die Freude bereiten. Dennoch freut sich die ganze Familie über erfolgreiche Turniere. Auf Duvall trat Klaus Schrader bei Grand-Prix-Turnieren an. Foto: Das Ziel der Zucht sind rittige Pferde, die Freude bereiten. Dennoch freut sich die ganze Familie über erfolgreiche Turniere. Auf Duvall trat Klaus Schrader bei Grand-Prix-Turnieren an.

Marken Branding
Dass eine Marke durch ein besonderes Logo gekennzeichnet ist, kennt jeder. Dass der Begriff Branding, also der Aufbau und die Weiterentwicklung einer Marke, aus dem Pferde- und Viehhandel kommt, ist weitaus weniger bekannt. Über Jahrhunderte kennzeichneten Züchter:innen und Besitzer:innen ihre Tiere durch Brandzeichen: Heiße Eisenstücke, im Form von Buchstaben, Zahlen oder Verbandszeichen, verbrennen die Haut. Durch das sich bildende Narbengewebe bleibt das Brandzeichen sichtbar. Eine andere Variante ist der Kaltbrand, bei dem die Brandzeichen mit flüssigem Stickstoff abgekühlt werden – sie zerstören die oberste Hautschicht, in der Melanin gebildet wird. Dadurch wächst das Fell an dieser Stelle nur noch weiß nach, das Zeichen bleibt ebenfalls sichtbar. Hannoveraner-Pferde tragen auf der linken Hinterhand oft das Zeichen des Zuchtverbands: Ein H mit nach links und rechts blickenden, stilisierten Pferdeköpfen. Ebenfalls sehr bekannt sind der Brand der Oldenburger – ein O mit Krone – oder der Trakehner-Brand: Ein Geweih.
Für Wiederkäuer hat sich vor einigen Jahren die Kennzeichnung mit Ohrmarken weitestgehend durchgesetzt. Sie sind einfacher anzubringen als ein Brandzeichen. Ihr Verlust ist schnell sichtbar. Pferde erhalten mittlerweile, ähnlich wie Hunde, standardmäßig Mikrochips injiziert. Mit handlichen Lesegeräten können die Tiere in der Regel eindeutig identifiziert werden.
Der Schenkelbrand war bis 2019 trotzdem weiter verbreitet. Züchter:innen, Pferdehalter:innen, Tierschutzverbände und Veterinär:innen stritten sich jahrelang, ob Chips oder Brandzeichen die Tiere weniger beeinträchtigen und welche Kennzeichnung in der Praxis relevanter ist. Chips standen und stehen unter Verdacht, im Körper zu wandern oder eitrige Geschwüre zu verursachen. Brandzeichen verursachen eine oberflächliche Wunde, die mit Schmerzen verbunden ist.
Die Rechtslage in Deutschland erlaubt den Brand zur Kennzeichnung – seit 2019 allerdings nur noch mit lokaler Betäubung. Da es kein passendes Medikament gibt, trägt kein seitdem geborenes Fohlen mehr ein Brandzeichen.

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