26. April 2021
Entscheider

Ein Dorf voller Pferde

Familie Schäfer - Pferdehöfe der Region Teil 3

2017 wurde die Stute Luftwaffe zur Überraschung von Jana, Hendrik und Manfred Schäfer, rechts, bei der Verdener Eliteauktion für 240.000 Euro verkauft. Foto: Hannoveraner Verband.

Dass sich die Anzahl an Pferden in einer Zucht ständig verändert, ist klar. Auf die Frage, wieviele Pferde er hat, antwortet Hendrik Schäfer daher eher mit einem Durchschnittswert: 100. „Wahrscheinlich gibt es in Köchingen mehr Pferde als Einwohner:innen, es gibt noch einige Pensionsställe“, erzählt er mit einem Lachen in der Stimme. Seine Familie hat sich bereits vor Jahrzehnten der Zucht von Hannoveranern verschrieben. Gemeinsam mit seiner Frau Jana setzt er die Zucht fort.
Der 41-Jährige ist Landwirt in vierter Generation, bereits sein Urgroßvater bewirtschaftete den Hof am heutigen Ostrand der Gemeinde Vechelde. Bis zum Stichkanal Salzgitter sind es nur wenige Kilometer. „Bereits mein Großvater hielt Hannoveraner, damals als Arbeits- und Zugpferde, vor der Kutsche. Mein Vater setzte dann als erfolgreicher Springreiter verstärkt auf die Pferde“, sagt Schäfer. Zum Hof gehören etwa 20 Hektar Grünland und 120 Hektar für den Ackerbau, die er in Kooperation mit zwei weiteren Landwirten bewirtschaftet. Anders sei die Arbeit auch nicht zu schaffen, denn seine Konzentration liegt auf der Versorgung, Ausbildung und Zucht der Pferde. Sein Vater Manfred Schäfer stieg früh in die Zucht von Hannoveranern als Sportpferde ein und engagierte sich von Beginn an ehrenamtlich in den entsprechenden Zuchtvereinen und dem Verband. Erst im Pferdezuchtverein Hildesheim-Peine und dem Bezirksverbandes Braunschweig; ab 1993 gehörte er zum Vorstand des Hannoverner Verbands, dessen Vorsitzender er von 2005 bis 2017 war. Seitdem ist er Ehrenvorsitzender. Zeitgleich war er im Vorstand Zucht der Deutschen Reiterlichen Vereinigung (FN), während Hendrik Schäfer immer mehr die Bewirtschaftung des Familienbetriebs übernahm. Seit 2008 hat der gelernte Landwirt und staatlich geprüfte Betriebswirt Agrar zusätzlich den Meistertitel als Pferdewirt Zucht und Haltung.

Der Köchinger Reiter Hendrik Schäfer vom Reitverein Vechelde auf Sensation in Aktion. Foto: Privat.

Zucht und Ausbildung ist mehr als ein Vollzeitjob
Jedes Jahr kommen auf dem Hof der Schäfers 20 bis 25 Fohlen zur Welt. Die Ausbildung übernimmt er, unterstützt von einer Angestellten und einer Auszubildenden zur Pferdewirtin, selbst. „Für die Zucht haben wir circa 15 Stuten, die regelmäßig Nachwuchs haben. Dazu kommen immer welche von den Dreijährigen, die vielversprechendsten, die wir ebenfalls besamen“, erklärt er. Da er selbst keine Hengste zur Zucht hält, entsteht der Nachwuchs überwiegend durch den Einsatz von Frischsperma von Deckstationen; in 40 Prozent der Deckungen kommt tiefgekühlter Samen zum Einsatz. „Wenn wir Sperma bestellen, erfolgt die Lieferung meist tagesaktuell beziehungsweise über Nacht. Das klappt mit normalen Kurier- und Paketdiensten, auch bei Bestellungen aus den Niederlanden oder Belgien. Die Pakete werden einfach abgestellt und wir können sie am Morgen direkt verwenden. Nur im Winter muss man aufpassen, sonst friert etwas ein, das nicht einfrieren sollte“, lacht er. Auch wenn einem im Augenblick des Entdeckens sicher nicht zum Lachen zumute ist: Für den Samen von sogenannten Spitzenvererbern fallen Decktaxen zwischen 1.000 und 3.000 Euro an.
Manchmal kommt auch das Verfahren des Embryotransfers zum Einsatz: Wenige Tage nach der erfolgreichen Besamung löst ein Tierarzt den wenige Millimeter kleinen Embryo mit einer Spüllösung aus dem Uterus der Mutterstute und setzt ihn einer anderen Stute ein. Das Verfahren ist aufwendig, aber schone besonders wertvolle Stuten und ermöglicht es, sie gegebenenfalls weiter auf Turnieren zu reiten. „Glücklicherweise ist meine Frau Tierärztin, dadurch haben wir das notwendige Fachwissen direkt im Haus. Auch wenn eines der Tiere plötzlich erkrankt oder der TÜV ansteht, bevor es in die Ausbildung geht“, berichtet Schäfer. Der TÜV, der natürlich nicht wirklich so heißt, umfasst eine umfängliche Überprüfung der Gesundheit samt Zustand des Knochenbaus und der Gelenke und findet meist im Alter von drei Jahren statt, im Frühjahr. Für die gesunden und fitten Tiere, im Idealfall sind das alle eines Jahrgangs, beginnt nach einem Sommer auf der Weide die Ausbildung unter dem Sattel im Herbst. Die übernimmt Schäfer selbst: „Durch die schweren, nassen Böden in unserer Region ist die ganzjährige Haltung auf der Weide nicht möglich. Daher haben wir Ställe mit ausreichend Einzel- und Gruppenboxen und die Pferde sind den regelmäßigen Umgang mit uns gewöhnt. Wenn es dann an die Ausbildung geht, gewöhnen wir sie an das Laufen an der Longe und steigern nach und nach die Trainingsintensität.“ Unter dem Sattel gearbeitet wird ein Pferd täglich weniger als eine Stunde, zusätzlich erhalten sie Auslauf auf Paddocks oder angrenzenden Weiden. Durch Aufgaben wie Putzen und fertig machen ist der tägliche Aufwand deutlich höher. Die Ausbildung der Pferde ist mehr als ein Vollzeitjob.

Schäfers Pferde haben Star-Potential
Um sich die Arbeit etwas zu erleichtern, gibt es auf dem Hof der Schäfers ein Laufband für Pferde. „Das Laufband ersetzt nicht die Bewegung auf der Weide, eines Ausritts oder Trainings. Aber auf dem Laufband können sich die Pferde schonmal langsam an die Bewegung gewöhnen und warm werden, bevor es in die Halle geht. Außerdem hilft es Tieren, die sich von einer Verletzung erholen, dabei, wieder mobil zu werden“, erklärt er die Hintergründe. Dabei brauche ein Laufband weniger Platz als eine Führanlage und durch begrenzende Seitenwände sei die Gefahr, dass sich ein Pferd durch ausbrechende Bewegungen in die falsche Richtung verletze, geringer.
„Unsere Pferde vermarkten wir zum überwiegenden Teil über die Verdener Auktion. Dort vereint sich eine große, internationale Käuferschaft mit besten Trainings- und Präsentationsmöglichkeiten. Außerdem werden das zeitintensive Marketing und die Kundenbetreuung von den dortigen Profis übernommen. Kundschaft, die lieber im persönlichen Rahmen ein Pferd anschauen, ausprobieren und kaufen möchte, ist aber natürlich hier auf dem Hof auch willkommen“, berichtet Schäfer. Und ob seine Pferde bei der Eliteauktion unter den Hammer kommen oder bei einer der vier weiteren Auktionen, bezeichnet er nicht als so wichtig: Ein gutes Pferd erziele immer seinen Preis. Das beste Ergebnis, dass eines der Pferde von Hof Schäfer erzielte, sei auch für ihn und seine Familie eine Überraschung gewesen: 240.000 Euro. „Dass das ein besonderes Pferd ist, war uns bewusst. Einen solchen Preis erzielt man aber nur auf Auktionen.“
Ebenfalls überraschend sei der Werdegang der Stute Sunrise, die international erfolgreich war. Allerdings nicht als Spring, sondern als Dressurpferd. Die niederländische Reiterin Imke Schellekens-Bartels gewann mit ihr mehrere Preise, unter anderem die Dressur-Europameisterschaften 2007 und 2009. 2008 waren die beiden Teil der niederländischen Dressur-Mannschaft, die eine olympische Silbermedaille gewann. 2017 wechselte der Wallach Q7 für 55.000 Euro den Besitzer. Als Fünf-, Sechs- und Siebenjähriger gehörte er jeweils zu den Top drei der erfolgreichsten Springpferden Europas.

Ein Virus legt den Turniersport lahm
Nicht nur Menschen haben mit Viruserkrankungen und ihren Folgen zu kämpfen. Im März hat die Fédération Equestre Internationale (FEI), der internationale Dachverband des Pferdesports mit Mitgliedsverbänden aus mehr als 100 Nationen, die Durchführung von Wettkämpfen und Turnieren verboten. Hintergrund war der Ausbruch einer Herpes-Virus-Infektion während eines Turniers im spanischen Valencia, an der mehrere verstarben. Darunter auch Pferde aus Deutschland.

Jeweils im Herbst und Winter treffen sich im spanischen Valencia, einer 800.000-Einwohner-Stadt an der Mittelmeerküste, Springreiter:innen zum Leistungsvergleich. Die Frühjahrsausgabe 2021 startete am 28. Januar. Planmäßig hätten sich die Reiter:innen und ihre Pferde bis zum 14. März in verschiedenen Leitungsklassen miteinander gemessen, doch am 21. Februar brach die Turnierleitung den Wettkampf-Tag vorzeitig ab. Einen Tag später wurde bekannt, dass bei mindestens einem Pferd das Equide Herpesvirus Variante 1 nachgewiesen wurde. In den folgenden Tagen starb mehr als ein Dutzend Pferde an der als besonders gefährlich geltenden Erkrankung. Einige erst nach der Rückkehr in ihre Heimatställe.
Ähnlich wie bei Menschen sind Herpres-Viren bei Pferden weit verbreitet. Das Virus wird per Tröpfcheninfektion oder Verschleppung an Kleidung und Werkzeugen verbreitet; einmal mit dem Erreger in Kontakt gekommen, bleibt ein Tier lebenslang Träger und potentieller Überträger. Bei gesunden Tieren hält das Immunsystem das Virus in Schach. Doch weitere Erkrankungen oder Stress, wie sie bei Transporten oder einem Wechsel der Umgebung entstehen können, begünstigen einen Ausbruch. Das Nervensystem wird angegriffen. Nach anfänglichem Fieber zeigen sich Koordinationsschwierigkeiten und Lähmungserscheinungen, von denen sich die Tiere nur selten erholen. Ist das Virus ersteinmal in einem Stall ausgebrochen, sind durch die höhere Viruslast oft auch andere Pferde betroffen.

Was Reiter:innen und Pferdebesitzer:innen kritisieren: Zwar wurde das Turnier abgebrochen, es gab allerdings keine Möglichkeiten, die Pferde getrennt voneinander in Ställen unterzubringen. Keine Quarantäneställe für Pferde, die bereits Symptome zeigten.

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