12. Mai 2021
Entscheider

„Entscheidend ist, was wir daraus machen“

Martin Ohlendorf, Geschäftsführer der Wirtschaftsförderung und Stadtmarketing Gifhorn GmbH, im Interview

Am Rand der Südheide ist die Mühlen- und Zickenstadt Gifhorn Heimat vieler Pendler. Foto: Michael Uhmeyer Photographie mpu / Stadtverwaltung Gifhorn.

Am Rand der Südheide ist die Mühlen- und Zickenstadt Gifhorn Heimat vieler Pendler. Gleichzeitig ziehen Ingenieurdienstleister wie die IAV Fachkräfte an. Wirtschaftsförderer Martin
Ohlendorf sieht in der Corona-Pandemie eine Chance, gesellschaftliche Umbruchbewegungen zu reflektieren und neue Wege einzuschlagen. Seit 2017 ist Martin Ohlendorf Geschäftsführer der Wirtschaftsförderung und Stadtmarketing Gifhorn GmbH (WiSta), die er seit ihren Anfangstagen 2014 begleitet. An der als Public-Private-Partnership-Projekt geführten GmbH sind neben der Stadt Gifhorn auch die City-Gemeinschaft, die Sparkasse Celle-Gifhorn-Wolfsburg und das Unternehmen H&D beteiligt. Die Kombination aus Wirtschaft und Politik, ist Ohlendorf überzeugt, bringt verschiedene Interessenvertreter an einen Tisch. 

Herr Ohlendorf, die WiSta Gifhorn ist ein Public-Private-Partnership-Projekt. Wer ist daran beteiligt?
In der Gründungszeit war es uns wichtig, dass die Menschen sich an der Wirtschaftsförderung und dem Stadtmarketing beteiligen, die es betrifft. Wir wollen die Betroffenen zu Beteiligten machen. Für die Einwohner:innen von Gifhorn sind das die Ratsherren und -frauen. Elf von ihnen sind Teil der WiSta und stellen damit 52 Prozent der Stimmberechtigten. Dazu kommen als Partner aus der Wirtschaft mit jeweils 16 Prozent die Sparkasse Gifhorn, die City Gemeinschaft – ein Zusammenschluss verschiedener Unternehmer:innen und Immobilieneigentümer:innen – sowie die Hönigsberg & Düvel Datentechnik GmbH.

Das Stadtmarketing wirbt für Gifhorn als Mühlen- und Zickenstadt. Wie hoch ist der Anteil an Tourismus und Gastronomie an der Gifhorner Wirtschaft? Und wie ist es der Branche im Jahr 2020 ergangen?
Nach einer Erhebung unserer Tourismusgesellschaft Südheide Gifhorn GmbH gab es im vergangenen Jahr einen Rückgang der Übernachtungen im Stadtgebiet um 50,56 Prozent. Aber auch Geschäftsreisende sind für uns eine wichtige Kundengruppe, die nahezu weggefallen ist.
Für Unternehmen mit Sitz im Stadtgebiet hatten wir eine Soforthilfe von 2.500 Euro entwickelt, um Liquiditätsengpässe aufzufangen oder abzumildern. Dazu verzichten wir auf Gebühren für öffentliche Räume, etwa für das Aufstellen von Außengastronomie. Außerdem haben wir ein Gutscheinsystem entwickelt, das inzwischen von der City Gemeinschaft übernommen wurde, an dem mittlerweile 36 Unternehmen aus dem Handel, der Gastronomie und den Dienstleistungen teilnehmen. Die Erlöse aus den Verkäufen fließen direkt zu den angeschlossenen Stellen, auch wenn sie gerade nicht öffnen oder verkaufen dürfen. Um einen direkten Austausch von lokaler Wirtschaft und Kultur mit politischen Vertreter:innen auf Landes- und Bundesebene zu ermöglichen, hat die WiSta einen direkten Austausch in Form einer Videokonferenz organisiert.

Martin Ohlendorf. Foto: : Michael Uhmeyer Photographie mpu/Stadtverwaltung Gifhorn.

In den 90er-Jahren war das private Mühlenmuseum ein Touristenmagnet. Nun ist die Stadt als Käufer von Gelände und Museum im Gespräch. Welche Chancen und Risiken ergeben sich?
Bevor eine Entscheidung gefällt werden kann, laufen aktuell Untersuchungen, um die Instandhaltungs- und Betriebskosten zu ermitteln. Eine solche Investition ist immer mit Risiken behaftet. In den 1990er-Jahren zog das Museum jährlich fast eine Viertelmillion Besucher an – das wird eine Herausforderung, diese Strahlkraft wieder zu erreichen! Gleichzeitig sehe ich genau darin die Chancen für Gifhorn: Die Möglichkeit, ein 14 Hektar großes Gelände mit Natur, Gastronomie und den Mühlen, für die wir bekannt sind, in Toplage zu kaufen, ist etwas Besonderes. Das Mühlenmuseum ist ein Ausflugsziel direkt an in der Stadt. Durch die internationalen Mühlen hat es das Potential, über Gifhorn und die Region hinaus eine Botschafterfunktion einzunehmen – diesen Flair, den es früher schon einmal hatte, würden wir gerne wieder aufladen. Von einer verstärkten Anbindung an die Innenstadt würden auch Gastronomie und Einzelhandel profitieren.

Der Erhalt der Innenstädte war bereits vor der Pandemie in vielen Regionen ein Thema. Wie geht es Gifhorns Innenstadt? Was steckt hinter den Plänen, die Fußgängerzone für Fahrräder zu öffnen?
Aktuell wandert Kaufkraft ins Internet ab, die Pandemie hat das verstärkt. Wir versuchen dem mit einem multisensitiven Marketingmix zu begegnen – Einkaufen in Gifhorn soll ein Erlebnis für alle Sinne sein. Bei Events Musikgruppen hören, sich bei einem Einkaufsbummel von den Gerüchen der Bäckereien verführen lassen, sich mit Freunden und Bekannten in die Sonne setzen… und natürlich Produkte vor dem Kauf sehen und anfassen können. Das sind Bedürfnisse, die aktuell stark im Bewusstsein sind – und wir können das bieten. Mit der Öffnung der Fußgängerzone für Radfahrer könnte eine neue Kundengruppe die Innenstadt beleben und Fahrrad fahren innerhalb Gifhorns attraktiver werden. Denn bisher mussten Fahrradfahrer:innen die Fußgängerzone weiträumig umfahren. Unsere Planung für ein Coworking-Projekt mitten in der Stadt ist ebenfalls ein Baustein, um Leerstand zu begegnen.

Im Vorfeld des Interviews sagten Sie, mit Bezug auf die Corona-Pandemie, „Es kann noch so schlimm kommen, entscheidend ist, was wir daraus machen.“ Was meinen Sie damit?
Wir haben durch unser Angebot der Beratung mit vielen Unternehmer:innen, mit vielen Firmenvertreter:innen, gesprochen und es ist überraschend, wie sich die Sichtweisen auf manche Dinge verändert haben. Der erzwungene Stillstand hat die Möglichkeit gegeben, sich bewusst für Veränderungen zu entscheiden. Das wäre aus meiner Sicht in vielen Fällen nicht, oder vielleicht erst viel später, passiert, wenn alles weitergelaufen wäre wie immer. So hat beispielsweise unser Coworking-Projekt, das schon länger in Planung war, unerwartete Befürworter:innen und Unterstützung erhalten.
Auch das Bestreben, Gifhorn als faire Stadt zertifizieren zu lassen, bekam Aufwind. Wir haben gerade alle notwendigen Unterlagen durch unseren Bürgermeister beim Verband Fairtrade Towns eingereicht und es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis wir ausgezeichnet werden. Und das ginge nicht ohne die Unterstützung der Einwohner und Einwohnerinnen, des Einzelhandels und der Verwaltung. Obwohl in der Pandemie der Onlinehandel erstarkte, gibt es auch die Besinnung auf das Regionale. Auf das, was wir in Gifhorn haben und darauf, wie wir in Gifhorn leben möchten. Diese Solidarität ist beeindruckend!

Abseits von Tourismus und Innenstadt: Warum ist die Stadt Gifhorn als Wirtschaftsstandort interessant?
Eine unserer Stärken ist klar die Nähe zu den Oberzentren Braunschweig, Wolfsburg und Hannover. Durch die geringe Distanz zum VW-Stammwerk ist Gifhorn ein guter Standort für die gesamte Branche der Autoteilezulieferer. Und durch bereits vorhandene Firmen wie beispielsweise IAV, H & D und RPT ist in Gifhorn ein innovatives Umfeld entstanden, das auch für Neuansiedlungen interessant ist. Dazu kommt, dass wir mit 43.000 Einwohnern ein besonderes und familiäres Umfeld bieten. Hier können wir auf kurzen Wegen schnelle Lösungen schaffen.
Der Landkreis Gifhorn gilt als Pendlerregion. Wie ist das bei den Menschen, die in der Stadt leben?
Im Stadtgebiet Gifhorn überwiegt – gemäß Landesamt für Statistik vom 30.Juni 2020 – die Zahl der Einpendler: Während 13.427 sozialversicherungspflichtig Beschäftigte einpendeln, pendeln nur 9.464 aus. 6.938 Gifhorner:innen wohnen und arbeiten in Gifhorn.

Gibt es ausreichend Wohnraum und Bauplätze für alle, die in der Stadt leben möchten?
Corona bedingt haben wir einen leichten Trend zu Grundstücken und Häusern beobachtet, wodurch der Landkreis an Attraktivität gewonnen hat. Aber auch die Stadt ist und bleibt beliebt, im vergangenen Jahr ist der Preis für Wohnobjekte im Stadtgebiet um gut acht Prozent gestiegen. Und auf dem Gelände des ehemaligen Krankenhauses, also mitten in der Stadt, entstehen aktuell durch einen Investor rund 400 Wohneinheiten.

Gibt es noch Platz für weitere Gewerbeansiedlungen?
Zusätzlich zu den bestehenden Gewerbegebieten kommt demnächst Westerfeld Süd. Das ist kurz vor der Umsetzung. Gemeinsam mit der städtischen Tochterfirma GEG, der Gifhorner Grundstücks- und Erschließungsgesellschaft, haben wir gute Voraussetzungen für Unternehmen geschaffen, sich in Gifhorn anzusiedeln oder bestehende Niederlassungen zu vergrößern. Durch ein Förderprogramm für Klein- und Mittelständische Unternehmen können zudem bis zu zehn Prozent der Kosten für Investitionen, bis maximal 50.000 Euro, am Standort Gifhorn gefördert werden.

Schlagwort Digitalisierung: Wie schätzen Sie den Stand der Gifhorner Unternehmen ein?
Ähnlich wie im Landkreis schreitet der Breitbandausbau in der Stadt gut voran, im bundesweiten Durchschnitt sind wir auf einem guten Niveau. Wir wissen, dass dies von vielen erwartet wird – die Mitarbeitenden von Firmen wie IAV und anderen Automobilzulieferern sind neuen Technologien gegenüber sehr offen und tragen diese Affinität mit in den Alltag, in ihre Familien. Ein Mindestmaß an digitalen Serviceleistungen erwarten einfach viele. Die Einschränkungen durch die Corona-Maßnahmen haben im vergangenen Jahr aber einige Baustellen gezeigt. Im Einzelhandel können wir dem beispielsweise zeitnah durch das Angebot vom Land „Digitalisierungsberatung im Einzelhandel“, Gutscheine für Beratungen und Unterstützung, begegnen.

Die WiSta Gifhorn
Martin Ohlendorf teilt sich die Geschäftsführung der WiSta mit Kerstin Meyer, der Ersten Stadträtin Stadt Gifhorn. Neben ihrer Tätigkeit in der städtischen Verwaltung widmet sie sich nebenberuflich der Wirtschaftsförderung ihrer Heimat. Damit ist sie eine Schnittstelle zwischen Stadt und WiSta. Unterstützung haben die beiden von der Kommunikationswissenschaftlerin Katja McFadden – und immer wieder einigen Studierenden sowie Praktikanten. Sie bringen aktiv Ideen und Perspektiven auch jüngerer Gifhorner:innen ein.
Ziel der WiSta ist die Entwicklung, Stärkung und Vermarktung von Gifhorn als Wirtschaftsstandort. Das Team ist Ansprechpartner für Betriebe und Unternehmen im Stadtgebiet und jene, die sich ansiedeln möchten. Sie unterstützen und beraten bei Antrags- und Genehmigungsprozessen sowie bei Fragen zu Fördermitteln.
Im Bereich des Stadtmarketings organisieren sie, in Kooperation mit der City-Gemeinschaft, Veranstaltungen und koordinieren Werbemaßnahmen, um die Stadt in der Region und darüber hinaus bekannt zu machen.

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