3. Juli 2022
Entscheider

Erdbeeren so weit das Auge reicht

Familie Wiedemann hat sich auf Sonderkulturen spezialisiert... Teil 4 unserer Land- und Forstwirtschaftsserie

Sabine und Maik Wiedemann bewirtschaften ihren Hof in der Gemeinde Vechelde bereits in dritter Generation. Schon Maik Wiedemanns Großeltern setzten auf Sonderkulturen. Foto: Gesa Lormis

Jedes Jahr ab Anfang April hat Familie Wiedemann aus Bettmar im Landkreis Peine – nicht zu verwechseln mit Bettmar bei Hildesheim – einen inoffiziellen Wettstreit: Wer entdeckt die ersten Erdbeeren?

„Die werden dann noch ehrfürchtig nach Hause getragen und jeder bekommt eine“, sagt Vater Maik Wiedemann und lacht. In diesem Jahr entdeckte der 23-jährige Florian die ersten Früchte zum Beginn des Osterwochenendes. Erdbeeren sind das Markenzeichen des Hofes, der seit drei Generationen von der Familie geführt wird. Dabei sind sie erst vor einigen Jahren darauf gekommen, die süßen Früchten im großen Stil anzubauen.
„Wobei wir zu klein sind, um große Hersteller von Konfitüren zu beliefern. Aber es reicht für unseren eigenen Hofladen, einige Wochenmarktstände und für die Listung bei Rewe als regionaler Erzeuger. So beliefern wir etwas mehr als ein Dutzend Märkte mit Erdbeeren, aber auch mit Him- und Brombeeren sowie Eiern“, erzählt Maik Wiedemann.

Die Hühnerhaltung gehört zu den ältesten Betriebszweigen des Hofes. Gemeinsam mit seinem Geschäftspartner Henning Ehlers hat er 2017 einen großen Legehennenstall mit Auslaufflächen westlich des Dorfes in Betrieb genommen. Ein Teil des Futters für die „Frau Henne“-Hühner wird auf eigenen Flächen angebaut, Körnermais und eiweißhaltige Bohnen. Dazu gibt es noch einige Hektar mit Raps, Kartoffeln und Zuckerrüben. Eine typische Mischung für das Peiner Land. Aber insgesamt, erzählt er, sei die Ackerfläche mit 150 Hektar zu klein, um damit das Auskommen für die ganze Familie– neben Maik und Florian gehören noch Sabine und Matthias, 15 Jahre, zur Familie – zu erwirtschaften. Daher setzten schon seine Großeltern auf Sonderkulturen – Pflanzen und Sorten, die nicht jeder anbaut.

Erdbeervielfalt direkt ab Hof

Einige sind noch grün, andere bereits saftig-rot: Die Erdbeeren in den Gewächshäusern der Wiedemanns im Kreis Peine. Foto: Gesa Lormis

Vor gut 15 Jahren fing das Paar damit an, Erdbeeren zu einem ihrer wichtigsten Standbeine auszubauen. Mit Hilfe von spezialisierten Beratern der Landwirtschaftskammer aus Nordrhein-Westfalen kamen immer mehr Sorten dazu – aktuell sind es bis zu 15 verschiedene Züchtungen, die stetig wechseln, weil ihr Ertrag nicht zum Aufwand passt, die Lagerfähigkeit zu kurz ist oder es viele Reklamationen gibt. Zum Zeitpunkt unseres Besuches ist die Sorte Ines erntereif: Große, süße Früchte, die sich ein bis zwei Tage im Kühlhaus lagern lassen. Dafür ist der Ertrag pro Erdbeerpflanze geringer. „Am Anfang der Saison ist die Nachfrage noch nicht so groß. Manchmal sammeln wir die Stiegen erst im Kühlhaus, zum Wochenende oder den Feiertagen ist der Bedarf höher“, erzählt Maik Wiedemann. Dafür kommen jedes Jahr bis zu 25 rumänische Erntehelfer nach Bettmar – viele von ihnen kennt die Familie schon seit Jahren. Die Besetzung, die in den frühen Morgenstunden mit der Ernte per Hand beginnt, verändert sich Jahr für Jahr nur geringfügig. Noch vor dem Mittagessen stehen die Pappkörbchen mit dem Hoflogo, einer Mühle, in den Regalen der Supermärkte.

Frische vom Feld

Frischer geht es nur, wenn jemand direkt im Hofladen bei Vechelde einkauft oder auf einem der angrenzenden Erdbeerfelder die Möglichkeit zum Selberpflücken nutzt. Die Hofstelle mit Laden und Café gehört erst seit 2011 zum Betrieb. „Bettmar selbst ist klein und verwinkelt, da fehlte die Laufkundschaft. Hier sind wir direkt an der Bundesstraße, haben Platz für den Laden samt Parkplätzen und stören auch niemanden“, sagt Sabine Wiedemann, die im Laden den Überblick behält und 18 Mitarbeitende, die meisten in Teilzeit, koordiniert. Neben den eigenen Beeren, Kartoffeln, Tomaten und Eiern bieten sie Waren von anderen Landwirten aus der Region an. Im ehemaligen Wohnhaus sind die Gästezimmer für die Saisonarbeitenden, zusätzlich gibt es Wohncontainer.

Erdbeeren aus dem Gewächstunnel

Freilandanbau sei weiterhin eine der günstigsten Anbaumethoden für Erdbeeren. Aber auch die Methode mit den meisten Unwägbarkeiten: Es gibt zwar Schutznetze und Versicherungen, trotzdem seien Ernteausfälle durch Schlechtwetter ärgerlich. Außerdem sei die Produktion schwieriger zu steuern. Daher arbeiten Wiedemanns von Anfang an auch mit Folientunneln. 2022 ist die zweite Saison mit einem ausgeklügelten System, das Ernten von April bis Ende Juli erlaubt. Dafür haben sie 2019 eine halbe Million Euro in zwölf Tunnel mit jeweils 1.500 Quadratmetern investiert. „Nur mit Züchtung und Vliesen dauert die Erdbeerzeit vier bis sechs Wochen. So können wir gute zwölf Wochen liefern“, so Maik Wiedemann. Im Gegensatz zum früheren System kann die Folie mehrere Jahre auf den Tunneln bleiben, je nach anvisierten Erntezeitpunkt wachsen die Pflanzen auf Schulterhöhe auf Pflanztischen oder zwischen wärmenden Erdwällen. Über Tröpfchenschläuche erhalten sie Wasser und Nährstoffe. Das alles wird per App kontrolliert. Tägliche Kontrollgänge ersetze das aber nicht.

Einige Erdbeersorten pflanzen Wiedemanns auf Pflanztischen an, andere wachsen in Erdwällen – dadurch entstehen Temperaturzonen, die den Erntezeitpunkt beeinflussen. Über ein Schlauchsystem erhalten die Pflanzen Wasser und Nährstoffe. Foto: Gesa Lormis

Pflege ab dem ersten Tag

Nicht nur die Erdbeeren sind empfindlich, sondern auch die Pflanzen. Der Umgang mit der Blüte und den Jungpflanzen sei entscheidend für attraktive Früchte, die sich gut verkaufen lassen. Dass in den Folientunneln wie in Gewächshäusern schnell auf schützende Vliesschichten verzichtet werden kann, sei daher nicht nur eine Arbeitserleichterung, sondern auch gut für die Beeren. Auch der Einsatz von Pestiziden könne in den Tunneln reduziert und besser gesteuert werden. „Wir werden regelmäßig von einem Mitarbeitenden der Qualitätssicherung besucht, der reife Früchte als Proben zieht. Die werden auf Rückstände nach Pflanzenschutzmitteln untersucht. In unseren Proben waren bisher immer nur ein Zehntel der zulässigen Rückstände messbar“, erläutert Maik Wiedemann. Pilzerkrankungen wie Schimmel oder Fäule seien ohnehin in einem späten Stadium der Reife kein Thema – tierische Schädlinge dagegen schon. Die lassen sich allerdings durch den Einsatz räuberischer Insekten im Griff halten. Wie zum Beweis zieht sich die Suche nach Eiern der Spinnmilben, die sonst ganze Bestände befallen können, einige Minuten. Zur Bestäubung der Pflanzen setzt die Familie auf Hummeln, die passend zur Größe der Folientunnel in Paketen zu 100 Insekten bestellt werden können. Natürlich verirren sie sich in die Folientunnel selten. Einer der Gründe, warum Naturschützer den großflächigen Anbau in Tunneln und Gewächshäusern kritisch sehen: Sie gelten zwar als landwirtschaftliche Anbaufläche, sind aber kein Lebensraum für Tiere.

Mindestlohn beeinflusst die Preisentwicklung

Bei einem Rundgang durch die Tunnel wird klar: Ob die Erdbeeren groß oder klein sind, hat kaum Auswirkung auf den Geschmack – wohl aber für die Frage, wie schnell ein 500-Gramm-Körbchen gefüllt ist. „Ein Viertel des Verkaufspreises eines Schälchens kostet die Ernte, ein weiteres sind Produktionskosten: Die Pflanzen, das Pflanzsubstrat, anteilig die Anschaffungskosten der Tunnel, der Strom für die Bewässerung. Es kommt einiges zusammen“, rechnet Maik Wiedemann vor. Mit den steigenden Preisen für Papier sind auch die Verkaufsschälchen teurer geworden. Alles Centbeträge, die sich summieren. Der angehobene Mindestlohn mache den größten Anteil der aktuell  steigenden Verbraucherpreise aus.

Daher begrüßt er es, dass viele Kunden bewusst regionale Erdbeeren kaufen möchten und es oft nur wenige Tage ab Erntestart dauert, bis die Bestellmengen der Supermärkte steigen. „Kunden und Märkte haben Verständnis für die Preisentwicklungen, nur selten gibt es Diebstähle auf den Feldern. Da sind die Schäden durch Rehe aus dem benachbarten Wald, die sich über Abwechslung auf dem Speiseplan freuen, größer.“ Und gegen die hilft ein einfacher Drahtzaun. Dass es ein großes Angebot an günstigeren Beeren und Früchten aus Spanien gibt, sieht Maik Wiedemann kritisch. „Qualitativ kann diese Ware nicht mit uns mithalten, dafür sind die Transportwege zu lang. Aber wenn der Verbraucher ausschließlich über den Preis entscheidet, haben wir das Nachsehen.“

Der Betrieb verändert sich

Nach gut fünfzehn Jahren mit Erdbeeren und der vierten Generation im Unternehmen haben Wiedemanns eine neue Sonderkultur ins Auge gefasst, die sie versuchsweise ins Unternehmen integrieren möchten: Haselnüsse. Zwei Hektar haben sie damit bepflanzt, in drei bis vier Jahren könnte die erste Ernte anstehen. Bis dahin sei noch Zeit, eine Erzeugergemeinschaft aufzubauen und Absatzmärkte zu erkunden. „Rösten, mahlen, schokolieren – wir haben einige Ideen dafür. Aber fest steht noch nichts.“

Teil 4 unserer Standort38-Serie Land- und Forstwirtschaft

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