und
3. Mai 2021
Entscheider

„Es ist immer wichtig, dass die Möhre hoch hängt“

Michael Schwarz, Geschäftsführer der Flughafen Braunschweig-Wolfsburg GmbH, im Titelinterview

Michael Schwarz, Geschäftsführer der Flughafen Braunschweig-Wolfsburg GmbH, im Titelinterview über nicht-fliegerische Zukunftspläne, eine gebeutelte Luftfahrt-Branche und die Attraktivität eines europaweit einmaligen Wirtschaftsclusters im Braunschweiger Norden. Foto: Holger Isermann.

Michael Schwarz hat schon viele Flughäfen dieser Welt gesehen. Er war in Sydney, Berlin und Havanna tätig, für Airberlin verantwortete der 54-Jährige rund 150 Flughafenstationen weltweit – ein berufliches Jetset-Leben. Zuletzt leitete Schwarz als COO das operative Geschäft des saudi-arabischen Hauptstadtflughafens Riyadh Airports. Dass es ihn vor zwei Jahren ausgerechnet in die Region verschlagen hat, sei „aus heutiger Sicht ein Glücksfall“, erzählt er uns, als wir ihm im Konferenzraum der Flughafen Braunschweig-Wolfsburg GmbH gegenübersitzen.
Durch das Fenster ist das Rollfeld zu sehen, auf dem vereinzelte Flugzeuge auf Geschäftsreisende warten. Es ist ein beinahe klischeehafter Apriltag. Fahnen flattern aufgeregt an ihren Masten und am Horizont verdichten sich die Wolken – eine Regenfront zieht herauf. „Die ist bald wieder vorüber. Das können wir gut für die anschließenden Fotos abpassen“, sagt Schwarz mit einem Blick auf die „wirklich genaue“ Wetter-App seines Smartphones.
Er trägt einen blauen Anzug, dazu ein weißes Hemd mit schwarzen Manschettenknöpfen und außerdem eine silberne Uhr, die er im Gespräch immer wieder mit seinen Augen fixiert, wenn er über eine Frage nachzudenken scheint oder eine Antwort ausführt. „Im letzten Jahr hatten wir etwa 22.000 Flugbewegungen, das ist nur ein Unterschied von ca. 19 Prozent im Vergleich zum Vorkrisenjahreszeitraum.“ Andere Verkehrsflughäfen habe die Corona-Krise weitaus härter getroffen.
Trotzdem ist und bleibt der Flughafen für die Gesellschafter ein Zuschussgeschäft. Schwarz hält dagegen, dass dieser der Mittelpunkt einer Erfolgsstory sei. „Wir haben hier am Standort mehr als 40 Unternehmen mit rund 3.500 Arbeitsplätzen und initiieren ein Steueraufkommen in Höhe von rund 120 Millionen Euro.“ Wir sprachen mit dem gebürtigen Rheinländer über nicht-fliegerische Zukunftspläne, eine gebeutelte Luftfahrt-Branche und die Attraktivität eines europaweit einmaligen Wirtschaftsclusters im Braunschweiger Norden.

Das Hauptgebäude der Flughafen Braunschweig-Wolfsburg GmbH am Lilienthalplatz in Braunschweig. Foto: Andreas Rudolph.

Herr Schwarz, haben Sie eigentlich einen Pilotenschein?
Nein.

Ist das etwas, was Sie umtreibt, oder begeistert Sie das Fliegen eigentlich gar nicht so sehr?
Mein ursprünglicher Berufswunsch war tatsächlich mal Verkehrsflugzeugführer zu werden. Ich bin dann aber an die TU Berlin gegangen und habe dort Verkehrswesen, Luft- und Raumfahrt studiert mit Fokus auf den Luftverkehrsbetrieb und einer der Schwerpunkte war Flughafenplanung und -betrieb. Darauf habe ich mich konzentriert. Als Schüler habe ich aber mal mit Segelfliegen angefangen.

Machen Sie das noch?
Nein, das habe ich nicht weiterverfolgen können. Es ist dann beim theoretischen Fliegen beziehungsweise Mitfliegen geblieben …

Fliegen Sie gerne?
Ich fliege unwahrscheinlich gerne und habe das in der Zeit, als ich für Airberlin tätig war, bis zum Exzess ausgelebt. In den sieben Jahren war ich für 150 Flughafenstationen weltweit verantwortlich habe viele davon kennengelernt. Dreiviertel der Berufszeit war ich unterwegs, das war sehr intensiv.

Wie sind Sie zum Thema Fliegen gekommen?
In meiner Jugend bin ich schon viel gereist und hatte die Möglichkeit, viel von der Welt zu sehen. Das hat mich immer umgetrieben und es fällt mir gerade in der jetzigen Corona-Situation auch nicht immer leicht, nur an einem Standort zu sein. Aber man lebt ja auch sehr stark von schönen Erinnerungen. Dieser Antrieb hat mich letztendlich dahin geführt, wo ich heute bin. Das ist für mich nicht nur ein Beruf, sondern ich mache das wirklich mit Herz und Seele.

Können Sie privat überhaupt noch entspannt fliegen oder analysieren Sie ständig, was auf dem jeweiligen Flughafen passiert?
Es ist sicherlich so, dass ich mir schon genau anschaue, was auf den jeweiligen Flughäfen passiert (lacht). Beim Fliegen selbst aber nicht. Ich bin ein sehr entspannter Flieger.

Erinnern Sie sich an besondere Situationen über den Wolken?
Ich habe zwei historische Flüge miterleben dürfen. Der eine war ein zwölfstündiger Flug hoch zum Nordpol mit Umrundung und wieder zurück. Das war ein einmaliges Erlebnis. Und in meiner Zeit am Flughafen Frankfurt, war ich Projektleiter für die baulichen Vorbereitungen für den Airbus 380. Und in diesem Zusammenhang war ich auf dem allerersten Flug mit Passagieren von Frankfurt nach Hongkong dabei.

Haben Sie einen Lieblingsflughafen?
Die Flughäfen in Asien sind schon sehr gut organisiert. Was ich sehr schätze, ist das Thema Customer Experience, wie geht man mit den Kund:innen um, welche Abfertigungsqualität bietet man, da sind Flughäfen in Middle East beispielsweise in Abu Dhabi, Katar oder im Oman sicherlich Vorreiter. Ich persönlich mag den Flughafen in Sydney, ein traumhafter Ort am Pazifik mit An- oder Abflug über die Stadt.

Flughafen-Geschäftsführer Michael Schwarz im Interview. Foto: Holger Isermann.

Sie waren schon in Frankfurt, Saudi-Arabien, Neu-Delhi, Havanna und Berlin beschäftigt. Was hat Sie nach Braunschweig gebracht?
In Saudi-Arabien war ich zwei Jahre, das war sicherlich beruflich die intensivste Zeit. Ich wollte damals aus privaten Gründen wieder zurück nach Deutschland und hatte immer den Berufswunsch, einmal Geschäftsführer eines deutschen Verkehrflughafens zu werden. Dass es Braunschweig geworden ist, ist aus heutiger Sicht ein Glücksfall. Durch meine Berliner Zeit bin ich unzählige Male auf der A2 an Braunschweig vorbei gefahren, war aber nie dort.

Sind Sie damals über eine Stellenanzeige gestolpert oder hat man Sie gefragt?
Ich bin klassisch geheadhunted worden. Das Angebot fand ich hochspannend und bin vor dem Gespräch auch einmal hier gewesen und habe mir alles angeschaut …

… und?
Ich dachte schon, hier ist einiges zu tun. Aber ich habe mich dann auf die Diskussion und die Gespräche eingelassen, was letztendlich zum Erfolg geführt hat.

Mal konkret, was war Ihr erster Eindruck vom Flughafen?
Dornröschenschlaf. Man konnte die Zeit atmen, teilweise auch riechen. Aber hier ist in den letzten Jahren eine Entwicklung in die richtige Richtung angestoßen worden, das habe ich relativ schnell gemerkt.

Langweilen Sie sich hier in der Provinz nicht manchmal, wenn Sie an die anderen Standorte zurückdenken?
Nein. An großen Flughäfen gibt es viele Vorstände und Geschäftsführungen, die alle ihre Spezialgebiete haben. Es gibt aber wenige Verkehrsflughäfen, natürlich auch der Größe geschuldet, wo ein Geschäftsführer die alleinige Verantwortung trägt: Von der Personalentwicklung bis hin zu den hochpolitischen Themen, Planänderungsverfahren und der Pflege von Ausgleichsflächen. Das ist nicht nur ein Job, der nach innen gerichtet ist, sondern auch mit einer entsprechenden öffentlichen Wahrnehmung verbunden ist und hochspannend.

Welche Geschäftsfelder bedient der Flughafen Braunschweig-Wolfsburg heute?
Wir müssen in fliegerische und nicht-fliegerische Produkte unterteilen.

Beginnen wir mit dem Fliegen …
Wir haben hier am Standort die Flotte des DLR, das Unternehmen Flight Calibration Services, einige Mittelständler und auch große Unternehmen, die mit ihren eigenen Flugzeugen hier beheimatet sind und wir haben auch sehr viele kleinere Fliegerclubs und Flugschulen – dazu gehören Segelflieger, die mit Hochleistungsflugzeugen in der Bundesliga aktiv sind. Vom Ultraleichtflugzeug bis zum Airbus A321 darf bei uns alles starten und landen.

Zumindest von zwei Mittelständlern aus der Region weiß man, dass Sie mit eigenen Flugzeugen von Braunschweig aus fliegen. Gibt es weitere?
Über unsere Kunden geben wir leider keine Auskunft.

Wie oft kommt es denn vor, dass die Reichen und Schönen der Welt bei Ihnen auf dem Flughafen landen?
Natürlich gibt es diese Flüge, aber häufig bekommen auch wir das gar nicht mit, weil diese Menschen inkognito fliegen. Natürlich landen bei uns auch ganze Orchester oder Fußballvereine.

Im September vergangenes Jahr trafen sich hier VW-Chef Herbert Diess und Tesla-Chef Elon Musk abseits der Öffentlichkeit. Waren Sie dabei?
Nein (lacht). Das ist alles in Eigenregie erfolgt.

Touristische Flüge haben nur einen geringen Anteil am gesamten Flugbetrieb. Foto: Andreas Rudolph.

Welche Rolle spielt der Tourismus für Sie?
Es gibt hier von dem Reisebüro Der Schmidt eine geringe Anzahl saisonaler Flüge, was aber keinen Schwerpunkt darstellt.

Wobei der Flughafen durch die Ankündigung von Urlaubsflügen, die Der Schmidt ab Braunschweig aus organisiert, immer wieder stark in der Öffentlichkeit sichtbar wird. Ein aktuelles Stichwort sind die geplanten Korridorflüge nach Mallorca …
Das ist richtig und darüber freuen wir uns natürlich. Aus meiner Sicht ist das ein hochqualitatives Reisen und ein sehr spezielles Produkt mit einer Betreuung von A bis Z. Das ist etwas, was Sie nirgendwo anders bekommen. Diese Nische ist eine Chance für uns, denn hier kennt jeder jeden, hier kennt auch fast jeder Passagier den anderen Passagier.

Welche Bedeutung kommt den einzelnen Bereichen zu?
Im letzten Jahr hatten wir etwa 22.000 Flugbewegungen. Der Großteil der Flugzeuge sind kleinere einmotorige Maschinen, der Anteil von Jets ist eher klein. Besonders die Flugzeuge über 20 Tonnen machen nur fünf bis zehn Prozent vom Gesamtverkehrsvolumen aus.

Und auf der nicht-fliegerischen Seite …
… steht die Vermietung und Verpachtung. Hier arbeiten wir an unterschiedlichen Projekten und Maßnahmen, um unsere Immobilien und Flächen in Wert zu setzen. Es gibt viel Nachholbedarf oder auch Potenzial, wenn Sie es positiv betrachten wollen. Auf der Einnahmenseite haben wir 80 Prozent fliegerische Produkte und 20 Prozent nicht-fliegerische. Das muss sich zukünftig drehen.

Warum?
Auch schon vor Corona haben wir erkannt, dass die Einnahmen aus dem Flugbetrieb nicht ausreichend sind, um die Defizite, die der Flughafen erwirtschaftet, substanziell abschmelzen zu können. Der Flughafen hat einen ganz besonderen Auftrag. Wir sind in erster Linie ein Forschungs- und Businessflughafen, wir haben keinen Linienverkehr im eigentlichen Sinne. Das heißt, Sie finden bei uns keine Lufthansa, Easyjet oder Ryanair.

Im Antrittsinterview bei unseren Kolleg:innen der BZ haben Sie 2018 das Ziel ausgerufen, den Flughafen wirtschaftlich betreiben zu wollen …
Es ist immer wichtig, dass die Möhre hoch hängt, damit man sich entsprechend strecken kann.

Laut Wirtschaftsplan für 2020 rechneten Sie im vergangenen Jahr noch mit einem Defizit von rund vier Millionen Euro, das über Betriebskostenzuschüsse der Hauptgesellschafter und der Volkswagen AG ausgeglichen wird …
Mir war bewusst, dass eine hundertprozentige Zielerreichung herausfordernd wird, aber ich bin überzeugt davon, dass sich durch die Summe von verschiedenen Maßnahmen der Zuschussbedarf stark reduzieren lässt.

Was haben Sie konkret vor?
Den Abbau von Bezuschussungen möchten wir nicht durch vermehrten Flugverkehr erreichen, sondern auf anderen Wegen. Wir wollen die Wettbewerbsverzerrung aufbrechen, Einnahmequellen aus gewerblicher Nutzung erschließen und in vielen Bereichen attraktivere Verträge für Dienstleistungen und den Einkauf abschließen. In den letzten Monaten haben wir viele unserer Verträge seziert und auf den Kopf gestellt.

 

Wettbewerbsverzerrung: Wo fühlen Sie sich benachteiligt?
Kleinere Verkehrsflughäfen müssen die Flugsicherungskosten selbst tragen, große Verkehrsflughäfen bekommen diese vom Bund gegenfinanziert. Daran arbeiten wir auch in den Verbänden und in der regionalen, der Landes- und der Bundespolitik. Das Thema Flugsicherung macht bei uns jährlich 1,5 Millionen Euro aus.

Im BZ-Interview haben Sie damals auch gesagt: Wir müssen den Flughafen aufpolieren. Wie weit sind Sie damit in den vergangenen 2,5 Jahren gekommen?
Aufpolieren ist ein schöner Ausdruck. Habe ich das damals wirklich so gesagt?

Immer wieder starten in Braunschweig Ambulanz-Flüge. Neben Organspenden kam im letzten Jahr der Transport von Corona-Patient:innen hinzu. Foto: Flughafen Braunschweig Wolfsburg.

Ja …
Okay (lacht). Einen großen Teil des Weges haben wir geschafft, aber wir sind sicherlich noch nicht am Ziel. Angefangen bei der Außenwirkung, unser Logo, unsere Corporate Identity, über unsere Webseite, da haben wir eine Riesenentwicklung gemacht. Wir sind für unsere Verhältnisse auch sehr präsent in den sozialen Medien. Das gab es in der Vergangenheit so nicht. Der Flughafen war abgekapselt und die Kommunikation nach außen eher eingeschränkt. Unser Gebäude hatte große Sanierungslücken, da haben wir aufgeholt. Zwei größere Baumaßnahmen stehen noch an. Wir sind gerade in der Ausschreibung für eine Terminalerweiterung und planen einen Feuerwachekomplex. Die Fahrzeuge stehen immer noch in einem alten Flugzeughangar.

Wann sollen die Bagger kommen?
Wir hoffen, dass wir die Baumaßnahmen in den nächsten Wochen vergeben können und dann zum Sommer in die bauliche Umsetzung kommen. Zusammengefasst: Wir haben viel Nachhol- und Planungsarbeit geleistet und jetzt kommt die Umsetzung.

Fast immer, wenn in Deutschland gebaut wird, gibt es mindestens den öffentlichen Gegenwind derer, die sich besonders betroffen fühlen. So beispielsweise bei der Landebahnverlängerung im Jahr 2010. Wie nehmen Sie die Situation wahr?
Wir haben relativ wenige Lärmbeschwerden und besprechen bestimmte Flüge bei unseren Saisonauftakt- und Nachbesprechungen gemeinsam mit der fliegerischen Zunft. Dass der Flughafenausbau damals zu Diskussionen geführt hat, kann ich persönlich nachvollziehen. Die Frage ist, was macht man daraus …

Auch Sportflieger, Fliegerclubs und -schulen nutzen den regionalen Flughafen. Foto: Flughafen Braunschweig Wolfsburg.

Genau!
Natürlich wünschen sich die Menschen immer mehr Kommunikation, als man selbst leisten kann. Auch wir als Unternehmen sind an bestimmte Prozesse und Berichtswege gebunden. Man sollte versuchen, auch kritische Dialoge aufrecht zu erhalten .…

… zum Beispiel beim Thema Ostumfahrung um Waggum?
Ich halte wenig davon, dieses doch sehr komplexe Thema, das schon lange vor meiner Zeit hochgekommen ist, außerhalb der aktuellen Verfahren zu diskutieren.. Natürlich gibt es konträre Ansichten, die auch im Laufe des weiteren Verfahrens diskutiert werden. Ich bin davon überzeugt, dass wir das Thema einvernehmlich zum Abschluss bringen werden.

Die Stadt Braunschweig hält rund 43, die Stadt Wolfsburg rund 18, die Landkreise Gifhorn und Helmstedt je zwei und Sie rund 36 Prozent der Flughafenanteile. Ist das eigentlich eine sinnvolle Eigentümerstruktur?
Sie ist gegeben und wir können gut damit leben.

Von außen betrachtet sind das ziemlich viele Köche …
Wenn Sie sich andere Flughäfen anschauen, geht es uns noch richtig gut und man sollte hier auch wirklich nochmal die gute Zusammenarbeit aller Gesellschafter dieses Flughafens unterstreichen. Davon leben wir.

Bald stehen Oberbürgermeisterwahlen an. Beobachten Sie das kritisch, weil der Wahlausgang etwas an dieser Eintracht ändern könnte?
Ich mache mir keine Sorgen, weil ich sehe, dass wir eine breite Zustimmung über alle Parteigrenzen hinweg zu diesem Standort haben.

Fußballvereinen wie dem VfL Wolfsburg dient der Standort als Transfermöglichkeit. Foto: Flughafen Braunschweig Wolfsburg.

Wie oft sehen Sie sich in diesen Momenten mit dem kommunalpolitischen Kleinklein konfrontiert und sehnen sich beispielsweise nach Riad zurück, wo Mehrheiten und Geld weniger eine Rolle spielen?
Auch dort musste ich um Investitionen kämpfen, was ich mir so im Vorhinein nicht hätte vorstellen können. Jede berufliche Zeit hatte ihre Besonderheiten und es ist nicht so, dass ich einer gewissen Zeit nachtrauere, sondern ich lebe immer im Jetzt.

Was würden Sie Kritiker:innen entgegnen – warum braucht die Region einen Flughafen, ebenso wie Schwimmbäder, Schulen oder Krankenhäuser?
Weil wir der Mittelpunkt einer Erfolgsstory sind. Wir haben hier insgesamt 3.500 Arbeitsplätze in den unterschiedlichsten Unternehmen wie Etamax, Aerodata, Volaer.io, Eves IT, Leichtwerk. Es gibt europaweit außerdem nirgends einen Ort, wo so viele wichtige Institutionen aus dem Luftverkehrsbereich auf einer so kleinen Fläche konzentriert sind – dazu gehören neben dem Luftfahrtbundesamt und der Bundesstelle Für Flugunfalluntersuchung auch die TU Braunschweig mit NFF und NFL sowie das DLR. Wir sehen, dass das Interesse, sich am Flughafen anzusiedeln, weiterhin hoch ist. Außerdem sollte man die fiskalischen Effekte bedenken …

Von welchem Steueraufkommen sprechen wir?
Das Steueraufkommen, das durch die rund 40 Unternehmen am Standort insgesamt initiiert werden, lagen im Jahr 2019 bei rund 120 Millionen Euro. Ein großer Teil davon fließt an das Land, aber auch die Gemeinden vor Ort erhalten einen Anteil von etwa 13 Millionen Euro.

Die Betriebszuschüsse halten Sie also für gut angelegtes Geld?
Absolut. Der Standort insgesamt hat eine Zukunft, nicht nur die Flughafen GmbH. Wir sind das Rückgrat aber gemeinsam mit der Forschungsflughafen GmbH und der Wirtschaftsförderung sowie mit allen Flächen und ihren Nutzern um uns herum schaffen wir Arbeitsplätze und Innovationen.

Gutes Stichwort: Das Konzept des Forschungs- und vollwertigen Verkehrsflughafens gilt europaweit als einmalig …
Stimmt. Für unsere Kunden bietet es einmalige Chancen, weil wir zwar viel weniger Flugbewegungen als bei anderen Verkehrsflughäfen aber trotzdem vom Tower und den verschiedenen Anflugtechniken die komplette Infrastruktur haben.

Wollen wir über Covid-19 sprechen?
Warum nicht? Die Pandemie hat uns und die gesamte Branche getroffen als das wir darauf überhaupt nicht vorbereitet waren. Uns sind wesentliche Verkehrsteile abhandengekommen, aber wir haben die richtigen Antworten gefunden: Wir sind bis heute in Kurzarbeit, haben die Betriebszeiten reduziert und auch die Chancen genutzt. So konnten wir aufgrund des Rückgangs bei den Flügen beispielsweise kostengünstiger Instandhaltungsmaßnahmen durchführen.

Können Sie beziffern, was Sie die Corona-Krise bislang gekostet hat?
Bei den gesamten Umsatzerlösen hatten wir einen Verlust von 35 Prozent, damit sind wir besser als andere Standorte. Viele Verkehrsflughäfen haben hier einen Rückgang von 80 Prozent oder mehr zu verzeichnen.

Seit Ausbruch der Corona-Pandemie haben laut International Air Transport Association (IATA) Regierungen weltweit etwa 215 Milliarden Dollar in den Airline-Sektor investiert. Wird das ausreichen, um den Corona-Schock zu überwinden?
Das ist schwer zu beatworten. In der Branche rechnen wir insgesamt damit, dass das Niveau von 2019 erst im Jahr 2024/2025 wieder erreicht wird. Das macht einem Sorge, denn es ist ein langer Weg.

Am Forschungs- und Verkehrsflughafen Braunschweig sind außerdem Privatjets einiger Mittelständler … Foto: Andreas Rudolph.

Was, wenn es noch schlimmer kommt, weil die Unternehmen durch die guten Erfahrungen mit der digitalen Kommunikation Reisebudgets reduzieren und die Menschen lieber auf Rügen zelten, statt in die Türkei zu fliegen …
Meiner Meinung nach kann man viel über digitale Konferenzen machen, aber nicht alles. Gerade das Zwischenmenschliche fehlt extrem, die Nebengespräche. Das ist ja häufig auch das, was das Geschäftsleben ausmacht. Es ist sehr, sehr nüchtern geworden und viele sehnen sich nach Präsenzveranstaltungen. Das erlebe ich auch in meinem Netzwerk. Die Menschen sind sozial ausgehungert, wollen etwas erleben und vor die Tür kommen – im Privaten wie im Beruflichen.

Viele Menschen kaufen gerade Wohnmobile …
Die Frage ist, ob Wohnmobilreisende vorher geflogen sind oder mit dem Auto Urlaub gemacht haben. Ich glaube, dass sich ein Großteil der Leute, die früher geflogen sind, auch wieder in ein Flugzeug setzen wird.

Sie sind in der Branche gut vernetzt. Wie ist die Stimmung?
Die Flugbranche ist weiter hoffnungsvoll und erarbeitet innovative Konzepte für ein sicheres Fliegen während der Pandemie. Es gibt auch viele Mitarbeiter:innen bei den Airlines und Flughäfen, die nur darauf warten, dass es wieder los geht. Das ist schon ein ganz besonderer Menschenschlag, der in der Branche arbeitet. Die Frage ist, wer durchhält und wer nicht …

Erwarten Sie einen weiteren Konzentrationsprozess, weil die Staaten besonders die Großen über Wasser halten?
Wir werden Bewegung sehen: Es gibt Akteure, die finanziell gerade in sehr großen Schwierigkeiten stecken. Allerdings haben wir auch genügend Leute, die nur darauf warten, in den Markt einsteigen zu können, wenn sich die Chance bietet. Fliegen war aus Kundensicht extremst attraktiv. Man konnte für wenige Euro durch ganz Europa jetten, ein Flugpreis, der niemals kostendeckend war. Vielleicht führt die Krise aus Airlinesicht auch ein Stück weit zu gesünderen Preisen.

Wird Fliegen teurer?
Das wird regional sehr unterschiedlich sein. Es gibt Regionen auf der Welt, wo der Tourismus auch unabhängig von Corona staatlich gefördert ist, was die bekannten Preise überhaupt erst möglich gemacht hat. Insgesamt vermute ich folgende Tendenz: Es wird mit attraktiven Preisen losgehen, um den Markt wieder anzukurbeln. Dann werden die Preise mittelfristig sehr schnell steigen, weil die Airlines die hohe Nachfrage gar nicht bedienen können. Was langfristig passiert … wir werden sehen!

… sowie die Flotte des DLR beheimatet. Foto: Jörg Graupner.

Schauen wir doch gemeinsam etwas weiter in die Zukunft: Wie werden wir in 20 oder 30 Jahren fliegen? In Drohnen oder Lufttaxis?
Es gibt ja einige Unternehmen – auch in Deutschland – die in diesem Bereich aktiv sind. Ob das ein Massenprodukt wird … ich lasse mich hier gern überraschen. Drohnen werden bei uns schon heute vielfältig getestet – zum Beispiel für die Analyse von Wäldern oder Äckern oder für den Transport kleinerer Einheiten. Das wird zeitnah immer mehr kommen.

Kann Fliegen nachhaltiger werden?
Natürlich, es muss. Dafür wird die Klimadiskussion sorgen. Bei der Forschung an Elektroflugzeugen oder solchen mit Wasserstoffantrieb wollen wir gern aktiv mitmischen. Dazu gibt es schon Überlegungen.

Was bedeutet die Nachhaltigkeitsdebatte für Sie als Flughafen?
Das ist für uns ein extrem wichtiges Thema – vom Ökostrom bis hin zu elektroangetriebenen Fahrzeugen und Bodenstrom, damit die Flugzeuge hier am Standort ohne Hilfsgastriebwerke auskommen. Da ist auch heute schon einiges möglich. Wir haben außerdem Blühwiesen angelegt und unseren eigenen
Flughafenhonig.

„Wir sind der Mittelpunkt
einer Erfolgsstory.“ Foto: Holger Isermann.

Jüngst konnte man in den Medien lesen, dass in Frankreich perspektivisch Inlandsflüge gestrichen werden sollen, wenn die Strecke auch vom TGW abgedeckt wird. Was halten Sie davon und sind solche politischen Vorgaben auch hier in Deutschland denkbar?
Das ist denkbar. Man muss sich einfach anschauen, wann ein Flug im Vergleich zur Bahn insgesamt aus Kosten- und Klimaschutzgründen Sinn macht. Es gibt mittlerweile einige Verbindungen, auf denen die Bahn überlegen ist – auf der Strecke Berlin-München beispielsweise. Der Business Aviation Bereich als Nischenprodukt ist davon aber ausgenommen, den wird es immer geben und er wächst derzeit sogar, weil die Menschen kaum noch per Linienunterflug unterwegs sein können.

Wer unterwegs ist, kommt irgendwann ans Ziel: Fühlen Sie sich angekommen – ist der Flughafen Braunschweig-Wolfsburg Ihre letzte große Aufgabe in einem spannenden Lebenslauf?
Letzte große Aufgabe … so alt bin ich und fühle ich mich noch nicht (lacht). Es ist auf jeden Fall eine Aufgabe, die ich noch lange machen möchte. Hier gibt es noch eine ganze Menge zu tun und ich bin in der Region wirklich angekommen. Zum ersten Mal seit langer Zeit gibt es wieder eine richtige Homebase für mich und das tut gut. Und wenn ich mal Freunde oder die Familie besuchen möchte, ist die Lage hier doch wunderbar– meine alte Wahlheimat Berlin oder mein Geburtsort im Rheinland sind nicht weit weg.

Auch interessant