8. Juli 2021
Entscheider

Glasdesign aus Braunschweig

Die Schwarze GmbH feiert 125. Geburtstag

Ines und Michael Schwarze in den Räumlichkeiten ihres Betriebes. Foto: Schwarze Glas Technik Design.

125 Jahre Glaserei Schwarze. Tradition in seiner besten Form. Mit der gelernten Maler- und Lackiererin Ines hat Michael Schwarze eine Handwerkerin aus Leidenschaft an seiner Seite. Die beiden führen das Traditionsunternehmen in die Zukunft. Sie sind ein kreatives Dreamteam – im Beruf und im Leben.
„Der Transport, das Gewicht und die Sicherheit“ beschreibt Michael Schwarze die Endlichkeit seines gläsernen Universums. Innerhalb dieser Grenzen setzt der 53-jährige Innungsobermeister fast alles um, was vorstellbar ist. Und mitunter geht er auch darüber hinaus.
„Können Sie das auch aus Glas bauen?“ – ist eine der Fragen seiner Kund:innen, die häufig am Anfang eines neuen Auftrags steht. Die Kreativität und die künstlerischen Möglichkeiten, die die Glaserei Schwarze ausmachen, haben sich rumgesprochen. Die Wünsche der Kundschaft sind individueller geworden, kreativer, anspruchsvoller, fordernder. „Gemeinsam tüfteln wir dann an der Umsetzung“, beschreibt Schwarze den Weg von der Idee zur Umsetzung.

So fing es mal an: Eine Baracke im Bäckerklint 8. Foto: Schwarze Glas Technik Design.

Luftig und leicht
„Das war und ist eine ständige Weiterentwicklung“, erklärt Schwarze, „die Innenarchitektur ist mit den Jahren immer luftiger und leichter geworden, da passt der Baustoff Glas ideal.“ Klassisch im Badezimmer, zunehmend in der Küche, aber auch im gesamten Wohn- und sogar im Gartenbereich. Schwarzes Universum dehnt sich aus.
Und da müssen auch die Lieferanten mit. „Das ist für alle Beteiligten ein wachsender Prozess“, erklärt Schwarze die Spannung. Vor einigen Jahren beispielsweise hat sich ein bekannte Finanzunternehmer aus Hannover für seine Villa eine ungewöhnliche Türanlage komplett aus Glas gewünscht. „Das konnte damals in Deutschland keiner bauen“, erzählt Schwarze. Bis der Bauherr zu ihm fand. Und der Meister aus Braunschweig fand eine Lösung: Schwarze hat tatsächlich einen befreundeten Glaslieferanten überreden können, die Anlage zu bauen, das Team Schwarze hat den Auftrag ausgeführt. Zur großen Freude des Finanzunternehmers.
Schwarze arbeitet mit einem kleinen, festen Kreis an Zulieferern. „Wenn die meine Telefonnummer auf ihrem Display sehen, zucken sie vermutlich schon zusammen“, sagt er und lacht. Seine Sonderwünsche stellen die Glaslieferanten immer wieder vor Herausforderungen. „Gerade haben wir in Braunschweig eine Fünf-Meter-Glas-Küchenrückwand eingebaut. Aus einem Stück“, erzählt er stolz. „Noch vor einiger Zeit hätten wir die Wand geteilt, aber jetzt möchte ich es durchgehend. Weil ich weiß, dass es geht.“

Gläserne Kunst
Bis 1999 war das Unternehmen Schwarze eine klassische Glaserei. „Ich habe privat schon immer künstlerisch viel mit Glas gestaltet, aber die Zeit musste erst reif sein für eine Änderung unseres Geschäftsmodells.“
Heute arbeitet die Glaserei nur noch zu rund 25 Prozent in der Reparaturglaserei, der Löwenanteil besteht aus dem Innenausbau – mit steigender Tendenz zur Kunstund das weit über Braunschweig hinaus. Anfragen aus Hamburg und Berlin gehören zum Tagesgeschäft.
Die Grenzen zur Kunst sind bei den Werken von Michael Schwarze fließend: Spektakulär dunkelrot leuchtende Glasplatten als Wanddekoration hinter einem Fernseher, riesige Glastische, blickdichte Pool-Abtrennungen aus Milchglas, faszinierend schimmernde lichtdurchlässige Raumtrenner.
„Die Möglichkeiten der Veredelung von Glas haben sich enorm weiterentwickelt“, schwärmt Schwarze. „Wir arbeiten mit einer Agentur zusammen, die uns den Zugriff auf rund 40 Millionen Bilder ermöglicht, die wir auf das Glas aufbringen können. Aber auch die Fotos von Kunden können wir verwenden.“ Gerade erst hat er als Motiv ein Reisfeld aus Bali für eine Kundin auf eine gläserne Duschrückwand gebannt. Funktionalität und Schönheit in Perfektion. „Glas ist wirklich ein besonders schöner, aber auch ein besonders praktischer Baustoff“, sagt Schwarze, „nichts ist hygienischer als Glas, Schmutz perlt ab, und auch bei den Kosten liegen wir nicht wesentlich höher als bei Fliesen.“

Messen, rechnen, prüfen
Die Leidenschaft für seinen Beruf hält bei Michael Schwarze unvermindert an. Noch immer ist er sehr frühmorgens im Büro in Broitzem. Aktuell steht eine anspruchsvolle Treppenverglasung im Auftragsbuch. „Ich fahre zur Baustelle, messe aus, probiere am Computer, berechne Größe, Gewicht, gesetzliche Vorgaben, prüfe, was ist umsetzbar, was noch transportabel“, beschreibt er einen typischen Arbeitstag. „Es ist selten anstrengend, weil es so interessant ist.“
Hier kommt auch der Innungsmeister zu Wort, der sehr gern für den Beruf des Glasers wirbt. „Ich bin für den Bezirk Braunschweig, Helmstedt, Wolfsburg und Wolfenbüttel zuständig“, erklärt er, „in unserem Bezirk gibt es noch rund 20 Glaserbetriebe.“ Und den Glasern geht es nicht anders als den anderen Handwerkern. „Im Handwerk fehlen rund 65.000 neue Auszubildende“, fasst Schwarze die Gesamtlage zusammen. Aber er hat Hoffnung, dass sich etwas ändert. „Ich denke, das Bild des Handwerkers wandelt sich wieder mehr zum Positiven.“

Eine 480 Kilo schwere Glasscheibe der Buchhandlung Graff wird durch die Firma Schwarze erneuert.
Foto: Schwarze Glas Technik Design.

„Gewichtheben ist mein Sport“
Schwarze hat ein junges Team („mit mir als altem Hasen“), keiner seiner drei Mitarbeitenden ist älter als 27 Jahre. Und er hat auch schon einen potenziellen Nachfolger. „Timm fand mit 14 Jahren über ein Schulpraktikum zu uns“, erzählt Schwarze von seinem „Junior“. Nach dem Schulabschluss kam der Praktikant zurück und hat seine Gesellenprüfung mit Auszeichnung bestanden. So wie sein Chef. Jetzt macht Timm den Meister. Und wird irgendwann die Glaserei übernehmen. Bis dahin aber ist noch Zeit. Eigentlich will Michael Schwarze auf Baustellen „kürzertreten“, aber so richtig glaubt er wohl selbst nicht daran. „Immer wieder denke ich, ich muss ja nicht jedes Mal mit auf die Baustelle und die schweren Glasplatten schleppen.“ Aber dann steht er doch erneut ganz oben auf der Leiter und passt auf, dass auch ja alles millimetergenau sitzt. „Gewichtheben ist mein Sport“, fügt er lachend hinzu.
Genauigkeit und Perfektion liegen ihm im Blut. Wie auch das Talent. All diese Eigenschaften scheinen sich zu vererben. Urgroßvater Robert Schwarze startete zwar mit der Gründung am 1. April 1896 am Südklint 21/22 bei null, aber der Erfolg stellte sich bald ein. Der junge Mann, 1870 in Stolpe in Pommern geboren, hatte in Minden eine Stelle als Glaserlehrling gefunden. Zur Meisterprüfung musste er nach Braunschweig. Und hier absolvierte er nicht nur seine Prüfung mit Bravour, er traf auch auf Mathilde Beese. Sein Grund, zu bleiben. Sein Können sprach sich schnell rum, der Kundenstamm wuchs stetig. „Anstrengende, aber glückliche Jahre“, weiß Michael Schwarze aus der Familiengeschichte. Ein Jahr nach der Hochzeit kam 1898 Sohn Walter auf die Welt und ging nach der Schulzeit 1912 bis 1915 im väterlichen Betrieb in die Ausbildung. Der Erste Weltkrieg erschütterte die Familie, Vater und Sohn mussten an die Front. „Von 1916 bis 1918 stand meine Urgroßmutter Mathilde im wahrsten Sinne des Wortes ihren Mann, sie führte die Glaserei weiter“, weiß Michael Schwarze aus Erzählungen. Vater und Sohn kehrten unversehrt aus dem Krieg zurück.

Robert Schwarze. Foto: Fotos: Schwarze Glas Technik Design.

Zeit für neue Pläne
1923 eröffneten sie das Zweiggeschäft in der Rosenstraße. 1933 ein weiterer Schicksalsschlag, Mathilde Schwarze starb mit nur 54 Jahren. Zwei Jahre später übernahm Walter Schwarze die Verantwortung, unterstützt von seiner Frau Brunhilde Sonnenberg. Sohn Klaus erblickte 1939 die Welt. Zum Glück musste der Vater nicht in den Zweiten Weltkrieg ziehen, denn er war für den Katastrophenschutz in Braunschweig zuständig.
Die Tradition wird weitergeschrieben, auch Walter Schwarze wird später zum Obermeister und Landesinnungsmeister gewählt. Sohn Klaus folgt auf dem Erfolgsweg mit der Meisterprüfung und als Obermeister der Glaserinnung. 1967 kommt mit Michael die vierte Generation Glasermeister in der Familie Schwarze zur Welt. Im gleichen Jahr wird die moderne Lager- und Werkhalle in Broitzem fertiggestellt, in der heute der Firmensitz ist.
„Die Ausbildung zum Glaser lag mir in der Wiege“, sagt Michael Schwarze, der – wie Urgroßvater, Opa und Vater – sich in zahlreichen Ehrenämtern engagiert. Unter vielem anderen ist er seit 2011 Obermeister der Glaserinnung Niedersachsen – Bezirk Braunschweig. „Leider habe ich nicht die Tradition der Auslandsjahre meiner Vorgänger übernommen“, blickt Michael Schwarze ein wenig wehmütig zurück.
Vater Klaus beispielsweise hat in Paris und Florenz noch ganz besondere Fertigkeiten gelernt, unter anderem den berühmten „Venezianischen Schliff“. „Im Schloss Versailles ist diese Kunst zu bestaunen“, erzählt Schwarze, „die funkelnden Glasrahmen der riesigen Spiegel sind mit diesem Schliff hergestellt.“

Walter Schwarze. Foto: Schwarze Glas Technik Design.
Klaus Schwarze. Foto: Schwarze Glas Technik Design.

Geteiltes Glück
Die Schwarzes geben von ihrem Glück gern etwas zurück. „Auch das Engagement im Ehrenamt habe ich mitgeerbt“, sagt Michael Schwarze. Schon 1994 wird er zum Vorsitzenden der Fachvereinigung Jungglaser Niedersachsen gewählt. 1997 ist er stellvertretender Bundesvorsitzender. Und 2011 wird Michael Schwarze zum Obermeister der Glaserinnung Niedersachsen – Bezirk Braunschweig gewählt.
Für das Jubiläum von Lions International 2017 möchte er etwas Besonderes auf die Beine stellen. Und auch das ist ihm eindrucksvoll gelungen: Aus dem einmalig gedachten Projekt „Eine Region für Kinder“ ist inzwischen ein Verein geworden, der eng mit der Stadt zusammenarbeitet.
Dabei geht es vor allem darum, Paten auszubilden, die Kinder aus schwierigen Familienverhältnissen stärken und begleiten. Ein Engagement, für das Michael Schwarze 2019 vom Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier ins Schloss Bellevue nach Berlin eingeladen wurde. Auch das „Superhelden-Fotoshooting“ ist legendär. Michael Schwarze hat sein Netzwerk aktiviert, um Fotografen, Maskenbildner und andere Profis an den Start zu holen, die schwer kranken Kindern den Traum erfüllen, einmal in die Rolle ihrer Superhelden zu schlüpfen. Diese Aktion konnte bereits zum zweiten Mal durchgeführt werden.
Und das ist längst nicht alles: 2011 hat Schwarz das Projekt „Stark in den Tag“ Gesundes Frühstück an der Realschule Sidonenstrasse initiiert, 2013 die Lions-Kinderüberraschung, bei der Kinder aus sozial schwächeren und Pflegefamilien an Weihnachten zu verschiedenen Veranstaltungen eingeladen werden.
Im Jahr 2019 waren beispielsweise 200 Kinder im Kino, um gemeinsam „Die Eiskönigin 2“ zu sehen.

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