und
3. Mai 2022
Entscheider

„Ich muss in mich selbst investieren, um Geld zu verdienen“

Gerald Witt, Vorsitzender Geschäftsführer der Agentur für Arbeit Braunschweig-Goslar in einem Gespräch über die Verlierer der Pandemie, eine neue Volatilität am Arbeitsmarkt und die alles entscheidende berufliche Sozialisation…

Gerald Witt, Vorsitzender Geschäftsführer der Agentur für Arbeit Braunschweig-Goslar. Foto: Stephanie Joedicke

Rund 606.500 Menschen, darunter knapp 387.000 Personen im erwerbsfähigen Alter und gut 250.000 sozialversicherungspflichtige Beschäftigte, leben im Bezirk der Agentur für Arbeit Braunschweig-Goslar, die in diesem Jahr ihren 70. Geburtstag feiert. Neben der Stadt Braunschweig und dem Landkreis Goslar schließt der Bezirk heute auch die Stadt Salzgitter und den Landkreis Wolfenbüttel ein.

Das ist ganz schön viel Verantwortung – schließlich ist die menschliche Arbeit der Ursprung des Wohlstands, wie schon der als Urvater der Ökonomie bezeichnete Philosoph Adam Smith im 18. Jahrhundert erkannte. Dessen ist sich auch Gerald Witt bewusst. Seit viereinhalb Jahren leitet der Vorsitzende der Geschäftsführung die Geschicke der Agentur für Arbeit Braunschweig-Goslar und kennt die Region 38 wie seine Westentasche. Rund sieben Jahre lang hatte er zuvor die Geschäftsführung im Nachbarbezirk Helmstedt inne, zu dem auch der Landkreis Gifhorn und die Stadt Wolfsburg gehören. Seine größte Errungenschaft in dieser Zeit: Das erste Job-Speed-Dating in der Volkswagen Arena. „Und wenn man davon ausgeht, dass die Blaupause für das Job-Speed-Dating im Eintracht-Stadion von mir stammt, ist das auch einer meiner wichtigsten Verdienste im jetzigen Bezirk“, sagt Witt und blickt verschmitzt in die Runde, als wir ihn zum Titelinterview im zweiten Stock des Altbaus mit den auffälligen goldenen Lettern am Cyriaksring treffen.

Der Verwaltungssitz der Agentur für Arbeit Braunschweig-Goslar am Cyriaksring. Foto: Agentur für Arbeit Braunschweig-Goslar

Unter seiner Leitung befassen sich tagein, tagaus mehr als 1.000 Mitarbeiter:innen mit dem hiesigen Arbeitsmarkt, unterstützen Menschen bei der Arbeits- und Ausbildungsplatzsuche und Betriebe bei der Besetzung ihrer offenen Vakanzen, stellen Geldleistungen sicher sowie Fachdienste, etwa einen berufspsychologischen und einen ärztlichen Dienst, zur Verfügung. Gemeinsam mit den Kommunen betreibt die Arbeitsagentur in den einzelnen Gebietskörperschaften zudem Jobcenter.

Witt selbst stammt aus einer Arbeiterfamilie und ist seit den 1970er-Jahren ein Eigengewächs der Agentur für Arbeit. Seine Karriere führt ihn quer durch Deutschland, vom Mittleren bis in den Höheren Dienst. Braunschweig sei nun die letzte Station seines beruflichen Werdegangs, sagt er. An diesem Montagnachmittag sitzt uns ein Mann gegenüber, der ohne Umschweife auf Fragen antwortet, der sich Gedanken um berufliche Sozialisation macht und der bei seinem Gegenüber nicht nach Antipathie oder Sympathie unterscheiden möchte – „Das ist mein Versuch gerecht zu sein.“

Herr Witt, wie resilient ist der regionale Arbeitsmarkt angesichts von Krisen, wie der Corona-Pandemie oder dem Ukraine-Krieg?
Unser Arbeitsmarkt ist wirklich stabil. Zu Beginn der Corona-Pandemie haben wir einen leichten Anstieg der Arbeitslosigkeit verzeichnet, denn es war Lockdown und die Situation vollkommen neu. Aber rückblickend sind wir in Deutschland und in der Region mit einem blauen Auge davongekommen.

Das Kurzarbeitergeld galt in den vergangenen Jahren als Mittel der Wahl, um Massenentlassungen entgegenzuwirken. Hat es seinen Zweck erfüllt?
Uneingeschränkt ja. Das war der stabilisierende Faktor in der Krise. Ich hätte mir allerdings gewünscht, dass Unternehmen die Phase der Kurzarbeit noch produktiver genutzt hätten.

Inwiefern?
Wir befinden uns nach wie vor in einer Transformation der Arbeitswelt, die neue Qualifikationen voraussetzt. Für Firmen wäre es eine gute Gelegenheit gewesen, gerade in den vergangenen Monaten verstärkt Angebote für berufliche Qualifikationen zu nutzen.

Bewegung statt Stillstand …
Genau. Man hätte die Zeit besser nutzen können, um Beschäftigte zu Fachkräften weiterzubilden und so die Transformation erst möglich zu machen.

Ist Kurzarbeitergeld hinsichtlich der Kostenverteilung eigentlich ein legitimes Mittel?
Geld fällt nicht vom Himmel, sondern muss über Beiträge finanziert werden. Dass diese zur Hälfte von Arbeitnehmern und -gebern getragen werden, halte ich für richtig, schließlich sollen die Beiträge einen Versicherungsfall abdecken. Nichts anderes ist die Kurzarbeit. Und wäre der Ukraine-Krieg nicht dazwischengekommen, wäre unsere Wirtschaft inzwischen wieder voll durchgestartet. Was die Arbeitslosenzahlen und die Zahl der gemeldeten Stellen angeht, haben wir das Niveau von 2019 bereits wieder erreicht.

Insbesondere 450-Euro-Kräfte zählen zu den Verlierern der Pandemie. In der Region Braunschweig-Wolfsburg wurden innerhalb von zwei Jahren etwa 8.000 Stellen abgebaut. Dabei haben Minijobber:innen weder Anspruch auf Arbeitslosen- noch auf Kurzarbeitergeld …
Das ist der Nachteil des Systems. Minijobber sind nicht sozialversicherungspflichtig beschäftigt und zahlen demnach keine Beiträge. Gegen Kurzarbeit sind sie deshalb nicht abgesichert. Das hatte zur Folge, dass sich viele dieser Menschen eine neue Beschäftigung gesucht haben, sie brauchten ja das Geld zum Leben. Als Verlierer der Pandemie würde ich sie deshalb nicht bezeichnen, denn der Großteil hat eine andere, teilweise sogar eine höherqualifizierte Arbeit gefunden. Der große Verlierer der Pandemie steht eher auf der Arbeitgeberseite: Der Fachkräftemangel im Hotel- und Gaststättengewerbe ist größer als zuvor. Dort hofft man nun, auch ukrainische Flüchtlinge integrieren zu können.

Ein wichtiges Stichwort: Noch vor vier Jahren kritisierten Sie in einem Interview mit dem AGV Braunschweig den Prozess der Integration: „Hier haben wir momentan das Problem, dass es einfach zu lange dauert, bis die Menschen in Sprachkurse kommen.“ Mit Russlands Angriffskrieg auf die Ukraine stehen wir erneut vor dieser Herausforderung. Hat der Staat aus der Flüchtlingswelle 2015/2016 gelernt?
Definitiv. Dank dem Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) sind derzeit genügend Sprachkurse vorhanden. Diese Ressource wird endlich, wenn mehr als zehn Millionen Flüchtlinge kämen, aber damit rechne ich nicht. Momentan heißt es: Wer will, der kann.

Damals kritisierten Sie zudem die zeitaufwändige Bürokratie …
Aufgrund des Aufenthaltsgesetzes haben die Geflüchteten nun von vorneherein eine Aufenthalts- und Arbeitserlaubnis, sobald sie registriert sind. Das ist kein Vergleich zu 2015. Aber eines ist wichtig, und das möchte ich auch immer wieder betonen …

Ja?
Die Menschen kommen nicht in erster Linie hierher, um zu arbeiten, sondern um Schutz zu suchen. Dafür brauchen wir Unterkünfte und Betreuungsangebote – das ist keine unerhebliche Herausforderung für die Region. Erst im nächsten Schritt stellt sich die Frage nach dem Lebensunterhalt und der Arbeit. Etwa 50 Prozent der Geflüchteten sind Frauen, 30 Prozent Kinder und 20 Prozent ältere Männer. Natürlich möchten sie etwas Sinnvolles tun, aber es ist noch vollkommen offen, wie lange sie bleiben. Einige werden dauerhaft bleiben, aber die Mehrzahl wird in die Ukraine zurückkehren, um ihre Heimat wieder aufzubauen. Deshalb wäre ich vorsichtig mit der Annahme, so dauerhaft unser Fachkräfteproblem lösen zu können.

Am Cyriaksring trafen wir Gerald Witt in seinem Büro zum Interview. Foto: Stephanie Joedicke

Können Sie beziffern, wie viele geflüchtete Menschen Sie seither beraten haben?
Im gesamten Agenturbezirk Braunschweig-Goslar haben sich bisher sechs Menschen gemeldet. Diese Zahl ist nicht repräsentativ, das möchte ich betonen, weil es einfach zu früh ist. In vier Wochen werden wir andere Zahlen sehen. Und ab dem 1. Juni wird aufgrund der Beschlüsse der Bundesregierung die nach dem Asylbewerberleistungsgesetz geteilte Zuständigkeit von Kommunen und Arbeitsagenturen wegfallen. Dann liegt bei den Jobcentern alles in einer Hand.

Auch auf der Arbeitgeberseite werden erste Auswirkungen des Ukraine-Kriegs sichtbar: Lieferketten brechen ab und es mangelt an Materialien. Vor welchen Herausforderungen steht der regionale Arbeitsmarkt in den kommenden Monaten?
Perspektivisch wird es auch bei uns zu Auswirkungen auf Lieferketten kommen, denn der Logistikbranche fehlen Fahrer aus der Ukraine und aus Russland. Aktuell bewegen wir uns aber noch in ruhigen Fahrwassern …

Rechnen Sie mit einer neuen Welle der Kurzarbeit?
Ich möchte es so formulieren: Wir sind auf eine Welle vorbereitet. Bislang gibt es „nur“ Zuliefererprobleme – dort stellt sich die Frage, inwieweit Prozesse und Produkte ersetzt oder von anderen Quellen bezogen werden können, siehe Volkswagen und die Kabelbäume. Das Transportproblem wird sich weiter zuspitzen. Aber sobald der Krieg endet, werden auch die Fahrer wieder da sein. Fehlende Absatzmärkte spielen zumindest aktuell noch keine Rolle. Massive Veränderungen, die nicht rückgängig gemacht werden und mit Kostensteigerungen einhergehen, wird es in der Energiepolitik geben.

Wichtige Wirtschaftsinstitute haben ihre Konjunkturprognosen mittlerweile nach unten korrigiert. Die Wirtschaftsweisen rechnen beispielsweise mit einem BIP-Wachstum von 1,8 Prozent …
Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung IAB hat seine Prognose auf 1,5 Prozent abgesenkt, allerdings vermerkt, dass der Arbeitsmarkt bis Mitte des Jahres stabil bleiben wird, es sei denn, es passiert etwas Unvorhersehbares. Die Preissteigerungen führen zu Dellen im Wirtschaftswachstum – dort zeigt sich auch die hässliche Seite des Kapitalismus. Aber insgesamt wird die Wirtschaft in unserer Region weiterhin wachsen.

Damit sind wir wieder bei der Ausgangsfrage …
Die Region 38 ist stark, denn der Branchen- und Unternehmensmix macht uns widerstandsfähig.

Haben Sie ein Sorgenkind in Ihrem Bezirk?
In Salzgitter herrscht die höchste Arbeitslosenquote, aber auch das höchste Durchschnittseinkommen aufgrund der Industrie. Dort liegt noch viel Qualifizierungspotenzial für Fachkräfte. Auch der Harz bereitet mir etwas Sorge. Viele freie Wohnflächen werden bei Airbnb vermietet, dadurch mangelt es an Wohnraum. Außerdem ist der Individualverkehr so stark ausgeprägt, dass Angebote im ÖPNV kaum lohnen. Touristisch ist der Harz gut unterwegs, aber es braucht die passenden Rahmenbedingungen, um Fachkräfte dorthin zu bekommen.

Früher galt die Agentur für Arbeit insbesondere als Dienstleister für Arbeitnehmer. Steht heute aufgrund des Fachkräftemangels verstärkt der Arbeitgeber im Fokus?
Als es in Deutschland noch über vier Millionen Arbeitslose gab, war das tatsächlich der Fall. Damals blieb keine Zeit für Arbeitgeberinteressen. Mittlerweile sind wir ein Dienstleister für beide Seiten und haben uns als Marke etabliert. Aber natürlich können wir immer noch besser werden …

Gibt es eine akute Baustelle, die Sie aktuell beheben?
Laut einer Kundenbefragung wünschen sich Arbeitgeber einen festen Ansprechpartner für Ihre Anfragen. Dem versuchen wir nachzukommen. In den vergangenen beiden Jahren haben wir, wie so viele andere auch, außerdem einen großen Sprung in der Digitalisierung gemacht – erfolgreich. Dabei brauchen wir uns nicht hinter anderen Behörden verstecken. Ich arbeite seitdem zwei Tage die Woche im Homeoffice. Und Kurzarbeitsanzeigen werden online gestellt. Anders wäre es auch gar nicht gegangen.

Wie viel Mehrarbeit haben die Anträge für Kurzarbeitergeld für Sie bedeutet?
Wir haben in den vergangenen Jahren insgesamt 80.000 Anträge erhalten und bearbeitet. Die Technik hat uns die Arbeit sehr erleichtert, weil beispielsweise Fehler im Antrag direkt per Onlineassistent ermittelt wurden.

Findet heutzutage eigentlich jeder Mensch Arbeit, der möchte?
Nein, leider nicht.

Warum nicht?
Weil dabei viele Faktoren zusammenspielen. Es muss eine entsprechende Arbeitsstelle angeboten werden und die Rahmenbedingungen, wie Mobilität und persönliche Umstände, müssen passen. Eine alleinerziehende Mutter beispielsweise wird keine Spätschicht in einem Restaurant übernehmen können.

Wie gerecht ist demnach der Arbeitsmarkt?
Ist das Leben gerecht? Ich kann mich nicht entsinnen, dass es das ist. Der Arbeitsmarkt ist der Ausgleich von Angebot und Nachfrage. Und niemand zwingt mich, eine Arbeit auszuüben, mit der ich nicht zufrieden bin. Dann muss man sich fragen, ob das, was ich als Nachteil empfinde, objektivierbar ist, oder ob es subjektiv ist. Im ersten Fall kann ich die Stelle wechseln, ohne einen Schaden davonzutragen. Im zweiten Fall gilt die salomonische Weisheit: Ich kann tun und lassen, was ich will – ich muss nur bereit sein, die Konsequenzen zu tragen.

Aber würden Sie sagen, dass der Arbeitsmarkt in puncto Chancengleichheit gerecht ist?
Arbeitgeber sind wie jeder Mensch: Es gibt diejenigen mit toleranten und diejenigen mit intoleranten Einstellungen. Von daher ist es in meinen Augen vielmehr ein menschliches Problem, keines des Arbeitsmarktes. Natürlich finden Menschen ohne abgeschlossene Berufsausbildung schwerer einen Job. Aber daran können wir arbeiten …

Einer Studie der Bertelsmann Stiftung zufolge gelingt nur einem Viertel aller Niedriglohnbeschäftigten perspektivisch der soziale Aufstieg …
Ich würde mir wünschen, dass wir diese bildungsfernen Schichten mehr davon überzeugen könnten, unsere Angebote anzunehmen. Denn an denen hapert es nicht …

Woran dann?
Die Menschen in diesen Schichten haben nie gelernt, in sich selbst zu investieren und setzen auf kurzfristige Bedürfnisbefriedigung, nicht auf mittel- oder langfristige. Dabei ist diese Einsicht wichtig: Ich muss in mich selbst investieren, um Geld zu verdienen. Das Problem ist nicht der Arbeitsmarkt, sondern die Bildung. Es braucht eine Hilfestellung, um dieses Schema zu verlassen. In unserem Bezirk haben 50 Prozent derjenigen, die keine Arbeit haben, auch keine Ausbildung.

Ist das ein Thema, das Ihnen besonders am Herzen liegt?
Berufliche Bildung ist mir sehr wichtig. Außerdem möchte ich mit dem gesellschaftlichen Trugbild, dass ein Studium über einer Berufsausbildung steht, aufräumen. Ein Meister braucht sich nicht vor einem Bachelor verstecken, sondern ist ihm als Bachelor Professional gleichgestellt. Wir müssen gesellschaftlich anerkennen, dass eine Berufsausbildung und ein Studium gleichwertig sind.

Wie oft begegnen Ihnen in Ihrer Arbeit Jobs, die Sie schlichtweg nicht vermitteln können?
Eigentlich nie. Aber die Vakanz-Zeiten, also die Zeitspanne zwischen der Registrierung einer Arbeitsstelle und der Besetzung, wird zunehmend länger. In manchen Branchen, wie etwa der Pflege, wird es schwieriger, Stellen nachzubesetzen.

Woran liegt das?
Es fehlt einfach an Bewerbern. Und der Bewerbermarkt entwickelt sich zunehmend hin zu einem Arbeitnehmermarkt.

Das müssen Sie erklären …
Mit den richtigen Qualifikationen kann sich ein Arbeitnehmer in Zukunft den Job aussuchen, den er haben möchte. Und wenn ihm etwas nicht passt, kündigt er und findet umgehend einen neuen. Von daher stehen Arbeitgeber heutzutage viel mehr in der Pflicht, für ihre Angestellten attraktiv zu erscheinen. Es gibt Branchen, die sich nicht mal mehr auf dem Markt der Arbeitssuchenden umschauen, sondern die untereinander abwerben, um ihren Bedarf zu decken.

Welche Rolle spielt in diesem Kontext Ihr Arbeitgeberservice?
Wir unterstützen, wo wir können und blicken gemeinsam mit den Unternehmen zusehends auch auf die Belegschaft innerhalb der Betriebe, um Beschäftigte zu identifizieren, die als Fachkraft qualifiziert werden können. Dort findet also ein Riesenwandel statt …

Vergangenes Jahr haben rund 45 Millionen US-Amerikaner ihre Jobs gekündigt – so viele wie nie zuvor. Von Ökonomen wird diese massive Kündigungswelle als „The Great Resignation“ bezeichnet. Auch für Deutschland schlägt der Gallup Engagement Index Alarm. Laut der Erhebung sei die Wechselwilligkeit hier sogar höher als in den USA. Müssen Arbeitgeber mit einer Kündigungswelle rechnen?
Mittelfristig ja. Da spielen der bereits erwähnte Arbeitnehmermarkt und die Wechselwilligkeit eine Rolle, aber auch die Frage nach der Work-Life-Balance und Trends, wie digitales Nomadentum und Sabbatjahre. Hinzu kommt eine steigenden Arbeitsplatzdynamik. Tendenziell werden in den nächsten Jahren mehr Arbeitsplätze entstehen und auch wieder wegfallen, weil sich der Markt so rasend schnell entwickelt. All das vereinigt sich zu einer neuen Volatilität am Arbeitsmarkt. Ausgenommen sind bestimmte Bereiche, wie der Öffentliche Dienst oder Arbeitgeber mit Strahlkraft, wie ein bestimmter Großkonzern in Wolfsburg, weil dort die Rahmenbedingungen für viele Beschäftigte optimal sind. Aber kleine und mittelständische Unternehmen müssen sich Gedanken machen.

Die Arbeitsplatzdynamik in Deutschland wird bis 2040 stark ansteigen. Anzahl der bis 2040 neu entstehenden und wegfallenden
Arbeitsplätze in Deutschland, in Tausend. Quelle: QuBe-Basisprojektion, BMAS-Forschungsbericht 526/1K

Ist die steigende Wechselwilligkeit von Arbeitnehmern eine Art Selbstermächtigung?
Dazu habe ich kürzlich einen Vortrag an der Universität Hannover gehört. Arbeitnehmer werden zu Arbeitskraftunternehmern. Sie gehen mit ihrer Arbeitskraft wie ein Unternehmer um.

Damit geht auch eine andere Bedeutung von Arbeit einher …
Ganz genau. Für Arbeitskraftunternehmer hat sich die Bedeutung gewandelt. Aber – und jetzt kommt das große Aber …

Wir sind gespannt …
Wir müssen beachten, über welche gesellschaftliche Gruppe wir sprechen. Ein Arbeitskraftunternehmer ist eben nicht derjenige, der gerade ein Haus gebaut hat und zwei kleine Kinder versorgen muss. Und dieser Punkt wird in gesellschaftlichen Diskussionen um all den Wandel in der Arbeitswelt oftmals übersehen. Wir reden über eine ganz bestimmte Gesellschaftsschicht gut ausgebildeter, kreativer Menschen, die wenige Verpflichtungen haben und für sich eine andere Form von Arbeit definieren. Aber es gibt eben auch einen Großteil, für den dieses Verständnis nicht infrage kommt. Wir dürfen an dieser Stelle nicht schwarz-weiß denken.

Sind solche Wünsche der neuen Arbeitnehmergenerationen nachvollziehbar für Sie? Nehmen Sie diese auch in Ihrer Arbeit wahr?
Natürlich. Sowohl als Vermittler von Arbeitsstellen als auch als Arbeitgeber selbst, beispielsweise wenn es um die Gewinnung von Auszubildenden oder Studierenden geht. Wir werden oft auf das Thema Homeoffice angesprochen. Da bin ich inzwischen vom Saulus zum Paulus geworden und stelle mich absolut nicht dagegen. Aber: Arbeit geht vor. Nicht die Arbeit passt sich an das Homeoffice an, sondern umgekehrt. Ganz neu sind all diese Ansprüche im Übrigen gar nicht immer. In meiner Zeit als Dozent an der Fachhochschule des Bundes in den 1990er-Jahren habe ich auch ein viermonatiges Urlaubssemester gemacht und konnte mich ausklinken.

Lassen Sie uns gedanklich einen Blick nach vorne werfen: Wie wird der Arbeitsmarkt in 20 Jahren aussehen?
Er wird noch stärker dienstleistungsorientiert und digitalisiert sein und sich außerdem an ökologischen Herausforderungen orientieren. Der Markt wird sich deutlich verändern, denn die geburtenstarken Jahrgänge gehen gerade in Rente. Inwieweit sich der Weltmarkt umorientiert und bestimmte Produktionen zurück nach Deutschland verlegt werden – wir erinnern uns nur an die Maskenkrise – lässt sich allerdings noch nicht absehen.

Die Altersarmut hat im vergangenen Jahr einen neuen Höchststand erreicht, auch die Kluft zwischen Arm und Reich wird zunehmend größer. Bereitet Ihnen das mit Blick auf die Zukunft Sorgen?
In Deutschland jammern wir dabei auf hohem Niveau. Ja, die Diskrepanz zwischen dem, was sehr Wenige verdienen und dem, was Viele bekommen, ist größer geworden. Aber wir können jedem Menschen eine Existenzsicherung ermöglichen und damit eine positive Beteiligung am Leben. Ob das ausreichend ist, ist eine andere Frage …

Aber eine berechtigte, oder?
Hat jemand, der in die Grundsicherung hineingenommen wird, auch automatisch Anspruch auf einen Mallorca-Urlaub?

Gute Frage!
Die Frage, was Teilhabe am Leben bedeutet, muss gesellschaftlich immer wieder neu diskutiert und definiert werden, das möchte ich gar nicht bewerten. Ein anderes Thema sind die steigenden Preise – Friedrich Merz hat es kürzlich gesagt: Wenn die Energiekosten weiter steigen und wenn beim Discounter die Lebensmittel zehn bis 15 Prozent teurer werden, trifft es diejenigen, die am wenigsten haben. Das ist schlimm! Und wir müssen uns überlegen, wie wir denjenigen helfen können. Als Gesellschaft werden wir nicht alle negativen wirtschaftlichen Impulse auffangen können. Ganz grundsätzlich denke ich, dass wir heutzutage viele Dinge als selbstverständlich annehmen, die vor gar nicht allzu langer Zeit gar nicht selbstverständlich waren. Dazu vielleicht ein persönliches Beispiel …

Gerne!
Ich bin groß geworden in einem Arbeiterhaushalt mit drei Kindern, mein Vater war Maler und Tapezierer, meine Mutter Hausfrau. Ich weiß, was es bedeutet, nicht mit dem goldenen Löffel im Mund geboren worden zu sein und in Konkurrenz mit Akademikerhaushalten zu stehen. In meinen jüngsten Erinnerungen bin ich im Hinterhof aufs Plumpsklo gegangen. Es gab ein Badezimmer für zwei Familien und es wurde verabredet, wer wann baden darf. Ich bin dann in das Wasser von meinem Vater gekommen. Man ist damals nicht in den Urlaub gefahren, sondern mal in den Zoo nach Hannover und hat dort den Nachmittag bei einer Bockwurst und einer Tasse Kaffee verbracht. All das möchte ich nicht wieder herbeireden, aber das meine ich mit der gesellschaftlichen Diskussion. Was bedeutet Teilhabe am Leben und wie viel möchte ich mir als Gesellschaft leisten? Natürlich wünsche ich jedem Menschen, dass er so viel wie möglich vom Leben hat.

Reicht der Mindestlohn von zwölf Euro dafür aus?
Was ich für wichtig halte, ist, dass das Lohnabstandsgebot eingehalten wird. Jemand, der arbeitet, muss mehr haben als jemand, der Sozialleistungen bezieht. Das ist einfach menschlich. Gerade wenn ich bildungsfern und wenig intrinsisch motiviert bin, einer Tätigkeit nachzukommen. Dafür ist der Mindestlohn wichtig. Über die Erhöhung der 450-Euro-Jobs wiederum kann man diskutieren. Das IAB hat gerade gezeigt, dass das ein Impuls in die falsche Richtung sein kann, weil es durch die Entgelthöhe attraktiver wird, eine Beschäftigung ohne Sozialversicherung anzunehmen. Wobei es natürlich Bereiche gibt, in denen eine solche Beschäftigung sinnhaft ist, beispielsweise für Rentner mit einer kleinen Rente oder für kleine Betriebe, die nur temporär zwei Abende die Woche Arbeitskräfte benötigen.

In den Berufsinformationszentren (BiZ) in Braunschweig und Goslar werden Jugendliche bei der Studien- und Berufswahl, aber auch Erwachsene, die sich neu orientieren wollen oder auf Jobsuche sind, beraten. Foto: Agentur für Arbeit Braunschweig-Goslar

Hat Sie das Thema Arbeit aufgrund Ihrer Herkunft eigentlich schon immer fasziniert?
Nein, ich war ein typischer Jugendlicher, der ständig wechselnde, manchmal wirre Berufsziele hatte.

Jetzt sind wir gespannt …
Während meiner Schulzeit war ich in einer Berufsberatung. Dort habe ich den Beruf des Tierpflegers entdeckt und fand das hochinteressant (lacht). Irgendwann später habe ich dann den Öffentlichen Dienst für mich entdeckt.

Warum ausgerechnet der Öffentliche Dienst?
Das hat sicherlich etwas mit der Wertehaltung zu tun, die man bereits zuhause vermittelt bekommt. Wenn man in einer Behörde arbeitet, ist man wer. Das war in meinem Dorf damals hoch angesehen. Deshalb habe ich die Ausbildung zum Angestellten in der Bundesanstalt für Arbeit gemacht. Inzwischen heißt der Titel übrigens Fachangestellter für Arbeitsmarktdienstleistungen – den habe ich in meiner weiteren Laufbahn reformieren dürfen.

Ihre Karriere hat Sie einmal quer durch Deutschland und verschiedene Dienstgrade geschickt. Zuletzt waren Sie gut sieben Jahre lang Vorsitzender Geschäftsführer in Helmstedt …
Ich hatte nie große Karrierepläne. Aber auf meinem Weg habe ich Leidenschaften entwickelt. Ich unterrichte gerne, ich kann Kompliziertes auf einen einfachen Nenner herunterbrechen und mich interessiert die Frage von beruflicher Sozialisation, zum Beispiel was Herkunft und Ausbildung für das spätere Berufsleben bedeuten.

An dieser Stelle hören wir Bezüge zu Ihrer Herkunft heraus …
Eine gehörige Portion Disziplin und Ehrgeiz sind dabei. Und einfache Regeln. Wenn gearbeitet wird, wird nicht gefeiert – da bin ich vielleicht ab und an old fashioned unterwegs, aber feiern kann ich auch (lacht).

„Wir müssen gesellschaftlich
anerkennen, dass eine
Berufsausbildung und ein
Studium gleichwertig sind“, sagt Gerald Witt, Vorsitzender Geschäftsführer der Agentur für Arbeit Braunschweig-Goslar. Foto: Stephanie Joedicke

Was für ein Chef sind Sie?
Ich bin engagiert, gerecht und berechenbar. Es gibt bei mir keine Überraschungen. Wenn mir etwas nicht passt, sage ich das auch direkt und nicht hintenrum. Ich lobe, wenn mir etwas gefällt und behandle niemanden nach Sympathie oder Antipathie, sondern alle Menschen grundsätzlich gleich. Das ist mein Versuch, gerecht zu sein.

2017 standen Sie vor der beruflichen Entscheidung „lasse ich es jetzt ausplätschern oder starte ich noch einmal durch.“ Sie haben sich für letzteres entschieden. Wie zufrieden sind Sie mit Ihrer Entscheidung?
Entscheidungen sind immer dann, wenn man sie trifft, richtig. Es war noch einmal eine Herausforderung, die ich gesucht und angenommen habe. Und ich glaube, ich habe sie auch bewältigt.

Wenn Sie noch einmal von vorn anfangen könnten: Gibt es einen Job, den Sie sich gerne einmal selbst vermitteln würden?
Ich würde gerne als Archäologe arbeiten, weil ich mich sehr für Historik interessiere. Im Juni komme ich dem im Rahmen eines einwöchigen Urlaubs nach, in dem ich unter Anleitung eines Archäologen eine Ausgrabung im Saarland begleite.

Ist das neben der Arbeit Ihre große Leidenschaft?
Ich lese auch gerne und bin leidenschaftlicher Fußballfan – den Verein verrate ich an dieser Stelle aber nicht (lacht). Und ich reise gerne. Aber ja, wenn ich im Ruhestand bin, möchte ich mich mehr der Archäologie widmen …

… und studieren?
Eher autodidaktisch. Es gibt Unmengen an Lektüre dazu. Aber ich lasse mich überraschen, manchmal packt einen der Ehrgeiz dann doch (lacht).

Einerseits

  • Mehr als 2.000 Personen in Verkaufsberufen sind derzeit arbeitslos gemeldet.
  • Weniger als 30 Kreative des Produktdesigns und Kunsthandwerks sind derzeit arbeitslos gemeldet.
  • Durchschnittlich 51 Tage dauert es, bis eine Arbeitsstelle im Bereich Recht und Verwaltung besetzt ist.
  • Durchschnittlich 726 Tage dauert die Vermittlung einer Fachkraft der Gebäude- und Versorgungstechnik.

Andererseits

  • Weniger als 400 sozialversicherungspfl. Arbeitsstellen in Verkaufsberufen waren im März 2022 vakant.
  • Insg. 8 sozialversicherungspfl. Arbeitsstellen im Produktdes. und Kunsthandw. waren im März 2022 vakant.
  • Durchschnittlich 197 Tage ist eine Stelle in der Kunststoff- und Holzherstellung/-verarbeitung vakant.
  • Durchschnittlich 119 Tage dauert die Vermittlung in der Rohstoffgewinnung, Glas-/Keramikverarbeitung.

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