„Immobilien trotzen der Pandemie" - Standort38
28. Dezember 2020
Entscheider

„Immobilien trotzen der Pandemie“

Dirk Rosskopf, Geschäftsführer der Volksbank BraWo Immobilien GmbH, im Gespräch

Dirk Rosskopf, Geschäftsführer der Volksbank BraWo Immobilien GmbH, im Gespräch. Foto: Siri Buchholz.

Dirk Rosskopf, Geschäftsführer der Volksbank BraWo Immobilien GmbH, im Gespräch. Foto: Siri Buchholz.

Dirk Rosskopf, Geschäftsführer der Volksbank BraWo Immobilien GmbH, im Gespräch über explodierende Großstadtpreise, Unsicherheit in einer vermeintlich sicheren Branche und den regionalen Immobilienmarkt, welcher der Corona-Pandemie aktuell die kalte Schulter zeigt …

Herr Rosskopf, inwieweit gehen Sie als Teil einer Genossenschaftsbank anders mit Immobilien um, als ein klassischer Immobilienmakler?
Mit den Immobilien weniger, aber mit den Kunden. Wir setzen auf dauerhafte Kundenbindung, da viele ohnehin Kunden unseres Hauses sind. Dabei streben wir an, dass der Kunde immer zu uns kommen kann – egal, was er für ein Immobilienthema hat. Als Volksbank BraWo können wir neben der Finanzierung das ganze Spektrum an Immobilienberatung abbilden, sei es die klassische Immobilienvermarktung und -vermittlung, die Markt- und Strukturanalyse oder Modernisierungsmöglichkeiten. Und wenn wir selbst etwas nicht leisten können, dann kann das der Konzern mit einer anderen Schwestergesellschaft.

Warum sind Immobilien ein lukrativer Geschäftszweig innerhalb der BraWo?
Eines meiner Lebensmotti ist: Immobilien sind ein Geldgeschäft und Geldgeschäfte gehören in die Bank. Wir reden eben oftmals über die größte Vermögensdisposition des Lebens. Und da eine Immobilie oft mit einer Finanzierung verbunden ist, ist die Nähe zur Bank essenziell.

Und die finanzielle Bedeutung? Welchen Umsatz generieren Sie jährlich mit dem Immobiliengeschäft?
Je nach Jahresverlauf vermitteln wir Immobilien im Gegenwert von 80 bis 120 Millionen Euro – das sind rund 220 bis 300 Einheiten. Die Zahlen sind bei unserem Team von knapp 20 Leuten gefühlt weder exorbitant hoch, noch extrem niedrig. Ich würde sagen, das Zahlenwerk ist ok (lacht).

Wie steht es um den hiesigen Immobilienmarkt?
Gut, weil die Nachfrage vorhanden ist. Es ist unumstritten, dass die Region einen sehr hohen Wohnungs- und Raumbedarf hat. Und der Wunsch, sich zu verändern, ist hier sehr stark ausgeprägt, weil eine gewisse Kaufkraft vorhanden ist. Der Markt ist außerdem sehr heterogen: In den städtischen Zentren haben wir Großstadtpreise und unweit davon entfernt sind Sie schon in einem ländlich strukturierten Gebiet, in dem Sie entsprechend günstigere Bauplätze erwerben können.

Wie hat sich die Nachfrage nach Immobilien in den letzten Jahren entwickelt?
Unsere strukturstarke Region hat mit Sicherheit mehr profitiert als manch andere Standorte. Nehmen Sie die Preisentwicklung: Als ich vor zehn Jahren hierher kam, war der Lange Kamp in Braunschweig noch in Planung. Damals sprachen wir von Quadratmeterpreisen von rund 2.500 Euro – das war damals ein sensationell hoher Preis, der sich nach zehn Jahren aber sogar auf 5.600 Euro mehr als verdoppelt hat. Das ist mehr als der Bundesdurchschnitt und spricht definitiv für die Region.

Und die Ansprüche an die Immobilie? Worauf legen Ihre Kunden heutzutage wert?
Auf Qualität und Zukunftsorientierung. Im Neubausegment, das für uns immer der Gradmesser ist, wird beispielsweise darauf geachtet, dass E-Mobilität möglich ist und energiesparend nach KfW 55 Standard oder besser gebaut wird. Auch das Thema Wohnen im Alter spielt eine große Rolle. Wichtig ist außerdem die Infrastruktur, ob zum Beispiel ein Nahversorger fußläufig zu erreichen ist.

Wer sind Ihre Kunden?
Jedes Marktsegment hat sein klassisches Kundenalter und damit eine typische Zielgruppe. Das Immobilienalter für Wohnungen liegt bei 45 plus, das für einen Hausbau bei ungefähr 30 Jahren. Und bei den Penthauswohnungen zum Beispiel am Langen Kamp sind viele über 60 Jahre alt. Das bedeutet aber nicht, dass ein junger Mensch mit 30 Jahren keine Penthauswohnung kaufen würde.

Die Zinsen sind im Keller, Gold ist teuer und Aktien gelten als unsicher. Stimmt die Bezeichnung „Betongold“ für Immobilien nach wie vor?
Auf jeden Fall. Das ist auch keine Sache, die wir erfunden haben. Für die meisten Deutschen gelten Immobilien nach wie vor als die beste Altersvorsorge. Das hört sich erst einmal statisch an, aber es ist tatsächlich so: Wenn man die letzten Jahre betrachtet, ist die Immobilie ein konstanter Sachwert. Außerdem ist es typisch deutsch, sicherheitsstrebend zu sein. Als Eigentümer habe ich Sicherheit vor Kündigungen und Mieterhöhungen und kann mich in den eigenen vier Wänden so entfalten, wie ich es möchte. Als Vermieter lassen sich an guten Standorten attraktive Renditen erzielen und auch als Kapitalanleger ist der Betrag im Vergleich zu den Finanzmärkten sehr interessant.

Die Immobilienpreise in Braunschweig und der Region steigen seit zehn Jahren permanent. Was prognostizieren Sie, wie lange wird diese Entwicklung fortlaufen und wann ist das Maximum erreicht?
Das ist eine gute Frage. Man muss einen Schritt zurückgehen, um das zu betrachten. Neben den niedrigen Zinsen spielen auch verteuerte Materialien eine Rolle. Die Preissteigerung der letzten Jahre war somit nicht nur marktgetrieben, auch die Baukosten sind extrem angestiegen. Ich bin davon überzeugt, dass die Preise weiter steigen werden, aber nicht mehr so rasant, wie wir es in der Vergangenheit erlebt haben. Wo es jedoch auch weiterhin spürbare Preissteigerungen geben wird, ist das Bauland – weil es einfach nicht beliebig vermehrbar ist.

Inwiefern wirkt sich die Corona-Pandemie auf Ihr Geschäft und die Immobilienbranche aus?
Um den wesentlichen Einfluss, den wir aktuell spüren, zu erklären: Wir tragen Mundschutz und halten Abstand. Was die wirtschaftliche Situation angeht, spüren wir eigentlich überhaupt keine Einschränkungen. Die meisten Kunden planen den Immobilienkauf schon sehr lange und gehen dann nicht aufgrund von Corona von diesem Weg ab.

Beeinflusst die Corona-Pandemie den Wohnungsmarkt?
Die letzten Wochen zeigen ein positives Bild: Immobilien trotzen der Pandemie. Das ist der aktuelle Stand. Wenn sich die Situation aber noch weiter ausdehnt und nochmal ein richtiger Lockdown mit tatsächlichen Geschäftsschließungen auf uns zu kommt, dann glaube ich, werden wir das auch am Immobilienmarkt spüren. Jedoch ist die Wirtschaftskraft der Region so stark, dass ein lokaler Einschlag eigentlich nicht denkbar ist. Wenn VW heute sagen würde, das mit den Autos lassen wir jetzt mal, dann lassen wir hier die Rollläden runter, schalten die Computer aus und gehen nach Hause. Aber das wird nicht passieren. Gerade der Standort und die Umgebung Braunschweig ist so vielfältig aufgestellt mit beispielsweise dem Forschungsflughafen und der Universität. Ich glaube nicht, dass hier am lokalen Markt eine wirtschaftliche Rezession eintreten wird, dass in Folge auch der Immobilienmarkt zusammenbricht.

Das betrifft den Wohnungsmarkt. Bei den Gewerbeimmobilien sieht es ein bisschen anders aus: Büros stehen leer und Geschäfte schließen …
Ja, das stimmt. Corona hat einen Negativtrend verstärkt, der vorher schon existent war: Der Einzelhandel kann mit dem Onlinehandel einfach nicht mehr mithalten. Friedrich Knapp hat dazu vor kurzem sehr dramatische Worte gefunden – ganz so dramatisch ist es meiner Meinung nach aber nicht. Wenn der Einzelhandel es schafft, sich für den Kunden durch zielgruppenspezifische Angebote und einen größeren Erlebnisfaktor attraktiv zu machen, dann wird er auch weiterhin Bestand haben.

Wie sieht Ihr Werdegang bis hierher aus? Seit wann arbeiten Sie bei der Volksbank?
Ich bin gelernter Bankkaufmann. Ich sage immer, meine Wiege stand in einer Volksbank. Das Lustige ist, es war tatsächlich so, weil mein Vater auch Volksbänker war (lacht). Insofern war der Weg in die Volksbank vorgezeichnet. Ich bin dann aber Mitte der 1980er-Jahre relativ schnell in den Bereich Immobilien gewechselt und seitdem im genossenschaftlichen Immobilienvertrieb tätig. Und seit zehn Jahren arbeite ich am Standort Braunschweig.

Wie oft kommt es vor, dass Sie von Freunden und Familien um Hilfe bei Immobilienfragen gebeten werden?
Täglich (lacht). Aber das tue ich gerne. Freunde und Bekannte haben keine Hemmungen und müssen das auch nicht haben, mich zum Thema Immobilien in irgendeiner Weise anzusprechen.

Welche Frage wird Ihnen am häufigsten gestellt?
„Was glaubst du, wie geht es weiter?“ Die meisten fragen sich, was passiert, wenn die Pandemie auch sie wirtschaftlich trifft. Diese Unsicherheit ist das, was die Leute im Moment umtreibt. Das ist in unserem Business etwas sehr Komplexes, weil Immobilien per se als sicher eingestuft werden. Und wenn Unsicherheit auf Sicherheit trifft, ist das immer schlecht. Außerdem gibt es in unserer Branche noch einige Veränderungen wie die Provisionsteilung, die ab dem 23. Dezember greift. Auch das sind Themen, mit denen ich ganz gerne mal konfrontiert werde. Aber da Immobilien für mich fast schon Hobby und Beruf zugleich sind, beantworte ich die Fragen gerne.

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