11. März 2022
Entscheider

„In dieser Rolle ist man Kümmerer und Macher“

Gerold Leppa, Geschäftsführer der Braunschweig Zukunft GmbH, und sein Vorgänger Joachim Roth in einem gelösten Gespräch über Braunschweigs Start-up-Landschaft und den Neuaufbau einer Wirtschaftsförderung.

Gerold Leppa (links), Geschäftsführer der Braunschweig Zukunft GmbH, und sein Vorgänger Joachim Roth. Foto: Marvin Weber

Als wir uns zum Interview in den Räumen der Wirtschaftsförderung treffen sind die Temperaturen zum ersten Mal dieses Jahr mild – Geburtstagswetter, wie passend. Braunschweig Zukunft wird dieses Jahr 20 Jahre alt. Die Sonne scheint leicht auf die Corona-Ampel im Besprechungszimmer. Noch ist die Luftqualität gut – die Fenster bleiben trotzdem offen. Aus der Fußgängerzone ist das Gitarrenspiel eines Straßenmusikers zu hören.

Herr Leppa, zwischen Ihnen und Herrn Roth gibt es immer noch eine enge Verbindung. Sie beide vereinen über 20 Jahre Wirtschafts- und Gründerförderung in der Region 38. Wie kam es dazu?
Leppa: Als sich 2014 abzeichnete, dass Joachim Roth ausscheidet, hat mich der Oberbürgermeister Dr. Gert Hoffmann gefragt, ob ich die Nachfolge übernehmen möchte. Ich war damals schon jahrelang im Stadtmarketing beschäftigt und da war Joachim Roth Aufsichtsratsvorsitzender. Wir kannten uns also ganz gut und haben viel zusammengearbeitet, hatten thematische Überschneidungen. Dann kam die Nachfolge und …
Roth: … du sitzt bis heute hier (lacht).
Leppa: Manchmal bewege ich mich auch.
Roth: Wenn man mit Menschen arbeitet, gehört Spaß einfach dazu (beide lachen herzlich). Ein Jahr bevor mein Vertrag auslief, konnte sich Gerold Leppa überall bei mir einklinken und wir haben viele Termine gemeinsam gemacht. Das Schöne ist: In Braunschweig kennt man schnell alle wichtigen Akteure und kann sich leicht vernetzen. Wirtschaftsförderer ist natürlich kein typischer Nine-to-Five-Job, sondern eine wirkliche Berufung – und die Ergebnisse sprechen für sich.

Am Parkhaus des Forschungsflughafens in Braunschweig wird das Forschungsprojekt SynCoPark vorgestellt. Dabei parken Autos autonom ein. Marcel Kascha vom Institut für Fahrzeugtechnik sitzt hinter dem Steuer, der Wagen fährt aber selbstständig durch das Parkhaus. Foto: Bernward Comes

Um vielleicht ein Stück weiter zurückzuschauen, wie ist Braunschweig Zukunft entstanden?
Roth: Die GmbH ist 2002 mit Stadt und Nord LB gegründet worden. Damals hatte man sich mehr Wirtschafts- und Kundennähe gewünscht. 2004 wurde ich dann gefragt, ob ich bei Braunschweig Zukunft die Geschäftsführung übernehmen möchte. Das war eine reizvolle Aufgabe, weil es zwar eine Basis gab – aber auch noch wirklich viel gestaltet werden konnte und ganz wesentlich war, dass sich ein hochmotiviertes und recht leistungsstarkes Team im Laufe der Zeit entwickelte.

Was war damals konkret zu tun?
Roth: Wir hatten im Gegensatz zu heute freie Gewerbegebiete. Die Ansiedlung ist aber nicht so richtig in Gang gekommen. Das konnten wir über die Jahre ändern. Ein Highlight war sicher das interkommunale Gewerbegebiet Waller See in der Gemeinde Schwülper – auf über der Hälfte der Flächen konnten wir Unternehmen ansiedeln, die ursprünglich gar nicht aus Braunschweig kamen. Das hatte unglaubliche Sogwirkungen. Eine Herausforderung zu Beginn war, das Personal zusammenzuführen. Wir hatten weitestgehend Angestellte aus dem öffentlichen Dienst und dann kamen noch Typen wie ich dazu.

Die Geschichte der Wirtschaftsförderung geht ja sogar noch weiter zurück. Der Technologiepark wurde schon 1986 gegründet …
Roth: Der Technologiepark wurde intensiv in die Wirtschaftsförderung integriert, denn ich habe schnell erkannt, wie wichtig die Unterstützung von Neugründungen ist. Damals hatte ich schon gute Kontakte zum TU-Präsident Professor Jürgen Hesselbach, der auch jemand war, der anpackte. Er hat mir sehr geholfen. Das war auch nötig, denn die Start-Up-Szene war durchaus noch entwicklungsfähig und wenn man Programme zur Förderung entwickeln will, sollte das nicht am Bedarf vorbei passieren.

Hatten Sie einen Draht zu den Gründern?
Roth: Ja, ich bin öfter durch den Technologiepark gegangen und hab mit den jungen Menschen dort gesprochen, die an ihren Projekten arbeiteten. Ich fragte sie dann: Wer braucht das, was ihr da entwickelt oder für wen macht ihr das? Marktentwicklung- oder Analyse war für die Wenigsten ein Thema. Da konnte ich unter die Arme greifen und unterstützend positiv einwirken und junge Unternehmen als Subunternehmer unter die Fittiche von größeren Unternehmen bringen. Das hat bei einigen sehr gut funktioniert. Was außerdem nicht zu unterschätzen war: simples Netzwerken bei Bier und Grillfleisch. Auch so etwas habe ich organisiert.

Mainz als Vorbild für Braunschweig und Einrichtungen wie das HZI? Joachim Roth wünscht sich mehr Zusammenarbeit zwischen Forschung und Wirtschaft und nennt Biontech als positives Beispiel. Foto: Verena Meier

Herr Leppa, wenn sie mit dem heutigen Wissen zurückschauen. Ist 2002 nicht eigentlich viel zu spät, um mit Start-up- und Wirtschaftsförderung anzufangen?
Leppa: Ich finde es schwierig, aus der Gegenwart über die Vergangenheit zu urteilen. Das hakt auch bei anderen Themen. Ich würde mich deshalb aufs Ergebnis beziehen und wenn ich mir anschaue, was in diesen über 30 Jahren aus dem Technologiepark hervorgegangen sind, kann sich durchaus sehen lassen.

Haben Sie Beispiele?
Leppa: Dort sind Unternehmen entstanden, die heute wie selbstverständlich große Arbeitgeber sind. GOM ist hier ein Musterbeispiel, aber es gibt auch andere rund um den Forschungsflughafen, die sich ihre Nischen gesichert haben – die s.m.s, smart microwave sensors GmbH zum Beispiel. 2002 hat man erkannt, dass man einen Technologiepark und die Wirtschaftsförderung nicht trennen kann. In dieser Zeit hat sich auch unsere DNA und Serviceorientierung entwickelt. Auf dieser Entscheidung bauen wir immer weiter auf und wir wären ohne die Leistung meiner Vorgänger nicht an dem Punkt, an dem wir heute sind. Der Technologiepark ist weitgehend vom Konzept unverändert und voll vermietet in Betrieb. Auch das Gründungsnetzwerk ging aus dieser Entwicklung hervor.

Was hat sich über die Jahre geändert?
Leppa: Der Mainstream und die Gewichtung. Wir kommen aus einer Zeit, in der man Wirtschaftsförderung überwiegend an harten Fakten orientiert hat. Von Ökosystemen zu sprechen ist jetzt zwar auch nicht wirklich neu, aber durch diese Denkweise hat sich unsere Zuständigkeit als Förderer verändert. Wir kümmern uns nicht nur um eine Beratung, sondern haben ergänzend dazu die Angebote von MO.IN und WI.N aufgebaut. Ohne solche Einrichtungen wären wir als Standort nicht mehr wettbewerbsfähig. Aber fast alle Konzepte von damals gibt es noch. Wir können nicht von einem großen Bruch sprechen, eher von einer stetigen Weiterentwicklung.
Roth: Zu meiner Zeit war es etwas leichter Dinge zu entwickeln, einfach weil relativ wenig vorhanden war. Da war ich mit meiner Erfahrung für den Job als Wirtschaftsdezernent geeignet. Ein Beispiel dafür ist der Existenzgründerfonds, den wir ins Leben gerufen haben. Allein die 7.500 Euro als verlorener Zuschuss waren für viele Gründer schon wichtig. Aber ich will ehrlich sein: Ich habe meinen Stuhl gerne etwas früher an einen Jüngeren weitergegeben, weil sich die Branche sehr schnell entwickelt hat. Besonders beim Thema Digitalisierung und Transformation brauchte es neue Impulse.
Leppa: Dieser Fonds wird heute übrigens kaum noch genutzt, weil das Land Niedersachen mit dem Förderprogramm „Mikrostarter“ unsere Idee übernommen hat. Da waren wir in Braunschweig viel früher dran, als andere. Ich denke, wir haben die Gründerpotenziale genau zum richtigen Zeitpunkt erkannt.

Der Waller See mit dem interkommunalen
Gewerbegebiet von Norden aus gesehen. Foto: Dieter Heitefuß

Herr Roth, haben Sie sich als Geschäftsführer in der Rolle des Vermittlers gesehen?
Roth: Nein, ich war immer der Kümmerer und Macher. Das erhöht nicht unbedingt den Beliebtheitsgrad, weil man auch mal einigen auf die Füße treten und hartnäckig sein muss. Aber nur so bringt man Prozesse voran. Sowohl Mitarbeiter als auch Kunden wollte ich nicht alleinstehen lassen.

Herr Leppa, würden Sie zustimmen oder hat sich die Rolle verändert?
Leppa: Ja, unbedingt. Das fängt bei den Anfragen zu Genehmigungen an, die nicht funktionieren, und den Übersetzungsaufgaben, die ich in diesem Bereich habe. Von komplexen Bebauungsplänen über intensive Coaching-Angebote für junge Unternehmen – wir kümmern uns. Wir scheuen auch nicht vor abstrakteren Themen. Blutige Nasen haben wir uns beispielsweise bei der interkommunalen Gewerbegebietsentwicklung geholt. Da gucke ich oft neidisch auf die Zeit von Herrn Roth zurück, wo wir noch Platz hatten.

Bleibt deshalb Entwicklungspotenzial ungenutzt?
Leppa: Auf jeden Fall. Wir könnten jedes Jahr zahlreiche Flächen verkaufen, die aber leider einfach nicht vorhanden sind. Da finde ich es bedauerlich, wenn interkommunale Gewerbegebiete, wie beispielsweise mit Salzgitter, an politischen Entscheidungen scheitern. Wir kämpfen aber weiter dafür, verdichtete Räume in der Nähe der Stadt mit Arbeitsplätzen zu versorgen.

Roth: Ich denke auch, dass dieses interkommunale Gewerbegebiet mit Salzgitter nochmal aufgegriffen werden sollte. Die Fläche dort besitzt einen Schienen- und Wasseranschluss und beide Kommunen hätten wie in Walle Gebiete einzubringen. Dort ist schon Industrie in Kombination mit drei großen Transportfaktoren, also eine große Infrastruktur vorhanden. Jetzt nach den Wahlen halte ich es für sinnig, noch einmal den Kontakt mit den Menschen vor Ort aufzunehmen, die gegen das Gewerbegebiet waren. Gerade, weil sich die Situation in Salzgitter vielleicht verändert hat.

Im Dezember tauschten sich im TrafoHub Gründerinnen und Gründer mit Umweltminister Olaf Lies über ihre Probleme in der Region aus. Es wurde beispielsweise deutlich, dass Tech-Start-ups Probleme haben, Räume für Werkstätten zu finden …
Leppa: Wir kennen das Problem, dass Start-Ups bei uns im Technologiepark gerne auch eine Werkstatt hätten. Es gibt dort zwar eine Immobilie mit Schwerlastböden, wo auch man auch ein paar rustikalere Dinge tun kann, aber wir haben eben keine Maschinenhalle.  Das aktuelle Problem ist, dass die kommunale Flächenknappheit nun auch auf private Mietflächen überschwappt. Das Phänomen beobachten wir seit mindestens einem halben Jahr.

Woran liegt das?
Leppa: Unter anderem daran, dass viele Unternehmen wegen der coronabedingten Lieferengpässe  zu mehr Lagerhaltung zurückgekehrt sind. Anstatt direkt ein Lager aufs eigene Grundstück zu bauen, mieten viele natürlich erst einmal. Ich bin dazu aktuell in Gesprächen mit Investoren, die mit dem Konzept von Gewerbehöfen arbeiten. Schade ist, dass wir das Biotechnologiezentrum nicht mehr haben, das wir im Bereich des HZI mal für viel Geld errichtet haben. Damals fanden sich nicht genug Gründer, weil der Bereich zu sehr in der Grundlagenforschung unterwegs war. Aktuell gibt es dort aber eine positive Entwicklung und der Bedarf an Laborflächen steigt. Auch da sind wir im Gespräch mit dem HZI für passende Lösungen.

Herr Roth, was hätten Sie gerne noch gemacht, bevor Sie Braunschweig Zukunft verlassen haben?
Roth: Ich hätte unheimlich gerne gesehen, dass wir als Stadt der Forschung eine Allianz mit Unternehmen geschmiedet hätten, die diese Forschung umsetzen können. Als Beispiel würde ich die Stadt Mainz und Biontech nennen. Die Stadt bekommt allein durch das Unternehmen eine Milliarde Euro an Gewerbesteuer. Es müsste doch möglich sein, dass wir Forschungsideen von beispielsweise dem HZI mit Unternehmen in Braunschweig umsetzen. Ein Herzenswunsch von mir wäre außerdem eine Art internationaler Kongress für Braunschweig – mit unterschiedlichen Themen. Alle zwei, drei Jahre würde der am besten auf europäischem Niveau, stattfinden. Das würde für alle wirtschaftlichen Felder, die Forschung und für den Standort Braunschweig positive Nebeneffekte erzeugen.

Gelöste Stimmung beim Interview in Braunschweigs
Innenstadt. Foto: Marvin Weber

Was steht noch auf ihrer Agenda, Herr Leppa?
Leppa: Ich habe ehrlicherweise wenig heimliche Wünsche, die ich nicht umsetzen kann. Das kann ich dem stetigen Dialog verdanken, der unsere Region stark macht. In 2022 wollen wir unbedingt bei den Raumangeboten für Gründer nachsetzen und das Kapitalangebot muss besser werden. Es gibt zwar schon Gespräche und Förderprogramme seitens des Landes, aber noch keine konkreten Entscheidungen. Da müssen wir dranbleiben.

Auf welche Stärken der Region sind Sie stolz?
Leppa: Die Automobilindustrie macht uns unglaublich stark und ich glaube unsere Region kann VW sehr gut in die Zukunft begleiten. Das zeigt sich beispielsweise bei Neuerungen am Forschungsflughafen zum Thema automatisiertes und vernetztes Fahren. Trotzdem ist es gut, dass wir weiter auf die kleinen Unternehmen und ihre Sorgen schauen. Da müssen wir mit den Gewerbeflächen unbedingt weiterkommen, denn es gibt eben auch viele Unternehmen hier, die nicht nur White-Collar-Jobs anbieten. Zum Schluss kommt zur Wirtschaftsförderung noch das Thema Innenstadt. Es ist unheimlich wichtig, dass wir diese aus der Pandemie heraus begleiten, mehr Leben in die Flächen bringen und sie weiterentwickeln.

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