5. Oktober 2021
Menschen

„Ich habe ein großes Herz für die Natur“

Ein Spaziergang mit Lars Henner Santelmann ...

Ein Spaziergang mit Lars Henner Santelmann. Foto: Holger Isermann

Volkswagen Financial Services engagieren sich für soziale, kulturelle und sportliche Projekte – aber seit Jahren in Kooperation mit dem NABU auch für Umwelt- und Klimaschutz. Daran sicher nicht ganz unschuldig ist Vorstandschef Lars Henner Santelmann. Wir trafen den 58-Jährigen zu einem Spaziergang an der Schunter und einem Gespräch über brutale Ziele, wichtige Minuten im Bad am Morgen und Change in Paradise …

Es ist warm an diesem Montagvormittag, sehr warm. Fast so, als ob uns der Planet ein theatralisches Setting für dieses Gespräch bereiten möchte. Immerhin – der Treffpunkt, die alte hölzerne Fußgängerbrücke über die Schunter bei Rühme liegt im Schatten. Das Wasser zieht leise plätschernd vorüber, Pferde grasen auf der Weide nebenan und wer den Blick etwas hebt, sieht am urbanen Horizont die Zentrale des Hidden Champions einer ohnehin wenig sichtbaren Riege an Autofinanzierern weltweit – Volkswagen Financial Services (VW FS): 16.000 Mitarbeiter:innen, rund 220 Milliarden Euro Bilanzvolumen und ein Ergebnis von 2,8 Milliarden Euro im Corona-Jahr 2020.

Das sind beeindruckende Zahlen und der Mann, der sich mit seinem Pressesprecher über den langgezogenen Fußweg durch die Wiesen nähert, ist für sie verantwortlich. Ein wenig wohl auch dafür, dass wir jetzt hier an der Schunter stehen. Über die geförderten Projekte bei VW FS berät ein Sponsoring-Gremium aus Teilen des Vorstands und Geschäftsführungen von VW Leasing und VW Bank. „Den Antrag für die Schunter habe ich selbst eingereicht. Am Ende gab es sogar ein i.O.“ Vorstandschef Lars Henner Santelmann lächelt in die Sonne.

Kleine Summen mit großer Hebelkraft

Die Schunter durchschneidet hier schnurgerade die Landschaft. Noch. Denn etwas Flussabwärts warten schon die Bagger. „Wir haben 320.000 Euro für die Renaturierung gegeben, Veolia 60.000. Die Summe wird durch öffentliche Fördermittel auf 3,9 Millionen Euro gehebelt.“ Bald soll sich der Fluss wieder wie früher durch die Auen schlängeln. Das ist Hochwasser- und Naturschutz gleichermaßen. Einen ähnlichen Ansatz verfolgen Volkswagen Financial Services an der Aller. 500.000 Euro haben dort ausgereicht, um jahrelange Diskussionen über die Renaturierung von 30 Kilometern Flusslauf zu beenden und Bundesmittel aus dem Projekt Blaues Band zu erschließen. „Das sind gerade einmal 2,5 Prozent Privatanteil, aber daran ist es die ganze Zeit gescheitert“, sagt Santelmann und springt zu seinem nächsten Herzensthema: Den Mooren.

Er erzählt von seiner Kindheit und den Wochenenden mit dem Segelboot auf dem Steinhuder Meer. „Die Moorabbaugebiete Richtung Neustadt haben sich in meinem Kopf festgesetzt, sie sahen aus wie eine trostlose Mondlandschaft.“ Dabei seien Moore eigentlich sehr leistungsfähige CO₂-Speicher, die 30 Prozent des gespeicherten Kohlenstoffdioxids weltweit enthalten, bei gerade einmal drei Prozent der Erdoberfläche. „Also haben wir Moorschutz gemacht.“ Es klingt sehr naheliegend, wenn Santelmann das sagt, beinahe selbstverständlich. Herausforderungen durchdenken, Lösungen finden, machen. Ganz so als ob es sich um ein neues Leasing- oder Versicherungsangebot seines Unternehmens dreht.

Technologie statt Ökoidealismus?

Los geht es 2008 mit dem niedersächsischen Theikenmeer. Das Hochmoor liegt auf dem Hümmling, einem eiszeitlichen Höhenrücken am östlichen Rand des Emstales. Mittlerweile sind insgesamt 13 Moore in Kooperation mit dem NABU in der Renaturierung, außerdem haben die beiden Partner einen virtuellen europäischen Moorschutzfonds gegründet und „für einige Millionen“ Flächen in Estland, Lettland, Litauen und Polen gekauft. „Aufgrund des hohen privaten Anteils hat die EU den Faktor drei bis vier dazugegeben, sodass heute rund 6.500 Hektar unter Schutz stehen.“

Wer den Finanzmanager hier am Rande der Stadt reden hört, könnte ihn leicht für den Chef des BUND oder NABU halten. „Wir als Menschheit verballern gerade in extrem kurzer Zeit sämtliche Ressourcen unseres Planeten und lassen zukünftigen Generationen nichts mehr übrig. Gleichzeitig rotten wir die Artenvielfalt aus“, sagt er ans Brückengeländer gelehnt. „Damit knocken wir uns selbst aus.“

Spätestens jetzt braucht es eine kritische Nachfrage. Santelmanns Job als Vorstandschef ist schließlich mehr und nicht weniger Mobilität und damit doch tendenziell auch mehr CO₂-Ausstoß, oder? „Was nicht funktioniert ist Ökoidealismus. Wir können nicht einfach alles 100 Jahre zurückdrehen und Selbstversorger spielen“, entgegnet er und setzt auf technologischen Fortschritt. Aber nicht, wie viele andere als Argument, um die Verantwortung zu delegieren und die Hände in den Managerschoß zu legen. „Die Elektromobilität ist ein enormer Push, aber wir müssen auch die CO₂-Emissionen bei der Produktion von Autos kompensieren.“ Und: Solange wir nicht bei 100 Prozent grünem Strom seien, brauche es Möglichkeiten für die Nutzer:innen, den fossilen Stromanteil zu kompensieren.

Elternsprechtag in Berlin

„Bei uns in der Automobilindustrie ist die Message angekommen. Und bei den Finanzdienstleistungen ebenfalls“, stellt Santelmann klar. „Sustainable Finance ist bei Krediten und Projekten nicht mehr wegzudenken.“ Politisch sieht er Deutschland aber nicht auf Kurs. Das Ausstiegsszenario für die Kohleverstromung sei viel zu lang, die CO₂-Bepreisung hätte vor zehn Jahren kommen können, außerdem würde das Thema Carbon Storage verschlafen. „Während wir über eine Senkung der Emissionen diskutieren, pumpen die Norweger CO₂ unter die Nordsee.“ Woran es aus seiner Sicht hapert? „Am politischen Willen. Wenn wir uns anschauen, wie viele 100 Milliarden Euro wir im Rahmen von Covid-19 mobilisiert und weltweit mit der Gießkanne verteilt haben, wird das offensichtlich.“

Das klingt nach einem politischen Menschen. „Ja, ich war eine Zeitlang sogar stark im Wirtschaftsrat in Berlin engagiert, aber mich frustriert die Umsetzungsgeschwindigkeit. Die stundenlang diskutierten Kompromisse sind teilweise schlimmer als bei einem Elternsprechtag.“ Ein Mittfünfziger schiebt sein Rad über die Brücke. „Mahlzeit, fehlt nur noch der Kaffeetisch“, scherzt er herüber. „Ja, ne? In zwei Stunden holen wir das Bier raus“, entgegnet Santelmann. „So lange noch?“ Beide lachen. Er kann internationale Finanzwelt, aber auch Dorf. Und lebt seit einigen Jahren selbst in einem in der Nähe von Hannover.

Ein Anruf als Sprungbrett

„Ich fand das Grundstück wunderschön“, schwärmt der 58-Jährige. Er setzt sich auf einen Baumstamm in die Sonne, holt sein Smartphone hervor und sucht ein Foto des sanierten niedersächsischen Zweiständehauses von 1606 – ein Zusammenspiel aus Alt und Neu, Balken, Stahl und Glas. Santelmann wischt zum nächsten Bild. Das zeigt ihn mit einem Nachbarn, wie sie im vergangenen Winter auf dem Hof Schlitten fahren – hinter einen Traktor gespannt. Er lacht und deutet auf einen Pfad, der sich durch das hohe Gras in die Uferauen zieht. „Wollen wir etwas laufen?“

Santelmann wächst beschaulich auf. Er geht in Peine zur Schule und beschreibt sich selbst als unangepasstes Kind. Ein Außenseiter? „Nein, eher Exot, ich war wenig regelkonform und habe jeden Scheiß mitgemacht.“ Dreimal war er Anlass einer Schulkonferenz, „aber meine sehr guten Leistungen haben mich jedes Mal gerettet.“ 1988 nach dem Studium der Wirtschaftswissenschaften in Hannover fängt er bei Volkswagen an. „Ich hatte vier Jobangebote, aber VW ein extrem freies Traineeprogramm, das sehr meinem Charakter entsprach“, erinnert er sich. „Man hat einen Jahresvertrag bekommen und konnte überall im Unternehmen arbeiten. Das musste man sich aber komplett selbst organisieren. Wenn es nach dem Jahr kein Angebot gab, war man wieder draußen.“ Dazu kommt es nicht. Santelmann soll eigentlich den Vertrieb für Ersatzteile im Nahen Osten übernehmen, aber nach nur vier Wochen klingelt das Telefon. Finanzvorstand Dieter Ullsperger will ihn als Assistent haben. Ein Karrieresprungbrett. Mit 28 Jahren ist er OMK, also im Oberen Managementkreis von Volkswagen angekommen. Dann wird er Finanzchef bei der Autogerma S.p.A, der heutigen Volkswagen Group Italia und wechselt anschließend für kurze Zeit zurück in die Zentrale nach Wolfsburg, bevor es ihn als Vertriebsvorstand zu Seat nach Spanien zieht.

Profitabel jenseits des Rampenlichts

Das Angebot zur Volkswagen Leasing zu wechseln kommt im November 2005. Lange überlegen muss er nicht. Er habe immer das Glück gehabt, Geschäftsfelder zu betreuen, die nicht so stark im täglichen Fokus standen und Gestaltungsfreiheit boten. „Ich konnte Unternehmer im Unternehmen sein. Dafür bin ich VW sehr dankbar.“ Er müsse auch wirklich nicht jeden Tag in der Zeitung stehen. Und in der Tat – die verbreitetste Meldung zu Santelmann im Netz ist die, dass er den Chefposten bei Volkswagen Financial übernommen hat. In einem der seltenen Berichte schreibt das Handelsblatt, dass er die vielleicht profitabelste Bank der Republik leite, aber deutlich weniger im Rampenlicht stehe als seine Branchenkolleg:innen.

„Wir sind eben ein Spezialladen, viel mehr als eine Bank, aber auch viel weniger.“ Santelmann hat kein LinkedIn-Profil, YouTube bietet genau ein Video – über seinen Vortrag beim Steinberg Dialog in Goslar. Mag er das Internet nicht? „Doch, aber ich nutze es wenig als Kommunikationsplattform für den Job. Wir sind im Commodity-Geschäft, unsere Produkte müssen in erster Linie funktionieren.“ Und Geld verdienen, könnte man ergänzen. Das klappt an der Gifhorner Straße überaus zuverlässig. Rekordergebnis reiht sich in den vergangenen Jahren an Rekordergebnis – und das obwohl „wir drei große Krise in den vergangenen 13 Jahren hatten.“ Der Trampelfpad durchs Unterholz endet abrupt. „Irgendwo da vorne ist die neue Brücke“, sagt Santelmann und zeigt in Richtung einiger Pappeln. Er geht voran.

Brutale Ziele und eine Jobgarantie

In der Finanzkrise und der Zeit von Dieselgate ist vor allem die Kapitalbeschaffung eine Herausforderung. Etwa 50 Milliarden Euro braucht Volkswagen Financial Services pro Jahr und „nach Lehmann war ABS plötzlich tot.“
Gemeint sind so genannte Asset Backed Securities-Wertpapiere, über die das Unternehmen etwa ein Drittel des Kapitalbedarfs deckt. Eine andere Quelle, Anleihen im Euro- und Dollarraum, versiegt acht Jahre später während des Dieselskandals. Der Grund? „Haftungsmechanismen. Trotzdem sind wir in beiden Krisen weitergewachsen und auch jetzt verglichen mit anderen Autofinanzierern am besten durch die Corona-Krise gekommen.“

Warum eigentlich? „Wir gehen die wichtigen Themen an, bevor sie existenziell werden. Nehmen Sie Corona. Wir haben in den vergangenen Monaten erst richtig begriffen, wie schlecht unsere Schulen und Verwaltungen digital aufgestellt sind. Volkswagen Financial hat das große Digitalisierungsprogramm bereits vor fünf Jahren gestartet.“ Oder die Kosten: Das Unternehmen hat vor drei Jahren ein Sparprogramm mit „brutalen Zielen“ aufgesetzt, „obwohl bei uns wirklich die Sonne schien.“
Change in Paradise. Das fällt den Menschen in der Regel schwer – und erst recht, dies in einem Unternehmen durchzusetzen, oder? „Solange wir wachsen, tut das alles nicht so weh, denn unseren Mitarbeiter:innen haben eine Jobgarantie bis 2029. Und die ist verdammt ernst gemeint.“

Eine seltene Fähigkeit

An dieser Stelle ergreift Pressesprecher Stefan Voges das Wort und beschreibt seinen Chef durchaus bewundernd als einen Menschen mit einer seltenen Fähigkeit. „Er hat wirklich eine Allergie gegen Normalität und ruht sich nie in einer angenehmen Gegenwart aus. Das führt zu der großen Umsetzungsgeschwindigkeit unseres Unternehmens.“ Klingt anstrengend. „Die einen sagen so, die anderen so“, erwidert Santelmann und lacht. „Aber im Ernst: Wenn ich derjenige wäre, der auf die Bremse treten würde, wäre ich auf lange Sicht kein guter Vorstandschef.“
Seine wichtigste Aufgabe sei große Veränderungen anzuschieben, dafür müsse man aber schon heute wissen, was morgen wichtig wird. „Ich bin wie ein Schwamm, lese viel, schaue mir Dinge vor Ort an, rede mit anderen Menschen und bin sehr interessiert an ganz unterschiedlichen Themen. Das alles sauge ich auf und setze es zu neuen Ideen zusammen.“ Am liebsten übrigens morgens im Badezimmer, verrät der Manager. „Dort kann ich am besten denken.“

Und dann die Angel Falls …

Privat setzt er gerade die „Puzzle-Steine für die Zeit nach dem Job“ zusammen und möchte mit viel Zeit Neuseeland bereisen, außerdem die Angel Falls in Venezuela und die kolumbianische Hafenstadt Cartagena besuchen. Die neue Brücke ist erreicht, ab jetzt geht es unter der brennenden Sonne auf einer geteerten Straße wieder zurück. Höchste Zeit für die ganz großen Fragen. „Ich arbeite in verantwortungsvoller Position. Und wenn irgendwann meine Enkelkinder wissen wollen, was ich gegen die Klimaerwärmung getan habe, möchte ich zumindest konkrete Projekte nennen können. Das ist mein ganz persönlicher Anspruch“, sagt der dreifache Familienvater.

Als die Häuser von Rühme links und rechts der Straße langsam mehr werden, macht er mit einem Satz einen Strich unter sein bisheriges Leben, der Selbstbeschreibung und Schlussakkord für unser Gespräch gleichermaßen ist: „Wissen Sie: ich bin gern Unternehmer – manchmal ein bisschen anders und ich habe ein großes Herz für die Natur.“

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