Aufs Huhn gekommen - Standort38
27. Februar 2020
Interview

Aufs Huhn gekommen

Jens Wollenhaupt, von der Evangelischen Stiftung Neuerkerode, im Interview über die Möglichkeit Tierhaltung hautnah zu erleben und sich in einer neuen Rolle als Hühnerbesitzer auszuprobieren.

Stellen Sie sich vor es ist Sonntagmorgen. Sie sitzen am Frühstückstisch – vor sich eine Tasse Kaffee und die neuste Ausgabe der Zeitung. Den meisten fehlt jetzt nur noch ihr Frühstücksei zu ihrem Glück. Wie wäre es, wenn Sie einfach nur in den Garten gehen müssten und Ihre Eier direkt bei den fröhlich scharrenden Hühnern abholen könnten?
Das klingt vielleicht erstmal, wie ein romantisches Landidyll vergangener Tage – doch so weit hergeholt ist der Gedanke gar nicht. Seit rund einem Jahr kann man bei der Evangelischen Stiftung Neuerkerode nun wochenweise Hühner mieten. Der Burschenhof, wo die rund 250 Hühner zwischen ihren Außeneinsätzen wohnen, dient als Wohngemeinschaft für Menschen mit Behinderung, die die Hühner verpflegen und den Hof bewirtschaften. Die Hühnerställe werden im Bildungszentrum Wolfenbüttel im Rahmen eines Inklusionsprojektes gebaut. Jens Wollenhaupt, der Leiter des Wohnbereichs auf dem Burschenhof, verrät, wie Sie sich in Ihrer neuen Rolle als Mini-Farmer ausprobieren können, ohne langfristige Verpflichtungen eingehen zu müssen. Und das Beste: Die Eier dürfen Sie natürlich behalten.

Herr Wollenhaupt, wie kommt man auf die Idee Hühner zu vermieten?
Mein Chef hat im Radio einen Beitrag über Hühnervermietung gehört, der ihn nicht mehr losgelassen hat. Ich habe ein wenig Marktrecherche betrieben und festgestellt, dass es in der Region keine Anbieter gibt. Also haben wir es einfach mal probiert. Außerdem konnten wir damit Synergien von unseren einzelnen Standorten nutzen. Wir und die Bewohner hier übernehmen den landwirtschaftlichen und gärtnerischen Teil. Die Lehrlinge und Auszubildenden in Wolfenbüttel setzen die Ställe zusammen. Als meine Kinder noch klein waren, haben wir selber 14 Jahre im Garten Hühner gehalten. Ich wusste also in etwa, was auf uns zukommt.

Jens Wollenhaupt als Hahn im Korb.

Wer kommt auf Sie zu, um Hühner zu mieten?
Angefangen hat es mit einer großen Senioreneinrichtung. Gerade bei Menschen mit Demenz können Hühner frühe Kindheitserinnerungen wachrufen. Inzwischen sind auch Kitas und Privatpersonen dazugekommen. Bei den Familien sind es häufig Menschen, die mit dem Gedanken spielen sich selbst Hühner anzuschaffen und es vorher ausprobieren möchten. Dazu kommen häufig junge Eltern, die einen Nachhaltigkeitsgedanken pflegen. Es geht ihnen nicht unbedingt darum, jeden Tag frische Eier zu haben. Vielmehr geht es darum, den Kindern zu zeigen, wo die Eier herkommen und sie Verantwortung übernehmen zu lassen

Wie geht es nach dem ersten Kontakt weiter?
Interessenten können sich per E-Mail bei uns melden. Wir prüfen dann, welche Termine noch verfügbar sind und vereinbaren einen Zeitraum. Außerdem klären wir im Vorfeld ab, ob alle Voraussetzungen erfüllt sind. Zum Wunschtermin fahren die Kollegen mit den Hühnern zu dem Mieter. Es gibt eine Einweisung und wir probieren allen ein bisschen die Aufregung zu nehmen.

Welche Voraussetzungen müssen erfüllt werden?
Das Gehege benötigt eine Fläche von 25 Quadratmetern. Der Untergrund sollte unbedingt aus Rasen oder Wiese bestehen – die Sorge um den schicken Rasen muss man da zurückstellen. Mit Schäden am Grün ist aber auch erst nach einem Monat zu rechnen. Im Zweifelsfall kann das Gehege versetzt werden – außerdem produzieren die Hennen einen super Dung. Ein Baum sollte einen Teil des Geheges überwachsen, um die Tiere vor Greifvögeln zu schützen. Hat die Familie einen Hund, sollte darauf geachtet werden, dass viele Rassen einen Jagdtrieb entwickeln. Wir setzen unsere Hühner da keiner potenziellen Gefahr aus. Katzen sind im Regelfall kein Problem. Außerdem sollten Kinder nur unter Aufsicht in die Ställe. Wir empfehlen die Hühner mindestens zwei Wochen zu mieten. Alleine schon der Tiere zuliebe. Die müssen erstmal ankommen. Allgemein sind Hühner aber keine große landwirtschaftliche Herausforderung.

Was ist im „Lieferumfang“ enthalten?
Wir bringen immer fünf Hennen vorbei. Diese Anzahl darf ohne eine besondere Genehmigung im Garten gehalten werden. Aus Rücksicht auf die Nachbarn liefern wir keine Hähne aus. Außerdem bringen wir einen kleinen Hühnerstall, einen Futterautomaten, eine Wassertränke, ein Sandbad und einen Steckzaun. Dazu kommt noch ausreichend Futter, Einstreu und Sand für die vereinbarte Mietzeit. Der Mieter muss sich aber auch mal dreckig machen, die Ställe reinigen wir nicht. Falls es einen Notfall gibt, sind wir jederzeit telefonisch zu erreichen. Sollte ein Tier erkranken, tauschen wir das Huhn aus und fahren damit zum Tierarzt. Bei einem ausgerissenen Tier probieren wir Gelassenheit zu vermitteln. Ein Huhn kann keinen großen Schaden anrichten und lässt sich im Regelfall mit Futter wieder anlocken.

Glauben Sie, dass die Menschen sich wieder mehr nach dem Ursprünglichen sehnen?
Auf jeden Fall. Die Menschen werden alle wieder Tiere halten und ihre Dächer in der Stadt begrünen. Aber man erlebt die Tiere für zwei oder drei Wochen und dann geht man wieder seine Bioeier einkaufen und weiß, wo sie herkommen. Ich hatte wirklich junge Leute hier, die vor dem Stall standen und zum ersten Mal echte Hühner und Schweine gesehen haben. Das deutet auf eine große Entfremdung hin. Wenn man die Tiere einmal so erlebt hat, möchte man diese Bilder aus den Zucht- und Mastbetrieben nicht mehr sehen. Wir ermutigen die Menschen auch uns auf dem Burschenhof zu besuchen und die Tiere in artgerechter Freilandhaltung zu erleben.

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