„Bewegung ist mindestens so gut wie Tabletten“ - Standort38
und
17. April 2020
Interview

„Bewegung ist mindestens so gut wie Tabletten“

Marie-Caroline Hammerer und Dr. med. Michael Winkler, Chefärzte der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie des AWO Psychiatriezentrums Königslutter, über Gesundheit als Balance, ein neues Chefarzt-Bild und Umbruchzeiten für Psychiatrien …

Marie-Caroline Hammerer und Dr. med. Michael Winklernach dem Interview im AWO Psychiatriezentrum Königslutter. Foto: Julia-Janine Schwark.

Frau Hammerer, Herr Winkler, wie sehr belastet Ihr Job Ihre eigene Psyche?
Hammerer: Ich finde den Job nicht belastend, die Arbeit mit Menschen macht Freude. Es ist manchmal anstrengend, aber wir bekommen sehr viel positive Rückmeldungen und das gibt Kraft.
Winkler: Ich würde nicht sagen, dass es immer Freude macht. Ich bin mittlerweile aber so lange im Beruf, dass es Spaß macht, zu merken, dass man es gut kann. Abschalten kann ich nicht immer, aber auf den Autofahrten zur Arbeit versuche ich es (lacht).

Wie schätzen Sie das aktuelle Verhältnis der Bevölkerung zur psychischen Gesundheit ein?
Winkler: Es wird immer gesagt, dass die psychischen Erkrankungen zunehmen. Wir glauben aber eher, dass mehr Menschen sich trauen, zu sagen, ich habe da was an der Seele.
Hammerer: Für meine Begriffe ist das Verhältnis besser geworden. Nicht nur, weil die Patienten dazu stehen, sondern weil Ärzte Erkrankungen mittlerweile auch erkennen können.

Trotzdem stehen auf Platz zwei der Krankschreibungen psychische Erkrankungen. Depressionen zählen zu den häufigsten Erkrankungen überhaupt …
Hammerer: Depressionen waren auch schon vorher da, aber sie waren hinter körperlichen Beschwerden verschleiert.
Winkler: Sicherlich nehmen die Alltagsbedingungen als Wirkfaktor auch zu. Durch das Internet geht heute alles sehr viel schneller. Außerdem gibt es eine enorme Vernetzung in der Gesellschaft, sodass man sich schneller traut, sich zu „outen“. Ich glaube, das kommt beides zusammen.

Wie entstehen psychische Krankheiten und kann man diesen vorbeugen?
Hammerer: Wir gehen davon aus, dass es drei Komponenten sind: die genetische Komponente, das Umfeld, in dem ich aufwachse und das aktuelle Umfeld. Es gibt also Menschen, die eine genetische Veranlagung haben. Aber man dann auch vorbeugen. Wichtig hierfür ist die Aufmerksamkeit für sich selbst und ein gesundes Leben. Wir brauchen manchmal Unterstützung und müssen diese auch annehmen können. Wichtig ist mir, dass wir das langfristig in den Alltag integrieren und Grenzen setzen.
Winkler: Die ganze Burnout-Thematik hat eigentlich mit etwas Gesundem zu tun: Jemandem zu helfen und altruistisch zu sein. Das sind ja hochbesetzte Fähigkeiten, aber man muss eben rechtzeitig sagen können: Schluss, jetzt denke ich an mich.

Stopp sagen, Grenzen setzen – haben Sie sonst noch konkrete Tipps?
Winkler: Laufen oder einfach nur spazieren gehen. Bewegung ist mindestens so gut wie Tabletten, jedenfalls bei Depressionen und Angst. Und sie ist sicherlich so gut wie Psychotherapie, vielleicht sogar besser (lacht).
Hammerer: Deswegen arbeiten wir mit einem ganzheitlichen Konzept, jeder Patient kann bei uns zum Beispiel einen therapeutisch begleiteten Morgenspaziergang machen und Yoga und Entspannungsverfahren lernen. Wichtig ist aber auch eine Tagesstrukturierung.

Was ist der Unterschied zwischen körperlichem und seelischem Leiden?
Winkler: Eigentlich gibt es keinen. Schauen Sie: Rückenschmerzen hat heute fast jeder Zweite ab 40 und wenn man in guten Verhältnissen lebt und mit sich und seinem Leben zufrieden ist, hält man das eben aus. Wenn jetzt aber Probleme am Arbeitsplatz oder in der Beziehung dazu kommen …

… dann wird der Schmerz deutlicher wahrgenommen …
Winkler: Genau. Deswegen ist es für uns nicht wichtig, was körperlich und was seelisch ist. Wichtig ist das bio-psycho-soziale Bedingungsgefüge. Wir gehen bei unseren Patienten so vor, dass wir nach Ansätzen schauen, an denen Sie etwas verändern können.
Hammerer: Wir helfen Patienten auch von Medikamenten wegzukommen. Gerade bei Kopfschmerzen wissen wir heute, dass sie durch Schmerzmittel wieder ausgelöst werden können. In der Zeit des Schmerzmittelentzugs ist die Psychotherapie dann ganz wichtig.

Sind psychische Krankheiten komplett heilbar?
Hammerer: Viele unserer Patienten sind geheilt, lernen aber auch, besser auf sich aufzupassen.
Winkler: Gesundheit ist nicht frei sein von Beschwerden, sondern eine Balance der verschiedenen Faktoren. Unsere Lebensgeschichte können wir nicht mehr verändern, unser aktuelles Umfeld aber schon eher. Und wir können Menschen helfen, sich gesundheitsbewusster zu verhalten.

Welche Vorteile bietet eine Doppelspitze in der Klinik?
Hammerer: Vor allem einen sachten Übergang. Das ist nicht nur für die Kollegen, sondern auch für die Patienten gut. Ich bin bereits seit vier Jahren in dieser Klinik – zuletzt als leitende Oberärztin. Ich bin für das operative Geschäft, also die Patienten, zuständig und Dr. Winkler für Supervision, Aus- und Weiterbildung, die besonders wichtig ist, da wir in einem Wandel sind …

Das müssen Sie genauer erklären …
Hammerer: Wir arbeiten stärker an einer diagnosespezifischen Behandlung. Die Patienten kriegen Spezialtherapien, für die wir speziell ausgebildet sind. Bei uns sind das die Bereiche allgemeine Psychosomatik, Essstörungen, Trauma, Schmerzstörungen und Jung und Alt. Wir müssen daran arbeiten, diese Programme aufzubauen und immer wieder zu verändern, damit wir hier besonders qualifiziert sind.
Winkler: Wir sind eine junge Klinik und noch dabei, uns auszudifferenzieren. In so einer Phase ist der biologische Chefarztwechsel nicht gewünscht – von daher puffern wir ihn auf diese Weise ab. Wenn ein Chef geht, schafft das auf der einen Seite Labilisierung und auf der anderen Seite kommt etwas Neues in Gang – und das ist gut so.

Wie läuft die Nachfolge dann konkret ab?
Hammerer: Seit dem 1. Februar betreue ich alle Patienten in der Klinik. Nach und nach werde ich alle Aufgaben übernehmen. Gerade 2020 sind wir aber zusätzlich noch in einem zweiten Wandel, weil alle Psychiatrien und Psychosomatiken ein neues Abrechnungssystem bekommen.
Winkler: Außerdem werden die Krankenkassen kritischer, da muss man schon gewappnet sein.
Hammerer: Das wird aber auch wieder ruhiger. Und dann ist es auch wieder gut alleine zu schaffen – aber nicht aktuell.

Frau Hammerer, welche Impulse bringen Sie als neue Chefärztin mit und was können Sie von Herrn Dr. Winkler lernen?
Hammerer: Ich kann viel von ihm lernen (lacht). Mir ist es wichtig, eng an den Leitlinien zu arbeiten, dabei aber die Bedürfnisse der Patienten nicht zu vergessen. Außerdem habe ich beide Therapieverfahren erlernt – Verhaltenstherapie und Tiefenpsychologie. Dann habe ich eine suchttherapeutische Ausbildung, aber auch eine Qualitätsmanagement-Ausbildung und einen Master of Health Administration.
Winkler: Mit dem Doppelfacharzt für Innere Medizin und Psychosomatik und der Qualifikation als Psychoanalytiker verfüge ich über die klassischen Qualifikationen eines Psychosomatischen Klinikleiters. Mit Frau Hammerers zusätzlichen Qualifikationen können wir den zunehmenden ökonomischen Anforderungen noch besser begegnen. Früher musste man nicht viel über Geld reden, jetzt wird es aber immer wichtiger. Dabei kann man das, was wir hier machen, so schwer in Geld messen. Künftig wird sich das Chefarzt-Bild sicherlich verändern – dafür sind wir dann gewappnet.

Was tun Sie, wenn Sie nicht arbeiten?
Winkler: Meine Familie und meine Freunde sind mir sehr wichtig. Wenn ich Zeit habe, versuche ich das zu tun, was wir unseren Patienten raten: gesund leben, laufen, reisen und die Welt kennenlernen.
Hammerer: Mir geht es ähnlich. Ich versuche, viel Sport zu treiben, koche gerne für meine Familie und Freunde, lese gerne und lerne neue Sprachen. Ich versuche, Zeit mit meinem Mann und meinen Kindern zu verbringen, wir lieben die Berge und das Skilaufen.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft – privat, aber auch für die Klinik?
Hammerer: Ich würde das gar nicht so trennen. Zufriedenheit bei der Arbeit bringt auch viel Zufriedenheit im Privaten. Solange ich in der Klinik gut arbeite und weiterhin das Team um mich habe, bin ich zufrieden.
Winkler: Ich möchte versuchen, in der Balance zu bleiben. Und mich meinen Hobbies widmen, zum Beispiel Gitarre spielen, das habe ich als junger Mann gemacht.

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