„Das Netzwerk muss leben“ - Standort38
12. November 2019
Interview

„Das Netzwerk muss leben“

Wilfried Both und Dr. Boris Morgenroth vom Regionalkreis Braunschweig/Wolfsburg der Familienunternehmer über die tragende Bedeutung der EU, den Wunsch, etwas Bleibendes zu erschaffen, und die Erosion des deutschen Bildungssystems ...

Foto: Holger Isermann

Wilfried Both (Geschäftsführender Gesellschafter AL-Elektronik Distribution GmbH) und Dr. Boris Morgenroth (Prokurist IPRO Industrieprojekt GmbH) engagieren sich im Regionalkreis Braunschweig/Wolfsburg der Familienunternehmer. Die beiden Vorstandsmitglieder sprachen mit Standort38 über die tragende Bedeutung der EU, den Wunsch, etwas Bleibendes zu erschaffen, und die Erosion des deutschen Bildungssystems …

Herr Both, Herr Morgenroth – fangen wir ganz einfach an: Was ist eigentlich ein Familienunternehmen?

Wilfried Both: In erster Linie ein inhabergeführtes Unternehmen …

… also der klassische deutsche Mittelstand?

Both: Hier ist immer die Frage, wo der eigentlich aufhört. Die Firma Trumpf aus Baden-Württemberg hat 14.000 Mitarbeiter und macht 3,5 Milliarden Euro Umsatz. Das ist ein Familienunternehmen und Mittelstand, aber natürlich sind die meisten unserer Mitglieder viel kleiner. Der Mindestumsatz für die Aufnahme im Verband beträgt eine Million Euro, außerdem müssen es zehn oder mehr Mitarbeiter sein.

180.000 Familienunternehmen in Deutschland beschäftigen 8 Millionen Menschen. Wird die Wirtschaftsmacht der Kleinen manchmal unterschätzt und nicht ausreichend gewürdigt?

Dr. Boris Morgenroth: Das ist sicherlich richtig. Die öffentliche Wahrnehmung wird überwiegend von den Großen dominiert, aber es gibt eben auch viele Hidden Champions, die mit 100 Mitarbeitern Weltmarktführer sind.

Both: Familienunternehmen stellen 80 Prozent der Ausbildungsplätze in Deutschland. Insofern stimmt der Satz mit dem Rückgrat der deutschen Wirtschaft. Denn ohne Ausbildung gibt es keine Zukunft.

Was macht es mit einer Firma, wenn der Geschäftsführer Gesellschafter und zugleich seine Existenz mit der des Unternehmens verbunden ist?

Both: Einen guten Eindruck davon hat man während der Weltwirtschaftskrise 2009 bekommen und auch jetzt deuten sich ja wieder relativ kurzfristige Entlassungen bei den Konzernen an. Familienunternehmen denken anders – nachhaltig und in Generationen.

Wie sehr treibt der Wunsch, etwas zu erschaffen, das man an die nächste Generation übergeben kann, Familienunternehmer an?

Morgenroth: Das ist ein wesentlicher Bestandteil. Natürlich ist die Rendite ein wichtiger Parameter für uns, aber eine langfristige Strategie ist den meisten Familienunternehmen wichtiger.

Ist das eine bewusste Entscheidung oder vielleicht auch die Freiheit einer Organisation, der keine Aktionäre im Rücken sitzen?

Both: Die Entscheidungswege sind natürlich kürzer, aber eine solche von Ihnen beschriebene Freiheit gibt es in der Wirtschaft heute selten. Als Mittelständler haben Sie vielleicht keine Aktionäre, aber dafür die Bank im Hintergrund, die bestimmte Ergebnisse erwartet.

Haben Sie es in einer durch den größten Autobauer der Welt dominierten Region besonders schwer?

Both: Gutes Fachpersonal zu finden ist schwer. Da haben es unsere Kollegen in München oder Stuttgart aber nicht leichter. Uns ist deshalb die Ausbildung im eigenen Betrieb für die Fachkräftesicherung besonders wichtig.

Morgenroth: Wir brauchen kluge Köpfe, klügere als die anderen, damit Made in Germany weiterhin etwas in der Welt bedeutet. Noch schauen wir oft aus einer überlegenen Position auf Ländern wie China oder Indien, aber diese kommenden Wirtschaftsmächte investieren inzwischen sehr viel in Bildung und holen mächtig auf. Deshalb ist gerade Europa wichtig, das sich stärker als eine Wirtschaftsnation verstehen sollte …

Mehr Europa wagen?

Morgenroth: Ganz sicher. Wir dürfen uns nicht auseinanderdividieren lassen. Der nach außen hin unstimmige Auftritt ist eine der großen Schwächen der EU.

Both: Es gibt gerade einige nationalistische Politiker, die in der Öffentlichkeit behaupten, dass sie es auch ohne die EU schaffen können. Aber das stimmt einfach nicht. Wir alle profitieren von Europa – und das natürlich längst nicht nur wirtschaftlich. Wenn wir uns nicht stärker einen, haben wir im internationalen Wettbewerb keine Chance.

Sind Unternehmer damit automatisch Botschafter für Europa?

Both: Wir haben zur Europa-Wahl entsprechende Flaggen vor unseren Unternehmen gehisst …

Morgenroth: Die meisten Familienunternehmen glauben an Europa. Die wichtigste Errungenschaft, die wir überhaupt nicht mehr diskutieren, ist doch der Frieden. Diese Tatsache wird nicht mehr ausreichend von den Menschen geschätzt, stattdessen regt man sich öffentlich über Normen auf, welche die Bananen-Krümmung beschreiben. Das wird der tragenden Bedeutung der Europäischen Union nicht gerecht.

In diesem Jahr feiert Ihr Verband 70 Jahre „Das Wir in Wirtschaft“. Was ist der Familienunternehmerverband in erster Linie – eine Interessenvertretung, ein Netzwerk?

Both: Letztendlich beides.

Morgenroth: Wir positionieren uns auch, beispielsweise zur Energiewende.

In Form von Lobbyarbeit?

Both: Genau. Wir haben ein Positionspapier erarbeitet und an Expertenrunden in Berlin teilgenommen.

War der Familienunternehmerverband an der „Entschärfung“ des Klimaschutzgesetzes beteiligt?

Morgenroth: Unseren Einfluss an dieser Stelle einzuschätzen ist schwierig. Wir sind übrigens gar nicht per se gegen mehr Nachhaltigkeit. Deutschland muss grüner werden und den CO₂-Ausstoß reduzieren, aber wir dürfen die Energiewende nicht so blauäugig angehen.

Haben Sie ein Beispiel?

Morgenroth: Viele Dinge, die im Raum stehen, können wir technisch derzeit gar nicht realisieren. Für die E-Mobilität fehlen beispielsweise die nötigen Leitungsquerschnitte. Das ist ein Fakt, der einfach ignoriert wird.

Der Vorstand des Regionalkreis Braunschweig/Wolfsburg der Familienunternehmer: Dr. Werner Bösemann, Niko Glaub, Wilfried Both, Julius Junicke, Dr. Boris Morgenroth, Johann Thiele. Foto: Regionalkreis Braunschweig/Wolfsburg der Familienunternehmer

Woran liegt das?

Both: Die Politik denkt in Vierjahreszyklen, aber Themen wie die Energiewende brauchen Zeit und eine langfristige Strategie.

Die junge Generation wirft der älteren ja genau das vor – dass lange Zeit nichts passiert ist und die Klimaziele immer weiter in die Zukunft geschoben werden …

Both: Der Altersdurchschnitt in unserem Verband ist tendenziell höher, aber die Gefahr, die von der Erderwärmung ausgeht ist allen bewusst. Wir hinterfragen vielleicht die Machbarkeit der politischen Ziele, aber nicht die Energiewende selbst.

Morgenroth: Ich finde Fridays for Future toll, weil das junge Menschen sind, die sich engagieren. Jetzt ist nur die Frage, wie wir einen gesellschaftlichen Konsens finden, denn Anspruch und Wirklichkeit klaffen hier sehr weit auseinander. Wissen Sie, wie viele Windräder dieses Jahr in Niedersachsen in Betrieb genommen worden sind?

Verraten Sie es uns …

Morgenroth: 36. Das ist doch lächerlich und keine ernstzunehmende Grundlage für einen Kohle- und Atomausstieg.

Energiewende ja, aber bitte machbar?

Both: Genau. Wir wollen einen Beitrag dazu leisten, wenn die Rahmenbedingungen stimmen …

Morgenroth: … und die Wende sozialverträglich wird. Der Strompreis darf nicht immer weiter steigen.

Warum engagieren Sie sich im Familienunternehmerverband?

Morgenroth: Wir haben den Regionalkreis 2015 gegründet, um den Familienunternehmen vor Ort mehr Gewicht zu verleihen.

Wie viele Mitglieder sind Sie aktuell?

Both: 59. Das ist natürlich noch zu wenig, aber wir wachsen derzeit relativ schnell.

Was sind Ihre Wachstumsziele?

Both: Wir haben uns das Ziel gesetzt, zwischen 80 und 100 Mitglieder zu werden.

Klingt erst einmal nicht sonderlich ambitioniert. Das Potenzial dürfte doch weitaus größer sein, oder?

Both: Natürlich, aber wir müssen unsere Mitglieder intrigieren und ihnen einen Mehrwert bieten, wir beginnen gerade, unseren Verband zu etablieren. Die interessanten Veranstaltungen und der persönliche Austausch sollen ein Mehrwert für unsere Mitglieder sein, zudem versuchen wir, unsere Meinungen zu bündeln, um ihnen mehr Gewicht in der Öffentlichkeit zu geben. Das Netzwerk muss leben und sich entwickeln.

Wir haben den Industrieklub, die Kaufmännische Union, die Wirtschaftsjunioren, den AAI, den Arbeitgeberverband und zahlreiche weitere Netzwerke. Frech gefragt: Warum braucht es auch noch den Regionalkreis der Familienunternehmer?

Both: Unser gemeinsames Alleinstellungsmerkmal ist, dass wir alle Familienunternehmer sind, aber natürlich gibt es viele Schnittmengen zwischen den von Ihnen genannten Netzwerken. Wir organisieren auch zusammen Veranstaltungen.

Morgenroth: Mich treibt vor allem das Thema Bildung an.  Ich war in den letzten Jahren enttäuscht, die Erosion der Leistungsstandards in den Schulen sowie teilweise bei Universitätsabsolventen zu erleben. Das habe ich als Anlass genommen, mich zu engagieren.

Was meinen Sie damit konkret?

Morgenroth: Die Qualitätskriterien in der Schule werden immer weiter herabgesetzt. Man kann nicht mehr sitzenbleiben, Rechtschreibung spielt kaum noch eine Rolle. Das setzt sich an den Universitäten fort. Bildung ist unser wichtigster Rohstoff.

Dass die Generation an den Schalthebeln den Jüngeren Defizite unterstellt, ist kein neues Phänomen …

Morgenroth: Darüber haben schon die alten Griechen gewettert (lacht). Natürlich gibt auch immer noch die sehr guten Absolventen, aber die Masse verschiebt sich ganz deutlich – und zwar ins Negative. In anderen Ländern passiert gerade das Gegenteil und das bereitet mir ernsthaft Sorgen.

Both: Ich würde es nicht ganz so drastisch formulieren. Die junge Leute sind engagiert, aber wir müssen in der Ausbildung in unseren Unternehmen heute mehr leisten als früher. In der Schule werden wirtschaftliche Inhalte schlichtweg vernachlässigt. Deshalb haben wir unser Business4school-Projekt gestartet, an dem gerade 130 Schülerinnen und Schüler teilnehmen – abends nach Schulschluss. Das ist schon beeindruckend …

… aber es sind wahrscheinlich nicht die von Ihnen genannten Problemfälle, oder?

Morgenroth: Natürlich nicht. Weite Teile der Gesellschaft sind mittlerweile abgehängt, die Haupt- und Realschulen wurden massiv entwertet und das gesamte Bildungssystem erodiert. Ich bin Vorsitzender des Fördervereins in der Realschule Sidonienstraße. Wir werden den Verein jetzt liquidieren, weil sich von 380 Schülern nur acht Eltern engagiert haben. Damit ist so ein Verein nicht mehr tragfähig. Die Frage ist doch, wie wir diese Menschen überhaupt noch erreichen.

Die Bildungsmobilität ist in Deutschland so niedrig wie in kaum einem anderen OECD-Land. Wie fatal ist es, dass Hartz IV innerhalb von Familien vererbt wird?

Morgenroth: Ich würde das als dramatisch bezeichnen. Die Probleme sind derzeit nur nicht so sichtbar, weil wir eine hohe Beschäftigungsquote haben und auch schlecht Qualifizierte einen Job finden. Wenn wir aber tatsächlich in eine Rezession hineingeraten, werden genau diese Menschen zuerst ihre Arbeit verlieren und das Potenzial entwickeln, unser politisches System zu destabilisieren. Das ist wirklich keine Lanze für den Sozialismus, aber an dieser Stelle brauchen wir mehr Chancengleichheit.

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