Der Pandemie als Team begegnen - Standort38
13. Oktober 2020
Interview

Der Pandemie als Team begegnen

Matthias Adamski, Geschäftsführer der Wirtschafts- und Tourismusförderungsgesellschaft des Landkreises Peine, im Interview

Die Gebläsehalle in Ilsede. Foto: Wito.

Vor zwei Jahren hat Matthias Adamski die Geschäftsführung der Wirtschafts- und Tourismusförderungsgesellschaft des Landkreises Peine übernommen. Das Jahr 2020 hat bei ihm und seinen Mitarbeitenden für negative, aber auch positive Überraschungen gesorgt …

Herr Adamski, was macht den Wirtschaftsstandort Peine besonders?
Der Landkreis hat eindeutig ein 1a-Lage, zentral zwischen den wirtschaftlichen und wissenschaftlichen Kraftzentren Hannover ,Braunschweig und Wolfsburg. Die Kommunen des Landkreises sind ausgezeichnet über die Autobahnen und den Nahverkehr angebunden, bis in die Innenstadt von Braunschweig oder Hannover braucht man im Schnitt 30 Minuten. Über diese kurzen Wege würden sich viele Einwohner von großen Städte freuen.

Was bedeutet es für die Region, dass Großveranstaltungen wie das Freischießen in diesem Jahr abgesagt werden mussten?
Wenn Veranstaltungen wie das Freischießen, der Lafferder Markt, aber auch die Schützenfeste abgesagt werden müssen, geht den Organisatoren und teilnehmenden Betrieben natürlich erheblicher Umsatz verloren. Das führt in Einzelfällen zu existenzbedrohenden Finanzengpässen. Doch man darf nicht nur die finanziellen Auswirkungen betrachten. Diese Veranstaltungen wirken gerade im ländlichen Raum Identitätsstiftend und sind ein wesentlicher Bestandteil des kulturellen Lebens im Peiner Land.

Welche Auswirkungen hat es auf die Hotels und die Pensionen im Landkreis, dass zahlreiche Messen in Hannover und Braunschweig abgesagt oder verschoben wurden?
So ganz lassen sich die Auswirkungen auf das Übernachtungsgewerbe noch nicht abschätzen, allerdings ist davon auszugehen, dass einige Betriebe wegen ihrer Abhängigkeit von den Messen und Veranstaltungen in die Insolvenz gehen werden. Aber man muss auch sehen, wie sich die staatlichen Unterstützungsmaßnahmen auswirken werden.

Rund um Peine ist der Spruch „Peines Stärke: Stahl und Härke“ nicht unbekannt. Aber, der Landkreis ist größer und auch im direkten Einzugsgebiet der Stadt wandelt sich das Bild. Welche Branchen und Unternehmen prägen den Landkreis?
Traditionell steht Peine auch weiterhin für Stahl und Stahlverarbeitung. Die Bedeutung hat aber massiv abgenommen. Wenn man ganze Branchen betrachtet, haben wir noch einige Automobilzulieferer wie Röchling oder Faurecia, Kunststoffverarbeiter wie Pelikan und in zunehmenden Maße Logistiker. Für Aufsehen hat in letzter Zeit insbesondere die Ansiedlung des VW-Logistikzentrums in Wendeburg und die des Distributionszentrums von Action in Peine gesorgt sowie – ganz aktuell – die des Logistik-Riesen Fiege. Darüber hinaus haben wir noch andere interessante Betriebe im Landkreis von nationaler und internationaler Bedeutung. Ich denke da beispielsweise an die Lengeder Firmen Wilhelm Stoll Maschinenfabrik GmbH und an die Hoffmann Maschinen- und Apparatebau GmbH, die in ihrem Markt der Filtertechnik zu den weltweit führenden Unternehmen gehört.

Was sind die Schwächen des Standortes?
Leider haben wir hier keine Hochschule oder wissenschaftliche Einrichtungen, die als Kooperationspartner für die regionalen Betriebe oder Nukleus für innovative Gründungen dienen könnten. Hier müssen wir den Landkreis als für Gründer interessanten, zentral gelegenen Standort besser positionieren. Auch ist unser Landkreis stark von Automobilzulieferern und Logistik abhängig, ein größerer Branchenmix und mehr hochqualifizierte Arbeitsplätze sind aus meiner Sicht notwendig, um den Landkreis zukunftsorientiert aufzustellen.
Gibt es Gewerbegebiete, die derzeit entwickelt werden?
Im Gegensatz zu anderen Wirtschaftsfördergesellschaften sind wir nicht für die Gewerbeflächenentwicklung und deren Vermarktung zuständig. Das liegt in der Hand der jeweiligen Kommune. Allerdings wird es zunehmend schwieriger für die Kommunen, zusätzliche potentielle Gewerbeflächen zu erschließen, da niemand mehr bereit ist, sein Land, zumeist wertvolles Ackerland, zu veräußern.

Seit zwei Jahren ist Matthias Adamski Geschäftsführer der Wito.

Wie wichtig ist die Arbeit über die Landkreisgrenzen hinweg?
Wenn man national und international als interessanter Stand- und Lebensort wahrgenommen werden möchte, muss die Region zusammenarbeiten und sich gemeinsam präsentieren – für die Wirtschaft spielen kommunale Zuschnitte so gut wie keine Rolle. Aber auch, wenn es um Zukunftsthemen wie beispielsweise Wasserstoff geht gilt: nur mit einem überregionalen, koordinierten Gesamtkonzept können derartige Projekte initiiert und Fördermittel eingeworben werden. Die Gründung des Projektbüros Südostniedersachsen, das sich genau um diese Aufgaben kümmern soll, ist genau der Schritt in die richtige Richtung.

Wenn Sie auf die vergangenen Arbeitswochen blicken, was hat Sie überrascht?
Mein erster Gedanke zu Beginn der Pandemie war: Ok, fahren wir alles runter, warten ab, bis sich alles normalisiert hat und starten dann wieder durch. Weit gefehlt. Zum einen haben meine Mitarbeitenden eine große Vielfalt von Ideen entwickelt, wie die Betriebe und die Bürger in dieser Situation unterstützt werden können und zum anderen haben sich diverse Themen in der Kommunikation mit unseren Kunden und Stakeholdern ergeben. So waren wir die Ersten in der Region mit einer Corona-Hotline für Unternehmen. Und wir haben komplett mit Eigenmitteln innerhalb von zwei Wochen einen YouTube-Kanal aufgebaut, auf dem wir Live aus der Gebläsehalle senden und den wir jetzt kontinuierlich als Informationsplattform ausbauen.

An welchen Stellen werden Sie als Wirtschafts­förderer die Folgen noch lange spüren?
Insgesamt zeichnet es sich ab, dass einige Unternehmen und Soloselbständige massive Schwierigkeiten haben. Da werden wir noch einige Insolvenzen erleben. Wenn auch wohl nicht so viele, wie ursprünglich befürchtet. Dass es neue Herausforderungen gibt, sieht man auch an den Themen, die die Wirtschaft jetzt interessieren. Der Fachkräftemangel ist derzeit in den Hintergrund getreten, Liquiditätssicherung, neue Geschäftsmodelle oder neue Produkte und Dienstleistungen sind in den Fokus gerückt. Erst wenn die drängenden, unmittelbar existenzbedrohenden Themen abgearbeitet sind und die Krise überwunden, wird wahrscheinlich der Fachkräftemangel wieder zum Thema Nummer eins. Dessen sollten sich die Betriebe bewusst sein und bei allen kurzfristig existenzsichernden Aktivitäten diese langfristige Perspektive mitdenken. Da sehe ich eine Gefahr. Wenn man die sich abzeichnende Zurückhaltung bei der Einstellung von Auszubildenden anschaut, scheinen viele Arbeitgeber zu kurzfristig zu denken.

Prägendes Thema in der Krise ist auch die Digitalisierung. Wie steht es um diese im Landkreis?
Die grundlegende Breitbandinfrastruktur im Peiner Land wird derzeit zügig durch private Anbieter aber auch dem Landkreis ausgebaut, hier ist das Peiner Land gut aufgestellt. Der öffentliche Bereich hat sich bereits vor Corona intensiv mit dem Thema Digitalisierung auseinandergesetzt, das Ganze erlebt jetzt aber eine erhebliche Dynamisierung. Und: mit der IGS in Lengede haben wir, was Digitalisierung angeht, eine Vorzeigeschule, die gerade mit dem Bitkom-Bildungspreis ausgezeichnet wurde. Auch in der Wirtschaft sehen wir großes Interesse an dem Thema, aber auch erheblichen Nachholbedarf bei vielen Unternehmen. Ein Problem bleibt allemal bei uns im Peiner Land: Wir haben nur wenige Dienstleister, die sich mit diesem Zukunftsthema
beschäftigen.

Gibt es Kennzahlen, die für Ihren Erfolg wichtig sind?
Im Bereich der Wirtschaftsförderung ist eine Steuerung mittels Kennzahlen problematisch. Aber es gibt Projekte, wie die Betreuung Selbständiger, die noch ergänzend ALG II erhalten, bei denen konkrete Erfolge mess- und somit vergleichbar sind. Oder aber unsere Corona-Hotline, die in den ersten Wochen dauerausgelastet war. Dafür haben wir nicht nur von den Betroffenen ausgesprochen positives Feedback bekommen, sondern auch von der Politik und anderen Stakeholdern.

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