„Die Börse ist kein Säbelzahntiger“ - Standort38
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1. Juli 2019
Entscheider

„Die Börse ist kein Säbelzahntiger“

Kerstin Borchardt, Bastian Bosse und Thomas Ritterbusch, Vorstände der BRW Finanz AG, über eine wohlhabende wie hanseatische Region, die andauernde Niedrigzinsphase und ein Leben im Börsenzyklus ... 

Kerstin Borchardt, Bastian Bosse und Thomas Ritterbusch, Vorstände der BRW Finanz AG. Foto: Holger Isermann

Vor elf Jahren, am 15. September 2008, rauschen sämtliche Aktienkurse an der Wallstreet in den Keller. Der Tag wird als Schwarzer Montag in die Geschichte eingehen, denn der Zusammenbruch der Investmentbank Lehman Brothers löst weltweit eine Lawine aus und zieht andere Institute mit in den Abgrund. Washington Mutual, die größte Sparkasse der USA, bricht zusammen, Island steht vor einem Staatsbankrott und die Hypo Real Estate muss mit Milliardenkrediten vor dem Untergang bewahrt werden. Mitte Oktober beschließt die Bundesregierung das teuerste Gesetz der deutschen Geschichte: Einen Rettungsschirm für Banken in Höhe von knapp 500 Milliarden Euro.

Inmitten dieser Krise liegt die Geburtsstunde der BRW Finanz AG. „Ich dachte: Meine Güte, die Welt geht gerade unter und du hast deinen sicheren Hafen verlassen“, erinnert sich Thomas Ritterbusch, einer der drei Vorstände. Doch die Geschäftsidee einer transparenten und unabhängigen Vermögensverwaltung auf Honorarbasis geht auf, denn die Menschen suchen gerade in dieser Zeit Beratung, Nähe und Finanzprodukte, die man erklären und auch verstehen kann.

Heute betreut die BRW Finanz AG mit der Zentrale am Wilhelmitorwall und einem Büro in Hannover 933 Kunden – darunter Privatleute, aber auch Kirchen, Verbände und Stiftungen. Das Anlagenvolumen beträgt eine halbe Milliarde Euro – Tendenz stark wachsend. Das liegt auch an der Wirtschaftswoche. Das Magazin hat die Braunschweiger jüngst zu den besten Vermögensverwaltern Deutschlands gekürt – noch vor Branchenschwergewichten wie Berenberg oder Flossbach von Storch. So viel Aufmerksamkeit hilft bei den ambitionierten Wachstumsplänen, betonen die drei Vorstände Kerstin Borchardt, Thomas Ritterbusch und Bastian Bosse beim Titelinterview über eine wohlhabende wie hanseatische Region, die andauernde Niedrigzinsphase und ein Leben im Börsenzyklus …

Wann haben Sie das letzte Mal an Geld gedacht?

Bosse: Jetzt gerade, als Sie gefragt haben (lacht).

Stehen Sie morgens auf und das Thema spielt sofort eine Rolle?

Borchardt: Ja klar, immer.

Ritterbusch: Wir gehen mit dem Dow Jones um 22 Uhr ins Bett und wachen in schwierigen Börsenphasen nachts um 4 Uhr mit dem Nikkei wieder auf. Wir fühlen uns verantwortlich – rund um die Uhr.

Borchardt: Und beim Zähneputzen gibt’s den DAX (lacht).

Hat sich die Taktzeit der Börse ein Stück weit auf Ihr Leben übertragen?

Bosse: Ja, aber nicht negativ. Das beeinflusst uns nicht oder hält uns von den schönen Dingen des Lebens ab – vielmehr sind das die schönen Dinge. Das machen wir gerne, es macht uns Spaß. Wir schauen auch nicht jede Sekunde auf die Aktienkurse, sondern achten speziell noch einmal darauf, wenn die US-Börsen schließen.

Würden Sie sagen, dass Geld in der Gesellschaft über- oder unterschätzt ist?

Ritterbusch: Man wird nicht glücklicher, wenn man mehr Geld hat, aber es macht unabhängiger.

Borchardt: Letzten Endes definiert das auch jeder in seinem Kämmerlein unterschiedlich. Wir betreuen Kunden mit zweistelligen Millionenvermögen, dann aber auch Kunden, die uns ihr gesamtes Erspartes, vorgesehen für die Rente, anvertrauen. Jeder hat gegenüber seinem Vermögen eine andere Emotion.

Wie würden Sie Ihre beschreiben?

Borchardt: Zahlen sind für mich nicht wichtig – wir müssen das voneinander lösen. Viel wichtiger ist die übertragene Verantwortung für jemanden, der uns die Betreuung seines gesamten Vermögens anvertraut.

Bosse: Es wird Alltag. Aber es gibt auch immer mal wieder Extreme aus der Vergangenheit, die dazu führen, dass solche Begrifflichkeiten hinterfragt oder neu definiert werden. Beispielsweise die Finanzkrise 2008. Vorher hat sich niemand Gedanken gemacht, was der Unterschied zwischen Bargeld und Buchgeld ist …

2008 ist ein gutes Stichwort. Damals – mitten in der Krise – haben Sie Ihr Unternehmen gegründet. Wie sahen die Anfänge aus?

Ritterbusch: Die Lizenz wurde am 1. Januar 2009 scharf geschaltet. Ich kann mich noch genau daran erinnern. Wir hatten Mitte März 2008 bei der Nord LB gekündigt und die Finanzmarktkrise kam dann Ende 2008. Damals ging es uns sehr schlecht. Ich dachte: Meine Güte, die Welt geht gerade unter und du hast deinen sicheren Hafen verlassen.

Wann kam die Hoffnung?

Ritterbusch: Als wir gelernt haben, dass auch die Kunden Anlehnung suchten. Das war ein tolles Gefühl. Denn damit ging das Geschäftsmodell auf einmal auf: Beratung, Nähe zulassen und einfordern, gemeinsam Krisen bewältigen – das ist Honorarberatung.

Wo haben Sie damals angefangen?

Ritterbusch: Am Eiermarkt.

Borchardt: Es gab drei kleine Büros. Besprechungen fanden im Kopierraum statt, das war der einzige Ort, wo man mal vertraulich sprechen konnte. Alles war ziemlich eng und begrenzt.

Ritterbusch: Gründerlaune halt. Wir hatten noch kein Geld verdient und mussten sparen. An dieser Stelle sei auch gesagt, dass wir den damaligen und heutigen Aktionären unserer Gesellschaft, ohne die diese Geschichte niemals möglich gewesen wäre, unendlich danken. Sie haben uns unsere zweite Lebens- und Berufschance ermöglicht. Das werden wir nicht vergessen.

Herr Bosse, warum haben Sie damals in diesem bescheidenen Umfeld angeheuert?

Bosse: Ich bin ein Volksbank-Gewächs und habe nach Ausbildung und Studium 2000 dort angefangen, genau in der Krise, als der neue Markt implodierte. Damals habe ich für mich das Thema Wertpapiere erkannt und in der Folge immer weiter zur Reife geführt. Gereizt hat mich die Möglichkeit der Einbringung meiner eigenen Überzeugung.

Kann man sagen, dass Sie alle drei zu einem bestimmten Zeitpunkt mit der damaligen Branche und dem Umgang mit den Kunden gebrochen haben?

Borchardt: Bei mir war das schon so. Wir hatten ab 2005 in der Nord LB ein unglaubliches Personalabbauprogramm und mussten unseren Bereich von 40 Mitarbeitern auf 21 reduzieren, aber alle Prozesse blieben gleich. Wir mussten als Führungskräfte jeden Tag die Mitarbeiter einpeitschen –  größer, höher, weiter. Da hab ich mich schon irgendwann gefragt, ob ich mich morgens noch entspannt im Spiegel anschauen kann. Die Überlegung war, etwas ganz anderes zu machen, aber dann lief mir der Ritterbusch über den Weg (lacht).

Wie haben ehemalige Kollegen auf das Angebot der Honorarberatung reagiert?

Ritterbusch: Was die Kollegen dazu sagen, war uns immer egal. Für uns war nur wichtig, dass wir lediglich einer Seite dienen, nämlich dem Kunden. Wir mussten den Interessenskonflikt auflösen. Das geht nur mit Honorarberatung.

Auf Ihrer Internetseite bezeichnen Sie Honorarberatung als transparent und unabhängig – ist provisionsbasiertes Arbeiten automatisch das Gegenteil?

Borchardt: Wenn Sie sich in einer Bank beraten lassen, bekommen Sie in der Regel banknahe Produkte angeboten. Niemand verweist auf die eines Mitbewerbers. Damit ist man schon einmal nicht unabhängig. Außerdem wird ein Bänker die Produkte verkaufen, an denen er am meisten verdient. Das ist ganz normal, denn die Leute sind aufgrund der Zielvorgaben so sozialisiert.

Warum machen die Menschen mit?

Borchardt: Man lernt von Kindesbeinen an, dass man mit dem Geld zur Bank geht. Vielleicht dann noch zum Finanzberater, den jeder in seinem Bekanntenkreis hat. Die Vermittler, die reine Produktverkäufer über mehrere Sparten sind. Eine fundierte, allumfassende Beratung finden sie eher selten vor.

Wer kann sich Honorarberatung leisten? Nehmen wir an, ich komme mit 20.000 Euro zu Ihnen …

Bosse: Dann heißen wir Sie „Herzlich willkommen“.

Ritterbusch: Aber wir sind damit nicht kostendeckend, das muss man auch ehrlich sagen. An diesem Mandat machen wir einen Verlust.

Borchardt: Es ist untypisch, sofort viel Vertrauen übertragen zu bekommen. Die Regel ist, dass die Kunden klein beginnen und dann über die Zeit aufstocken. Wir investieren gern in Menschen und Beziehungen.

Sie schicken trotzdem niemanden weg?

Ritterbusch: Nein.

Bosse: Wir wissen ja, wo wir ihn sonst hinschicken und werden unserer Verantwortung nicht gerecht. Wenn wir uns als integraler Bestandteil einer Region betrachten, können wir nicht Nein sagen.

Als sozialen Akt sollten wir das jetzt aber nicht missverstehen, oder?

Ritterbusch: Wir machen das in der Tat nicht ganz ohne Hintergedanken. Denn dieser Kunde hat auch fünf Nachbarn. Wir möchten höhere Marktanteile, also investieren wir.

Honorarberatung bleibt also ein exklusives Modell für Vermögende?

Ritterbusch: Wir haben jetzt eine halbe Milliarde Volumen, das ernährt uns und damit können wir es uns leisten, in der Breite zu beraten. Sonst wäre es schwierig.

Wie einzigartig sind Sie mit dieser Größe, der Überzeugung und Ausrichtung deutschlandweit?

Bosse: Im Register sind deutschlandweit nur 19 Honorarberater eingetragen. Da ist keiner vergleichbar.

Ritterbusch: Quirin ist der Größte, dann kommen wir …

Bosse: … aber wir machen es inhaltlich anders.

Inwiefern?

Bosse: Wir tragen keinen Bauchkasten an Produkten vor uns her oder lassen Wildwuchs zu. Wir investieren bei BMW und jeder Kunde, der Ja zur Aktie sagt, hat dann BMW in seinem Portfolio. Die damit entstandenen schlanken, aber zielgerichteten Strukturen, haben wir so am Markt selten gesehen.

Ritterbusch: Im vermögensverwaltenden Bereich gibt es 450 Lizenzen, aber nur zehn Prozent haben ein eigenes Research. Wir haben eins, weil wir nur das machen wollen, was wir verstehen und nur das dann auch erklären können.

Auf Ihrer Internetseite stehen folgende Sätze: „Niemals werden wir im vermeintlichen Kundeninteresse spekulieren. Was wir nicht verstehen, unterlassen wir. Was wir nicht verständlich machen können, bieten wir nicht an.“ Wie ernst meinen Sie es damit?

Bosse: Hundertprozentig. Lieber versprechen wir weniger, halten das dann aber auch. Und wir sagen auch mal Nein, wenn ein Kunde mehr erwartet.

Borchardt: Nehmen Sie das Thema Zertifikate. Da blickt niemand wirklich durch und so etwas machen wir nicht. Wir sind „back to the roots“ gegangen und sagen „Aktien, Anleihe und Liquidität“. Nichts Verpacktes …

Ritterbusch: … und keine Wetten auf irgendetwas.

Bosse: Wir haben ja auch eine Vergangenheit. Jeder von uns hat 20, 30 oder mehr Jahre Erfahrung in der Branche. Wir kennen diese Produkte, können sie anderen erklären und uns selbst einbilden, wir haben sie verstanden. Und dann kommt die Finanzmarktkrise und alles Verständnis ist dahin. Das ist ganz oft der Fall bei strukturierten Finanzprodukten. Wir wollen handlungsfähig bleiben und deshalb sind wir nur in liquiditätsnahen Produktwelten unterwegs.

Was halten Sie von Kryptowährungen?

Bosse: Es ist gut, dass es sie gibt. Wir haben aber bislang noch nicht investiert, weil die Kryptowährung, die wir als nachhaltig erachten, noch nicht geboren ist. Momentan ist das im Wesentlichen Spekulation, aber man kann prognostizieren, dass eine Technologie, die auf Blockchain aufbaut, grundsätzlich in der Lage wäre, den Weg in die Zukunft zu bereiten, wenn das Thema Energieeffizienz anders gedacht wird.

Wie geht es der Weltwirtschaft derzeit?

Bosse: Wirtschaft ist nie einfach und eine Makroprognose der Wirtschaft weltweit unmöglich. Jeder hat seine Meinung, aber die Güte von Prognosen macht sich erst im Nachhinein fest. Schauen Sie auf die Finanzmarktkrise. Die hat niemand prognostiziert.

Welche Aussage trauen Sie sich zu?

Bosse: Wir schauen immer aus Sicht eines Langfristinvestors auf ein mögliches Investment. Wir beschäftigen uns nicht mit kurzfristigen Stimmungen am Markt und Charts, sondern blicken auf Unternehmen wie z. B. Apple, weil wir das Produkt greifen können.

Brexit, Italien, China und die USA – Wirtschaft und Weltpolitik sind gegenwärtig besonders eng miteinander verzahnt: Müssen gute Börsenanalysten auch ein Stück weit Politikversteher sein?

Ritterbusch: Wir versuchen, Politik komplett auszublenden. Politische Börsen haben kurze Beine. Insofern wird es immer Peaks geben. Wenn Nordkorea einen Knopf drückt, gibt es Bewegungen an den Börsen, das hat aber nichts mit einem Fundamentalinvestment in Apple oder Coca Cola zu tun. Der Konsum wird sich nicht namenhaft verändern. Der Preis geht runter, der Wert bleibt.

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