Fünf Stunden sind genug!

Lasse Rheingans, Geschäftsführer der Bielefelder Agentur Rheingans Digital Enabler über die Herausforderungen und Vorzüge der 25-Stunden-Arbeitswoche

Foto: Margarete Klenner Fotografie

Herr Rheingans, Ende 2017 haben Sie in Ihrer Agentur den Fünf-Stunden-Tag eingeführt. Was bewegte Sie dazu?

Ich bin ein sozialer Mensch mit vielen Interessen und Hobbies, habe zwei Kinder und gehe gerne raus und treffe mich mit Leuten. Durch meine lange Arbeitserfahrung weiß ich, dass es in vielen Berufen sehr häufig zu vielen Überstunden kommt, während die Mitarbeiter darüber hinaus auch ständig über verschiedene Kanäle erreichbar sind. Das alles unter einen Hut zu bekommen, ist ziemlich schwer und häufig mit einer Menge Stress verbunden. Das beweisen auch viele Studien über den Anstieg von Burnout-Zahlen und den psychischen Erkrankungen im Job. Da liegt es nahe zu glauben, und das ist meine Überzeugung, dass die Arbeitsstrukturen von gestern überhaupt nicht mehr zeitgemäß sind.

Woran liegt das?

Wir leben in einer Zeit, in der das Leben immer schneller wird und die von einem digitalen und kulturellen Wandel geprägt ist. Menschen wollen sich nicht mehr für ihren Beruf aufopfern, sondern suchen eine ausgeglichene Work-Life-Balance. Wieso also nicht ein Umfeld schaffen, in dem Mitarbeiter 100 Prozent geben können und gleichzeitig dennoch die Zeit haben, sich am Nachmittag zu erholen. Inspiriert hat mich Stephan Aarstol, ein Standup-Paddelbretter-Hersteller aus den USA, der in seinem Unternehmen die Arbeitszeit verkürzte, seinen Mitarbeitern eine Beteiligung um 5 Prozent am Gewinn versprach und im Gegenzug doppelte Produktivität verlangte.

Welche Herausforderungen brachte der Wandel mit sich?

Wenn man die gleiche Arbeit aus acht Stunden in fünf Stunden schaffen will, muss man eine Produktivitätssteigerung von knapp 40 Prozent erreichen. Da entsteht anfangs natürlich ein gewisser Druck. Das Konzept ist ein ständiger Lernprozess und wir erhalten täglich Feedback von den Mitarbeitern – durch eine digitale Feedbackliste. So wissen wir, wo Optimierungsbedarf besteht und welchem Mitarbeiter wir vielleicht noch unter die Arme greifen müssen.

Wie sehen hier die Maßnahmen aus?

Dafür haben wir eine „Task Force“ gegründet, in der vier Mitarbeiter sich um das Wohl und die Learnings der Mitarbeiter kümmern und das Feedback evaluieren und gemeinsam Lösungen erarbeiten. Zusätzlich kommt das Soziale natürlich während der Arbeitszeit zu kurz. Dafür haben wir aber zum Beispiel einen Kochclub am Freitag gegründet, an dem jede Woche ein anderer Mitarbeiter kocht und wir gemeinsam Mittag essen. Generell treffen wir uns aber auch mal zum Grillen oder abends in der Kneipe.

Welche positiven Erfahrungen konnten Sie mit dem Fünf-Stunden-Tag machen?

Ein Vorteil ist, dass die produktivsten Stunden eines Mitarbeiters abgefangen und hundert Prozent ausgenutzt werden. Vor allem, weil sie ausgeruhter und dadurch motivierter sind. Ich bin überzeugt, dass von ausgeruhten und motivierten Mitarbeitern sowohl Kunden, als auch der Unternehmenserfolg profitieren. Außerdem ist das Konzept eine bessere Ausgangslage für Chancengleichheit. Wenn alle gleich arbeiten, werden zum Beispiel Frauen, die eigentlich aus privaten Gründen in Teilzeit arbeiten, zu einem gleichberechtigen Teammitglied. Und auch Männer können nachmittags die Zeit mit ihren Kindern verbringen. So brechen wir die klassische Rollenverteilung innerhalb der Familie auf. Dazu kommt, dass das Konzept den Anforderungen der Generation Y, die immer mehr in den Arbeitsmarkt tritt, gerecht wird, was ein wesentlicher Vorteil im Wettbewerb der Unternehmen um Fachkräfte ist.

Würden Sie das Modell unterm Strich weiterempfehlen? Was sind die ersten Schritte, die Nachahmer einleiten sollten?

Eine Weiterempfehlung des Modells kann ich pauschal nicht für jedes Unternehmen aussprechen. Fakt ist aber, dass durch die Digitalisierung immer mehr Aufgaben wegfallen und von Computern übernommen werden. Der Wandel der Zeit will es also, dass wir Prozesse optimieren. Deshalb ist ein Umdenken in der Gesellschaft und die Neugestaltung von Arbeitsmodellen und -prozessen erforderlich. Der erste Schritt sollte immer ein Gespräch mit den Mitarbeitern sein. Es ist wichtig, dass die Einführung neuer Arbeitsmodelle in Absprache mit den Mitarbeitern geschieht, um die Wünsche der Mitarbeiter zu berücksichtigen. Daraus abgeleitet sollte jedes Unternehmen individuell seine Interpretation von neuen Arbeitsmodellen ableiten. Das kann der Fünf-Stunden-Arbeitstag sein, muss es aber nicht.

 

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