„Handwerk ist eine Denkweise“ - Standort38
und
2. September 2019
Interview

„Handwerk ist eine Denkweise“

Detlef Bade, Präsident, und Eckhard Sudmeyer, Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer Braunschweig-Lüneburg-Stade, in einem Gespräch über ein veraltetes Image, aufgeweichte Grenzen zur Industrie und goldenen Boden …

Foto: Holger Isermann

Ausgebreitet auf einem Werktisch liegen Zangen, Draht und eine Schere – daneben ein Bündel Borstenmaterial. Minutiös fädelt der Besenmacher eine Drahtschlaufe durch eines der Löcher im Bürstenholz und zieht mit ihr eine Hand voll Borsten durch die Öffnung. Loch für Loch wird der Besen so bestückt und am Ende mit einem Holzdeckel verschraubt. Heute ist der Beruf des Besenmachers längst eine Rarität, wurde er Ende des 18. Jahrhunderts Opfer der ersten Industrialisierungswelle. Damals habe man das Ende des Handwerks prognostiziert, sagt Eckhard Sudmeyer, Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer Braunschweig-Lüneburg-Stade. Zu Unrecht, denn vielmehr sei diese Katalysator neuer Berufsfelder geworden.  Heute boomt das Handwerk mehr denn je. Rund 612 Milliarden Euro Umsatz konnte das Gewerbe laut Zentralverband des Deutschen Handwerks 2018 generieren. Doch der Schuh drückt, denn der Fachkräftemangel macht sich deutlich bemerkbar – knapp 150.000 Stellen blieben 2017 nach Angaben des Statistischen Bundesamts unbesetzt. Letztendlich spürt das der Kunde, der bis zu drei Monate auf den nächsten freien Handwerkertermin warten muss. Nicht zu vergessen, die Bremse namens Bürokratisierung. „Der Meister sitzt heute viel am Schreibtisch“, kritisiert Detlef Bade, der in seiner zweiten Amtszeit als Präsident im flächenmäßig größten Kammerbezirk Deutschlands die Interessen von rund 28.000 Betrieben vertritt. Fakt ist: Im Handwerk ist Raum für Entwicklung – denn nicht zuletzt habe es nach wie vor goldenen Boden, betonen Bade und Sudmeyer beim Titelinterview im kammereigenen Technologiezentrum an der Hamburger Straße …

Herr Bade, Herr Sudmeyer, Handwerk hat goldenen Boden – gilt das Sprichwort noch heute?

Bade: Das gilt mehr denn je – jetzt, wo es nicht mehr genug Handwerker auf dem Markt gibt. Hier ist enormer Raum für Entwicklung – Handwerker gründen, kommen vorwärts, haben Erfolg, sie werden gebraucht und haben ein gutes Einkommen. Mehr kann man sich in seinem Job doch nicht wünschen.

Sudmeyer: Seit sechs Jahren erreichen wir in unseren Konjunkturumfragen Spitzenwerte und das in fast allen Handwerksbranchen. Vor allem der Bau- und Ausbaubereich boomt.

Gibt es Branchen, die sich weniger positiv entwickeln?

Sudmeyer: Einige Branchen befinden sich in einem regelrechten Strukturwandel – das betrifft insbesondere die Nahrungsmittelhandwerker. Bäckereien filialisieren zunehmend und ähnliches trifft auch auf Fleischereien zu. Da bekommen wir durchaus Rückmeldungen, dass es nicht so gut läuft.

Handwerker verdienen durchschnittlich 2.769 Euro brutto im Monat. Wie groß sind die Unterschiede in den einzelnen Gewerken und sind diese gerechtfertigt?

Sudmeyer: Das kann man pauschal nicht beantworten. Dann käme ja auch die Frage auf, warum Fußballer im Vergleich so viel verdienen.

Das heißt, eine Gerechtigkeitsfrage würden Sie nicht stellen?

Bade: Handwerker werden nach Tarifen bezahlt, deren Höhe die Innungen und Kreishandwerkerschaften mit den Gewerkschaften aushandeln. Daran haben sich die Innungsmitglieder zu halten – das ist eine Gerechtigkeit, die wir verwirklichen können – und im Grunde halten sich alle Betriebe daran.

Sudmeyer: Wir sind übrigens kein Tarifpartner. Das unterscheidet uns auch von den Industrie- und Handelskammern.

Weil Sie keine reine Arbeitgebervertretung sind?

Bade: Genau. Unsere Selbstverwaltung besteht zu zwei Dritteln aus Arbeitgebern und zu einem Drittel aus Arbeitnehmern.

Wie hat der Mindestlohn das Handwerk verändert?

Bade: Handwerker entscheiden gerne selbst über ihre Tarife. Deswegen halte ich persönlich eine Mindestlohnregelung nicht für die richtige Lösung. Das sollte man den Sozialpartnern überlassen. Grundsätzlich war die Frage des Mindestlohns in den meisten Handwerken gar nicht relevant, weil die Arbeitnehmer ohnehin weit über dem Mindestlohn bezahlt wurden. Es hat also bei uns keinen großen Ruck gegeben und heute, bei dieser Konjunktur, wird sogar über Tariflohn gezahlt.

Sudmeyer: Deshalb hat man gegen die Höhe eines etwaigen Mindestlohns nie etwas gesagt. Wohl aber gegen die bürokratische Umsetzung …

Weil der Aufwand gestiegen ist?

Sudmeyer: Genau. Seit der Einführung des Mindestlohns vor fünf Jahren haben wir viele Rückmeldungen von Betrieben bekommen, die sich schlankere Verfahren wünschten.

Viele Handwerksbetriebe sind Kleinbetriebe und familiär geführt. Leiden diese besonders unter der zunehmenden Bürokratisierung?

Bade: Ja, das ist eine Herausforderung. Denn damit sind nicht nur zusätzliche Buchhaltung, sondern auch Weiterbildungen verbunden. Dafür braucht man Zeitressourcen, die viele Meister lieber anderweitig einsetzen würden – Der Meister sitzt heute viel im Büro.

Sudmeyer: Das ist schon etwas, worauf wir häufig angesprochen werden und wo wir als Mittler zwischen Politik und Betrieben aktiv sind.

Welche Größe haben Handwerksunternehmen im Schnitt?

Sudmeyer: Einen Mittelwert gibt es eigentlich nicht, denn momentan können zwei strukturelle Veränderungen deutlich verzeichnet werden: Auf der einen Seite nehmen Kleinstbetriebe, insbesondere die kleinste Größe, nämlich Ein-Personen-Unternehmen, stark zu. Auf der anderen Seite wächst die Zahl größerer Betriebseinheiten. Es gibt gerade hier in der Region mittlerweile relativ große Betriebe mit fünfzig Mitarbeitern aufwärts.

Wie dramatisch ist der Fachkräftemangel im Handwerk? Und ist dieser gewerkabhängig?

Sudmeyer: Ganz sicher ist er das. Das hat ein Stück weit mit der historischen Entwicklung der Berufe und ihrer Attraktivität zu tun. Dabei wird das veraltete Image, dass Handwerk dreckig ist und nur aus körperlicher Arbeit besteht, dem längst nicht mehr gerecht. Das versuchen wir auch mit bundesweiten Image-Kampagnen zu verändern. Handwerk ist kein vergangenheitsbezogener Wirtschaftszweig, sondern im Gegenteil ein hoch zukunftsbezogener, in dem unglaublich viel passiert.

Wie haben sich die Ausbildungszahlen in den vergangenen Jahren entwickelt?

Sudmeyer: Wir haben vor zehn Jahren prognostiziert, dass wir erhebliche Einbrüche bei den Lehrlingszahlen haben werden – hatten wir aber nicht. Sie sind auch nicht großartig gewachsen, aber wir haben immerhin geschafft, dass die Zahlen konstant geblieben oder sogar moderat gestiegen sind.

Trotzdem bleibt der Fachkräftemangel nach wie vor eine Herausforderung. Warum?

Bade: Das Problem ist ein anderes: Immer mehr Selbstständige gehen in Rente. Und gleichzeitig begeben sich die Nachzügler immer seltener in eine Selbstständigkeit, weil ihnen ein sicherer Arbeitsplatz wichtiger ist.

Ist das besonders dramatisch in Regionen wie unserer, in denen es viele erfolgreiche Arbeitgeber gibt?

Sudmeyer: Das könnte man vermuten. Jedoch ist die Selbstständigenquote in den letzten Jahren vollkommen branchenunabhängig gesunken. Ein weiterer Grund ist sicherlich, dass viele das Risiko scheuen.

Welche Rolle spielt der demografische Wandel im Handwerk?

Sudmeyer: Der geburtenstärkste Jahrgang der Babyboomer geht jetzt in den Ruhestand. Das sorgt auch bei uns für Verluste. Die Betriebe wissen aber sehr wohl, was auf sie zukommt und versuchen, gegenzusteuern. Das merken wir zum Beispiel daran, dass in den letzten Jahren Betriebe ausbilden, die früher nicht ausgebildet haben oder die wir nach einer längeren Auszeit wieder als Ausbilder gewinnen konnten.

Als das Thema Flüchtlinge in Deutschland allgegenwärtig war, schürte das die Hoffnung im Handwerk, viele der jungen Leute zu integrieren und den Fachkräftemangel ausgleichen zu können. Hat sich das bewahrheitet?

Bade: Hoffnung, dass damit alles gelöst würde, hatten wir nicht. Aber uns hat sich eine gesellschaftliche Aufgabe gestellt, der wir gemeinsam begegnen mussten. Wir brauchen Auszubildende und da ist ein Potenzial, das integriert und in die Wertschöpfung unseres Landes aufgenommen werden muss. Dieser Prozess läuft noch.

Sudmeyer: Ich glaube, dass wir das wirklich vorbildlich gemacht haben und durch das Engagement der Kammern das Problem mit abfangen konnten. Wir haben im gesamten Bezirk rund 600 Flüchtlinge in Ausbildungsverhältnissen. Das ist viel. Natürlich lösen wir damit in den Betrieben nicht das gesamte Problem, aber es hilft.

Holger Schwannecke, Generalsekretär des Zentralverbands des Deutschen Handwerks, sprach im Bundestag von „erheblichen, fast dramatischen Brüchen“, die die Novellierung der Handwerksordnung 2004 mit sich brachte. „Weniger Qualifizierung, weniger Ausbildung, weniger Meisterprüfungen.“ Was bedeutet das in der Konsequenz? Warum ist der Meisterbrief so wichtig?

Bade: Man hat uns in den Jahren, in denen die Handwerksordnung novelliert wurde, nichts Gutes getan. Versprochen hat man sich viele neue Betriebe und Selbstständige – und in vielen Bereichen ist es auch so gekommen – aber genauso schnell waren sie wieder weg, weil die Kompetenzen fehlten.

Sudmeyer: Vielen ist gar nicht klar, dass man, um bestimmte Handwerksberufe nach 2004 ausüben zu können, gar keine Voraussetzungen mehr braucht. Man muss nichts gelernt haben, um sich als Fliesenleger selbstständig zu machen.

Bade: Und das ist nicht der einzige Beruf. Vielen geht es genauso. Deshalb sind in vielen Bereichen Ausbildungszweige zusammengebrochen. Letztendlich ist das ja auch für den Kunden nicht gut, der denkt, dass er einen Fachmann engagiert hat.

Auch interessant