„Man macht das Falsche perfekt und damit perfekt falsch“ - Standort38
18. März 2020
Interview

„Man macht das Falsche perfekt und damit perfekt falsch“

Prof. Dr. Michael Braungart im Interview

Prof. Dr. Michael Braungart im Interview. Foto: Julia-Janine Schwark.

Am Rande des 16. Braunschweiger Immobilienfrühstücks sprachen wir mit Prof. Dr. Braungart, Chemiker und Mitentwickler des „Cradle to Cradle“-Ansatzes darüber, warum ein größerer Fußabdruck vielleicht doch gar nicht so schlecht ist, was wir wirklich wollen und warum weniger schlecht nicht gleich gut ist …

Herr Braungart, das Thema Nachhaltigkeit ist gerade in aller Munde. Was unterscheidet Nachhaltigkeit von „Cradle to Cradle“?
Nachhaltigkeit ist ein Moralthema. Man fühlt sich verantwortlich und um die Probleme unseres gesundheits- und umweltschädlichen Verhaltens kennenzulernen, war das die richtige Strategie. Ein schlechtes Gewissen war angemessen. Aber Nachhaltigkeit ist wie Riesenrad fahren – lineares Denken im Kreis sozusagen und Innovation ist nicht nachhaltig. Echte Innovation verändert die Gesellschaft. Im Immobiliensektor geht es um eine viel bessere Qualität. Sollte ich wirklich einen großen Fußabdruck vermeiden? Oder sollte ich lieber einen so großen Fußabdruck haben, dass ein neues Feuchtgebiet daraus entstehen kann?

Sagen Sie es uns …
Cradle to Cradle ist ein kulturelles Konzept. Für weniger schlecht sind wir viel zu viele Menschen. Selbst wenn wir unseren Lebensstandard halbieren würden, wären wir viel zu viele. Wir können nicht zurück. Deshalb geht es wirklich darum, Innovationen zielstrebig umzusetzen.

Weniger schlecht ist nicht gleich gut, heißt es im „Cradle to Cradle“-Ansatz. Was heißt das für die Immobilienbranche?
Dass man denkt, es wäre eine gute Idee, Autos zu Baustahl zu verarbeiten und dass man damit den Baustahl recycelt. Das bedeutet aber, dass wertvolle Buntmetalle wie Nickel und Kobalt verloren gehen. Gleichzeitig steigt der Kupfergehalt im Baustahl an und der Stahl wird dadurch schlechter. Ein anderes Beispiel sind Gipskartonplatten aus Altpapier. Das Altpapier ist nicht für Recycling gemacht. Wenn ich das Gebäude energieeffizient mache und versiegle, dann kommen die Schadstoffe aus dem Papier. Das ist einfach gesundheitsschädlich. Die Luftqualität in den Gebäuden ist achtmal schlechter als städtische Außenluft. Das heißt, man macht das Falsche perfekt und damit perfekt falsch.

Woran kann ich mich als Immobilienbesitzer orientieren, um es besser zu machen?
Limburg in den Niederlanden ist zu einer Modellregion für „Cradle to Cradle“ geworden. Dort gibt es beispielsweise ein Rathaus, in dem die Luft im Gebäude besser ist, als außen. Der Krankenstand dort ist im Durchschnitt 20 Prozent niedriger. Dadurch ist das Gebäude letztlich auch kostengünstiger, wenn man Bau und Betrieb zusammenrechnet.

Sie zertifizieren auch „Cradle to Cradle“-geeignete Produkte …
Es gibt insgesamt 11.000 „Cradle to Cradle“-zertifizierte Produkte. Aber wir sollten viel mehr nach der Qualität fragen. Ich untersuche seit 34 Jahren Muttermilchproben. Ein Drittel der Schadstoffe darin kommt aus dem Gebäudebereich. Würde ich ein Muttermilch-geeignetes Gebäude bauen, wäre es ein wesentlich besseres Gebäude. Die Zertifizierung ist ein Hilfsmittel dafür. Es bringt aber nichts, wenn 90 Prozent der Produkte „Cradle to Cradle“ sind, aber die letzten zehn Prozent die Leute trotzdem krankmachen. Das wäre so, als würde ich zu einem Erschossenen sagen „Es sehen 99 Prozent gesund aus.“ Das kleine Loch in der Stirn macht den Unterschied. In den 60er-Jahren des letzten Jahrhunderts hat man gutes Handwerk mit schlechter Chemie ersetzt – damit sind wir noch ganz am Anfang, das zu beheben.

Glauben Sie, dass sich viele Menschen dieser Gefahr bewusst sind?
Ich habe in einer mittleren Kleinstadt 16 Kindergärten untersucht. Keiner hält die Feinstaubgrenzwerte für draußen ein. Die Menschen müssen endlich begreifen, dass es keine zusätzlichen Kosten sind – es ist eine Innovationschance. Larry Page hat sich mit mir in Verbindung gesetzt und mich gebeten, für ihn ein Gebäude ohne Feinstaub zu konstruieren. Er hat begriffen, dass er durch Feinstaub rund sieben Jahre Lebenserwartung verliert. Menschen wie der Google-Gründer sind um drei Dinge besorgt. Sie hoffen, so lange zu leben, bis das ewige Leben erfunden wurde. Da sind wir nah dran, die Gene abzuschalten, die das Altern bei uns absichtlich verursachen, um Platz für die neue Generation zu schaffen. Deshalb geben sie auch wahnsinnig viel Geld für die Krebsforschung aus, um dem vorherigen Tod zu entgehen. Sie haben sich bis heute nicht davon erholt, dass Steve Jobs sozusagen mit keinem Geld der Welt zu retten war. Das zweite sind Unfälle. Autonomes Fahren geht hauptsächlich auf die Leute von Google zurück, die es satthaben, dass ihnen ihr Leben durch einen Idioten mit Handy am Steuer genommen wird. Das Dritte ist die Umwelt. Und wenn wir das verbinden: Gesundheit und Umwelt, dann wissen wir, dass wir genau dort handeln müssen.

Larry Page, Steve Jobs … wie kann ich als „normaler“ Mensch „Cradle to Cradle“ umsetzen?
Es sind einfache Dinge. Ersetzen Sie Laserdrucker durch Tintenstrahldrucker, die geben nichts Giftiges ab. Oder verwenden Sie Teppichböden, die aktiv die Luft reinigen und nicht nur giftig sind. Innovation, Qualität, Schönheit – darum geht es.

Glauben Sie, dass man den „Cradle to Cradle“-Ansatz irgendwann zu 100 Prozent umsetzen kann?
Natürlich, wir sind als Menschen doch lernfähig. Wir sind die einzigen Lebewesen, die Müll machen. So dumm ist sonst niemand. Wir können unsere Intelligenz doch dafür einsetzen, alle Dinge zu Nährstoffen zu machen. Natürlich wollen wir Waschmaschinen und Fernseher haben. Aber eigentlich brauchen wir 3.000 Mal waschen und keine Waschmaschine. Würden wir das Gerät leasen, würde der Hersteller das beste Material nehmen und nicht den letzten Dreck. Wenn die Geschwindigkeit so bleibt, wird 2050 alles auf dieser Welt „Cradle to Cradle“ sein. Die Rohstoffknappheit lässt gar nichts anderes zu.

Setzen Sie den Ansatz zu 100 Prozent in Ihrem Alltag um?
Nein, sonst würde ich nur Zuhause sitzen und mich ständig bewachen. Ein Transatlantikflug kostet mich durch die Neutronenstrahlung alleine eine Woche Lebenserwartung. Ich habe auch in der chinesischen Düngemittelindustrie gearbeitet, weil die Menschen dort durch den Phosphor im Dünger weggestorben sind wie Fliegen. Da habe ich selbst viel Radioaktivität aufgenommen. Aber es war mit das Beste, was ich für die Menschheit geleistet habe. Dadurch sind 50.000 Menschen weniger an Lungenkrebs gestorben. Ich bin nicht perfekt, mein Motto ist „Entschieden, aber nicht konsequent.“ Wie es in der Bibel sicherlich richtig heißt: Wer sein Leben retten will, der wird es damit auch verlieren.
Was wünschen Sie sich für die Zukunft?
Ich wünsche mir, dass jungen Menschen wie Sie ihren fröhlichen und offenen Blick für die Welt behalten und das Sie keine Panik haben. 2100 werden wir die gleichen Werte an Kohlendioxid haben, die wir 1900 hatten. Es gibt bereits zwei Projekte, in denen wir das Kohlendioxid direkt wieder ausfrieren. Wir holen uns das CO2 zielstrebig zurück. Das werden Sie noch erleben.

Cradle to Cradle
Das „Cradle to Cradle“-Prinzip (dt. von Wiege zu Wiege) wurde Ende der 90er-Jahre von dem deutschen Chemiker Michael Braungart und dem US-amerikanischen Architekten William McDonough entworfen. Es ist ein Ansatz für eine durchgängige und konsequente Kreislaufwirtschaft. Dahinter steckt die Idee, von Anfang an in kompletten Produktionskreisläufen zu denken und auf diese Weise keinen Müll im herkömmlichen Sinne entstehen zu lassen. Bei „Cradle to Cradle“-Produkten werden entweder biologische Nährstoffe in den biologischen Kreislauf zurückgeführt oder als technische Rohstoffe kontinuierlich in technischen Kreisläufen gehalten. Alle verwendeten Materialen werden nach Gebrauch weiterverwendet oder ohne schädliche Rückstände kompostiert.

Gastredner Prof. Dr. Michael Braungart, Mark Uhde (Vorstand der Volksbank BraWo), Gerold Leppa (Geschäftsführer der Braunschweig Zukunft GmbH) und Matthias Wunderling-Weilbier (Landesbeauftragter für regionale Landesentwicklung) begrüßten rund 150 Gäste zum 16. Braunschweiger Immobilienfrühstück. Foto: Peter Sierigk.

16. Braunschweiger Immobilienfrühstück
Die Braunschweig Zukunft GmbH begrüßte am 12. Februar rund 150 Gäste aus Wirtschaft, Wissenschaft und Politik zum 16. Braunschweiger Immobilienfrühstück. Mit dem Gastredner Prof. Dr. Michael Braungart, Gründer der EPEA GmbH und des Hamburger Umweltinstitutes, hatte die Wirtschaftsförderung einen Pionier der Kreislaufwirtschaft eingeladen. Gerold Leppa, Geschäftsführer der Braunschweig Zukunft GmbH, sprach über die aktuelle Entwicklung der Stadt: „Sowohl im Europaviertel, im Bahnhofsumfeld sowie im Förderprojekt Bahnstadt haben wir die Möglichkeit, ein attraktives Zusammenspiel aus Wohnraum, Einzelhandel, Freizeitangeboten sowie Büro- und Gewerbeflächen zu schaffen.

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