„Regnose ist nur ein schillerndes Wort“ - Standort38
20. Mai 2020
Interview

„Regnose ist nur ein schillerndes Wort“

Ein Interview mit Sven Gábor Jánszky, Gründer und Chairman des 2b Ahead ThinkTanks

Zukunftsforscher Sven Gabor Janszky, 2b AHEAD ThinkTank GmbH, Leipzig Deutschland. Foto: Jörg Gläscher.

Sven Gábor Jánszky, Gründer und Chairman des 2b Ahead ThinkTanks, in einem Gespräch über Zukunfts­szenarien, gelebte Demokratie und Spekulationen abseits der Wissenschaftlichkeit …

Herr Jánszky, wie verbringen Sie gerade die Zeit des Social Distancing?
Ich bin im Homeoffice und meine Arbeitstage sind aktuell ehrlich gesagt stressiger als vorher. Von morgens um sieben bis abends habe ich im Halbstundentakt Teambesprechungen, Interviews oder Webinare. Und im Hintergrund springen meine drei Kinder rum (lacht). Was viele andere auch erleben, spüre ich gerade am eigenen Leib.

Wie blicken Sie als Zukunftsforscher aktuell auf die Corona-Pandemie? Befinden wir uns in einem Ausnahmezustand?
Es ist ein Ausnahmezustand, aber kein dramatischer. Es ist eine Ausnahme, ein begrenzter Zeitraum, der herausfordernd und stressig ist – und danach ist es wieder gut.

Sie leiten das größte Zukunftsforschungsinstitut Europas. Warum haben wir Sie in den vergangenen Wochen nicht als Experte in Talkshows angetroffen?
Das Problem, vor dem die Zukunftsforschung momentan steht, ist, dass uns keine validen Daten vorliegen, anhand derer wir verlässlich den weiteren Verlauf voraussagen können. Aus meiner Berufserfahrung weiß ich aber, dass man in Talkshows zu genau solchen Interpretationen aufgefordert wird. Das sehen wir aktuell in den vielen Gesprächsrunden mit Virologen und Medizinern, die die Zukunft der Gesellschaft vorhersehen. Als Wissenschaftler macht man keine Aussagen, die über den eigenen Wissenshorizont und die eigene Expertise hinausgehen.

Welche Möglichkeiten haben Sie, trotzdem einen Blick in Richtung Zukunft zu werfen?
Wir arbeiten am Institut mit der Szenario-Methode. Das heißt, zu einem bestimmten Zeitpunkt wird sich die Zukunft trennen und es entstehen mögliche Wege, sogenannte Szenarien, die beschreiben, wie es weitergehen kann. Diese Methode halte ich momentan für die einzige Möglichkeit, mit der Situation umzugehen.

Wann wäre der nächste Zeitpunkt, an dem sich unsere Zukunft gabelt?
Das wird Pfingsten sein, denn bis dahin laufen die staatlichen Hilfsprogramme. Danach muss es für die Wirtschaft eine Richtungsentscheidung geben. Zwei Kennzahlen sind dann entscheidend: Die der Infizierten und die der Infektionsketten.

In Ihrer aktuellen Studie haben Sie gleich fünf Szenarien gezeichnet. Wie sehen diese aus?
Nach der Entscheidung der Bundesregierung am 15. April scheiden Szenario eins „Als wäre nichts gewesen“ und vier „Der Ausnahmezustand“ aus. Das heißt, es kommt nicht zu einer Freigabe der Maßnahmen, weil die Infektionsketten noch nicht unter Kontrolle sind. Wir befinden uns aber auch nicht in einem Ausnahmezustand, weil sich der Anstieg der Infektionszahlen deutlich abgemildert hat.
Das noch mögliche Szenario zwei haben Sie mit „Die Befreiung vom Italien-Fluch“ betitelt. Warum?
Da sich die Infektionsketten zwar noch nicht gebessert haben, die Infektionszahlen allerdings schon, erkennt die Regierung, dass Deutschland nicht den italienischen Weg gehen wird. Bisher sind alle Entscheidungen der Regierung von der Angst, Italiens Beispiel zu folgen, getrieben und sämtliche Maßnahmen wurden kopiert. Eine Orientierung an Beispielen wie Südkorea oder Taiwan wäre dann passender.

Dafür müsste die Bundesregierung auf Massentests und digitale Lösungen wie Apps setzen …
Genau. Wir wissen, dass durch diese Maßnahmen und die strengen Quarantäne-Vorschriften die Situation dort schnell in den Griff bekommen wurde.

Wie würde es in diesem Szenario nach Pfingsten weitergehen?
Auf diese Weise würden wir erreichen, dass bis Pfingsten sowohl die Infektionsketten als auch die -zahlen in Ordnung sind und es zu weitgehenden Lockerungen kommt.

Wie sieht Szenario drei aus?
Das folgt Szenario zwei, mit dem Unterschied, dass zu Pfingsten die Zahl der Infizierten ok, aber die der Infektionsketten noch nicht in Ordnung ist. Dann ist die in den Medien bereits viel diskutierte Prognose, dass Risikogruppen zuhause bleiben müssen, die anderen aber wieder auf die Straße dürfen, sehr wahrscheinlich. Das beinhaltet quasi eine Vereinbarung zwischen den Generationen, weshalb wir das Szenario auch „Ein neuer Generationenvertrag“ nennen. Die Wahrscheinlichkeit, dass wir über den Sommer wieder einigermaßen zu einem Normalzustand zurückkehren, ist relativ hoch, aber mit der Einschränkung bestimmter Gruppen – wahrscheinlich bis ein Impfstoff gefunden wurde.

Bleibt noch Szenario fünf „Der dauerhafte Shutdown“ …
Dieses Szenario tritt ein, wenn die Zahl der Infizierten zwar nicht mehr exponentiell, aber dennoch weiterhin stark ansteigt und die Infektionsketten nach wie vor nicht unter Kontrolle sind. Die Epidemie hält sich permanent, aber durch Kontaktsperren kann das Gesundheitssystem stabil gehalten werden. Deshalb wird der Shutdown verlängert.

Bis wann?
Im Prinzip bis ein Impfstoff gefunden wird. Im schlimmsten Fall hält der Shutdown dann bis zu zwölf Monate an.

Ein Zustand, der fast unmöglich zu halten wäre …
Ich persönlich halte dieses Szenario auch für eher unwahrscheinlich. Das würde zu einer dauerhaften Depression in Deutschland führen.

Anfang März ging die Corona-Rückwärts-Prognose des Trend- und Zukunftsforschers Matthias Horx viral. Lassen Sie uns dazu ein, zwei Worte verlieren. Wie bewerten Sie diese Regnose?
Lassen Sie mich dazu zwei Worte sagen. Erstens hat es Horx so dahingestellt, als sei die Regnose eine neue Erfindung. Das ist großer Quatsch. In der Wissenschaft heißt diese Methode Backcasting, wurde ungefähr 1950 in den USA am Hudson Institute erfunden und Zukunftsforscher nutzen diese Methode jeden Tag. Regnose ist nur ein schillerndes Wort für etwas, das es seit 70 Jahren gibt.

Und Ihr zweiter Gedanke?
Beispiele wie: die Welt werde durch die Krise menschlicher und in den Fußballstadien gäbe es keine rassistischen Gesänge mehr, sind reines Wunschdenken. Verstehen Sie mich nicht falsch, ich fände das auch schön, aber als Wissenschaftler gibt es dafür kein einziges Signal, nicht mal ein weiches. Das ist eine positive Utopie und hat den Boden von Wissenschaftlichkeit komplett verlassen.

Gibt es Punkte, in denen Sie mit Horx übereinstimmen?
Nein. Er hat seinen Aufsatz veröffentlicht, als in den Medien eine absolut Apokalypse-Stimmung herrschte. In dieser Situation den Menschen Hoffnung zu geben, darin würde ich ihm zustimmen. Aber seine Vorhersagen sind unseriös.

Was würden Sie sagen wiegt mehr: Der Einfluss der Krise auf die Wirtschaft oder auf die Gesellschaft?
Das hängt davon ab, wie lange dieser Zustand noch andauert. Wenn es kurzfristig zu Ende geht und bis Sommer ein relativer Normalzustand eintritt, dann ist der Einfluss auf die Wirtschaft größer als auf die Gesellschaft. Denn die Wirtschaft kann nicht so einfach in den Normalzustand zurückkehren, wenn sie abhängig von weltweiten Lieferketten ist. Wenn wir auch über den Sommer hinweg zuhause bleiben müssen, wird es für die Wirtschaft natürlich auch schwierig, aber es wird Starthilfen geben, um die Auswirkungen zu verringern.

Und die Auswirkungen auf unsere Gesellschaft?
Die werden dann größer sein, denn, wenn die im Grundgesetz garantierten Freiheitsrechte so lange außer Kraft gesetzt werden – ohne politische Debatte – dann verändert sich im Demokratieverständnis der Menschen etwas. Die einen resignieren, die anderen rebellieren. Pfingsten ist für mich persönlich das absolute Enddatum, das den Menschen schon viel abverlangt.

Wie können Entscheider mit dem ungewissen Ausgang der Krise umgehen?
Im Augenblick passen wir bei unseren Kunden die Unternehmensstrategien an die möglichen Zukunftsszenarien an. Je nachdem, wie sich die Situation weiterentwickelt, zieht man dann die passende Strategie aus der Schublade und verhält sich entsprechend. Das kann im Prinzip jeder Unternehmer für sich selbst machen. Das bedeutet verantwortliches Handeln.

Gab es in der Vergangenheit vergleichbare Krisen?
Wir hatten in den letzten Jahren immer mal Krisen. Denken Sie an die Zeit, als Aids aufkam. Die Schweinegrippe und die Vogelgrippe waren auch furchtbar. Aber keine dieser Krisen hat zu einem Lockdown geführt. Insofern kann man sagen, dass seit dem Zweiten Weltkrieg die Auswirkungen der Corona-Epidemie die größte Einschränkung an Freiheitsrechten bedeutet. Den Vergleich, wir hätten kriegsähnliche Zustände, halte ich aber für völlig übertrieben.

Welche neuen Erkenntnisse konnten Sie persönlich aus der Corona-Krise gewinnen?
Die erste persönliche Erkenntnis ist eine Art Bestätigung, dass wir Zukunftsforscher mit unseren Methoden sehr robust und nützlich auch mit solchen Krisensituationen umgehen können. Zukunftsforschung taugt nicht nur für Schönwettersituationen.
Was mich überrascht hat, ist, wie einfach man Freiheitsrechte, für die unsere Vorfahren Jahrhunderte gekämpft haben, binnen kürzester Zeit abschaffen kann. Ohne Gegenwehr.

Sie hätten sich demnach in der Politik mehr Opposition gewünscht?
Ja, denn die war im Bundestag nicht spürbar. Und es gibt keinen Gegenvorschlag zu dem, was die Regierung macht. Das hat mich persönlich ehrlich gesagt etwas geschockt und sagt viel darüber aus, wie wir Demokratie leben und wie wir diese Rechte wahrnehmen.

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