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„Wir können uns nicht in den Kulturtempel zurückziehen“

Dr. Thomas Richter, neuer Direktor des Herzog Anton Ulrich-Museums Braunschweig, im Interview

Foto: Stephanie Link

Herr Richter, Sie sagen, insbesondere Braunschweig biete sich für innovative und gesellschaftlich wirksame Museumsarbeit an. Können Sie das erläutern?

Braunschweig ist eine große Stadt mit vielen verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen und dazu eine Wissenschaftsstadt wie keine zweite in dieser Ausprägung. Das sind ideale Voraussetzungen, um als Museum verschiedenste Interessen anzusprechen.

Wie sehen Ihre Pläne für das Museum aus?

Ich möchte von der Vorstellung wegkommen, dass das hier nur ein Haus der alten Kunst ist. Wir haben ein bedeutendes historisches Fundament, das soll auch so bleiben. Aber ich muss nicht weiter daran arbeiten, dass das HAUM als Kronjuwel wahrgenommen wird – das haben schon meine Vorgänger getan. Ich möchte vielmehr ein zweites Standbein aufbauen für neue Themen mit Gegenwartsbezug, um jüngere Zielgruppen anzusprechen. Das Museum ist eine gesellschaftliche Institution – wir sind kein Mekka für speziell Interessierte.

Wie hat sich das Verhältnis von der Gesellschaft zur Kunst in den letzten Jahren verändert?

In Zeiten des Internets wird oft von einer Krise gesprochen – ich kann diese Krise nicht sehen. Im Gegenteil: Ich sehe einen Boom. Digital können viel mehr Menschen erreicht und informiert werden.

Digitalisierung spielt also zukünftig eine zentrale Rolle?

Auf jeden Fall. Wir können uns nicht in den Kulturtempel zurückziehen und erwarten, dass alle zu uns kommen, wenn sie etwas lernen wollen – das ist heute genau umgekehrt. Wir müssen aus dem Museum raus und auf die Menschen zugehen.

Aktuell entwickeln sich Ihre Besucherzahlen rückläufig …

Dass die Besucherzahlen im Jahr einer Neueröffnung erheblich höher sind als im laufenden Betrieb ist völlig normal, von daher würde ich noch nicht von einer rückläufigen Entwicklung sprechen. Aber natürlich ist es eine Herausforderung, angesichts der Dichte und Qualität von Freizeitangeboten die Besucherzahlen eines Museums hoch zu halten.

Wie begegnen Sie dieser Herausforderung?

Wir müssen unsere Thesen neu formulieren und zwar so, dass diese nicht nur ein elitärer Kreis verstehen kann. Ein Besuch im Museum dient nicht nur der Bildung, er kann die Menschen berühren und ihre Emotionen ansprechen. Genau das ist ja auch das große Potential von Kunst – sie kommt aus dem Innersten der Menschen und bringt deshalb in ihren Betrachtern etwas zum Klingen.

War die Neugestaltung des Museums durch Ihren Vorgänger ein Schritt in die richtige Richtung?

Definitiv. Viele Museen haben aber Schwierigkeiten, in der Folge einer Neuaufstellung Menschen für ihre Dauerpräsentationen zu begeistern. Viele fühlen sich dann mit den Sälen und den vielen Objekten etwas alleingelassen. Zukünftig sollen bei uns neben Sonderausstellungen vor allem auch kostengünstige Familienprogramme und Workshops zum Erfolg beitragen.

Wie steht es in der Region um konkurrierende Museen?

Wir haben hier eine vielfältige Museumslandschaft und sind auch Teil eines sehr aktiven Museumsverbands. So entstehen Kooperationen, auch mit kleineren Museen und man kann sich gegenseitig den Rücken stärken. Als Konkurrenz für das HAUM sehe ich die anderen Museen nicht. Unsere Sammlung ist einmalig und wir werden deshalb schon seit langer Zeit als eine Art Denkmal wahrgenommen. Das kann auch zum Problem werden.

Inwiefern profitiert das HAUM dann von solchen Kooperationen?

Bei einem Museum unserer Größe ist es wirtschaftlich schwierig, in rascher Folge eigene Sonderausstellungen auf internationalem Niveau zu realisieren. Deshalb öffnen wir unseren Sonderausstellungsbereich zukünftig auch für andere Partner und für Ausstellungsübernahmen. Wir müssen ja alle gemeinsam darauf achten, wie wir unsere Ressourcen ganz gezielt einsetzen.

Können Sie das konkretisieren?

Zukünftige Schwerpunkte werden die Interaktion mit dem Publikum und eine fundierte Arbeit in der Pädagogik sein. Nicht so sehr die Kunstankäufe oder die Forschungstätigkeit, die sich für die Menschen außerhalb vor allem in Büchern niederschlägt. Wir werden das nicht aufgeben, wir müssen nur die Größenordnung unseres Engagements neu justieren.

Wie funktioniert das Museum wirtschaftlich?

Wir sind Teil des öffentlichen Dienstes, hier gibt es Beamte und Angestellte und viele befristet tätige Kolleginnen und Kollegen. Finanziell verfügen wir über ein Jahresbudget als Teil des Landesbetriebs der drei Braunschweiger Landesmuseen. Natürlich deckt dieses Budget nur die Grundausgaben des Hauses und es ist in großem Umfang nötig, dass wir Spenden und Drittmittel für unsere Projekte einwerben. Wir haben keine Rücklagen oder sonstige finanziellen Ressourcen wie ein privatwirtschaftlich organisierter Betrieb.

Welchen Umsatz generiert das Museum jährlich?

Über Umsatz sprechen wir bei einer Kultureinrichtung nicht, da wir ja keine Güter und Produkte verkaufen. Unser Bildungsauftrag setzt voraus, dass wir niederschwellige Angebote für die gesamte Bevölkerung vorhalten und das kostbare kulturelle Erbe erforschen und bewahren. Das sind alles Dinge die wichtig sind, aber keinen Gewinn abwerfen. Der Haushalt des HAUM beträgt jährlich etwa 4.5 Millionen Euro. Der Großteil dieses Geldes wird allein für das Personal und den Unterhalt der Gebäude verwendet. Um den steigenden Mehrbedarf zu rechtfertigen, müssen wir den Menschen außerhalb noch viel deutlicher zeigen, was wir hinter den Kulissen täglich leisten und dass das kein Selbstzweck ist.

Was war in den vergangenen Jahren der wertvollste Neuzugang?

Vier Kleinplastiken aus Elfenbein von Balthazar Permoser, einem der großen Barockplastiker in Deutschland. Zusammen mit der Fritz Behrens Stiftung konnte mein Vorgänger Jochen Luckhardt noch vor kurzem für 2,5 Millionen Euro ein hoch bedeutendes Werk für das Haus zurückerwerben. Das ist eine Erwerbung, die Geschichte machen wird. Es ist eine sehr hohe Summe, aber er hat da völlig richtig gehandelt. Wenn sich mir eine solche Gelegenheit böte, würde ich diese auch sofort ergreifen. Das ist das Kapital dieses Hauses – wir profitieren heute davon, dass man schon immer auf das Beste geschaut hat.

Welche Bedeutung kommt dem HAUM heute zu?

Das Museum ist nach wie vor etwas ganz Besonderes, mit einer langen Tradition und einem hohen Stellenwert, sowohl national als auch international. Die fürstliche Sammlung hat eine ganz eigene DNA – und eine immens hohe Qualität. Das Haus hat deshalb hohe Ansprüche …

… auch an Sie?

Selbstverständlich. Das reizt mich ungemein. Und es ist natürlich eine entscheidende Etappe in meinem Berufsleben.

Inwiefern?

Meine ersten Sporen im Museumswesen habe ich mir bei den Staatlichen Museen in Kassel verdient. Und jetzt, nach einer vielfältigen 20-jährigen Berufslaufbahn, schließt sich ein Kreis und ich bin wieder in einer ehemals fürstlichen Sammlung gelandet.

Ihr Vorgänger Dr. Jochen Luckhardt hinterlässt große Fußspuren: 4410 Neuerwerbungen, die Erweiterung und umfassende Sanierung der Gebäude und eingeworbene Drittmittel in Höhe von 23 Millionen Euro …

Ja, Kollege Dr. Luckhardt hat besondere Schwerpunkte gesetzt und auch erfüllt. Hier gilt es anzuknüpfen, aber auch neue Themen zu besetzen: Das heißt zum Beispiel, das HAUM für möglichst viele Menschen zu öffnen und neue Partner für gemeinsame Projekte in einer digitalen Welt zu finden. Über die Zeiten gerechnet, trägt jeder etwas zu der großen Geschichte dieses einzigartigen Museums bei.

Welche Künstler inspirieren Sie in Ihrer Arbeit?

Nicht nur bildende Künstler. Den Philosophen Michel de Montaigne lese ich immer wieder, weil er so viel Witz hat, sich und seine Zeit ganz ungeschminkt und auf Augenhöhe mit dem Leser wiedergibt. Er erzählt von seinen Leibschmerzen genauso wie von der Politik und das in einer schönen, aber auch sorgfältig sortierten Sprache. Man taucht in diese Zeit ein, das finde ich klasse. Ein Vorbild. Genauso fundiert, verständlich und zugewandt sollte unser Umgang mit der Kunst auch sein. Für unser Publikum im Museum.

Zum Zentrum der Sammlung gehören auch holländische Werke des 17. und 18. Jahrhunderts wie „Hochzeit von Tobias und Sara“ von Jan Steen. Foto: Stephanie Link
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