„Wir leben nicht artgerecht“

Sven-David Müller, Medizinjournalist und Ernährungsexperte, im Interview

Pressesprecher, Ernährungsexperte, Medizinjournalist, Theaterkritiker – Sven-David Müller ist immer in Bewegung, doch zu Dysstress lässt er es nicht kommen. Foto: Tarik Kettner

Nine to five – das ist für viele Unternehmer pure Utopie. Denn mit großer Verantwortung gehen oftmals auch ein stressiger Alltag, unzählige Meetings und Verpflichtungen einher. Fraglos werden deshalb redundante Zeitfresser detektiert und getilgt. Erste Ressource: die Mittagspause. Ein kleiner Happen, oftmals eine Zucker- und Fettbombe, praktisch ohne Vitamine und Mineralstoffe, vor dem nächsten Termin muss reichen. Für viele Unternehmer stehe eine ausgewogene Ernährung auf Prio Zwei, sagt Sven-David Müller. „Dabei hängt der Fortschritt eines Unternehmens auch und insbesondere von ihrer Gesundheit ab.“ Schon sein ganzes Leben beschäftigt sich der Ernährungsexperte und Medizinjournalist mit Diäten, stressbasierten Krankheiten und, wie könnte es anders sein, mit gesunder Ernährung. Wir trafen den gebürtigen Braunschweiger zu einem Gespräch über Körperbewusstsein, ein Kartell von Meinungsmachern und die gesundheitlichen Gefahren eines Lebens auf der Überholspur.

Herr Müller, was sind die häufigsten Fehler in der Ernährungsplanung?

Viele Menschen denken gar nicht erst über das Essen nach, sondern achten im Supermarkt vornehmlich auf den Preis oder schauen, welche Trendfoods gerade in sind. Man sollte sich dazu zwingen, langsamer zu werden – in der Informationsaufnahme wie in der Ernährung selbst.

Oftmals bleibt dafür im stressigen Berufsalltag aber nur wenig Zeit …

Ich denke, das ist ein großes Problem unserer Gesellschaft. Alles muss immer schneller gehen, Effizienz auf Biegen und Brechen gehoben werden. Dabei muss man sich Zeit für sich und seinen Körper nehmen. Den Unternehmern würde ich raten, das einfach zu akzeptieren. Sie können und dürfen das. Wenn sie das nicht tun, sterben sie halt früher.

In Ihrem Buch „Die 50 besten Entzündungskiller“ sagen Sie, dass jeder Mensch, zu jeder Zeit des Lebens, mindestens eine größere Entzündung im Körper hat. Wieso bemerken wir diese nicht?

Es gibt sogenannte stille Entzündungen, auch als „Silent Inflammation“ bezeichnet. Diese haben ihre Ursache oftmals im Darm und zeigen sich in Symptomen wie Abgeschlagenheit oder Müdigkeit, ein sich körperlich und psychisch Unwohlfühlen. Oft wird sowas als Befindlichkeitsstörung deklariert. Es können aber auch Migräne oder gar ein Herzinfarkt daraus resultieren. Dabei denkt man nicht unvermittelt an eine Entzündung. Eigentlich ist eine Entzündung auch nur die normale Abwehrreaktion des Körpers auf äußere Einflüsse. Es sei denn, sie läuft unkontrolliert ab.

Wie kommt es dazu?

Unsere Umweltbedingungen sind heutzutage förmlich lebensfeindlich. Psychischer Stress, physischer Stress, Umweltgifte, Feinstaub, aber auch Abgase von Autos – dem gegenüber verhält sich unser Körper auch. Wir leben nicht artgerecht.

Können Sie das näher erläutern?

Der Mensch ist heutzutage vollständig degeneriert. Sowohl muskulär als auch im Verhalten. Wir gehen nicht schlafen, wenn wir müde sind, trinken nicht, wenn unser Körper Flüssigkeit benötigt und essen nicht, wenn uns Energie fehlt. Wir essen, wenn wir Appetit haben. Das ist ein psychisches Verlangen, kein körperliches.

Wir verstehen unseren Körper also nicht mehr ausreichend?

Ja. Beziehungsweise unser Körper versteht uns nicht und wundert sich über unser Verhalten. Die Globalisierung und das Leben in einer Industriegesellschaft sorgen dafür, dass wir krank im Körper und in der Seele sowie im schlimmsten Falle im Geiste werden. Aber man kann das leider nicht ändern. Ein einfaches Beispiel: Wir sind bekleidet, deswegen produzieren wir nicht ausreichend Vitamin D.

Aber wir können uns ja nicht wieder zurückentwickeln …

Doch – wir können nicht nur, wir müssen. Sonst gefährden wir unseren Planeten und uns selbst. Wenn wir die Umwelt schützen und die Erde erhalten wollen, müssen wir uns überlegen, was wir naturgemäßer machen können. Wie können wir besser essen oder schlafen? Wie können wir unseren Stress abbauen?

Haben Sie einen Tipp?

Psychischen und körperlichen Stress nimmt man oftmals nicht war. Wir sollten uns deshalb Ruhezeiten gönnen und uns auf uns selbst besinnen. Sonst straft uns der Körper mit Krankheiten. Das ist in der Gesellschaft messbar.

Inwiefern?

Der Depressionsstatus ist momentan so hoch, dass man davon ausgehen muss, dass es einem Drittel der Bevölkerung psychisch jeden Tag schlecht geht. Man muss für sich selbst Verantwortung übernehmen. Und als Arbeitgeber auch für die Gesundheit der Mitarbeiter. Man bedenke nur einmal, wie viele Menschen ihre Pause nicht einhalten.

Das heißt, Mitarbeiter sollten zu Pausen gezwungen werden?

Unbedingt. Und Pausen sollten sinnvoll genutzt werden. Das heißt: weg vom Smartphone, nach draußen an die frische Luft gehen, durchatmen. Und natürlich gesund und entspannt essen.

Was macht gesunde Ernährung aus?

Der Slow-Food-Trend geht in die richtige Richtung. Das bedeutet, auf den Nährwert zu achten, viel pflanzliche Lebensmittel aufzunehmen wie saisonales Obst und Gemüse. So wird die Vitamin- und Mineralstoffversorgung des Körpers verbessert und die Versorgung optimiert. Man merkt dann nach kurzer Zeit, dass es dem Körper besser geht.

In Ihrem Buch „Die Zuckerlüge“ sprechen Sie von einem Kartell von Meinungsmachern, das festlegt, welche Lebensmittel angeblich gut und welche schlecht sind. Wer steckt dahinter?

Zu diesem Kartell gehöre ich als Autor im Endeffekt ja auch. Auf mich kommt es aber nicht an. Man darf nicht übersehen, dass die Lebensmittelindustrie eine der größten Industrien weltweit ist. Und natürlich bestimmte Wünsche an den Absatz von Produkten hat.

Das heißt, Ernährungstrends wie Super Foods sind am Ende nur leere Worthülsen?

Genau. Aber in der Bevölkerung funktionieren Konzepte wie „Gut und Böse“ nun mal sehr gut. Trennkost zum Beispiel. Da kann man die Lebensmittel in zwei Gruppen teilen. Das passt den Menschen. Dabei kommt es darauf an, was man im Durchschnitt zu sich nimmt.

Sie sind in jungen Jahren an Diabetes Typ I erkrankt. Wie sehr hat Sie das geprägt?

Sehr. Ohne die Erkrankung hätte ich sicherlich keine Medizin- und Ernährungsratgeber geschrieben. Ich merke an mir selber, welchen Einfluss Essen auf meinen Blutzuckerspiegel hat. Deshalb kann ich Aussagen wie „Das ist doch vollkommen egal, das kann man ausgleichen“ nicht nachvollziehen.

Die deutsche Nationalbibliothek weist 201 Buchtitel in mehr als 14 Sprachen von Ihnen auf. Wie viele Bücher haben sie bislang verkauft?

Etwa sieben Millionen.

Sie selbst sind ziemlich umtriebig, schreiben neben Ihrem Vollzeitjob als Pressesprecher beim Leibniz-Institut DSMZ Ratgeber, treten in Fernsehshows auf und gehen abends ins Theater, um anschließend Kritiken zu verfassen. Wie fahren Sie von dem ganzen Alltagsstress runter?

Ich habe nie Dysstress. Ich würde nie so viel machen, dass es mir nicht guttut.

Haben Sie einen persönlichen Ernährungsgeheimtipp?

Viel Kaffee trinken. Das heißt nicht 20 Tassen am Tag. Wir nehmen viele Antioxidantien in großer Menge über Kaffee und nicht nur über Obst und Gemüse auf.

Oftmals wird über Kaffee gesagt, dass dieser die Magenschleimhaut angreift …

Das kann er nicht. Wenn man über Ernährungsempfehlungen spricht, darf man eines nicht vergessen: Wir sind alle unterschiedlich. In der Ernährung wird immer das verallgemeinert, was in der Statistik und in der Theorie für das Mittlere gut ist. Das heißt nicht, dass es für mich gut ist. Der Mensch ist unique, auch in Sachen Ernährung.

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