Banken und Versicherungen sind mittlerweile die Guten (2/4) - Standort38
und
28. Juni 2015
Portraits

Banken und Versicherungen sind mittlerweile die Guten (2/4)

Dr. Stefan Hanekopf, seit Anfang des Jahres neues Mitglied im Vorstand der Öffentlichen Versicherung Braunschweig, im Interview

Entspannt und hoch konzentriert: Dr. Stefan Hanekopf beim Interview in seinem Büro mit Blick auf das Messegelände. (Foto: Holger Isermann)


Und bei der Öffentlichen Lebensversicherung?

Dort haben wir eine andere Ausgangsposition. Über die Lebens- und Rentenversicherungsprodukte haben wir eine extrem lange Vertragsbeziehung zwischen dem Kunden und uns. Die Zinsgarantien in diesen Produkten liegen bei durchschnittlich drei Prozent. Um diese Garantien in allen Marktphasen sicher erfüllen zu können, haben wir insbesondere am Anfang dieses Jahrtausends sehr langlaufende und sichere festverzinsliche Wertpapiere (bis zu 50 Jahre) mit Zinssätzen von fünf bis sechs Prozent gekauft. Diese bilden auch heute noch einen Großteil unseres Portfolios. Das bedeutet, dass wir unsere Zinsgarantien auch in der Zukunft jederzeit erfüllen können.


Wie groß ist Ihr persönlicher Anteil am Erfolg der Anlagestrategien?

Ich möchte dies gerne andersrum formulieren: Die Entscheidungen, die wir damals gemeinschaftlich als Verantwortliche für die Kapitalanlagen getroffen haben, sind in der Branche belächelt worden. Warum? Weil die Zinsen von zehn Prozent Anfang der 90er-Jahre auf sechs Prozent gefallen waren und die marktprognoseorientierten Kapitalanleger gesagt haben, dass sie wieder steigen werden. Tatsächlich sind die Zinsen jedoch weiter in Richtung Null gesunken. Jetzt haben wir in Deutschland und in Europa den berühmten japanischen Zinsmarkt und wir haben rechtzeitig Vorkehrungen dafür getroffen. Das lässt mich heute sehr, sehr ruhig schlafen.


Gerade in wettbewerbsintensiven Versicherungsbereichen, wie der KFZ-Versicherung, funktioniert der Wettbewerb über den Preis. Können Sie hier konkurrenzfähig zu den Internetversicherern sein?

Wir haben als Serviceversicherer mit unserem sehr hohen Marktanteil in den letzten Jahren ungefähr genauso viele Kunden an Direktversicherer verloren wie wir neue Kunden von Direktversicherern hinzugewonnen haben. Wir sind deswegen wettbewerbsfähig, weil wir und unsere Berater hier in der Region präsent sind und beispielsweise über unsere Schadenschnelldienste sehr kundenorientiert, zeit- sowie kosteneffizient die Schäden regulieren können. Das ist, wenn ich meine Zentrale in München habe und der Schaden in Flensburg eintritt, so nicht gewährleistet. Direktversicherer haben, so der Kunde keine provisionsbelastenden Vergleichsportale nutzt, vielleicht bei Vertragsabschluss einen kleinen Kostenvorteil, in der Schadenregulierung haben sie aber einen großen Nachteil, weil sie nicht vor Ort sind und weder die Menschen noch die Werkstätten kennen.


Bereitet Ihnen die Digitalisierung denn gar keine Sorgen?

Das Thema ist mit Chancen und mit Risiken verbunden. Wir sind bei unserer IT-Ausrichtung in der Vergangenheit ungewöhnliche Wege gegangen und versorgen mittlerweile als einziger europäischer Versicherer das gesamte Haus über Standard-Softwarelösungen. Das war ein sehr langwieriger und teurer Prozess. Heute haben wir durch diesen weitsichtigen Antritt meines Vorgängers Bernd Höddinghaus nicht nur einen zeitlichen Wettbewerbsvorsprung von fünf bis zehn Jahren. Wir sind auch in der Lage, sehr kosteneffizient und professionell Kundenportale aufzubauen, unsere Vertriebe optimal über mobiles Internet arbeiten zu lassen, unsere Mitarbeiter in der Direktion noch flexibler und mobiler mit Kunden und Vertriebspartnern zu verbinden, die zeitliche Verfügbarkeit der IT von 21 Stunden an sieben Tagen zu ermöglichen oder in der Zukunft Prozesse von der Antragstellung bis zum Eingang der Police in der Mailbox des Kunden in Echtzeit, also in weniger als einer Minute, komplett digital abzubilden.


Das Thema private Altersvorsorge ist politisch in einer Zeit höherer Zinsen angeschoben worden. Ist das Modell aus gesetzlicher und privater Rente auch gegenwärtig noch für den Ottonormalverbraucher tragbar?

Fragen wir anders herum: Was gibt es für Alternativen? Die niedrigen Zinsen bedeuten vor allem, dass ich mich früher mit der Materie beschäftigen muss, was jungen Menschen oft relativ schwer fällt. Aber in Kombination kann aus gesetzlicher, betrieblicher und privater Altersversorgung immer noch eine insgesamt gute Absicherung für das Alter entstehen.


Die kritischen Stimmen in Medien und Öffentlichkeit gegenüber privater Altersvorsorge mehren sich dennoch…

Der Lebens- und Rentenversicherungswirtschaft wird ja immer wieder vorgeworfen, dass man keine ausreichenden Erträge für die Kunden erwirtschaften würde oder die Vertriebe zu teuer seien. Das kann ich nur eingeschränkt nachvollziehen: Anfang der 90er-Jahre gab es auf dem Zinsmarkt zehn Prozent jährliche Verzinsung für eine zehnjährige Bundesanleihe also nahezu ohne jedes Risiko. Damals haben die Lebens und Rentenversicherer zwar insgesamt nur rund sieben Prozent geboten, wurden aber sehr positiv bewertet. Heute ist die Situation genau anders herum. Wir bieten aktuell Überschussleistungen von insgesamt mehr als vier Prozent, obwohl am Zinsmarkt weniger als ein Prozent bezahlt werden, und trotzdem bewerten manche Medien, Politiker und Kunden unsere Leistungen meines Erachtens zu Unrecht negativ.

 

Lesen Sie weiter:

„Banken und Versicherungen sind mittlerweile die Guten“ – Dr. Stefan Hanekopf, seit Anfang des Jahres neues Mitglied im Vorstand der Öffentlichen Versicherung Braunschweig, im Interview (3/4)

Auch interessant