Das Rückgrat der Beschäftigung - Standort38
1. November 2013
Industrie & Maschinenbau

Das Rückgrat der Beschäftigung

Prof. Dr.-Ing. Heinz Jörg Fuhrmann, Vorstandsvorsitzender der Salzgitter AG, im exklusiven Interview

"Die Salzgitter AG ist neben Volkswagen das Rückgrat der Beschäftigung in der Region." (Foto: Michael Löwa)

Die Stahlbranche befindet sich in einer Krise und die Salzgitter AG steckt mittendrin. Meist wird erst in schwierigen Zeiten deutlich, welche Qualitäten einen Unternehmenslenker auszeichnen, welche Maßnahmen er ergreift, Entscheidungen trifft und Lösungen findet. An der Spitze des Konzerns, der rund 25.500 Mitarbeiter beschäftigt, steht Prof. Dr.-Ing. Heinz Jörg Fuhrmann. Der 56-jährige Vorsitzende des Salzgitter-Vorstands hat Eisenhüttenkunde und Wirtschaftswissenschaften studiert, begann seine industrielle Laufbahn im Jahr 1983 in der technischen Betriebswirtschaft der Klöckner-Werke AG. Dort wurde er 1986 Leiter der Unternehmensstrategie und 1990 Leiter der Hauptabteilung Verarbeitung/Technische Organisation. Im selben Jahr promovierte er mit Auszeichnung an der Technischen Universität Berlin. Nach verschiedenen Stationen im Klöckner-Konzern wechselte der Duisburger 1995 zur Preussag Stahl AG, aus der 1998 im Zuge des Börsengangs der Salzgitter-Konzern hervorging. Im Interview erlebten wir einen besonnenen, bodenständigen und humorvollen Menschen, der den Eindruck macht, dass er auch in einem heftigen Sturm die nötige Ruhe behält.


Professor Fuhrmann, in der August-Ausgabe von Standort38 gab es einen zwölfseitigen Sonderteil über Salzgitter, der mit „Großstadt mit dörflichem Charme“ betitelt war. Wie sehen Sie Salzgitter?

Als jemand, der in Duisburg aufgewachsen ist, möchte ich die Großstadt ein wenig relativieren; der dörfliche Charme erschließt sich hingegen auch mir. Wenn ich Großstadt erleben möchte, kann ich nach Braunschweig oder Hannover fahren. Insofern ist Salzgitter eine sehr originelle Stadt, die aus etwa dreißig Stadtteilen besteht. Das merkt man sofort, denn dazwischen befindet sich viel Landschaft (lacht). Es ist ja auch keine gewachsene Stadt, sondern eine Gründung, die vor 75 Jahren vor einem wirtschaftlichen Hintergrund vorgenommen wurde. Das Spannungsfeld zwischen Groß-Agrariern und bürgerlicher Industriewelt ist nach wie vor vorhanden. Es gibt gute Luft, recht viel Ruhe, eine schöne Landschaft und aufgeschlossene, freundliche Menschen man kann sich hier richtig wohlfühlen.


Was machen Sie hier am liebsten?

Arbeiten (lacht). Ja, mein Beruf macht mir tatsächlich Freude. Die 35-Stunden-Woche habe ich in der Regel schon nach drei Tagen zusammen.


Sie sind 1995 zur Preussag Stahl AG gekommen. Wie haben Sie in den darauf folgenden Jahren die Veränderung der Region und des Unternehmens erlebt?

Die Grundstrukturen im Unternehmen sind relativ gleich geblieben, doch hat die Eigenständigkeit mit der Herauslösung aus dem Preussag-Konzern und dem Börsengang viel verändert. Vorher war die Konzernzentrale in Hannover und wir waren nur ein Bestandteil dieses Unternehmens. Manchmal wurde damals dort sogar gegen unsere Interessen entschieden. Mit der Verlagerung der Entscheidungszentrale nach Salzgitter haben sich ganz neue Gestaltungsfreiheiten eröffnet und der Blick wurde in diese Region gerichtet. Das hat auch viel zum Selbstbewusstsein beigetragen. Die Salzgitter AG ist neben Volkswagen das Rückgrat der Beschäftigung in der Region. An unseren Standorten arbeiten Menschen mit den unterschiedlichsten theoretischen und praktischen Fähigkeiten, die den gesamten Querschnitt der Bevölkerung darstellen.


Wie haben Sie das Unternehmen selbst beeinflusst und weiterentwickelt?

Ich habe von vornherein stets eine Unternehmenspolitik vertreten, die sich an den Interessen der hier arbeitenden Menschen orientiert. Riskante Engagements im Ausland und in Übersee habe ich daher immer sehr kritisch betrachtet und dies auch im Vorstand zum Ausdruck gebracht. Dass wir diese Globalisierung, die der Kapitalmarkt natürlich schicker findet, nicht mitgemacht haben, hat uns vielleicht etwas an Image, glänzender Oberfläche und Renommee gekostet, hat sich jedoch ausgezahlt. Dass die Salzgitter AG heute nach einigen schwierigen Jahren in der Stahlbranche immer noch vergleichsweise stabil und gut dasteht, hat durchaus mit dieser konservativen Strategie zu tun. Wir agieren hier bodenständig, aber überhaupt nicht provinziell. Das ist nämlich ein elementarer Unterschied.

 


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„Das Rückgrat der Beschäftigung“ – Prof. Dr.-Ing. Heinz Jörg Fuhrmann, Vorstandsvorsitzender der Salzgitter AG, im exklusiven Interview (2/3)

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