Der Schreibtisch von Esther Kappe - Standort38
9. September 2019
Portraits

Der Schreibtisch von Esther Kappe

Geschäftsführerin ZeitRaum Coworking Space Braunschweig

Foto: Siri Buchholz

Esther Kappe sitzt am Schreibtisch in ihrer Braunschweiger Wohnung. Bereits seit zwölf Jahren lebt sie hier mit ihrem Mann, zwei Kindern und ihrem Hund. Sie ist freiberufliche Journalistin, Aufträge von diversen Unternehmen reihen sich aneinander – Texte für Broschüren und Flyer warten darauf, geschrieben zu werden. Wäre da nur nicht immer die Spülmaschine, die erwartungsvoll piept und ausgeräumt werden will. Der Hund könnte auch mal wieder an die frische Luft. Und was fehlt eigentlich noch auf dem Einkaufszettel? Zum Arbeiten kommt Kappe nur mäßig, das sonst so beliebte Homeoffice ist nichts für sie. „Alles schien dann wichtiger als arbeiten“, erinnert sie sich.

Das bringt Kappe schließlich vor fünf Jahren auf die Idee, ein gemeinschaftliches Büro in Braunschweig zu eröffnen – den ZeitRaum Coworking Space. Das Konzept habe sie zuvor bereits in Berlin und Wolfsburg kennengelernt und adaptiert: „Erst habe ich gedacht, das sei eine komische Idee, aber mit der Zeit fand ich den Gedanken, einen Arbeitsplatz mit anderen wildfremden Menschen zu teilen, spannend.“ Gesagt, getan. Das Konzept steht und im Neubau, der vor fünf Jahren in der Wilhelmstraße 74 entsteht, wird die lichtdurchflutete erste Etage zum Coworking Space – es ist der erste in Braunschweig.
In dem Büro ist es orange: die Wände, die Deko und sogar das Logo. Die Farbe steht für Kreativität und Lebensfreude – und beides gibt es hier im Überfluss. Orange ist auffällig, strahlt und soll angeblich die Stimmung aufhellen – auf Geschäftsführerin Esther Kappe trifft das jedenfalls zu. Sorgen scheinen hier ein Fremdwort zu sein, „besser kann es mir nicht gehen“, sagt sie und blickt auf die problemlose Gründung ihres Coworking Spaces zurück. Als Freiberuflerin war sie für sich selbst verantwortlich, jetzt ist sie das, wenn auch nicht für andere Personen, auch für den Coworking Space. „Erst hier habe ich gemerkt, wie gerne ich unter Menschen bin.“ Die Menschen, mit denen sich die Geschäftsführerin ihren Arbeitsplatz teilt, sind keine Kollegen, auch den Begriff „Mieter“ findet Kappe zu distanziert – es sind vielmehr Freunde, auf die sie sich jeden Tag freut. Dafür nimmt Kappe die zusätzliche Arbeit gerne in Kauf: „Geschäftsführerin zu sein, bedeutet letztendlich nicht mehr, als Rechnungen zu schreiben, Mails zu beantworten und zu gucken, ob alles da ist – von der Druckerpatrone bis hin zur Bewässerung der Blumen.“ Sie lacht. „Für mich ist es besonders wichtig, die Leute miteinander zu vernetzen. Gemeinsame Veranstaltungen, Frühstücke, Vorträge oder Stammtische ins Leben rufen und damit die Menschen zusammenbringen.“ Trotz zweier Jobs hat sie aber weiterhin größtmögliche Flexibilität – das ist ihr auch wichtig: „Einen Nine-to-Five-Job könnte ich mir gar nicht mehr vorstellen. Diese Freiheit möchte ich nicht mehr missen.“

Während Kappe aus ihrem Leben erzählt, spaziert ihr Mann Hendrik ins Büro. Zur Begrüßung gibt er Kappe einen Kuss und widmet sich am Palettentisch dann seinem mitgebrachten Mittagessen. Auf dem Sofa gegenüber sitzen zwei Coworkerinnen und arbeiten vertieft an ihren Projekten, ein anderer hat sich für einen Platz am Schreibtisch entschieden. Feste Plätze gibt es hier zwar auch, aber sie sind kein Muss – jeder kann arbeiten, wie und wann er mag.
„Ich denke, diese fast familiäre Form der Zusammenarbeit ist ein Alleinstellungsmerkmal. Hier soll gleichzeitig mit einer gewissen Gemütlichkeit, professionell in einer Wohlfühlatmosphäre gearbeitet werden.“
Das spiegelt sich nicht nur im Miteinander, sondern auch in der Einrichtung wider: Sofas, Sitzsäcke und ein selbstgebauter Tisch aus Paletten, auf der anderen Seite des Büros stehen vereinzelt Schreibtische. In grüner Cargohose und schwarzem T-Shirt läuft Kappe barfuß durch den angemieteten Raum in der Wilhelmstraße und setzt sich in einen der orangenen Sitzsäcke am Palettentisch. Es macht den Anschein, als wäre sie zu Hause. Nur lenkt sie hier nicht so viel ab – so lässt es sich konzentrierter arbeiten.

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