20. August 2019
Portraits

Die Urlaubs-Experten

Das Reise-Unternehmen Schmidt chartert ganze Flugzeuge und mietet die Elbphilharmonie

Die drei Geschäftsführer Georg Schmidt (von links), Wilhelm Schmidt und Philipp Cantauw. Foto: Philipp Ziebart/BestPixels.de

Wilhelm Schmidt hat offensichtlich Spaß an seiner Arbeit oder „Bock“, wie er es nennt. Vielleicht ist das der Grund, warum der 61-Jährige das Reise-Unternehmen seines Vaters nicht nur weitergeführt, sondern auch ausgebaut hat und sein Sohn Georg Schmidt inzwischen ebenfalls Geschäftsführer ist – ebenso begeistert. Seit vier Jahren organisieren die Wolfenbütteler auch selbst Flugreisen, für die sie ganze Flugzeuge chartern, nach eigenen Angaben als eines von weniger als einer Handvoll Unternehmen in Deutschland. Die Flieger starten in Braunschweig. Ab nächstem Jahr sollen Flugzeuge an zehn Flughäfen in ganz Deutschland abheben, unter Federführung von Philipp Cantauw, dem dritten Geschäftsführer von „Der Schmidt“.
Für Wilhelm Schmidt zeichnet sein Unternehmen aber vor allem die „tiefe“ Verwurzelung in unserer Region aus. Die fünf Reisebüros liegen hier; in Wolfenbüttel können Kunden ihre Busreise von einem Terminal mit Lounge starten; Schmidt belebte die Marke Büssing wieder, indem das Unternehmen von MAN Busse bauen ließ, die neben einer besonderen Innenausstattung das alte Logo tragen; und Wilhelm Schmidt hat mit dem „Bus-Pulling“ nach eigenen Angaben eine Sportart erfunden, in der neben Wolfenbüttel inzwischen auch in anderen Bundesländern, Österreich und der Schweiz Teams Busse ziehen.

1961 hat Firmengründer Josef Schmidt seinen ersten Bus gekauft und auf Reisen geschickt. Foto: Archiv

Früher dauerte die Fahrt zum Gardasee zwei Tage

Mit Bussen fing alles an. Wilhelm Schmidts Vater Josef, dessen Eltern bereits in den 1920er Jahren in Dorstadt in der Nähe von Wolfenbüttel in der Branche tätig waren, gründete sein Unternehmen 1956. Nachdem er Gruppen zunächst per Lkw befördert hatte, kaufte er in den 1960er Jahren, als der Tourismus laut Schmidt langsam wuchs, den ersten Reisebus – einen Büssing. Seine Frau Gisela und er vermittelten zuerst Reisen von anderen Anbietern, bis sie schließlich selbst welche anboten. Auf dem Weg zum Gardasee – der damals zwei Tage dauerte – übernachteten die Gäste beim Zwischenstopp in einem bayerischen Dorf noch bei Privatleuten.
Heute schlafen die Kunden in Hotels, allerdings in kleineren. Beim Fliegen haben die Wolfenbütteler ihre Nische laut Cantauw dort gefunden, wo der Massentourismus nicht hinkomme, zum Beispiel in Italien. „Der Schmidt“ verantwortet alles selbst, von der Übernachtung bis zum Programm. Inzwischen organisieren die Wolfenbütteler sogar Kultur-Veranstaltungen. Das Unternehmen mietet die Elbphilharmonie an, in der es schon das Staatsorchester Braunschweig auftreten ließ – die Hälfte der Besucher kam laut Wilhelm Schmidt aus Braunschweig. Seine Schwester Walburga Schmidt organisiert im Terminal in Wolfenbüttel kulturelle Angebote, etwa Lesungen und Ausstellungen von Hobby-Künstlern. Er selbst begann 1984 zunächst als Reise-Verkäufer im Familienunternehmen, nachdem er in Hannover die Ausbildung dazu gemacht, in Düsseldorf studiert und in Tel Aviv und Kairo gearbeitet hatte. Vier Jahre später wurde er Geschäftsführer. Seit eineinhalb Jahren arbeitet Sohn Georg als Geschäftsführer mit. Auch der 26-Jährige hat die Ausbildung zum Tourismus-Kaufmann absolviert – ebenfalls bewusst in einem anderen Unternehmen in Hamburg – und sammelte Berufserfahrung in der Hansestadt.

Firmenkunden und Linienbus-Verkehr

Die drei Männer aus drei Generationen – Cantauw ist 43 Jahre alt – führen „Der Schmidt“ gleichberechtigt. Cantauw arbeitete sich nach seiner Ausbildung zum Reise-Verkäufer bei Schmidt bis nach ganz oben. „Philipp ist sehr kreativ und innovativ“, sagt Georg Schmidt anerkennend. Wie von seinem Vater könne er auch von ihm viel lernen. Wilhelm Schmidt ist alleiniger Inhaber, sein Sohn soll ihm irgendwann innerhalb der nächsten zehn Jahre folgen. In Wilhelm Schmidts Augen ist es wichtig, dass das „investitionsintensive“ Geschäft – ein Bus koste mehr als 500.000 Euro – in einer Hand liegt.
Tochter Laura hat sich für die Immobilienbranche entschieden, auch mit ihr betreibt Wilhelm Schmidt ein Unternehmen, die Wolfenbütteler Immobilien GmbH. Der Senior kann offenbar schon jetzt loslassen, seit zwei Jahren arbeitet er nur noch vier Tage die Woche. Laut seinem Sohn dürfen er und Cantauw auch schon mal Entscheidungen gegen seinen Willen treffen.
Insgesamt befördert das Unternehmen mit knapp 220 Mitarbeitern nach eigenen Angaben mehrere Hunderttausend Kunden pro Jahr und macht damit rund 40 Millionen Euro Umsatz.
Neben Privatreisenden bedient „Der Schmidt“ auch Firmenkunden, fährt zum Beispiel diverse Profi-Sportvereine unserer Region. Einen wichtigen Teil des Geschäfts macht mit etwa zwei Dritteln aller rund 70 Busse außerdem der Linienbus-Verkehr zwischen Wolfenbüttel, Braunschweig und Schöppenstedt aus, für den Schmidt eine Konzession hat.
Das Unternehmen hatte jedoch immer wieder gegen Arbeitszeit-Vorschriften von Busfahrern verstoßen. Laut den Geschäftsführern betraf dies vor allem Flixbus, von dem sich „Der Schmidt“ im Herbst getrennt habe. Heute sei das Unternehmen fast Vorreiter, sagt Cantauw. Alle Fahrzeuge würden in Echtzeit getrackt. In der Disposition arbeiten laut Georg Schmidt inzwischen mehr Mitarbeiter, auch die Zahl der Kontroll-Meetings sei erhöht worden. „Wir haben ein Riesenauge darauf.“

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