Einfach pur!

Florian Belter nimmt sich jedes Jahr im Januar eine rasante Auszeit hinterm Steuer. Dann zieht es den Geschäftsführer der Belcos Cosmetic GmbH und Watu GmbH mit seinem Team in die französischen Seealpen – zur Rallye Monte Carlo Historique …

Herzenssache: Florian Belter vor seinem Alfa Romeo auf dem Firmengelände in der Wodanstraße. Foto: Holger Isermann

Der Winter hat das Leben fest im Griff. Eisiger Wind weht Ende Januar durch die verschneiten Gassen in den Bergdörfern der französischen Seealpen. Darunter blitzt auf den unzähligen kleinen Brücken Eis auf. Plötzlich röhren Motoren, schlittern Rennboliden durch enge Kurven und verschwinden genauso schnell, wie sie gekommen sind, aus dem begrenzten Sichtfeld. Die Rallye Monte Carlo ist legendär – seit ihrer ersten Austragung im Jahr 1911 gilt sie als die Mutter des modernen Rallyesports. Eine Woche nach den Profis gehört die Strecke den Klassikern auf vier Rädern. Dann lädt der Automobile Club de Monaco zur Rallye Monte Carlo Historique und lässt den Mythos aufleben.

„Das Gefühl stimmte“

Von ihm ist seit sieben Jahren auch Florian Belter infiziert. Der Geschäftsführer der Belcos Cosmetic GmbH mit gut 70 Mitarbeitern wird damals von einem Freund gefragt, ob er nicht in dessen Service-Team mithelfen wolle. Reifenwechseln, Tanken, Brote schmieren. „Die Organisation der Rallye hat mir so gut gefallen, dass ich drei Monate später entschieden habe, nächstes Jahr selbst mitzufahren.“ Zusammen mit Jens Jarzombek, der eine KFZ-Werkstatt in Rautheim betreibt, macht er sich auf die Suche nach einem passenden Auto und landet hinter dem Lenkrad eines Alfa Romeos Alfetta, GTV Baujahr 1976. Das Gefühl stimmte einfach. „Ich bin nicht besonders groß und die Italiener bauen Autos für kleinere Menschen. Alfa Romeo war in den 70ern außerdem technisch führend, das merkt man dem Auto einfach an“, betont Belter und blickt aus dem Fenster seines Büros in der Wodanstraße. Direkt davor hat er den dunkelblauen Oldtimer mit den Rallye-Aufklebern geparkt. „Der Alfa ist besonders – einfach pur. Nicht zu vergleichen mit aktuellen Autos.“

Foto: privat

„Vollgas und rechts vorbei“

Wettkampf hat Florian Belter schon immer gereizt, spätestens seit dem Führerschein auch die Geschwindigkeit. Er lacht und erzählt von unzähligen Runden auf dem Nürburgring – Rennveranstaltungen von AMG oder BMW und Erfahrungen beim Motorcross oder im Cockpit über den Wolken. Dabei hatte sein erstes Auto nur 42 Ps. Ein orangefarbener Mini mit schwarzem Vinyldach und braun getönten Scheiben – „vom eigenen Geld gekauft.“

Eigentlich wollte sein Team 2019 nach Platz 51 von 320 Teams im vergangenen Jahr weiter angreifen, aber es kommt anders und zu einem Unfall. „An Aufgabe haben wir aber keinen Moment gedacht. Da unterscheidet sich eine Rallye komplett von der Rennstrecke. Hier wird weitergefahren, solange sich noch etwas dreht.“ Gut zwei Stunden später ist das Fahrzeug von der Rennleitung geborgen und das Team findet sich mit Werkzeug und Ersatzteilen in einer Waschbox bei Valence wieder. Dazu gehören neben Belter und Zajonc noch Jens Jarzombek als technischer Leiter und Christoph Heinrich, der Mann für alles andere. „Eigentlich sollte die Box uns vor dem eisigen Wind schützen, aber es war trotzdem saukalt“, erinnert sich Belter. Sieben lange Stunden später steuert er den Alfa zur nächsten Wertungsprüfung.

15 davon gibt es jedes Jahr, mit Entfernungen zwischen 19 und 60 Kilometern – dazwischen Überführungsetappen. Weil die Rallye Monte Carlo Historique offiziell kein Rennen, sondern eine Gleichmäßigkeitsprüfung ist, gilt das Ziel, durchschnittlich einen Schnitt von 49,8 km/h zu erreichen. Klingt entspannt, aber: „Hochalpin bedeutet das nonstop Vollgas und es schafft trotzdem niemand.“

Wie rasant es bei der Rallye zugeht, zeigt auch das Jahr 2017. Damals taucht der schwarze Golf eines Zuschauers auf der Strecke auf. An Bremsen ist nicht mehr zu denken und Siegmar Zajonc („Er ist der Kopf“) ruft vom Beifahrersitz „Vollgas und rechts vorbei“. Das Überholmanöver gelingt noch, aber in der Linkskurve kurz danach verliert Belter im Schneematsch die Kontrolle. Das Fahrzeug überschlägt sich und wird 30 Meter weiter unten von einem Baum und Fels aufgehalten – „zum Glück“. Kopfüber klettern die beiden aus der verbeulten Karosse. Ein Totalschaden – der Kühler ist zerfetzt, alle Lampen sind weg. Damit so etwas möglichst nicht passiert, ist Belters Team von Anfang an „relativ professionell eingestiegen“, kauft spezielle Streckenkarten und Dienstleistungen wie einen Eiswarner ein. Der geht kurz vor dem Fahrerfeld auf die Strecke und schickt per Whatsapp genaue Informationen über riskante Stellen direkt ins Auto.

Der heilige Berg des Motorsports

Nach sechs Tagen mit wenig Schlaf und unzähligen Kilometern hinterm Steuer erreicht das Fahrerfeld Monaco. Ein besonderes Highlight liegt dann aber noch vor den Teams: der legendäre Col de Turini. Mit 1607 Metern und seinen zahlreichen Kehren gilt er als heiliger Berg des Motorsports. In Anlehnung an politische Machtkämpfe und Massaker sprechen Fahrer und Fans auch von der „Nacht der langen Messer“. Wenn sie überstanden ist, tauschen die Teams Rennanzug gegen Smoking und feiern bei der Gala im Le Sporting sich und den Rennsport. Die Stimmung im internationalen Fahrerfeld sei einfach phänomenal. „Und die Franzosen haben eine positiv verrückte Einstellung zu ihrer Rallye. Da kann man ganze Innenstädte blockieren und nachts das Auto anschmeißen und bekommt sogar noch Applaus, wenn ein Fenster aufgeht.“ Dieses Gesamtpaket aus sportlicher Herausforderung und Flair macht die Rallye für Florian Belter aus und einmalig.

„Riesenabenteuer, großer Spaß“

Wenn das Team wieder in Braunschweig ist, fährt er den Alfa deshalb in die Garage und holt ihn erst ein Jahr später wieder heraus. „Es gibt nichts Vergleichbares und uns allen fehlt auch die Zeit für noch mehr Rennen“, erzählt Belter, der seit einiger Zeit zudem Chef der Watu GmbH ist, die in der Nordstadt gerade 61 Wohnungen baut. Das sei in der Summe durchaus tagesfüllend und die Rallye seine ganz persönliche Auszeit – „Riesenabenteuer, großer Spaß“. Den merkt man dem dreifachen Familienvater auch jetzt, einige Wochen später, noch an. Er steht auf dem Hof seines Unternehmens und blinzelt in die Braunschweiger Frühlingsonne. Auf der roten Daunenjacke ist der Schriftzug „87 Edition“ zu lesen – die diesjährige Auflage der Rallye Monte Carlo. So ganz kann Belter das Rennfieber also nicht ablegen – auch wenn er sich ihm so richtig nur eine Woche im Jahr hingibt.

Ein eingespieltes Team in Feierstimmung: Christoph Heinrich, Jens Jarzombek, Florian Belter und Co-Pilot Siegmar Zajonc. Foto: privat
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