und
16. Oktober 2017
Portraits

„Friendraising und Fundraising gehören eng zusammen“

Dr. Wilhelm Krull leitet seit 1996 als Generalsekretär die VolkswagenStiftung, Deutschlands größte unabhängige Wissenschaftsförderin

Dr. Wilhelm Krull. Foto: Mirko Krenzel für VolkswagenStiftung

Dr. Wilhelm Krull leitet seit 1996 als Generalsekretär die VolkswagenStiftung, Deutschlands größte unabhängige Wissenschaftsförderin. Er war außerdem von 2006 bis 2008 Vorsitzender des europäischen Stiftungsverbandes und in den Jahren 2008 bis 2014 Vorstandsvorsitzender des Bundesverbandes Deutscher Stiftungen. Wir sprachen mit dem 65-Jährigen in Hannover über Staaten in der Schuldenfalle, das Heer der Kleinststiftungen und die Versuche der Banken, besser als der Markt zu sein…


Auf dem Titel unserer letzten Gemeinwohl-Ausgabe steht das Statement „Stiften macht Spaß“. Würden Sie zustimmen?

Stiften macht nicht nur Spaß – wer stiftet, lebt auch länger. Das hat zumindest eine amerikanische Studie bestätigt. Insofern ist es ein guter Rat an jeden, der ein gewisses Vermögen angesammelt hat, sich zu überlegen, was er mit dem vielen Geld macht.


Wie emotional ist das Thema für Sie?
Es ist schließlich nicht Ihr Geld, das Sie ausgeben …

Es ist natürlich etwas anderes, wenn man sein eigenes Privatvermögen in eine Stiftung einbringt. Das heißt aber nicht, dass ich mich nicht genauso mit dem Stiftungszweck und der Tätigkeit identifizieren könnte. Ohne ein weit über dem üblichen Rahmen eines Arbeitnehmerbudgets hinausgehenden Engagements würde so eine Aufgabe nicht zu bewältigen sein. Wenn man Freude an der Arbeit hat, ist es nicht so entscheidend, wie viele Stunden man arbeitet.


Das heißt, das hier ist mehr als nur ein Job für Sie?

Ja, das ist es ganz sicher!


Wie nah sind Sie noch an den Menschen dran, die in den Genuss einer Förderung kommen?

Das ist das besonders Befriedigende an so einer Tätigkeit, dass wir wirklich ganz konkret sehen können, was aus den Geldern entsteht, was an Chancen eröffnet wird. Man darf aber nicht vergessen, dass die Ablehnungsquote bei rund 75 Prozent liegt. Wir machen also nicht unbedingt die Mehrheit  der Antragssteller glücklich, sondern müssen auch viele enttäuschte Anrufe entgegennehmen.


Was waren die verrücktesten Projekte, die Sie gefördert haben?

Besonders spannend ist ein Bereich, den wir „Offen – für Außergewöhnliches“ nennen. Hier fördern wir Projekte, die in keine Schublade passen. Das Spektrum reicht von der Herausforderung, ein Kaufmannsarchiv im arabischen Raum für die Wissenschaft zu erschließen, über Projekte, die sich mit dem Thema Placebo beschäftigt haben. Ein solches Thema ist für die moderne Medizin schwierig zu handhaben. Wir sehen uns sehr stark als Ermöglicher besonders origineller Ideen und haben auch den Anspruch, Neuland zu betreten.


Haben Sie ein Herz für die Paradiesvögel in einer Zeit, in der Wissenschaft stromlinienförmiger und zunehmend mithilfe von Kennzahlen vermessen wird?

Das klingt fast so, als hätten Sie mein neuestes Buch schon gelesen; es trägt den Titel: „Die vermessene Universität – Ziel, Wunsch und Wirklichkeit“. Dort

geht es genau um diese Frage: Wie stark wird durch die indikatorgesteuerte Mittelvergabe der Konformitätsdruck auf die Wissenschaft insgesamt, aber vor allem auch auf die Nachwuchswissenschaftlerinnen und -wissenschaftler, immer größer?


Und – wie lautet Ihr Zwischenfazit?

Es ist schwierig. Innovative Ideen scheitern häufig am System. Ein in Gutachten oft gelesener Einwand lautet „fehlende Vorarbeiten“. Eigentlich muss man in den meisten Förderformen, die heute angeboten werden, bereits bewiesen haben, dass es funktioniert. Und man fragt sich dann: Warum muss man in einem solchen Fall überhaupt noch einen Antrag stellen?


Ist die VolkswagenStiftung ein Garant für die Vielfalt im Wissenschaftssystem?

Der Stiftungssektor insgesamt steht für die Vielfalt der Möglichkeiten. Wir signalisieren zwar immer wieder unsere Risikobereitschaft, aber auch wir sind nicht davor gefeit, dass diese bei Gutachtern ihre Grenzen hat. Die Argumente sind oft gut begründet, aber angeblich soll ein Gutachter neulich gesagt haben: „Ich bin immer für neue Ideen, aber von dieser habe ich noch nie gehört“. Der inhärente Konservativismus, der im System selbst steckt, ist letztendlich auch für uns schwer zu überwinden.


Wollen Sie mehr als ein Geldgeber sein?

Wann immer wir ein neues Gebiet oder eine Strukturreform anstoßen, ist unsere Fördertätigkeit zu beenden, wenn ein größeres Programm der Bundesregierung oder der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) aufgelegt wird. Das bedeutet für uns, dass wir uns auf etwas Neues kon zentrieren können. Insofern ist es schon unser Anspruch, Impulsgeberin zu sein.


Woher nehmen Sie das Gespür für Forschungstrends?

Ein solches zu haben, muss zuallererst erarbeitet und von der Außenwelt wahrgenommen werden. Dies wurde uns auch vom früheren Generalsekretär der Deutschen Forschungsgemeinschaft in der Tat bestätigt. Wir sind sozusagen die Schnellboote, der ganz große Dampfer ist dann die DFG und der noch größere ist das Bundesforschungsministerium mit seinen Projektträgern. Wir können als private Institution sehr viel schneller neue Entwicklungen aufgreifen und adäquate Instrumente entwickeln. Unser Ansatz ist: Small things matter! Wir können kleine Anstöße geben und exemplarisches Gelingen ermöglichen, aber das Gesamtsystem nur reformieren, wenn die anderen Akteure mitmachen.

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