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30. Januar 2016
Portraits

Menschen kaufen von Menschen (2/6)

Wie schwer war der Neustart? Anfangs haben wir über die Zonengrenze hinweg mit dem Ruhrgebiet beziehungsweise dem Bergischen Land Tauschhandel betrieben Werkzeuge gegen

Bodenständig und optimistisch: Justus Perschmann beim Interview. (Foto: Holger Isermann)


Wie schwer war der Neustart?

Anfangs haben wir über die Zonengrenze hinweg mit dem Ruhrgebiet beziehungsweise dem Bergischen Land Tauschhandel betrieben Werkzeuge gegen Lebensmittel. Braunschweig und Niedersachsen waren ja immer eher ländlich und im Westen gab es viele Menschen und Industrie, auch die Wiege der Werkzeugindustrie lag dort. Es waren harte Zeiten.


War der Wiederaufbau in Deutschland also eine Boomzeit für Sie?

Aus den Büchern lässt sich nicht herauslesen, dass wir in der Zeit wahnsinnig viel Geld verdient hätten. Eine Art Boomphase begann bei Perschmann Anfang der 1990er Jahre…


…im Zusammenhang mit der Wiedervereinigung?

Der Aufschwung hatte mehrere Ursachen: Wir haben damals begonnen, uns auf Werkzeuge zu konzentrieren und die ganzen anderen Geschäftsbereiche wie Landtechnik, DIN- und Normteile und Eisenwaren verkauft mit dem Ziel, Marktführer zu werden.


Würden Sie sagen, dass diese Konzentration wegweisend für den Erfolg der heutigen Unternehmens-Gruppe war?

Absolut. Das war der Wendepunkt für uns. Es hat einfach Vorteile, sich auf etwas zu konzentrieren.


Was haben Sie von diesem Prozess damals mitbekommen?

Das Unternehmen wurde ziemlich aus dem Privaten rausgehalten. Da meine Eltern geschieden waren, habe ich gar nicht so viel davon mitbekommen. Klar, ich habe bei der Inventur mein Taschengeld verdient, aber ansonsten gab es wenig Berührungspunkte.


Wann war klar, dass Sie in die Fußstapfen Ihres Vaters treten?

Es war anfangs beileibe nicht so, dass ich nach dem Abitur jemals wieder nach Braunschweig kommen wollte, ich hatte eher einen Lagerkoller. Die Idee reifte erst ein paar Jahre später, als ich in Passau BWL studiert und ein paar Jahre bei Audi gearbeitet habe und die Gespräche mit meinem Vater über das Unternehmen zunahmen. Ende 2001 bin ich dann sehr gern wieder zurückgekommen, aber das war ein Prozess.


Sind Sie selbst technisch interessiert?

Natürlich. Mich interessiert ganz vieles, aber ich bin nirgendwo Spezialist. Das zieht sich durch meinen Lebenslauf. Deshalb habe ich mir meinen Berufsweg auch recht lange sehr offen gehalten.


Was zeichnet einen guten Kaufmann aus?

Er sollte Muster und Zusammenhänge erkennen können und sich nicht zu sehr im Kleinklein verfangen. Ein Number Cruncher, der auf der zweiten Nachkommastelle herumreitet ist möglicherweise ein guter Buchhalter, aber kein guter Unternehmer. Ein Unternehmer unternimmt und bewegt. Sinnvoll sind natürlich auch handwerkliche Kompetenzen, beispielsweise in den Bereichen Bilanzierung oder Unternehmensrecht. Und ganz wichtig: Es gilt das Grundkonzept des ehrbaren Kaufmanns.


Was beinhaltet das?

Wenn wir einen Handshake-Vertrag machen, ist das für uns eine Sache der Ehre. Wir müssen nicht vertraglich alles bis ins kleinste Detail regeln und können den Kunden gegenüber auf viele gute und langjährige Geschäftsbeziehungen verweisen.


Sind Werte eher geschäftsfördernd oder -hinderlich?

Ganz sicher fördernd. Gelebte Werte sind ein Differenzierungsmerkmal, aber noch viel mehr: Ein wertschätzender Umgang mit jedem Mitarbeiter im Unternehmen, egal ob er eine Abteilung leitet oder putzt, ist für mich selbstverständlich.


Wie denn zum Beispiel?

Eine gewisse Lockerheit ist immer gut für die Performance. Dafür braucht es aber ein positives Menschenbild und Vertrauen. Unser Credo lautet: „Lust auf Firma“, wir dürfen dabei nur „Lust auf Leistung“ nicht vergessen (lacht).


Klingt nach einer Schelte für die viel thematisierte Generation Y…

Die neue Generation tickt in der Tat anders. Wer es schön haben möchte, muss vorher aber durch Leistung die Grundlage dafür schaffen. Ich bin gespannt, wie sich die Leistungskultur in den nächsten Jahren entwickelt.

 

Lesen Sie weiter:

„Menschen kaufen von Menschen“ – Justus Perschmann, Geschäftsführer des gleichnamigen Werkzeughandels, über das Idealbild des ehrbaren Kaufmanns, den Braunschweiger Klüngel und die Chancen von Glokalität sowie sprechenden Produkten (3/6)

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