und
1. Februar 2016
Portraits

Menschen kaufen von Menschen

Justus Perschmann, Geschäftsführer des gleichnamigen Werkzeughandels, über das Idealbild des ehrbaren Kaufmanns, den Braunschweiger Klüngel und die Chancen von Glokalität sowie sprechenden Produkten

Justus Perschmann, Geschäftsführer des gleichnamigen Werkzeughandels. (Foto: Holger Isermann)

Ein überdimensionaler Schraubenschlüssel weist den Weg nach Wenden, einem Vorort von Braunschweig. Herzlich willkommen in der Welt der Werkzeuge und am Hauptsitz der Perschmann-Gruppe. Das mittelständische Familienunternehmen hat seine Wurzeln seit dem Jahr 1866 in Braunschweig und bietet heute über 60.000 Qualitätswerkzeuge samt deren Kalibrierung an. Zwei weitere Standorte unterhält der Werzeugsystemanbieter in Berlin und Polen. Justus Perschmann, Geschäftsführer der drei Gesellschaften, die langjährige Partner der Hoffmann Group sind, führt das Familienunternehmen bereits in fünfter Generation. Rund 460 Mitarbeiter arbeiten für ihn, bis zum Jahr 2020 strebt er einen Umsatz von mehr als 150 Millionen Euro an. Erstmal wird 2016 aber das 150-jährige Firmenjubiläum groß gefeiert. Ein guter Anlass für einen ausgedehnten Ortsbesuch in Wenden…


Herr Perschmann, Ihr Unternehmen hat eine lange Geschichte, die bis ins Jahr 1866 zurückreicht. Was war der Günder Heinrich Perschmann für ein Mensch?

Auf jeden Fall ein ziemlich ehrgeiziger. Er wollte seinen Eltern beweisen, dass er etwas auf die Beine stellen kann, wurde in Braunschweig vom Magistrat der Stadt aber erst einmal sehr abgewiesen. Er muss also sehr leidenschaftlich gewesen sein und ein fleißiger Mann, denn er hat die anderen Händler hier in Braunschweig relativ schnell ausgestochen. Mit dem Zitat „Konkurrenz belebt das Geschäft“ konnte er gar nichts anfangen, er wollte der Einzige im Ring sein.


Klingt nach Alphatier…

Ganz klar, ein Alphatier. Aber volles Programm (lacht).


Welcher Anteil Ihres fleißigen Großvaters lebt heute noch in Ihnen und Ihrem Unternehmen fort?

Das ist schwer zu sagen. Ich würde mich jetzt nicht als typisches Alphatier bezeichnen. Natürlich möchte ich gut sein und etwas bewegen, aber nicht um jeden Preis. Es war einfach eine andere Zeit. Als Heinrich geheiratet hat, hat er zum Beispiel den ganzen Tag gearbeitet und ist abends zu seiner Hochzeit gekommen. Das hat sich überlebt…


Das Unternehmen war zu Beginn eine Eisenwaren-, Stahlwaren-, Messingwaren- und Werkzeughandlung. Wie kann man sich das vorstellen?

Es war ein kleiner Laden, wo man zum Beispiel Schrauben und Nägel kaufen konnte, erst am Hagenmarkt und dann an der Reichsstraße in Braunschweig.


Die Zielgruppe waren Privatkunden?

Auch, weil es natürlich noch keine Baumärkte gab. Wir haben vor allem an Handwerker verkauft.


Ab dem Jahr 1901 hat die Firma Perschmann einen der ersten bebilderten und mit Preisen versehenen Kataloge in Deutschland herausgegeben….

Irgendwo in den Erinnerungen stand, es sei der erste bebilderte und bepreiste Katalog gewesen. Das haben wir nie ernsthaft recherchiert. Wahrscheinlicher war es der erste hier in Braunschweig und im Braunschweiger Land.


Warum war das zukunftsweisend?

Weil wir so den Kunden einen Überblick geben und Verlässlichkeit bei den Preisen bieten konnten.


Wie wichtig ist Ihnen die lange Tradition und wie leben Sie diese?

Ich glaube es ist sehr hilfreich eine Herkunft zu haben. Das lässt Sie viele Dinge etwas ruhiger betrachten, weil schon die Vorfahren zahlreiche Krisen durchlebt haben und das Geschäftsmodell eine gewisse Robustheit bewiesen hat. Natürlich muss das Geschäftsmodell aber ständig angepasst werden, um zukunftsfähig zu bleiben.


Ihr Unternehmen hat zwei Weltkriege überstanden. Haben Sie möglicherweise sogar von ihnen profitiert?

Ich bin niemand, der ständig zurück geguckt hat und bereite die Geschichte jetzt zum 150-jährigen Jubiläum das erste Mal systematisch auf. Unsere Familie war über Generationen sehr unpolitisch. Im ersten Weltkrieg, bis es irgendwann mit den Rationierungen losging, sind indirekt sicherlich auch Waren in die Rüstungsindustrie geraten. Ähnlich war es in den 30er Jahren mit der erneuten Aufrüstung. In den Kriegsjahren waren wir wahrscheinlich ein „kriegswichtiges“ Unternehmen, weshalb mein Großvater und sein Bruder relativ lange hier bleiben konnten, bis sie an die Front mussten. Nach dem Krieg haben wir mit einer Rumpfmannschaft quasi von Null wieder angefangen. Die ganz großen Unternehmen haben natürlich ihre Güter in Sicherheit gebracht und konnten auf einem anderen Niveau beginnen, aber auf die typischen Familienunternehmen traf das in der Regel nicht zu.

 

Lesen Sie weiter:

„Menschen kaufen von Menschen“ – Justus Perschmann, Geschäftsführer des gleichnamigen Werkzeughandels, über das Idealbild des ehrbaren Kaufmanns, den Braunschweiger Klüngel und die Chancen von Glokalität sowie sprechenden Produkten (2/6)

Auch interessant