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2. März 2017
Portraits

„Selbstdarstellung allein reicht auf Dauer nicht“ (3/4)

Vanessa Ohlraun ist die neue Präsidentin der Hochschule für Bildende Künste.

"Es ist an der Zeit, wieder nach draußen zu treten." Foto: Holger Isermann


Warum sollten sich regionale Unternehmer mit der HBK auseinandersetzen?

Die Wirtschaft ist ein wichtiger Teil einer jeden Gesellschaft und eine Kunsthochschule ist in einer Position, in der man gesellschaftliche Prozesse sehr genau beobachten und vielleicht auch kritisch diskutieren kann. Insofern denke ich, dass wir gute Dialog-Partner für die Wirtschaft sein können.


Stimmt es, dass nur ein Prozent der HBK-Absolventen später von ihrer Kunst leben können?

Kunstabsolventen sind nach ihrem Studium meistens freischaffend tätig. Selbstvermarktung und Selbstorganisation gehören zu ihren Schlüsselkompetenzen. Freier Künstler zu sein bedeutet, risikobereit zu sein. Das durchschnittliche Einkommen von freien Künstlern in Deutschland ist eher als gering zu bezeichnen.


Ist Künstler ein Beruf oder eine Berufung?

Die freie Kunst ist eine Art Berufung und ein Beruf. Es gibt bei vielen den Anspruch, zu gesellschaftlichen Entwicklungen und Diskussionen beizutragen. Damit tritt auch eine gewisse menschliche Zufriedenheit ein.  Wir nehmen an Absolventen-Befragungen teil. Unsere Absolventen arbeiten zum größten Teil nach ihrem Studium in studienbezogenen Berufen.


Es wartet also nicht unbedingt der sichere Arbeitsplatz, aber dafür individuelles Glück?

Zufriedenheit ist ein sehr passendes Wort. Unsere Studierenden haben die Möglichkeit, sich zu entfalten, sich mit Themen zu beschäftigen, für die sie brennen, die aber auch in der Gesellschaft lebhaft diskutiert werden. Hier trifft Leidenschaft auf Engagement!


Es heißt, Kunst kommt von können. Wie viel Knowhow und wie viel Show sind nötig, um als Künstler wirtschaftlich erfolgreich zu sein?

Das ist ein komplexes Spiel von ganz vielen Faktoren, aber ich glaube, im Zentrum liegt immer die Überzeugungskraft, die in der eigenen Arbeit begründet ist. Deshalb ist auch die Ausbildung so wichtig. Künstler müssen in der Lage sein, starke und auch eigenartige Positionen zu vertreten und mit Selbstbewusstsein und der Qualität ihrer gestalterischen oder konzeptuellen Arbeit in die Gesellschaft zu wirken.


Das klingt sehr idealistisch. Muss ein Künstler heute nicht auch ein cleverer und charismatischer Selbstvermarkter sein?

Den Aspekt der Selbstdarstellung hat es schon immer gegeben, gerade wenn es um künstlerische Persönlichkeiten geht. Ich würde aber vorsichtig behaupten, dass wir uns sogar in eine Richtung bewegen, wo das weniger notwendig ist, weil die Menschen mehr auf wirkliche Qualitäten schauen.  Die wenigen Künstler, die sich gut vermarkten können, aber keine solide künstlerische Praxis besitzen, dürften am Ende scheitern. Denn, man wird doch immer wieder fragen müssen: was sind ihre Inhalte, was sind ihre Formen, was sind ihre Positionen? Selbstdarstellung allein reicht auf Dauer nicht!


Was löst ein gutes Kunstwerk in Ihnen aus?

Nachdenken – und, dass es mich verfolgt.


Welche Rolle spielt die Kunst in einer zunehmend globalisierten, digitalisierten und ökonomisierten Welt?

Kunst und Kultur sind die Basis jeden Menschseins. Wir alle sind weder kultur- noch kunstlos, sondern Teil einer Gesellschaft. Diesen kulturellen Hintergrund zu bewahren und weiterzuentwickeln, Transformationsprozesse anzustoßen – das ist eine der großen Herausforderungen.


Müssen Künstler sich heute stärker für ihre Profession rechtfertigen als früher?

Ich glaube, dass Künstler immer wieder in Situationen geraten, in denen sie sich verteidigen müssen. Wenn die Kritik lauter wird, ist Kunst umso wichtiger. Denn sie führt zu selbstständigem Denken. Das braucht eine Gesellschaft im Wandel wie die unsrige besonders. Starke Individuen, die sich nicht vom Postfaktischen blenden lassen, sondern stattdessen Impulse setzen und Stellung beziehen.  


Der Boom auf dem Kunstmarkt ist vorbei, behauptet der Kunstjournalist Stefan Knobel. Lediglich hochpreisige Kunst finde noch so viele Abnehmer wie früher. Stimmt das?

Da werden kurzfristige Phänomene beschrieben. Man müsste eher langfristig auf solche Entwicklungen schauen. Für den gegenwärtigen Kunstmarkt kann ich das jedenfalls nicht behaupten, er ist trotz der ökonomisch schwierigen Lage stabil.


Sie erwarten also keine Kunstmarktblase?

Ich glaube, man kann in Kunst nachhaltig investieren. Gerade in einer Phase der ökonomischen Krise schauen die Leute – und auch speziell Sammler – doch genauer hin, was die Qualität und Substanz von künstlerischer Arbeit anbelangt. Auf dem Markt sind ganz solide Werte zu finden.


Würden Sie Kunst als Wertanlage empfehlen?

Ja, natürlich. Sie ist eine wichtige Anlageform, aber man muss natürlich wissen, was man tut. Genau wie im Aktien- und Immobiliengeschäft. Galeristen sind hier die richtigen Ansprechpartner. Auktionshäuser wie Sotheby’s oder Christies orientieren sich um. Sie vermarkten immer mehr Künstler selbst und werden zu Konkurrenten der Galerien.

 

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"Selbstdarstellung allein reicht auf Dauer nicht" – Vanessa Ohlraun ist die neue Präsidentin der Hochschule für Bildende Künste. (4/4)

 

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