und
2. März 2017
Portraits

„Selbstdarstellung allein reicht auf Dauer nicht“ (4/4)

Vanessa Ohlraun ist die neue Präsidentin der Hochschule für Bildende Künste.

Vanessa Ohlraun in der Ausstellung "Parasite Island_Mausmannsland" in der Galerie der Hochschule. Foto: Holger Isermann


Die Galerien wiederum leiden unter der starken Zunahme von Kunstmessen. Wer macht heute das Geschäft auf dem Kunstmarkt?

Das ist ein Zusammenspiel der verschiedenen Agenten und Akteure. Man sollte auch nicht unterschätzen, welche Rolle Kuratoren spielen. Der ganze Bereich der öffentlich geförderten Kunst ist unheimlich wichtig, um neue Positionen stark zu machen und zu vermitteln. Jetzt haben wir gerade das große Biennale-Jahr mit Venedig und Istanbul, wir haben die documenta in Kassel und die Skulptur Projekte in Münster.


Ist 2017 ein großes Jahr für die Kunst?

Absolut, ein ganz bedeutsames Jahr. Deutschland wird besonders im interna

tionalen Scheinwerferlicht der Kunstwelt stehen.


Was macht die documenta so wichtig?

Dass dort einfach die Impulse gesetzt werden für die nächsten Jahre, aber auch zurückgeblickt wird, was in den letzten fünf Jahren geschehen ist. Es gibt kurzzeitige Trends, aber die documenta steht für eine längerfristige Perspektive und wird die nächsten Jahre Gesprächsthema bleiben.


Wird sich die Kunst zukünftig noch stärker einmischen?

Künstler sind auch Bürger dieser Welt und mitgenommen von den Themen, die uns alle beschäftigen. Möglicherweise reagieren einige Künstler aber auch mit einem Rückzug ins Atelier und später erst dem Gang in die Gesellschaft. Das ist eine Pendelbewegung, die die künstlerische Auseinandersetzung mit der Gegenwart charakterisiert.


Erwarten Sie angestoßen durch die Digitalisierung auch neue Kunstformen?

Diese neuen medialen Formen hat man schon in den vergangenen Jahren gesehen: Ob 3D-Druck, Künstliche Intelligenz oder der Bereich Gaming. Gleichzeitig beobachten wir ein starkes Bedürfnis der Rückbesinnung auf analoge Medien, wie die Fotografie oder Keramik.


Wie hat die fortschreitende Digitalisierung die Vermarktung von Kunst verändert?

Künstler haben heute viel leichter Zugang zum vergangenen und zum aktuellen Geschehen. Gerade der Nachwuchs kann nicht regelmäßig nach Paris, London oder Berlin fahren, um sich die Museen und die Galerien anzuschauen. Da kann das Internet schon helfen, wobei ich sagen würde, dass die physische Wahrnehmung eines Kunstwerkes immer noch absolut zentral und primär bleibt.


Könnte das Internet die Galeristen überflüssig und die Künstler zu Vermarktern in eigener Sache machen?

Das ist möglich, aber eine Menge Arbeit. Viele Künstler sind deshalb ganz froh über die Ansprechpartner in den Galerien, mit denen sie gemeinsam mögliche Wirkungskreise besprechen und entwickeln können.


Was sind Ihre Lieblingskünstler?

Es gibt unheimlich viele Künstler, die wichtig sind. Es hängt davon ab, ob man ihre Werke für die Wohnung schätzt, weil man Kunst sammelt oder man sie im Museum gesehen hat und weil sie einen gedanklich weiterbringen.


Gibt es Kunst in Ihrer Wohnung?

Sicher.


Gemälde oder Skulpturen?

Beides ist vorhanden.


Sammeln Sie als Hobby oder ist das für Sie eine Geldanlage?

Ich bin keine Sammlerin. Das sind alles Arbeiten von Künstlern, die ich persönlich kenne und schätzen gelernt habe.


Sind Sie selbst künstlerisch tätig?

Nein.


Kein bisschen?

Nein, wirklich nicht.


Wo finden Sie Ihren kreativen Ausgleich?

Ich gärtnere sehr gern, wenn das als kreativ durchgeht (lacht).


Viel Zeit für Hobbys bleibt ohnehin nicht, oder?

Es ist mein großes Glück, dass mein Beruf und meine Leidenschaft sich überschneiden. Insofern verschwimmen die Grenzen zwischen Job und Privatem stark, aber das wird nicht zur Belastung. Das vergangene Wochenende habe ich zum Beispiel komplett in Berlin auf der Transmediale verbracht.  


Wird man Sie auch auf Wirtschaftsveranstaltungen in der Region treffen?

Gerne, ich war gerade auf dem Neujahrsempfang der IHK in Goslar – das war ein wunderbarer Start ins Jahr. Die Stimmung war sehr herzlich und offen. Ich hatte den Eindruck, dass man sich kennt und schätzt.


Ist das nicht durchaus üblich?

Das würde ich nicht sagen. Es scheint einen besonders engen Zusammenhalt zu geben und einen Stolz auf das gemeinsam Erreichte. Die Region hat wirtschaftlich, wissenschaftlich und kulturell unheimlich viel vorzuweisen. Die verschiedenen Stakeholder hier nehmen sich gegenseitig wahr und arbeiten zusammen. Das ist durchaus etwas Besonderes!

 

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