„Teilhabe bedeutet Zugang zum Internet“ - Standort38
18. September 2020
Portraits

„Teilhabe bedeutet Zugang zum Internet“

Martin Bretschneider, Gründer von Gingco Communication, und Moritz Tetzlaff, Projektleiter im Trafo Hub, riefen die Initiative „Hey, Alter!“ ins Leben

Lars Andresen, Moritz Tetzlaff und Martin Bretschneider in der Aula des Hauses der Wissenschaft. Foto: Julia-Janine Schwark.

Schon beim Betreten des Hauses der Wissenschaft sticht einem das schwarze, runde Logo mit der Aufschrift „Hey, Alter!“ ins Auge. Während in der Eingangshalle eine Station zur Annahme der Rechnerspenden eingerichtet ist, lässt sich die Aula in der dritten Etage kaum wiedererkennen. Hier stapeln sich Rechner unter Kartons mit den Beschriftungen „Kaputt“, „Neu“ und „Fertig“. In der Mitte des Raumes sitzen Martin Bretschneider, einer der Initiatoren des Projekts, und Lars Andresen vom Hackerspace Stratum 0.

Alt für jung

Das Ganze nimmt seinen Lauf, als Bretschneider zu Beginn des Corona-Lockdowns von seinem heutigen Initiativpartner Moritz Tetzlaff angerufen wird. „Seine Frau ist Berufsschullehrerin und nicht alle ihrer Schüler hatten einen PC, um am digitalen Unterricht teilnehmen zu können. Er hat mich gefragt, ob wir bei Gingco nicht noch zwei alte Computer übrig hätten“, erinnert sich Bretschneider. Tatsächlich finden sich noch deutlich mehr ausrangierte Rechner und Bretschneider vermutet, dass es bei anderen Firmen nicht anders aussieht. Schnell wird die gemeinsame Idee geboren, bei den Unternehmen in der Region alte Rechner einzusammeln und diese an junge Menschen mit Bedarf weiterzugeben. Um dem Projekt Prägnanz und Merkfähigkeit zu geben, bekommt das Kind einen Namen: Hey, Alter! Alte Rechner für junge Leute.
Zusätzlich zu Gingco und dem Trafo Hub holen sie sich einen weiteren, wichtigen Partner ins Boot: Florian Bernschneider vom Arbeitgeberverband (AGV), der kurzerhand beginnt, Unternehmen zu kontaktieren und um Unterstützung zu bitten. Darüber hinaus bekommt die Initiative Hilfe von der Sandkasten-Organisation der TU Braunschweig und dem Hackerspace Stratum 0. Rund 20 Freiwillige kommen so zusammen, die sich während der letzten Monate bei der Initiative engagiert haben.
Computer werden eingesammelt, die alten Festplatten gelöscht, um sie mit neuen Programmen zu bespielen und letztlich an die glücklichen neuen Besitzer zu übergeben. „Die Schüler bekommen die Rechner direkt geschenkt. Würden wir sie an die Schulen geben, wären sie Eigentum des Landes Niedersachsen und das würde einen langen Verwaltungsweg nach sich ziehen“, erklärt Bretschneider.

Eine Marke für die Zukunft

Lars Andresen erinnert sich: „Am Anfang waren die Schulen noch skeptisch, ob die Idee überhaupt funktionieren könnte. Doch schon bald hat sich die Nachricht von dem Erfolg der Initiative verbreitet.“ Inzwischen hat Hey Alter! die selbstgesetzte Zielmarke von 1.000 Rechnern fast geknackt, 650 davon haben bereits einen neuen Besitzer gefunden. Auch hierbei erhält die Initiative Hilfe von außen. „Professor Horst Rademacher und sein Schatzmeister Christian Schiffer vom Verein Wir fördern Braunschweig e.V. haben uns 20.000 Euro für Hey, Alter! gespendet. Das hat uns sehr geholfen. Es fehlen ja häufig Kleinigkeiten, wie WLAN-Karte, Festplatte, Tastatur oder Maus“, so Bretschneider.
Ein Grund zur Projektbeendigung ist das Erreichen der Zielmarke übrigens nicht. Ganz im Gegenteil: Mit Hey, Alter! soll eine Marke geschaffen werden, die sich fortsetzen und verbreiten lässt. „Corona wird vielleicht irgendwann überstanden sein, aber die Kinder aus armen Familien wachsen nach. Deshalb wird die Initiative dauerhaft notwendig sein. Denn Teilhabe bedeutet eben auch, Zugang zum Internet zu haben“, ist Bretschneider überzeugt. Interesse an dem Projekt besteht mittlerweile auch in anderen Städten. So kündigen unter anderem Augsburg, Bamberg, Köln und Oldenburg an, ebenfalls ein Hey, Alter!-Projekt zu beginnen. Dafür werden ihnen die Marke, der Internet-Auftritt, die Software und die benötigten Printdokumente unentgeltlich zur Verfügung gestellt.
„Wir haben von allen Seiten maximal positives Feedback bekommen“, resümiert Bretschneider stolz und ein wenig gerührt zugleich. „Das schönste sind die Nachrichten von den Schülern, die sich bei uns bedanken. Auch und gerade dann, wenn sich da manchmal noch sprachliche Fehler einschleichen.“
Und auch wenn die sie die Aula im Haus der Wissenschaft nun räumen müssen, weil der Betrieb an der TU Braunschweig langsam wieder Fahrt aufnimmt, lässt sich Hey, Alter! nicht ausbremsen. Das markante Logo wird man zukünftig am Studihaus im Bürohaus Wendering finden – mit der festen Zuversicht, dass die Braunschweiger auch hier künftig alte Rechner für junge Leute spenden.

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