und
29. Juni 2016
Portraits

„Unser Land braucht flexiblere lebensphasenorientiertere Arbeitsmodelle“

Personalvorstand Christiane Hesse über die Anziehungskraft der Volkswagen Financial Services AG, Ethik im Management und eine Generation, die nach Feedback verlangt, aber Lob sucht

Personalvorstand Christiane Hesse. Foto: Holger Isermann

Braunschweigs Bankplatz liegt in der Innenstadt. das grösste Finanzinstitut der Region allerdings hat seinen Sitz einige Kilometer entfernt an der Gifhorner Straße. Allein in der Hauptniederlassung der Volkswagen Financial Services AG arbeiten rund 5.500 Menschen, mehr als 15.200 sind es weltweit. Damit ist die Volkswagen-Tochter zugleich Europas größter Finanzdienstleister rund ums Auto. Seit der Gründung im Jahr 1994 ist man massiv gewachsen, auch 2015 war wieder ein Rekordjahr: 16,6 Millionen Verträge liegen im Bestand und haben 1,9 Milliarden Euro erlöst. Doch Volkswagen Financial ist nicht nur ökonomisch erfolgreich, sondern auch als Arbeitgeber beliebt. Standort38 traf Personalvorstand Christiane Hesse zum exklusiven Titelinterview und hat nachgefragt, was ihr Unternehmen so anziehend macht, ob Dieselgate bei der VW-Tochter möglich wäre und wie sie sich als eine von wenigen Frauen in der Männerdomäne Vorstand schlägt. Sie könne sich „ganz gut behaupten“, versichert die 59-Jährige glaubhaft und wirkt trotz Design-Büro mit standesgemäßer Weitblickgarantie auffallend geerdet wie empathisch.


Frau Hesse, was unterscheidet die Volkswagen Financial Services AG von einer klassischen Bank?

Erst einmal haben wir ein anderes Geschäftsmodell. Wir sind keine Investment-Banker, sondern bieten Finanz- und Mobilitätsdienstleistungen rund um das Auto. Was uns ferner wesentlich unterscheidet, ist die Nähe zur Industrie. Wir leben und arbeiten im Volkswagen Konzern und haben den Auftrag, als Absatzförderer für Volkswagen und seine zwölf Marken zu fungieren.


2015 war für Sie ein Rekordjahr. Sie haben 16,6 Millionen Verträge im Bestand und 1,9 Milliarden Euro verdient. Wie würden Sie sich im Konzert der großen Finanzinstitute einordnen?

Wir werden mittlerweile nicht mehr nur noch von der nationalen Bankenaufsicht überwacht, sondern ebenfalls von der Europäischen Zentralbank. Das liegt daran, dass wir zu den 128 größten europäischen Banken gehören…


…trotzdem haben Sie für die kommenden Jahre einen Sparkurs angekündigt. 2016 und 2017 sollen die Kosten um 300 Millionen Euro reduziert werden. Warum?

Aufgrund der Dieselthematik ist der Geldeinkauf für uns gegenwärtig teurer geworden. Darauf wollen wir nicht mit höheren Zinsen für unsere Kunden reagieren, sondern stattdessen u.a. mit einer Effizienzsteigerung gegenwirtschaften – auch ohne zu wissen, wie lange diese erhöhten Kosten für unsere Refinanzierung anhalten.


Vor zwei Jahren mussten Sie sich dem Stresstest der EZB stellen. Wie hat sich Ihre Krisenfestigkeit seitdem entwickelt?

Sie war schon immer sehr gut. Das liegt vor allem an unserem Geschäftsmodell. Wenn Sie ein Auto leasen oder finanzieren, dann ist das für die meisten Menschen das Letzte, was sie nicht abzahlen wollen. Sie brauchen das Auto, um zur Arbeit zu kommen und um überhaupt mobil zu sein. Wenn das Auto abgeholt wird, bekommt das außerdem die gesamte Nachbarschaft mit. Insofern haben wir eine geringe Ausfallrate…


…aber die Restwerte dürften zur Herausforderung werden, oder?

Natürlich hat die Diesel-Thematik das Restwertrisiko beeinflusst. Dafür haben wir aber eine entsprechende Risikovorsorge gebildet. In der Folge der Dieselthematik forderte die Bankenaufsicht übrigens mehrere Sonderberichte an, in denen wir zeigen konnten, wie solide wir aufgestellt sind.


Können Mitarbeiter gleichzeitig Menschen und Ressourcen sein?

Für mich sind alle Mitarbeiter Menschen. Sie kommen schließlich nicht als Ressource mit zwei Beinen in das Unternehmen, sondern als Menschen mit ihren Fähigkeiten, Eigenheiten und Vorlieben. Wenn Sie Kapazitäten planen, dann reden Sie von Personalkapazitäten, sonst schauen Sie ganzheitlich auf den Menschen.


Sie sind in rund fünfzig Ländern aktiv. Wie viel interkulturelles Knowhow benötigen Ihre Mitarbeiter für die Arbeit quer über den Globus?

Voraussetzung ist erst einmal ein sicheres Englisch. Insbesondere für die Holding-Mitarbeiter hier am Standort Braunschweig. Wenn wir Mitarbeiter für eine längere Zeit ins Ausland schicken, gibt es eine intensive Vorbereitung. Dazu gehört auch ein interkulturelles Training.


Sind Sprachkenntnisse bei Bewerbungen noch ein Thema oder muss man darüber gar nicht mehr reden, weil es im Grunde jeder mitbringt?

Das ist immer noch ein Thema. Wir stellen schließlich auch Schulabgänger als Auszubildende ein. Eine gute Schulnote in Englisch bedeutet übrigens nicht, dass die Auszubildenden sich trauen, über die Hürde der direkten Kommunikation zu gehen. Das Eine ist es, dem Lehrer ein englisches Gedicht aufzusagen – das Andere, die Scheu zu überwinden, die Sprache auch im wahren Leben anzuwenden. Aber natürlich sind die Englischkenntnisse bei den jungen Leuten deutlich besser als früher.

 

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"Unser Land braucht flexiblere lebensphasenorientiertere Arbeitsmodelle" – Personalvorstand Christiane Hesse über die Anziehungskraft der Volkswagen Financial Services AG, Ethik im Management und eine Generation, die nach Feedback verlangt, aber Lob sucht (2/4)

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