und
29. Februar 2016
Portraits

Wir haben es in der Hand (2/5)

Der neue AGV-Hauptgeschäftsführer Florian Bernschneider über seine Zeit in Berlin, junge Unternehmer und die Ausgangslage der regionalen Wirtschaft für die Megathemen Fachkräftemangel, Digitalisierung und Mobilität

Politischer Dialog in Berlin. Im Hintergrund: Das Reichstagsgebäude des Deutschen Bundestags. (Foto: Florian Bernschneider)


Klingt nach Understatement…

Um es mal auf den Punkt zu bringen: Bei meinem ersten IHK-Neujahrsempfang in Braunschweig, saß ich als Bundestagsabgeordneter in der ersten Reihe und wurde als einer der ersten namentlich begrüßt. Ich hatte gerade meine Ausbildung bei der Braunschweigischen Landessparkasse absolviert und die Vorstände, die mich wahrscheinlich vor zwei Wochen nicht einmal im Fahrstuhl erkannt hätten, saßen jetzt drei Reihen hinter mir. In dem Moment gibt es eigentlich nur zwei Wege entweder du hebst total ab oder du realisierst, dass es um das Amt und nicht die Person geht. Denn wenn das Mandat wieder weg ist, sitzt du auch schnell wieder ganz weit hinten.


Ist man Ihnen in Braunschweig manchmal mit Neid begegnet, wenn Sie zum Ortsbesuch kamen?

Es gab viel positive Resonanz, aber es war natürlich auch nicht immer ganz leicht. Stellen Sie sich vor, dass Sie als gestandener Geschäftsmann auf einmal mit diesem 22-jährigen FDPler am Tisch sitzen. Ich bin bis heute sehr dankbar, dass es da einige Menschen gab, die den Knoten für mich zerschnitten haben. Adalbert Wandt hat kurz nach der Wahl bei mir angerufen und wenig später saßen wir bei einem Kaffee in seinem Büro. Am Ende hat er mich als Gastredner zur Kaufmännischen Union eingeladen. Das hat mir viele Türen geöffnet, die sonst nicht aufgegangen wären.


Willkommen im Braunschweiger Klüngel! War die Rede Ihre Eintrittskarte?

Das war sicher ein wichtiger Schritt als junger Abgeordneter wahrgenommen zu werden. Diesen „Braunschweiger Klüngel“ habe ich trotzdem nie als closed shop empfunden. Wer etwas bewegen will, findet auch Zugang zu den Entscheidern unserer Stadt. Deswegen ist der „Klüngel“ nichts Schlimmes. Im Gegenteil: Es zeichnet Braunschweig aus, dass es noch klein genug ist, um gemeinsam Dinge zu entwickeln. Das habe ich in Berlin so nie kennengelernt.


Wie haben Sie Frau Merkel erlebt?

Angela Merkel steckt fachlich tief in den Themen, ist in Hintergrundkreisen wesentlich charismatischer als man bei manch offizieller Rede vermutet. Und vor allem hat sie ein sehr gutes Gespür für das politische Tagesmanagement. Wie eine Art politische DAX-Managerin steuert sie so die Republik von einem zum nächsten Quartalsbericht. Das macht sie gut, aber mir fehlt ein Stück weit ihre grundlegende Vision und der Reformwille, eine Agenda 2010.


Braucht das Land wieder einen Gestalter?

Ja, ich denke, wir diskutieren zu viel über den Status Quo und das Verteilen des Erreichten. Wo gibt es in der politischen Debatte schon Antworten auf die Frage, wo wir in 10 oder 20 Jahren stehen wollen? Das gilt im Übrigen auch für die Flüchtlingspolitik: Wenn wir wirklich wüssten, wohin wir wollten, würde so manches Ruckeln im Tagesgeschäft wohl weniger schwer wiegen.


Wie haben Sie den Wahlabend im September 2013 erlebt, als Ihnen klar wurde, dass ihre Zeit im Bundestag vorbei ist?

Es war ein Scheiß-Gefühl. Ich hatte einen Listenplatz, der mich bei fünf Prozent sicher wieder zurück in den Deutschen Bundestag gebracht hätte. Ich hatte damals wenige Tage vor der Bundestagswahl ein Gespräch mit einem Journalisten der taz zugegebenermaßen nicht das FDP-freundlichste Medium. Als der mir sagte, dass er es uns zwar nicht gönne, aber trotzdem sicher sei, dass es keinen Bundestag ohne FDP gäbe, dachte ich, wir wären über den Berg. So kann man sich irren.


Waren Sie von der Niederlage überrascht?

Wir haben schon alle gespürt, dass es knapp wird. Am Wahltag bekommt man dann gegen Nachmittag die ersten vertraulichen Hochrechnungen. Da wusste ich, dass wir wohl rausfliegen würden. Dann musst du trotzdem zu einer Wahlparty fahren und dich vor die Menschen stellen, die in den letzten Wochen ehrenamtlich Plakate für dich an den Laternen hochgezogen haben. Das war ein ganz seltsamer Abend und ich muss sagen, ich war auch nicht ganz frei von Schuldgefühlen.


Was haben Sie sich vorgeworfen?

Kritisch reflektiert habe ich zu jenen 93 Abgeordneten gehört, an deren Legislaturperioden-Ende eine Traditionspartei auf einmal nicht mehr im Deutschen Bundestag war. Da fragt man sich selbst schon, was hast du eigentlich für Fehler gemacht, die dazu beigetragen haben. Und viel schlimmer noch, ich hatte fünf Mitarbeiter, denen ich in der Woche davor gesagt habe, dass ihre Jobs sicher sind. Als Bundestagsabgeordneter hast du ein paar Monate Übergangsgeld, aber die Mitarbeiter sitzen sofort auf der Straße… Ich bin immer noch dankbar, dass wir für alle eine neue Perspektive finden konnten.


…klingt nach einem absoluten Tiefpunkt in Ihrer Karriere…

Viele sagen, der Bernschneider ist so erfolgreich, erst jung im Bundestag, jetzt jung Hauptgeschäftsführer das stimmt, ich hatte das Glück, schon viele Erfolge erleben zu dürfen. Aber so ein Rückschlag wie die Wahlniederlage macht einen manchmal stärker als viele Erfolge, die man vorher hatte.


Woher nimmt man die Motivation, wieder in der politischen Kreisklasse anzufangen, wenn man in der Bundesliga gespielt hat?

Ich habe das so nie gesehen. Unsere Demokratie lebt nicht von ein paar Berufspolitikern, sondern von tausenden ehrenamtlichen Mitgliedern, die sich in Parteien engagieren. Dort passiert das wahre politische Geschäft. Deswegen war für mich immer klar: Ein Mandat kann enden, meine Überzeugung und in der Konsequenz auch mein ehrenamtliches Engagement nicht.

 


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„Wir haben es in der Hand“ – Der neue AGV-Hauptgeschäftsführer Florian Bernschneider über seine Zeit in Berlin, junge Unternehmer und die Ausgangslage der regionalen Wirtschaft für die Megathemen Fachkräftemangel, Digitalisierung und Mobilität (3/5)

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