und
29. Februar 2016
Portraits

Wir haben es in der Hand (4/5)

Der neue AGV-Hauptgeschäftsführer Florian Bernschneider über seine Zeit in Berlin, junge Unternehmer und die Ausgangslage der regionalen Wirtschaft für die Megathemen Fachkräftemangel, Digitalisierung und Mobilität

Hier steht der neue Schreibtisch: Arbeitgeberverband Region Braunschweig e.V., Wilhelmitorwall 32. (Foto: Holger Isermann)


Was raten Sie Unternehmern, die Schwierigkeiten beim Recruiting haben?

Im Grunde sind es zwei Kernfragen, die man beantworten muss: Was macht das Unternehmen für Arbeitnehmer wirklich attraktiv und wie erfahren potentielle Kandidaten davon? Wer hier klug und innovativ ist, braucht weder überdurchschnittliche Gehälter noch riesige Werbeetats, um Fachkräfte zu gewinnen. Das bedeutet aber, die Fragen nach Vereinbarkeit von Familie und Beruf, dem Arbeitsklima, Aufstiegs- und Entwicklungschancen genauso intensiv zu beraten wie die nächste Produktinnovation oder Kundengewinnungsstrategien. Als Arbeitgeberverband unterstützen wir gerade mittelständische Betriebe bei diesen Fragestellungen.


Ist der AGV modern genug? Ist er fit für die Zukunft?

Wir bieten unseren Mitgliedern eine hervorragende arbeitsrechtliche Vertretung, haben sehr früh angefangen, eine Expertise im Bereich Personal aufzubauen und eröffnen ein exzellentes Netzwerk. Darauf können wir uns aber nicht ausruhen. Nehmen Sie beispielsweise das Thema Digitalisierung: Hier müssen wir noch einiges tun, um unserem Anspruch gerecht zu werden, thematischer Vordenker zu sein. Oder denken Sie an die lebendige Startup-Szene unserer Region. Während wir ganz selbstverständlich für die etablierte Unternehmerschaft unserer Region stehen, sind wir im Gründerbereich noch schwach vertreten.


Sie wollen also nicht nur ein junges Gesicht sein, sondern auch verstärkt die Interessen der jungen Unternehmer vertreten?

Die Entscheidung des Vorstands für einen besonders jungen Hauptgeschäftsführer ist auch ein klarer Auftrag, den Generationenwechsel in unserer Mitgliederschaft einzuleiten. Die Frage muss doch lauten: Wo sind eigentlich die zukünftigen Unternehmer, die diesen Verband prägen sollen?


Einige von ihnen könnten aus der Generation Y stammen. Vor welche Herausforderungen wird sie die Arbeitgeber stellen?

Ich halte nicht so viel davon, einer Generation eine gemeinsame Überschrift zu geben. Aber in der Tat kann man feststellen, dass unsere Generation vieles kritischer hinterleuchtet: Wie sieht es mit der Work-Life-Balance aus, was gewinne ich durch einen Job, was verliere ich? Die Generation stellt diese Frage ein Stückweit aus einer Komfortzone heraus, aber wir als Arbeitgeberverband sollten sie trotzdem sehr ernst nehmen. Es ist auch gut, dass junge Menschen hier kluge Antworten einfordern.


Ist der klassische Mittelständler bei diesen Themen beweglich genug?

Das Interesse für diese Themen ist vorhanden. Gemeinsam mit unseren Mitgliedern suchen wir nach alltagstauglichen Antworten, die auch in kleinen Unternehmen funktionieren. Dabei müssen wir aber auch ermutigen, neue Wege zu gehen und zu investieren. Wer den Arbeitsplatz von morgen denkt, muss auch bereit sein, zu investieren.


Wie wichtig sind Startups als Innovationstreiber für die Region?

Sehr wichtig. Innovationen sind ja gewissermaßen die Grundlage für ein Startup, entsprechen ihrer natürlichen DNA. Ich habe erst heute morgen im Radio gehört, dass es 75% der vor 40 Jahren größten Unternehmen heute gar nicht mehr gibt. Gleichzeitig haben Start ups wie Uber in weniger als drei Jahren Unternehmenswerte in Milliardenhöhe. Da versteht es sich von selbst, dass man auch als ganz Großer aufmerksam Start ups beobachten sollte. Gerade für den Mittelstand kann die Startup-Szene zu einer Art externen Forschungs- und Entwicklungsabteilung werden. Deswegen wollen wir als Verband auch die Brücke zwischen beiden Seiten bauen.


TU-Präsident Jürgen Hesselbach hat im Standort38-Interview gesagt, VW sei Risiko und Segen zugleich…

In der Bank habe ich mal gelernt, dass so etwas Klumpenrisiko heißt (lacht). Im Ernst: Wir alle haben natürlich ein Interesse daran, dass es Volkswagen gut geht. Aber mich ärgert manchmal auch, dass wir selbst so tun, als gäbe es in unserer Region nichts anderes. Hier gibt es unzählige Mittelständler, die Weltmarktführer in ihrer Branche sind. Wenn wir wollen, dass es unserer Region richtig gut geht, müssen wir beide Seiten im Blick haben: Volkswagen und den vielfältigen Mittelstand.


Warum wächst die Region eigentlich nicht endlich zusammen?

Wir haben uns die letzten Jahre zu viel damit beschäftigt, wer das Thema vorantreibt. Heute mangelt es uns nicht an Institutionen zur stärkeren Vernetzung der Region. Aber wenn Sie mich fragen, haben wir zu wenig darüber gesprochen, wohin genau wir eigentlich mit der Region wollen.


Wie würden Sie die Arbeit dieser vielen Institutionen und Akteure bewerten? Haben sie in den vergangenen Jahren einen guten Job gemacht?

Natürlich gab es viele erfolgreiche Projekte. Aber wir spüren doch alle, dass wir vom großen Wurf noch weit entfernt sein. Und noch mal: Wir müssen stärker über die tatsächlichen Zielsetzungen sprechen. Dieses abstrakte Gefühl, dass in der Region noch viel mehr Potenzial steckt, muss in konkrete und messbare Ziele übersetzt werden.


Behindert der Zuschnitt der IHK-Kreise die Regionendebatte?

Natürlich sagt einem auch hier das Bauchgefühl, dass der historisch gewachsene Kammerzuschnitt für die Region nicht optimal ist. Aber in beiden IHKs sitzen Menschen, die klug genug sind, die Region so zu verstehen, wie sie tatsächlich in der Lebensrealität aussieht. Wir sollten eher über die Sache sprechen als schon wieder über den Zuschnitt von Institutionen.

 


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„Wir haben es in der Hand“ – Der neue AGV-Hauptgeschäftsführer Florian Bernschneider über seine Zeit in Berlin, junge Unternehmer und die Ausgangslage der regionalen Wirtschaft für die Megathemen Fachkräftemangel, Digitalisierung und Mobilität (5/5)

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