und
29. Februar 2016
Portraits

Wir haben es in der Hand (5/5)

Der neue AGV-Hauptgeschäftsführer Florian Bernschneider über seine Zeit in Berlin, junge Unternehmer und die Ausgangslage der regionalen Wirtschaft für die Megathemen Fachkräftemangel, Digitalisierung und Mobilität

Engagierter Gestalter und schlagfertiger Gesprächspartner: Florian Bernschneider im Standort38-Interview. (Foto: Holger Isermann)


Laut Abgeordnetenwatch haben Sie damals gegen die Frauenquote in Aufsichtsräten und für das Betreuungsgeld gestimmt. Würden Sie das wieder tun?

Die FDP und auch ich persönlich hielten nichts vom Betreuungsgeld. Unsere Zustimmung war ein Kompromiss in der Koalition. Ich verstehe, wenn Menschen sich fragen, warum man gegen die eigene Position stimmt. Wir steckten damals mitten in der Eurokrise, da opfert man eine stabile Koalition nicht für das Betreuungsgeld. Und kleine Fußnote: Wir waren uns relativ sicher, dass das Bundesverfassungsgericht das Gesetz einkassiert. Das hat die Entscheidung noch ein Stück leichter gemacht.


Was ist mit der Quote?

Ich bin der festen Überzeugung, dass wir die Potenziale, die in jungen Frauen stecken, in der Wirtschaft bei Weitem noch nicht genug abgebildet sehen. Aber ich glaube, dass eine Quote das falsche Mittel ist, um das zu ändern. Und mal ganz ehrlich: Bei der Quote geht es um Aufsichtsräte von Dax-Unternehmen. Über wie viele Frauen sprechen wir? 100 oder 200 Frauen?


Das heißt, Sie würden trotz schleppender Fortschritte weiterhin eher auf den Gestaltungswillen der Unternehmer und Unternehmen selbst setzen?

Wenn Sie heute mit Headhuntern sprechen, werden Sie erfahren, dass es eine extrem hohe Nachfrage nach weiblichen Führungskräften gibt. Dass überhaupt kein Wandel in den Unternehmen stattfindet, kann ich nicht sehen. Alle wissen außerdem, dass gemischte Teams erfolgreicher sind, als homogene. Wer dauerhaft eine andere Personalpolitik betreibt, schadet sich selbst.


Kann man die Flüchtlingsdebatte sinnvoll führen, solange Einwanderung und Asyl zusammen diskutiert werden?

Das ist eine der großen Schwierigkeiten. Ich glaube, dass ein Einwanderungsgesetz helfen würde, diese beiden Stränge aufzugliedern. Die Vorstellung, dass hochqualifizierte Arbeitskräfte in den Aufnahmelagern sitzen und gegen eine weiße Wand schauen, weil sie keinen Status haben, wirkt doch nicht nur aus Sicht der Wirtschaft völlig absurd.


Ist es eigentlich legitim, die Debatte zu ökonomisieren?

Wenn man die beiden Säulen sauber auftrennen würde, könnte man sehr wohl mit wirtschaftlichen Interessen bei der Einwanderung argumentieren, aber gleichzeitig mit Herz und Offenheit Antworten für die Menschen finden, die vor Krieg und Elend flüchten.


Haben Sie Angst vor einem Rechtsdruck, wie man ihn in anderen europäischen Ländern die vergangenen Jahre bereits beobachten kann?

Dass in Deutschland wieder vom Schießbefehl an Grenzen gesprochen wird, macht mir in der Tat große Angst. Ich glaube, was wir aktuell erleben, ist wesentlich gefährlicher für den Zusammenhalt in der Europäischen Union, als die Eurokrise.


Wie sieht Ihre Vision für die regionale Wirtschaft aus?

Nutzen wir unsere Potenziale: Seien wir nicht nur Forschungshochburg, sondern auch Meister darin aus Forschungsergebnissen Unternehmen zu schaffen. Ruhen wir uns nicht darauf aus, dass industrielle Herz Norddeutschlands zu sein, sondern zeigen wir als erste, wie man Industrie digitalisiert. Bleiben wir hartnäckig beim Ausbau von Weddeler Schleife und A39, aber fordern wir auch die schnellsten Datenautobahnen unseres Landes für uns ein.


Wie sähe der Übertrag für die Mobilitätsregion aus?

Wir sind die Mobilitätsregion in Europa, aber versuchen Sie nach 20 Uhr mal mit dem ÖPNV vom Altstadtmarkt nach Hondelage zu kommen (lacht). Wenn man mit Gästen durch Braunschweig geht, darf es nicht aussehen wie in jeder anderen Stadt, sondern da muss einem doch ins Auge springen, dass hier innovative Mobilitätskonzepte der Zukunft entstehen. Da liegt noch ein gutes Stück Arbeit vor uns.


Was machen Sie in der wenigen Zeit, die Ihnen neben der Arbeit noch bleibt?

Ich versuche, jede freie Minute mit meiner Familie und Freunden zu verbringen. Das erdet mich und gibt mir Kraft. Meine Frau und ich haben gerade eine Tochter bekommen, unser erstes Kind. Das ist also gerade eine besonders spannende, schöne, aber auch schlaflose Zeit für uns (lacht).


Haben Sie Zeit für klassische Hobbys?

Diese Frage wird mir immer wieder gestellt, und wenn ich eine Schwäche habe, dann, dass mir nie eine sympathische Antwort darauf einfällt. Denn im Grunde bleibt mir keine Zeit für ein richtiges Hobby.


Sie könnten es als Alibi-Golfer versuchen…

Nein, das bin ich nicht (lacht).

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