Zucker ist ein Genussmittel - Standort38
2. September 2013
Handel & Dienstleistung

Zucker ist ein Genussmittel

Hartwig Fuchs, Vorstandsvorsitzender der Nordzucker AG, im Interview

Hartwig Fuchs sprach im Standort38-Interview über die Entwicklung der Zuckerproduktion und aktuelle Herausforderungen. (Foto: André Walther/Nordzucker AG)

Ab Ende September beginnt wieder die Erntezeit der Zuckerrüben, die sogenannte Kampagne, die bis in den Januar hinein andauert die intensivsten Monate des Jahres für die Nordzucker AG. In diesem Jahr feiert das Braunschweiger Unternehmen, das 2012 einen Umsatz von 2,4 Milliarden Euro erwirtschaftete, sein 175-jähriges Jubiläum. Standort38 unterhielt sich mit dem Vorstandsvorsitzenden Hartwig Fuchs, einem schnell denkenden und sprechenden Unternehmenslenker hanseatischer Prägung.


Herr Fuchs, 1838 wurde in Klein Wanzleben in Sachsen-Anhalt eine Zuckerfabrik gegründet, die heute zu den modernsten Anlagen Europas gehört. Wie kann man sich die Region Sachsen-Anhalt und Niedersachsen von damals vorstellen?

Den Startschuss für den Anbau von Zuckerrüben gab damals Napoleon mit der Kontinentalsperre: Denn mit dem Verbot des Imports von Rohr- bzw. Rohzucker aus den vorwiegend englischen Kolonien musste Zucker aus heimischer Produktion erzeugt werden. Das hat natürlich die Zuckerindustrie der Region dramatisch beflügelt. 1838 wurde die erste Zuckerfabrik in Klein Wanzleben in der Magdeburger Börde gebaut und war somit eine der ersten Keimzellen für Nordzucker. Mit der nächsten Gründungswelle gingen dann die anderen deutschen Fabriken in Nordstemmen, Schladen, Clauen und Uelzen an den Start, weil dort die Böden hervorragend für die Rübe geeignet waren. Im ländlichen Raum wurden diese Fabriken von Bauern und einigen Kaufleuten, die das Ganze maßgeblich vorangetrieben haben, gemeinschaftlich gegründet. Beeindruckend für mich ist: Schon 1838 wurde erkannt, dass eine Zuckerfabrik ohne die Verzahnung mit der landwirtschaftlichen Fläche, auf der die Zuckerrüben überhaupt erst wachsen konnten, nichts wert ist. Fabrik und Fläche gehören zusammen. Das ist auch heute noch so. Diese Verknüpfung ist einzigartig in der Landwirtschaft.


D
ie Nordzucker AG feiert in diesem Jahr das 175-jährige Jubiläum dieses Standorts und der Unternehmensgründung. Was waren die wichtigsten Meilensteine in diesem langen Zeitraum?

Wir haben in unserer Geschichte immer wieder Umwälzungen erlebt. In Europa hatten wir von 1865 bis 1900 einen Gründungsboom. Die meisten unserer heute noch bestehenden Werke wurden in dieser Phase erbaut und in Betrieb genommen. Dann folgte aber auch relativ schnell wieder der Abbau beziehungsweise die Konzentration und Zusammenlegung zu größeren Einheiten. Die ganz große Zäsur kam nach dem Zweiten Weltkrieg 1945 mit der Teilung in Ost- und Westeuropa. Die Zuckerwirtschaft ging diesseits und jenseits des Eisernen Vorhangs unterschiedliche Wege. Vor allem in Westdeutschland kam es Schritt für Schritt zu Zusammenschlüssen und Kooperationen. In den späten 80er und frühen 90er Jahren entstanden die beiden großen Vorgängergesellschaften der Nordzucker AG, die Zuckeraktien-Gesellschaft Uelzen-Braunschweig und die Zuckerverbund Nord AG.

Die Wiedervereinigung gab dem Wachstums- und Konzentrationsprozess weiteren Vorschub. Doch auch Modernisierungen waren zwangsläufig. Von 1992 bis 1994 wurde in diesem Zuge das Werk in Klein Wanzleben komplett auf der grünen Wiese neu aufgebaut. Insgesamt war dies eine sehr aktive Phase. Denn mit dem Wegfall der Grenzen zwischen den Blöcken unternahm Nordzucker einen weiteren großen Schritt: In Mittel- und Osteuropa sind wir heute in Tschechien, der Slowakei und Polen tätig. Ein großer Sprung in der Unternehmensentwicklung war der vor vier Jahren erfolgte Erwerb der Nordic Sugar mit den Zuckerfabriken in Dänemark, Schweden, Finnland und Litauen, die ebenfalls eine sehr lange Tradition haben. Getragen wurden alle diese Entwicklungen insbesondere durch unsere Eigentümer. Über eine Holdingstruktur sind 95 Prozent unseres Kapitals in der Hand von Rübenanbauern. Das ist schon beeindruckend.

 


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„Zucker ist ein Genussmittel“ – Hartwig Fuchs, Vorstandsvorsitzender der Nordzucker AG, im Interview (2/3)

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