17. Mai 2021
Entscheider

Mit fünf Gängen durch Wolfsburg

Hof Welkensiek: Pferdehöfe der Region – Teil 4

Udo und Maria-Katharina Rauthaus, zusammen mit Enkelin Franziska, haben ihren Hof über Jahrzehnte im Nebenerwerb aufgebaut. Ihre Begeisterung haben sie an Sohn Tillmann, links, weitergegeben, der mit seiner Familie ebenfalls auf Welkensiek lebt. Foto: Welkensiek.

Seit 1938 dreht sich in Wolfsburg alles um moderne Fortbewegung. Rund 40 Jahre nach der Stadtgründung konzentrierte sich eine Familie im Ortsteil Heiligendorf auf eine eher traditionelle Art der Fortbewegung. Mit Udo Rauhaus und Maria-Katharina Petersen-Rauhaus zogen die ersten Islandpferde in das Dorf an der Schunter.
In den Beeten vor dem gepflegten Fachwerkhaus strecken sich Blumen der Sonne entgegen und Vogelgezwitscher erfüllt die Luft. Aus einem der hohen Bäume beobachtet ein Falke das Treiben auf dem Hof. „Als ich zum ersten Mal hierher kam, wusste ich sofort, dass wir hier richtig sind. Im Ort galten die Hofgebäude Welkensiek dagegen als hoffnungsloser Fall, der „warm“ abgerissen gehört“, erinnert sich Maria-Katharina Petersen-Rauhaus. Zum Beginn der 1970er-Jahre studierte sie noch in Bonn Biologie und Deutsch auf Lehramt. Ihr Mann Udo Rauhaus, Lehrer für Mathematik und Physik, hatte bereits eine Stelle an der Integrierten Gesamtschule in Wolfsburg angenommen. Immer, wenn sie ihn mit den gemeinsamen Kindern besuchte, machte sie sich auf die Suche nach einem Hof, der zu ihnen passen könnte.
„Geboren und aufgewachsen bin ich auf dem Fischland, einer Halbinsel, angrenzend an Darß und Zingst, meine Familie flüchtete 1960 nach der Enteignung. Wenn man viel zurücklassen und ein neues Leben aufbauen muss, lernt man, dass man mit Zielstrebigkeit aus wenig viel machen kann“, erzählt Petersen-Rauhaus. Viele Entscheidungen, die sie und ihr Mann im Lauf ihres Lebens trafen, richteten sie auf ihren Traum aus, einmal mit einer großen Familie in der Natur zu leben und Tiere zu halten. Das Ehepaar entschied sich für den Schuldienst und baute im Nebenerwerb ihren Hof mit Gestüt, Reitschule und Pferdepension auf.

Eine Idee wird Realität

Wie auf ihrer Heimat Island leben die Pferde von Familie Rauthaus in Herden. Foto: Welkensiek.

75 Hektar Grünland gehören zu Hof Welkensiek. Die Flächen dienen der Beweidung und Winterfuttergewinnung für die aktuell 75 Pferde und 25 Deutsch-Angus-Rinder. Die ersten Rinder zogen 1986 auf den Hof. Erst, um die siebenköpfige Familie selbst mit Fleisch zu versorgen und die Weiden zu pflegen, später entwickelte sich aus der Mutterkuhhaltung ein Betriebszweig. Udo Rauhaus, aus einer Fabrikantenfamilie stammend, ist nach Jahren landwirtschaftlicher Tätigkeit als Autodidakt, ein erfahrener Betriebsleiter. Von den fünf Kindern der Familie haben die beiden Söhne nach dem Abitur diesen Weg ebenfalls eingeschlagen. Einer der beiden, Tillman, lebt mit seiner Familie ebenfalls auf Welkensiek. Ein landwirtschaftlicher Mitarbeiter, zwei Studentinnen mit Teilzeitjobs in der Pferdeausbildung und Petersen-Rauhaus als Pferdewirtin ergänzen das Team. „Nach meiner Pensionierung wollte ich die Arbeit mit den Pferden zertifizieren, legte die IPZV-Trainerprüfung C ab und absolvierte für die Prüfung zum Pferdewirt einen Quereinsteigerkurs bei der Landwirtschaftskammer. Nach fast 40 Jahren mit Islandpferden war es spannend, wieder Einblicke in die Großpferdehaltung zu erhalten. Der Altersunterschied zu meinen Kurskollegen war schon deutlich“, lacht sie. Auf Welkensiek gibt es nur eine handvoll Boxen und Paddocks direkt am Haus, für kranke Tiere sowie Stuten mit Fohlen. „Früher blieben die Zuchtstuten nur auf der Weide. Seit es wieder Wölfe – eine unkalkulierbare Bedrohung für die Entwicklung des Tierwohllabels! – in der Region gibt, haben wir sie lieber bei uns am Hof“, so Petersen-Rauhaus.

Pferdeliebe seit Generationen

Die Liebe ihrer Familie zu Pferden prägte sie. Bereits ihre Mutter hielt und züchtete Pferde, ihr Vater war bei der Kavallerie. Über eine Freundschaft zum Direktor des Kölner Zoos kamen die ersten Islandponys zu ihr und Pfingsten 1974 das erste Islandpferd nach Wolfsburg. In einer Zeit, in der die Rasse in Deutschland nahezu unbekannt und die Zucht noch unorganisiert war. Erst nach und nach änderte sich dies. Heiligendorf und Hof Welkensiek etablierten sich als Sitz und Geschäftsstelle des Islandpferde Reiter- und Züchterverein Niedersachsen-Ost e.V., aus dem vor 25 Jahren der Islandpferdeverein Fákur Wolfsburg e. V. hervorging. Ein Teil der Reitanlagen rund um Welkensiek sind Vereinsgelände.
Der Name lässt es erahnen: Islandpferde kommen von der Insel im Norden. Durch die dortigen Verhältnisse ist ein kompaktes, robustes und zähes Pony entstanden. Ein ausdauernder Läufer. Einmal im Jahr findet auf dem Islandpferdehof Fischland – der Betriebsleiter ist ein Neffe der Rauhaus – ein Drei-Tages-Wanderritt rund um den Saaler Bodden statt. Nach drei Tagen und hundert Kilometern erscheinen einige der Pferde erst aufgewärmt, erzählt Petersen-Rauhaus.
Die Anpassung an das raue Klima und die kargen Verhältnisse auf der Insel nahe des Polarkreises bringt für die kontinentalen Halter von Isländern auch Herausforderungen mit: Die Ponys sind – genetisch verankert – ständig hungrige Fresser. Jeder Grashalm wird abgerupft, Heuraufen innerhalb kürzester Zeit geleert. Die sogenannte Ad-Libitum-Fütterung, bei der Futter jederzeit verfügbar und nicht portioniert ist, führt bei Isländern zu Übergewicht und Hufrehe, einer entzündliche Erkrankung der Hufe. „Das Bild vom dicken Pony ist für Isländer überhaupt nicht passend. Das Ziel unserer Haltung und Zucht sind trainierte, agile Tiere mit einem harmonischen Erscheinungsbild. Die Fellfarben sind fast grenzenlos, aber es gibt auch Hinguckerfarben, die sich besser verkaufen lassen als andere – gescheckte Tiere oder ein Silber schimmerndes Fell kommt aufgrund der Seltenheit gut an. Erfahrene Halter, die auf Turnieren starten möchten, achten aber eher auf den Charakter, den Körperbau und die Gängigkeit.“

Von Natur aus fünf Gänge

Foto: Welkensiek.

Gangveranlagung ist ein Stichwort, das im Zusammenhang mit Isländern immer wieder fällt. Sie gelten als einzige Pferderasse der Welt, die von Natur aus fünf Gangarten anbietet: Schritt, Trab, Galopp, Skeid (Rennpass) und Tölt. Beim Tölt sorgt die Einbeinstütze, bei der drei Hufe in der Luft sind, für einen weichen und erschütterungsfreien Sitz. Tölt und Pass sind genetisch verankert. „Trotzdem kommt es natürlich auf die Ausbildung des Pferdes und das Können der Reiter an. Auf einem gut ausgebildeten Isländer können Reitschüler den Tölt erfahren, aber ohne gezielte Gang-Schulung – für Pferd und Reiter – wird kein Pferd turnierreif.“
Wie bei den Großpferderassen entscheiden Turnierergebnisse mit über den finanziellen Erfolg einer Zucht. Pferde und Reiter präsentieren dabei auf einer Ovalbahn ihr Können in den verschiedenen Gangarten oder treten in Passrennen gegeneinander an. Aber nur wenige Züchter machen ihr betriebliches Einkommen ganz von dem Verkauf abhängig, die späte Reife des Islandpferdes, seine zeitintensive vier-und fünfgängige Ausbildung nagen an der Preis- und Gewinnspanne. Die Preismargen der Großpferdechampions erreicht die Islandpferdezucht nicht. Bei Privatzüchtern, die ausschließlich zum Vergnügen Nachwuchs ziehen, sind Tiere ab ungefähr 4000 Euro zu bekommen.
Die Zucht erfolgt in Heiligendorf ausschließlich mit eigenen Hengsten im Natursprung. Verfahren wie die Insemination mit Frisch- oder Tiefgefrier-Sperma sind in der Isländer-Szene selten; aber auch der Austausch von Pferden ist mit Aufwand verbunden: „Hengst und Stuten bleiben im Frühjahr über mehrere Wochen zusammen in der Herde auf der Weide. Aber jede Pferde-Leihgabe birgt das Risiko in sich, dass Infektionen von Hof zu Hof getragen werden“, erläutert Petersen-Rauhaus die Konzentration auf ihre eigenen Tiere.
Um in der Zucht beziehungsweise bei Ankäufen von neuen Pferden Informationen zu finden und einen genetischen Austausch zu gewährleisten, gibt es internationale Zuchtbücher. Während der züchterischen Hochphase gab es auf Welkensiek zehn bis fünfzehn Fohlen pro Jahr, aktuell sind nur zwei Stuten trächtig.
Viele der Tiere, die der Hof im Lauf der Jahre verkaufte, gingen in den Besitz von Welkensiek-Reitschülern:innen: „Es gehört zum Ziel unserer Zucht, dass wir freundliche, charakterfeste Freizeitpferde erhalten. Der Pferdekauf ist eine Verbindung, die halten soll, eine Entscheidung fürs Leben. Es ist schön zu sehen, wenn Reitschulpferde bei ihren Reiter:innen bleiben …“

Sexualhormon als Exportschlager
Auf den 100.250 Quadratkilometern Landfläche von Island leben ungefähr 361.000 Menschen und 70.000 bis 90.000 Pferde. Dabei unterscheiden die Einwohner nicht, ob Klein- oder Großpferd oder Pony – es gibt einfach keine anderen Pferde als ihre Isländer. Und die Reinhaltung der Zucht unterliegt strengen Auflagen: Vom Rest der Welt dürfen nach Island keine Pferde eingeführt werden, auch keine Isländer mit Papieren und Zuchtnachweisen. Entscheidet sich ein isländischer Züchter für die Ausfuhr eines Tiers von der Insel, etwa um an einem Turnier teilzunehmen, ist dies gleichzeitig die Entscheidung, es nie wieder nach Island zurückholen zu können.

Die Pferdehalter auf Island haben aber noch einen anderen Weg gefunden, Profit aus ihren Tieren zu schlagen: Aus dem Blut trächtiger Stuten lässt sich ein Sexualhormon extrahieren, das die Fruchtbarkeit und den Fleischzuwachs anderer Tiere erhöht. Hormonpräparate mit Pregnant Mare Serum Gonadotropin (PMSG) oder einfach Pferdeserum-Gonadotropin sind in Deutschland für Schweine sowie Rinder, Schafe und Ziegen zugelassen. Die vergleichsweise günstige Haltung von Pferden auf Island sowie Skandale um außereuropäische Pferdeblutfarmen haben den Absatzmarkt für isländisches PMSG wachsen lassen.

Tierschützer wie die Animal Welfare Foundation kritisieren die Gewinnung und den Einsatz von PMSG: Die wiederholte Abnahme von Blut schwächt die Stuten; Leben und Gesundheit von ungeborenen Fohlen und Stuten werden durch die Prozedur in Gefahr gebracht. Außerdem greifen die mit Gonadotropin enthaltenden Präparate in den natürlichen Zyklus der Tiere ein, die sie verabreicht bekommen. Bei Schweinen kommen mehr Ferkel zur Welt, als die Sauen versorgen könnten.

Der Bundesverband praktizierender Tierärzte sieht im Einsatz der Hormonpräparate Vorteile: Getaktete Produktionszyklen von Masttieren verhindere die Mischung verschiedener Altersklassen und Herkunftsbetriebe; Ställe können vor dem Aufstallen eines neuen Durchgangs desinfiziert werden. Basis für einen geringeren Einsatz von Antibiotika und Schutz vor Tierseuchen.

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