21. April 2021
Entscheider

Möbel, Tourismus, Chemie …

Seit mehr als 1.000 Jahren siedeln auf dem Gebiet der Goslarer Altstadt Menschen – im kommenden Jahr will die Stadt ihr 1.100-jähriges Bestehen feiern.

Kommendes Jahr feiert die Stadt Goslar ihr 1.100-jähriges Bestehen. Foto: www.diedrehen.de/Svenja Spitzer & Benjamin Klingebiel.

Wann genau sich die ersten Siedler:innen in dem Stadtgebiet niederließen, ist nicht bekannt. Auch ein exaktes Gründungsdatum für die Stadt lässt sich aus den ältesten schriftlichen Quellen – die es ab dem 10. Jahrhundert gibt – nicht ableiten. 1922 feierten die Goslarer dennoch den 1.000. Geburtstag ihrer Stadt. Und den 1.100. wollen sie im kommenden Jahr wieder feiern. Die historische Kaiserpfalz, die seit jeher das Bild der Altstadt prägt, könnte bald einige Baustellen an ihrer Seite haben. „Nach jahrelanger Vorarbeit soll dort die Umwandlung in ein sogenanntes Pfalzquartier mit einem 120 Zimmer großen Hotel zuzüglich Tiefgarage und Stadthalle entstehen. Die Stadthalle ist als Geschenk der Hans-Joachim Tessner-Stiftung an die Stadt gedacht“, erzählt Hans-Joachim Tessner.

 

Für das geplante Kaiserpfalzquartier mit einem Hotel und einer Stadthalle, wurde ein Architektenwettbewerb ausgeschrieben. Foto: Stadt Goslar.

Vom Familienunter­nehmen zum Möbelriesen
Tessner kam 1952 als Achtjähriger mit seinen Eltern von Blankenburg über Braunlage nach Goslar. Seit 2009 ist er Ehrenbürger der Stadt und ein erfolgreicher und aktiver Unternehmer. Ursprünglich, erinnert sich der 77-Jährige, wollte er Jurist werden. Seine Eltern hatten jedoch andere Pläne und überredeten ihn, im April 1960 in das elterliche Geschäft Möbel-Unger als Lehrling einzutreten. Da geplant war, dass er das Geschäft übernimmt – sein Vater war bereits 70 Jahre alt – wurde Tessner mit 18 Jahren für volljährig erklärt. Außerdem erhielt er Prokura; damit war er Niedersachsens jüngster Prokurist. In den 70er-Jahren eröffnete Möbel-Unger weitere Filialen und wurde über die Region hinaus bekannt. Eine Kooperation mit der Schaper-Gruppe, zu denen unter anderem die Real-Kauf SB Warenhäuser gehörten, brachte zusätzliches Wachstum. „In den 1980er-Jahren kam die Schaper-Gruppe auf mich zu, um Möbel-Unger zu übernehmen. Das schloss ich aus und schlug vor, Möbel-Unger in die Schaper-Gruppe einzubringen. Hierüber wurde Einigkeit erzielt, so dass ich zweitstärkster Gesellschafter und Geschäftsführer in der Schaper-Gruppe in Hannover wurde.“ In der Folge entwickelte sich Möbel-Unger sehr schnell aus einem Familienbetrieb zu Norddeutschlands größtem Möbelfilialunternehmen. Unberührt davon blieb die Beteiligung an einem Osnabrücker Möbeldiscountunternehmen, der heutigen Unternehmensgruppe Roller mit circa 5.000 Mitarbeiter:innen. „Mit der Wiedervereinigung veränderte sich die Handelslandschaft gravierend. Die Schaper-Gruppe wurde zunächst an die damals börsennotierte Asko-Gruppe verkauft. Wenig später übernahm die Metro auch die Asko. Als Folge schied ich aus und widmete mich dem schnellen Ausbau Rollers – heute Deutschlands größtem Möbeldiscounter – insbesondere im wiedervereinigten Osten Deutschlands. Daneben investierte die inzwischen gegründete Tessner Holding in Beteiligungen – unter anderem in das börsennotierte Saatgut-Herstellerunternehmen KWS Einbeck, bei dem wir mittlerweile drittgrößter Einzelaktionär sind, in Immobilien, Land- und Forstwirtschaft“, erzählt Tessner.
Das Geschäft von Unger entwickelte sich hingegen negativ. „Mehrere der Häuser haben wir zurückgekauft und als Roller, Tejo Wohnwelten und Schulenburg-Einrichtungshäuser neu eröffnet“, so Tessner. Tejo setzt sich aus den Anfangssilben der Tessner-Joachim-Gruppe zusammen, die 1999 zur Rettung der Häuser gegründet wurde. „Mittlerweile habe ich mich aus der operativen Geschäftsführung der Unternehmen zurückgezogen und bin Vorsitzender des Tessner Holding Beirates, unterstützt von meinen Töchtern, einem Schwiegersohn und heranwachsenden Enkeln. Meine Tochter Tessa ist in der Geschäftsführung der Meda Küchenfachmarktkette, einem von der Tessner-Gruppe gegründeten Küchenfachmarktkette mit 22 Märkten in Nordrhein-Westfalen. Anke Tessner-Schreyeck ist im Bereich der Immobilien und der Tessner-Stiftungen aktiv. Daneben sind beide geschäftsführende Gesellschafterinnen in der Tessner Holding.“

Den Bauantrag für das gemeinsame Bauprojekt Cattenberg Park haben Hans-Joachim Tessner, vorne, und Dirk Junicke (rechts) gleich in mehrfacher Ausführung persönlich abgegeben. Foto: Stadt Goslar.

Goslar als Heimat weiterentwickeln
Hans-Joachim Tessner hat die Kaiserstadt als Heimat schätzen gelernt. Zum einen ist da die Nähe zu den Oberzentren wie Braunschweig, die Goslar als Wohn- und Wirtschaftsstandort attraktiv macht. Aber auch die Kultur und Geschichte der Stadt und die Natur in der Umgebung seien Aspekte, die das Leben angenehm machen. „Während des Krieges wurde Goslar nicht zerstört. Wer durch die Straßen läuft, kann teilweise
1.000 Jahre Geschichte sehen“, schwärmt er.
Mit der Tessner-Stiftung setzt er sich für historische Bauwerke sowie Kunst ein. Jedes Jahr erwirbt die Stiftung Kunstwerke der jeweils aktuellen Träger:innen des Kaiserrings und macht sie der Öffentlichkeit zugänglich.

Eines seiner neuesten Projekte, der Cattenberg Park, soll das Angebot von Mietwohnungen direkt in der Stadt verbessern. Auf einem stadtnah gelegenen Gelände sind in einem ersten Bauabschnitt 56 Mietwohnungen mit insgesamt 2.313 Quadratmetern Wohnfläche geplant.  Jahrzehntelang, hat Tessner beobachtet, habe es in Goslar den Wunsch nach Einfamilienhaus-Bauplätzen gegeben. Aber daneben gebe es auch einen starken Trend zur Nachfrage nach modernen Mietwohnungen. „Das Telefon steht gar nicht mehr still, wenn etwas über dieses Projekt in der Zeitung steht“, erklärt Tessner in einer Pressemitteilung der Stadt, die parallel zur Abgabe der Bauanträge veröffentlicht wurde. Genauso sieht Mit-Investor Dirk Junicke großen Bedarf: „Das Projekt hat alles Zeug dazu, auch Neubürger nach Goslar zu holen.“ Es gebe zunehmend Menschen, die nah an der Altstadt leben wollen.
Goslars Oberbürgermeister Dr. Oliver Junk freut sich laut der Mitteilung über das Projekt. Als er 2011 nach Goslar kam, sei Wohnen noch ein unterentwickeltes Thema gewesen. „Und wenn ich heute sehe, was wir in Wiedelah gemacht haben, sehe, was wir am Liethberg geschafft haben, wenn ich mir die Entwicklung in Hahndorf anschaue und am Fliegerhorst – da sind wir in großen Schritten vorangekommen.“ Die Stadt könne sich ebenfalls eine Entwicklung in Jerstedt und Immenrode vorstellen. „Wir wollen aber auch das Zentrum stärken“, sagt Junk. „Ich bin nach wie vor davon überzeugt, dass es richtig war, den Kattenberg anzupacken. Wir haben eine Filetfläche geschaffen.“

Seit 125 Jahren produziert die Firma Alape Sanitärprodukte aus glasiertem Stahl:
Mit dem Druck von 1.000 Tonnen werden aus Stahlplatinen Handwaschbecken geformt. Foto: , Klaus Rogat/Alape.
Michael Mager ist seit Ende März 2021 neuer Geschäftsführer der Alape GmbH. Foto: , Klaus Rogat/Alape.
Alape-Klassiker: In ähnlicher Form wird das Ausgussbecken seit gut 90 Jahren produziert. Foto: Klaus Rogat/Alape.

Entwicklungen am Fliegerhorst
Der Fliegerhorst am nördlichen Stadtrand, ein ehemaliger Stützpunkt der Luftwaffe und Bundeswehrstandort, wird seit 2016 durch die Stadt Goslar und Investoren zu einem Wohn- und Gewerbegebiet entwickelt. Offiziell gehört das etwa 63 Hektar große Gebiet zum Stadtteil Jürgenohl. Durch die Umwandlung von denkmalgeschützten Gebäuden in Wohn- und Bürogebäude bleibt der Charakter des Fliegerhorstes zum Teil erhalten, während dazwischen und auf Freiflächen neue Ein- und Mehrfamilienhäuser entstehen. Neben einem bestehenden Nahversorgungszentrum und einer Kindertagesstätte entsteht aktuell ein Ärztehaus, in dem neben mehrerer Arztpraxen auch eine Apotheke und ein Sanitätshaus einziehen sollen. Die Entwicklungsgesellschaft BLB GmbH, die einen Teil der Wohngebiete entwickelte und realisierte, investierte an dieser Stelle rund acht Millionen Euro. Die Einweihung ist für den Sommer geplant.

Die Kaiserpfalz gehört zu den Touristenmagneten der Stadt. Foto: Stadt Goslar.

Aus Goslar in die Badezimmer der Welt
Ein weiteres Familienunternehmen mit über 100-jähriger Geschichte, das in Goslar ansässig ist, ist Alape. Seinen Ursprung nahm das Unternehmen 1896 allerdings in Penig, in Sachsen. Adolf Lamprecht, ein Kölner, übernahm eines von drei Emaillierwerken in der Stadt und setzte den Firmen-Namen aus seinem Namen und der Stadt zusammen: „A“ für Adolf, „La“ für Lamprecht und „Pe“ für Penig. Zu Beginn der Firma wurden Emaille-Produkte zum Kochen und zur täglichen Hygiene gefertigt. 1930 erfolgte die Fokussierung auf Sanitärprodukte aus glasiertem Stahl. Zu der Zeit entstand auch der erste Typ eines Multifunktionsbeckens, das in einer ähnlichen Form auch heute noch zum Sortiment von Alape gehört – das Ausgussbecken für Keller und Garten, das nach Angaben des Unternehmens millionenfach in alle Welt verkauft wurde und wird.
Nach dem Tod von Adolf Lamprecht 1940 übernehmen sein Sohn Edgar und seine Schwester das Unternehmen, bis Edgar Lamprecht 1951 ohne Hab und Gut aus der sowjetischen Besatzungszone nach Westdeutschland flüchtet. Dort versucht er die Produktion wiederaufzubauen. Erst von Bad Berleburg aus, ab 1954 in Goslar. Er positioniert das Unternehmen als Spezialist für Spülbecken und Spültische und mit Hilfe seines Schwiegersohns und späteren Nachfolgers gelang der Sprung auf den internationalen Markt. Über die Jahre entwickelt das Unternehmen immer wieder Verfahren, um den Hauptwerkstoff, glasierten Stahl, neu zu präsentieren und an moderne Formensprache an zu passen. Zu den aktuellsten Neuerungen gehört eine antibakterielle Oberfläche.

In diesem Jahr feiert Alape sein 125-jähriges Jubiläum. Mittlerweile arbeiten an den beiden Produktionsstandorten im Landkreis Goslar, in Hahndorf und Jerstedt – dort betreibt Alape ein Möbelwerk – fast 170 Mitarbeiter:innen. Durch die Aufspaltung des Produktion in eine Manufaktur für Premiumartikel und dem Mengengeschäft mit automatisierten Prozessen setzt sich die Belegschaft aus verschiedenen Berufsgruppen zusammen: Handemaillierer:innen und Metallbearbeiter:innen sind genauso Teil des Teams wie Maschinen- und Anlagenführer:innen sowie Robotikexpert:innen. Seit Ende März 2021 leitet Michael Mager die Geschicke der Alape GmbH. Mager ist Experte für Organisatonsentwicklung.
Ähnlich wie Tessner fühlt sich auch Alape der Kultur im Landkreis verbunden und sponsert das Kultur Kraftwerk. In einem ehemaligen Kraftwerk entstand vor einigen Jahren eine Theaterlocation, die von Ehrenamtlichen betrieben wird.

Dr. Hady Seyeda, CEO der H.C. Starck Tungsten GmbH. Foto: Heike Goettert/photogeno Goslar.

Bergbau und Chemie sind ein Wirtschaftsfaktor
Seit 1896 wird im Goslarer Stadtteil Oker Wolfram, das mit 3.422 Grad Celsius den höchsten Schmelzpunkt aller Metalle hat, verarbeitet. Erst durch das Unternehmen Borchers, später durch die Firma H. C. Starck und seit 2020 durch H.C. Starck Tungsten Powders. Nachdem die Bayer AG 2007 die H.C. Starck Group an die Finanzinvestoren Advent und Carlyle abgegeben hatte, wurden die einzelnen Geschäftsbereiche in separate Unternehmen überführt und sukzessive an strategische neue Eigentümer:innen verkauft. Das Wolframgeschäft in Form der H.C. Starck Tungsten GmbH mit einigen weiteren Gesellschaften, zu denen auch der Analysedienstleister Chemilytics am Standort Goslar gehört, ging an die vietnamesische Masan Resources, die inzwischen Masan High-Tech Materials heißt. H.C. Starck hatte mit der Masan Gruppe im Bereich Wolframchemie bereits früher ein gemeinsames Joint Venture geführt. Die Übernahme durch Masan wurde im Juni 2020 abgeschlossen. Die Geschäftsführung hat Dr. Hady Seyeda als Vorsitzender übernommen. Weitere Mitglieder der Geschäftsführung sind Stephan Broske und Dominic Heaton, der die Integration mit dem Mutterkonzern abstimmt.

Während die übrigen ehemaligen Geschäftsfelder in die neuen Eigentümer integriert wurden, konnte H.C. Starck Tungsten Powders den Markennamen exklusiv weiter nutzen. Aus Sicht des Unternehmens steht er in der Metallbranche seit über 100 Jahren für höchste Qualität. In der Regel werden im Goslarer Stadtteil Oker durch die Verarbeitung des Rohstoffes Wolfram Wolframoxid (WO3), Wolframmetall (W) und Wolframcarbid (WC), die nach Kundenanforderungen zu Pulvermischungen weiterverarbeitet werden. Aufgrund seiner Härte und hohen Dichte kommt Wolfram im Werkzeugbau – etwas bei Bohrern für Tunnel- und Gesteinsbearbeitung – sowie als Ausgleichsgewicht in Flugzeugen und Helikoptern, bei der Röntgen- und Strahlenabschirmung, in Schweißelektroden oder elektrischen Schaltkontakten zum Tragen.
Weltweit hat H.C. Starck Tungsten Powders rund 550 Beschäftigte. In Goslar, wo die Forschungsabteilung sowie die Recyclingkompetenz angesiedelt sind, arbeiten circa 320 Mitarbeiter:innen. Bemerkenswert sei, gibt das Unternehmen auf die Nachfrage nach den Mitarbeitenden an, sei die hohe Anzahl von Frauen in Führungspositionen. So liegen neben dem Bereich Human Resources die Standortleitung sowie die Forschung und Entwicklung in weiblicher Hand. Durch das Netzwerk an Unternehmen der Rohstoff- und Metallbranche und Forschungseinrichtungen, dazu gehören der Metallurgiepark Oker, Initiativen wie die Rewimet (Recyclingcluster Wirtschaftsstrategischer Metall), das Chemienetzwerk Harz und die Technische Universität Clausthal, hat sich Goslar aus Sicht von H. C. Starck Tungsten als Firmensitz bewährt. Dazu kommt die zentrale Lage in Europa und eine gute Infrastruktur.

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