7. Januar 2020
Entscheider

„Nützt mir das, oder schadet es“

Am 9. und 10. November ging der Health Hack der Metropolregion in die zweite Runde

Foto: Philipp Ziebart

Knapp 60 Teilnehmer, vier Teams, 24 Stunden Zeit. Das Ziel: Ideen, Konzepte und Prototypen für das Gesundheitswesen von morgen entwickeln. Am Ende eines knappen Wettbewerbs kürte die Jury das Projekt OxyHack zum Sieger des zweiten Hackathons. Das Team entwickelte einen softwaregesteuerten Regler, der die äußere Sauerstoffzufuhr bei Lungenerkrankungen per App bedarfsgerecht anpassen kann. Am Rande der Veranstaltung sprach Standort38 mit Kai Florysiak, Geschäftsführer der Metropolregion Hannover Braunschweig Göttingen Wolfsburg GmbH, über Patientenzentriertheit, neue Rollenverteilungen und den Prototypen.

Herr Florysiak, war OxyHack auch Ihr Favorit?

Ja, und zwar aus drei Gründen. Das Team hat an einem konkreten Problem gearbeitet, das einen Menschen beschäftigt, der Beatmungspatient ist und regelmäßig Sauerstoff braucht. Das ist authentisch. Zweitens wurde die Lösung bis zur konkreten Anwendung entwickelt, die funktioniert. Und drittens war es ein multidisziplinäres Team unterschiedlichster Fachrichtungen – vom Elektrotechniker über ITler bis hin zum betroffenen Patienten. Mehr geht nicht. Das ist der Prototyp eines Hackathons.

Welche Rolle hat der emotionale Faktor bei der Entscheidung gespielt?

Aus meiner Sicht gar keine. Es gab nachvollziehbare Kriterien wie Innovation und Umsetzungsmöglichkeit und in allen lag das Projekt vorne. Das war eine einstimmige Entscheidung.

Im Vorfeld der Veranstaltung sagten Sie, kaum ein Sektor sei so stark vom digitalen Wandel betroffen wie der Gesundheitssektor. Warum?

Das deutsche Gesundheitssystem ist extrem reglementiert. Es gibt zwei Gesundheitsmärkte und unterschiedliche Bund- und Länderzuständigkeiten. Inzwischen sind aber auch völlig neue Akteure auf dem Markt wie Tencent in Fernost oder Amazon und Google in Amerika, die jedes Jahr Milliarden investieren, um das Gesundheitssystem zu erobern. Die einen begreifen das als Bedrohung für das deutsche Gesundheitssystem, weil Märkte aufgerissen werden, es ist aber auf der anderen Seite eine Riesenchance für die Verbesserung der Versorgung und ganz neue Modelle. Denken wir nur an künstliche Intelligenz, Blockchain oder 3D-Druck. Wir müssen dringend unsere eigenen Antworten finden, sonst werden wir überrollt.

Viele Mediziner zeigen sich gegenüber der Digitalisierung noch zurückhaltend …

Meiner Meinung nach wird dabei viel zu oft über Technik gesprochen. Kern der Digitalisierung ist es, absolut kunden- beziehungsweise patientenzentriert zu arbeiten und dafür Technologien zu nutzen. Reden wir über die Rolle des Arztes, des Krankenhauses und der Pflegeeinrichtung. Natürlich sehen sich Menschen in ihren Rollen bedroht. Ärzte verfügen zukünftig möglicherweise nicht mehr alleine über das Wissen, sondern vermitteln als Coach zwischen Technologie und Patienten. Die Frage ist dann, wer Gesundheit steuert …

… und welche Rolle sich am Markt halten kann …

Ganz genau. Ich werde durch Digitalisierung – durch den sich verändernden Markt und sich verändernde Logiken – Macht abgeben müssen. Geschäftsmodelle sind permanent zu hinterfragen. Andere Länder sind da im Übrigen viel weiter. Weil dort vielmehr die Frage im Zentrum steht, nützt mir das, oder schadet es. Und nicht, schafft man es, ein System zu erhalten.

Welche Potenziale hat die Metropolregion? Werden wir Vorreiter im Bereich eHealth?

Das sind wir zum Teil schon. Wir haben starke wissenschaftliche Einrichtungen und Unternehmen. Was wir noch stärker schaffen müssen, ist der Transfer aus der Wissenschaft in die Wirtschaft. Denken Sie nur an die Pflegebrille der TU Clausthal, die in der häuslichen Pflege unterstützen kann. Natürlich gibt es Standorte in Deutschland, die in der Masse extrem stark sind. Aber wir haben auch unsere Potenziale. In Hannover können wir beispielsweise schon Prothesen drucken. Warum sollte die nächste gezüchtete Niere nicht aus der Region kommen …

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