7. April 2021
Entscheider

„One man, one vote“

Dr. Peter Gleber, wissenschaftlicher Leiter des Genossenschaftshistorischen Informationszentrums (GIZ), im Interview

Dr. Peter Gleber ist wissenschaftlicher Leiter des GIZ. Foto: Stiftung GIZ.

Dr. Peter Gleber ist wissenschaftlicher Leiter des Genossenschaftshistorischen Informationszentrums (GIZ) in Berlin. Wir sprachen mit ihm über skurrile Männerbunde in Friesland, eine urdemokratische Idee, die zum Erfolgsmodell wurde und die Frage, welche Rolle unsere Region in der Historie von Genossenschaften spielt …

Herr Gleber, wie sind Sie eigentlich zum Thema Genossenschaften gekommen?
Ich habe tatsächlich familiäre Verbindungen. Einer meiner Großväter war über vierzig Jahre lang bis in die 70er-Jahre Geschäftsführer einer der größten Winzergenossenschaften in Deutschland – dem Winzerverein in Freinsheim in der Pfalz. Und auch der andere Großvater hatte Genossenschaftskontakte, über sein Edeka-Geschäft, die Raiffeisenbank und die örtliche Winzergenossenschaft. Wie das eben so war auf dem Land …

… und Ihr Vater?
Er hat sich als Bankkaufmann für die Sparkasse entschieden, ich dagegen für die Genossenschaften.

Das heißt, Sie hatten schon früh Berührungspunkte …
Ganz klar. Genossenschaften spielten in vielen mittelständischen Familien eine große Rolle.

Wie haben Sie als Kind auf die Genossenschaftsidee geblickt?
Ich fand es damals spannend zu sehen, dass Ware und Geld noch beisammen waren. Das ist etwas, was man heute so kaum mehr kennt. Wenn mein Großvater mich mit auf die Raiffeisenkasse genommen hat, gab es dort Torf oder eine Rebschere zu kaufen und man konnte sein Geld anlegen. Und das war in vielen deutschen Dörfern so.

Sind Sie selbst heute auch Genosse?
Ja, ich bin Mitglied der Berliner Volksbank.

Meist ist eine Idee ja älter als ihre spätere Bezeichnung. Wo lassen sich ohne allzu viel Konstruktion die Anfänge der Genossenschaften finden?
Die genossenschaftliche Idee war nach der französischen Revolution im Frühsozialismus verankert, aber bei uns in Deutschland ist es ein bürgerlich-pragmatischer und lösungsorientierter Ansatz, der sich in mittelständischen Wirtschaftsstrukturen ausgeprägt hat. Diese spezifisch deutsche Idee ist 2016 von der Unesco in die „repräsentative Liste des immateriellen Kulturerbes der Menschheit“ eingetragen worden.

Eine Urkunde vom Rammelsberg bei Goslar – datiert auf den 28. Dezember 1260 – belegt die erste Bergbruderschaft und gibt damit den ersten Hinweis auf die Sozialfürsorge für Bergleute. Würden Sie Knappschaften als Form einer Genossenschaft sehen?
Ich mache mir schon lange Gedanken darum, wie man diese verschiedenen Ansätze kategorisieren kann. Es gibt von Georg Draheim, einem ehemaligen Zentralbankchef und Genossenschaftsforscher, die Aussage, dass die Genossenschaft so alt ist, wie die Menschheit. Schon die ersten Organisationsformen der Menschen in Horden oder Familienstrukturen waren im Grunde genommen genossenschaftlich. Aber ich unterscheide zwischen der genossenschaftlichen Frühform – die älteste ist eine 887 im ostfriesischen Norden gegründete männerbündlerische Genossenschaft – den mittelalterlichen und den modernen Genossenschaften. Bergbruderschaften, wie die aus Goslar, zählen zu den mittelalterlichen Formen. Über alle Epochen hinweg gibt es natürlich Gemeinsamkeiten …

… nämlich die Idee, zusammen etwas zu schaffen, das alleine nicht machbar ist. Ist der Ausgangspunkt nicht vor allem eine Situation der Schwäche, die man in Form einer Graswurzelbewegung gemeinsam überwinden wollte?
Genossenschaften sind krisenerprobt. In Folge der Agrar- und Hungerkrise von 1846/47 sind sie langsam entstanden und haben sich mit jeder Krise weiter ausgebreitet. Aber bei den Gemeinsamkeiten bin ich zurückhaltend. Denn die Unterschiede zwischen den mittelalterlichen ständeorientierten Ansätzen und unserer heutigen Genossenschaftsidee sind relativ groß. Letztere fußt auf dem Genossenschaftsgesetz von 1867, das Hermann Schulze-Delitzsch im preußischen Parlament formuliert hat. Diese Definition ist eine sehr juristische.

Was zeichnet die modernen Genossenschaften aus?
Sie sind inmitten der Demokratisierungsbewegung entstanden – Volksbank, das ist ein urdemokratischer Begriff und Schulze-Delitzsch war damals ein früher Verfechter der demokratischen Revolution und ein Parlamentarier der ersten Stunde in Preußen. Genossenschaften sind deshalb demokratisch fundiert und sogar die einzige demokratische Wirtschaftsform, die wir kennen. Denn es gilt das Prinzip: one man, one vote – jedes Mitglied hat unabhängig von der Anzahl seiner Geschäftsanteile eine Stimme. Das Genossenschaftsmodell setzt außerdem auf eine dezentrale Organisation ohne Konzernstruktur, die in einer großen Stadt sitzt, und es ist dem spezifisch deutschen Föderalismus mit seinen regionalen Besonderheiten angepasst.

Eigentlich hätte ich mir mit dem Stichwort Goslar natürlich gewünscht, dass Sie mir bestätigen, dass die Wiege der genossenschaftlichen Idee in unserer Region liegt …
Die Privat-Sparkasse Lerbach in der Nähe von Osterode ist die einzige vormoderne Genossenschaftsbank, die vor Schulze-Delitzsch gegründet wurde und den Sprung zu einer satzungsgemäßen modernen Form gefunden hat. Sie ist zugleich die älteste historisch belegte Genossenschaftsbank der Welt. Ihr Rechtsnachfolger ist mittlerweile die Volksbank im Harz. Das ist absolut einmalig und deshalb sehr spannend.

Werden Friedrich Wilhelm Raiffeisen und Schulze-Delitzsch heute zurecht als Gründerväter der Genossenschaften gesehen?
Für die deutsche Form sind beide eindeutig die Ideengeber. Man könnte natürlich auch in den Nordwesten Englands schauen, wo 1844 Arbeiter aus der Textilindustrie die Rochdale Society of Equitable Pioneers gründeten. Einige Ansätze der dortigen Konsumgenossenschaften hat Schulze-Delitzsch übernommen, aber die Angelsachsen leben solche Ideale, ohne sie aufzuschreiben. Deshalb beziehen sich andere Genossenschaftsgesetze weltweit meist auf Deutschland. Das deutsche Regelwerk ist die Benchmark.

Im Gebäude der Konsumgenossenschaft Berlin hat das GIZ heute seinen Sitz. Foto: Thomas Schweigert.

Wo lässt sich diese Form überall finden?
Etwa in Norditalien, Österreich, der Schweiz, im Elsass und Lothringen oder den Niederlanden. Vor zwei Jahren habe ich intensiv die Situation in Brasilien erforscht, dort gibt es Raiffeisenbanken, die von österreichischen Auswanderern gegründet wurden. Selbst in Japan gibt es Genossenschaften, die an die Shinto-Religion angedockt sind und sich auf Raiffeisen berufen und in Kanada gibt es keine Sparkassen, aber ein breites Angebot an People’s Banks. Und gerade in den Schwellen- und Entwicklungsländern hat das Raiffeisenmodell heute eine große Bedeutung …

… können Sie sich einen Grund dafür vorstellen?
Die Raiffeisenbanken wurden für den Westerwald im 19. Jahrhundert gegründet – damals eine strukturschwache Gegend ohne gute Infrastruktur. Hier sind die Ausgangsbedingungen also ähnlich.

Grundsätzlich passt das genossenschaftliche Ziel der Gründerjahre – nämlich die Überwindung von Hunger und Not – zu den Idealen der Arbeiterbewegung. Warum hat sich das Prinzip im linken politischen Spektrum nicht durchgesetzt?
Die erste Konsumgenossenschaft wurde in Deutschland im gleichen Jahr gegründet, wie die erste Genossenschaftsbank. Aber danach gab es viele Jahre lang keine Neugründungen mehr. Warum das so ist? Ich vermute, weil man sich vor Ort eher auf die Gründung von SPD-Ortsvereinen der Arbeiterbewegung konzentrierte. Anstatt sich selbst zu helfen, wollte man stärker politisch für die eigenen Rechte kämpfen. Die große Zeit der Konsumgenossenschaften kam dann in der Weimarer Republik. Im Verwaltungsgebäude der fünftgrößten Genossenschaft der Welt – der Konsumgenossenschaft Berlin – hat das GIZ übrigens heute seinen Sitz.

Ist die Weimarer Republik die Hochzeit der Genossenschaften in Deutschland?
Ja, absolut. Das Land rutschte von einer Krise in die andere und die kleinen Genossenschaften hielten als Spinne im Netz die Wirtschaft am Laufen. 1925 gab es allein rund 23.000 Kreditgenossenschaften in Deutschland. Nie vorher und nachher gab es eine ähnliche Zahl an Genossenschaftsbanken.

Das Genossenschaftswesen ist heute mit mehr als 22 Millionen Mitgliedern die mitgliederstärkste unternehmerische Organisationsform in Deutschland. Aber: Wie sehr sind die Mitglieder denn noch Überzeugungstäter? Oder etwas ketzerisch gefragt: Ob Sparkasse oder Volksbank – macht das in der Praxis einen Unterschied?
Man steht eben nicht in einem klassischen Kundenverhältnis mit der Bank, sondern ist als Eigentümer:in gemeinsam Teil der Organisation und hat Mitbestimmungsrechte. Daraus lassen sich Werte, wie unter anderem Fairness ableiten – übrigens nicht nur bei den Genossenschaftsbanken. Nehmen Sie die Wohnungsbaugenossenschaften, bei denen Mitglieder das Recht auf eine Wohnung zu einem fairen Mietpreis erhalten.

Machen die Menschen von ihrem Stimmrecht denn überhaupt noch Gebrauch?
Das ist ganz unterschiedlich. Jeder kann frei entscheiden, wie intensiv er diesen Gedanken leben möchte, aber das ist natürlich eher eine Frage, die auf die gegenwärtige Geschäftsausrichtung abzielt und weniger auf die Historie.

Schauen wir auf die Branchen, in denen Genossenschaften eine Rolle spielten und spielen …
Wohnen haben wir bereits genannt, die Landwirtschaft ist außerdem wichtig, der Handel und der Bereich Energie, der aktuell wächst und sich auf einem ehemals monopolisierten Markt stark entwickelt. Die Bürger:innen wollen ihre Energieversorgung vor Ort wieder selbst in die Hand nehmen.

Wie lässt sich die Entwicklung in den Branchen historisch herleiten?
Die landwirtschaftlichen und gewerblichen Genossenschaften entstanden kurz nach den Kreditgenossenschaften, die Wohnungsbaugenossenschaften entwickelten sich vor allem im späten Kaiserreich und in der Weimarer Republik. Viele eindrucksvolle Architekturjuwelen in Großstädten sind von Genossenschaften gebaut worden.

Was ist die skurrilste Genossenschaft, die Sie kennen?
Ich habe sie bereits erwähnt. Das ist die „Theelacht zu Norden“, die älteste Genossenschaft der Welt. Sie ist in Friesland entstanden, wo Schwemmland ursprünglich von den Briten besetzt war. Nach der Rückeroberung wollten die friesischen Männer es genossenschaftlich verwalten. Man trifft sich in einer Theelachtskammer im alten Rathaus von Norden, wo jeder Genosse einen Bierkrug besitzt, der in einem Schrein steht. Das können Sie als Tourist übrigens besichtigen.

Haben Sie eine Lieblingsgenossenschaft?
Als Weintrinker beziehe ich meinen Riesling von der Winzergenossenschaft Herxheim in der Pfalz. Der ist hervorragend und ich kann ihn als Genießer ohne Einschränkungen empfehlen (lacht).

 

Das Genossenschafts­historische Informationszentrum (GIZ)
Das GIZ wurde im Dezember 2004 als gemeinnützige Stiftung in Treuhandschaft des Bundesverbandes der Deutschen Volksbanken und Raiffeisenbanken (BVR) in Berlin gegründet. Stifter sind neben dem BVR die DZ BANK AG und die Akademie Deutscher Genossenschaften (ADG). Das Ziel ist die nachhaltige Sicherung des kulturellen Erbes von Genossenschaften in Deutschland. Neben dem Medienarchiv mit rund 82.000 Fotografien und der Präsenzbibliothek verfügt das GIZ über eine große Sammlung von Werbeschriften, Plakaten und Objekten wie Spardosen sowie banktechnischen Instrumenten und Maschinen.
Über die öffentlich zugängliche Online-Plattform GenoFinder können alle erfassten Materialien recherchiert werden: www.stiftung-giz.de

 

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