3. Dezember 2015
Aus der Region

Annahme verweigert

Wie der Volkswagen-Konzern mit heikler Anwaltspost umgeht

Zweimal versuchte die Kanzlei, dem Volkswagen-Konzern einen Schriftsatz zuzustellen - vergeblich. Foto: Privat

Als Fachanwalt für Bank- und Kapitalmarktrecht und Geschäftsführer der Kanzlei Dr. Stoll & Sauer hat Ralf Stoll des Öfteren mit großen Konzernen zu tun, vor allem mit Großbanken. Dabei hat Stoll schon einige Winkelzüge erlebt. Doch was der Volkswagen-Konzern derzeit mit Stolls Kanzlei veranstaltet, die mehrere Tausend VW-Geschädigte vertritt und berät, schlägt nach Meinung des Anwalts dem Fass den Boden aus.

Zweimal versuchte die Kanzlei, dem Volkswagen-Konzern einen Schriftsatz zuzustellen. Darin ging es um die Schadenersatzansprüche von rund 800 Mandanten im Abgasskandal. Auch die Vollmachten dieser Mandanten wollte die Kanzlei übermitteln und schickte deshalb ein ansehnliches Poststück an die Wolfsburger Zentrale. Empfänger: Volkswagen AG.

Einige Tage später kam das Paket zurück: Der Empfänger sei unbekannt, vermerkte die Post, obwohl die richtige Adresse der Volkswagen AG gewählt wurde. Noch einmal schickte die Kanzlei das Paket nach Wolfsburg, diesmal war Konzernchef Matthias Müller neben der Volkswagen AG namentlich auf dem Paket als Adressat angegeben. Wieder kam das Päckchen zurück, vom häufigen Transport überdies etwas zerfleddert. Volkswagen, so zeigen es die DHL-Frachtpapiere, hatte die Annahme verweigert.

„Ich bin seit fast zehn Jahren als Anwalt im Unternehmensbereich tätig“, wundert sich Stoll. „Aber so etwas habe ich noch nie erlebt. Dass ein Großkonzern seine Post nicht annehme, sei höchst ungewöhnlich und für mich undenkbar gewesen. „So etwas erlebe ich sonst nur bei windigen Schuldnern, die ihren Zahlungsverpflichtungen entgehen wollen“, so der Anwalt. „Jetzt werden wir die Post per Gerichtsvollzieher zustellen lassen“, sagt Stoll.

Seitens VW heißt es zu Fragen nach dem Schreiben bislang, es könne „aktuell keine Stellungnahme erfolgen, da uns das Schreiben bisher nicht im Original vorliegt“. Fragen nach der verweigerten Annahme beantwortete VW am Mittwoch bis Redaktionsschluss nicht.

Während heikle Post offenbar an den Konzerntoren abprallt, bangen Beschäftigte wegen der Abgasaffäre zunehmend um ihre Arbeitsplätze. Betriebsrat und Eigentümer appellierten am Mittwoch bei einer Betriebsversammlung am Wolfsburger Stammsitz an die Belegschaft, nicht den Mut zu verlieren.

„Niemand darf glauben, dass der Abgasskandal wie ein Gewitter vorbeizieht und danach wie aus heiterem Himmel wieder schönes Wetter kommt“, sagte VW-Aufsichtsrat Wolfgang Porsche bei der Veranstaltung, an der nach Betriebsratsangaben bis zu 20.000 Mitarbeiter sowie auch Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) und der komplette Vorstand um VW-Chef Matthias Müller teilnahmen.

Vor allem Leiharbeiter mit Zeitverträgen fürchten um ihre Zukunft. Nach Informationen der „Hannoverschen Allgemeinen Zeitung“ sollen die Verträge von rund 300 Beschäftigten im Nutzfahrzeugwerk Hannover Ende Januar auslaufen. Damit falle etwa jede dritte Zeitarbeitsstelle an dem Standort weg. Die Verträge von weiteren 500 Leiharbeitern wurden zudem nur um drei Monate verlängert.

Der Volkswagen-Konzern hat sich Insidern zufolge mit mehreren Banken auf einen Überbrückungskredit von 20 Milliarden Euro geeinigt, um die Kosten des Abgasskandals abzufedern. Insgesamt hätten 13 Banken Kreditangebote gemacht, berichtete die Nachrichtenagentur Reuters. VW wählt diesen Weg, weil der Konzern sich auf den Anleihemärkten derzeit nur zu ungünstigen Konditionen refinanzieren könnte. Volkswagens Bonität ist wegen des Abgasskandals von mehreren Ratingagenturen herabgestuft worden. Den Überbrückungskredit will VW mit Anleihen ablösen, sobald die Renditeaufschläge wieder gesunken sind.

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