Der Weg ist (eher nicht) das Ziel! - Standort38
4. August 2020
Auto & Mobilität

Der Weg ist (eher nicht) das Ziel!

Über die Last und Lebenszeit, die wir beim Pendeln auf Straße und Schiene lassen ...

Foto: Ian Espinosa – Unsplash.

Rund 13 Millionen Menschen pendeln regelmäßig zur Arbeit quer durch Deutschland, fast 40 Prozent aller Arbeitnehmer. Und es werden jedes Jahr mehr – auch in der Region zwischen Harz und Heide. Allein Spitzenreiter Wolfsburg hat täglich 78.000 Einpendler, in Braunschweig sind es 65.000, nach Salzgitter kommen immerhin noch 25.000, um zu arbeiten. Während früher vor allem formal höher qualifizierte Berufsgruppen einen langen Arbeitsweg in Kauf nahmen, führen heute hohe Mieten in den Städten und tendenziell unstete Arbeitsverhältnisse dazu, dass längst nicht mehr nur Fach- und Führungskräfte ihren Suchradius für den Job erweitern.

Dabei belastet der Weg zur Arbeit nicht nur das eigene Portemonnaie, sondern auch die Gesundheit und das Privatleben. So sind laut einer Studie der Techniker Krankenkasse beispielsweise die Fehlzeiten wegen psychischer Erkrankungen bei Pendlern um mehr als zehn Prozent höher als bei Berufstätigen mit kurzer Anfahrt. Erstere machen außerdem weniger Sport, vernachlässigen soziale Kontakte und sind – wenn man Zeitredakteur Claas Tatje glaubt – sogar einem ähnlichen Stress ausgesetzt, wie Kampfpiloten.
Der Familienvater hat über seine eigene Pendelei zwischen der Landeshauptstadt Hannover und dem Arbeitsort Hamburg ein Buch geschrieben und im Standort38-Archiv kann man das Interview mit ihm jederzeit nachlesen. Geführt haben wir es natürlich im Zug. Welchen Mobilitätsträger die Menschen in der Region am häufigsten nutzen, wie lange sie durchschnittlich unterwegs sind und wie sich der Weg zum Job auf die Attraktivität des Arbeitgebers auswirkt – unsere 100aus38-Ergebnisse geben Aufschluss!

37 Minuten Lebenszeit …
… verbringen die Arbeitnehmer in der Region durchschnittlich jeden Tag auf dem Arbeitsweg. Das sind bei angenommenen 230 Arbeitstagen rund 142 Stunden bzw. knapp sechs Tage pro Jahr. Viele benötigen zwar auch weniger Zeit, immerhin jeder fünfte braucht aber sogar eine Stunde oder mehr für den Arbeitsweg. Zeit, die fehlt – für Familie, Freunde oder Freizeit. Entscheidend für die Belastung ist neben der Länge des Arbeitsweges natürlich auch der Mobilitätsträger: Wer mit der Bahn unterwegs ist kann mitunter arbeiten, mindestens aber lesen – im Auto bleibt das Hörbuch und wer mit dem Fahrrad oder zu Fuß unterwegs ist, erledigt auf dem Weg zum Job schon das Sportprogramm für den Tag …

Zwischen Traum und Wirklichkeit!
Fast jeder Dritte Arbeitnehmer würde mit dem Fahrrad zur Arbeit fahren, wenn er denn könnte. Nach ihrem Wunsch befragt, bevorzugen zwar immer noch die meisten Studienteilnehmer das Auto, aber andere Mobilitätsträger und auch der Gang zu Fuß würden gestärkt. Dass sich von den knapp 20 Prozent derer, die gerne mit öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs wären, ein Großteil trotzdem selbst hinters Steuer setzt, liegt laut Verkehrsforscher Tobias Wermuth vor allem am Faktor Zeit. Wer mit Bus oder Bahn unterwegs ist, brauche im Schnitt immer noch doppelt so lange. Der ÖPNV muss also auch schneller werden, damit ihn mehr Menschen nutzen.

Das Auto ist die Nummer 1!
Mit 77,5 Prozent nutzen mehr als Dreiviertel der Befragten die eigenen vier Räder, um zum Job zu kommen. Das Ergebnis liegt fast zehn Prozent über dem Bundesschnitt und verdeutlicht nicht nur die Dominanz des Autos in unserer Region, sondern erklärt zugleich die Entstehung von Staus im Berufsverkehr und lange Parkplatzsuche in den Städten. Verkehrsforscher wie Tobias Wermuth von der Braunschweiger WVI Verkehrsforschung und Infrastrukturplanung GmbH sprechen von einem historisch gewachsenen hohen MIV-Anteil (Motorisierter Individualverkehr) in der Region. Er betont gegenüber Standort38 außerdem: „Das liegt auch an Volkswagen“.

Vorn in allen Zeiten
Die Dominanz des Autos auf dem Arbeitsweg ist ungebrochen – völlig unabhängig davon, wie lange er dauert. Selbst bei einer Zeitspanne von weniger als 15 Minuten – für Hin- und Rückweg wohlgemerkt – steigen noch mehr als 70 Prozent der befragten ins Fahrzeug. Immerhin, mehr als jeder Zehnte bewältigt solche Kurzstrecken zu Fuß, mit 16,3 Prozent hat auch das Fahrrad hier noch einen ernsthaften Anteil. Die Deutsche Bahn spielt ihre Stärken vor allem auf langen Strecken aus – über 60 Minuten lösen elf Prozent ein Ticket, wer mehr als 90 Minuten unterwegs ist, entscheidet sich zu 15,6 Prozent für ICE und Co.

Kurzer Arbeitsweg = toller Standort!
Was einem lieb und teuer ist, hat man gern nah um sich. Das ist bei Family und Friends nicht anders, als beim Arbeitgeber. In der Folge nimmt die Zufriedenheit mit dem Standort des Unternehmens ab, umso länger man braucht, um dorthin zu gelangen. Das ist erst einmal nicht verwunderlich – sollte von Arbeitgebern aber trotzdem ernst genommen werden. Denn der Standortfaktor ist nicht unerheblich für die Gesamtbewertung eines Unternehmens und kann zu Unzufriedenheit oder im schlimmsten Fall sogar einem Flirt mit dem Mitbewerber führen. Weil sich das Unternehmen nicht zum Arbeitnehmer bewegen kann, sind flexible Job- und Arbeitszeitmodelle das Mittel der Wahl, um die Gesamtpendelzeit pro Arbeitswoche zu reduzieren – zum Beispiel mit Homeoffice-Optionen oder Gleitzeit, damit zumindest die Rush-Hour umgangen werden kann.

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