Ein unwahr­­scheinliches Jubiläum - Standort38
19. September 2019
Finanzen & Versicherungen

Ein unwahr­­scheinliches Jubiläum

225 Jahre Bankhaus C.L. Seeliger

Foto: Bankhaus Seeliger

Der Bankenstandort Wolfenbüttel ist vielfältiger, als man es von Städten dieser Größe eigentlich erwartet. Fünf Institute sind in der Lessingstadt aktiv, neben der Deutschen sowie Commerzbank und der Braunschweigischen Landessparkasse auch die Volksbank e.G. und das Bankhaus Seeliger. Letzteres blickt auf eine beeindruckende 225-jährige Geschichte zurück. Zeit für einen Blick in Geschichte, Gegenwart und Zukunft der ältesten und größten Privatbank Niedersachsens …

Ohne Eltern aber mit Sinn fürs Geschäft

Am 1. November 1794 legt Heinrich Anton Christoph Seeliger den Grundstein für das Bankhaus Seeliger. Unter den Krambuden in Wolfenbüttel eröffnet der damals 39-Jährige ein Handelshaus. Seeliger wächst ohne Eltern bei Verwandten in Braunschweig auf und zieht mit 15 Jahren nach Wolfenbüttel, um in der Kolonialwaren- und Garnhandlung seines Onkels Conrad Wilhelm Baxmann eine kaufmännische Ausbildung zu absolvieren. 1784 zieht er an die Leine nach Hannover und baut mit Verwandten ein Garn-Commissions- und Speditionsgeschäft auf. Erst als sein Onkel stirbt, kehrt er nach Wolfenbüttel zurück und steigt in das dortige Unternehmen ein.

Große Casse und der Kornboom

Die Geschäfte laufen gut, zum Jahresende 1824 weist das Unternehmen bereits eine Bilanz von mehr als 432.000 Talern auf, das Nettovermögen beträgt 273.600 Taler. „Das relativ hohe Eigenkapital barg vermutlich Schubkräfte für die allmähliche Zunahme des Bankgeschäftes, das Heinrich Seeliger im Interesse einer angemessenen Verzinsung des Kapitals in dieser Zeit vorantrieb“, schreibt die Autorin Dr. Stephanie Tilly in der zum Firmenjubiläum im JHM Verlag erschienenen Chronik des Bankhauses. Und in der Tat haben viele der damals entstehenden Privatbanken ihren Ursprung im Handel. Denn der so genannte Handel ‚en gros‘ war mit großen monetären Transaktionen verbunden. „Ich kam nun in ein großes, ausgedehntes Geldgeschäft und mußte täglich für große Casse sorgen“, berichtet Heinrich Anton Seeliger etwa aus den frühen Jahren des Kornbooms.

Handel mit London und Amsterdam

Vor allem der Handel mit Wolle, Garn und zwischenzeitlich Getreide ist einträglich – die Verbindungen gehen bereits früh in Metropolen wie London, Amsterdam und Enschede. Wolfenbüttel liegt geographisch günstig. Die Messestadt Braunschweig ist nebenan, die Hafenstädte Bremen und Hamburg sind nah. Zwischenzeitlich kauft und verkauft man in Wolfenbüttel zwar auch Produkte wie Zucker, Chile-Salpeter, Zichorie, Hopfen und Tabak – die Wolle bleibt über den gesamten Zeitraum aber das wichtigste Handelsgut.

Gustav Seeliger setzt aufs Bankgeschäft

Schließlich entwickelt sich das Institut im Laufe des 19. Jahrhunderts von einem Handelshaus mit durchaus beachtlicher Größe in rund 70 Jahren zu einer Bank, die aber zunächst weiterhin im Handel tätig ist. Entscheidende Impulse in diese Richtung setzt Gustav Seeliger, der Enkel des Firmengründers, der 1852 ins Unternehmen einsteigt. Am 1. Januar erhält das Unternehmen eine herzogliche Konzession für offizielle Bankgeschäfte. Man steigt aber auch in die Zuckerproduktion ein und kauft 1864 das Rittergut Wendessen, das bis Anfang des 21. Jahrhunderts in Familienbesitz bleiben wird. Weitere Beteiligungen an Braunschweiger Industrieunternehmen sowie ein boomendes Wertpapiergeschäft überkompensieren zu dieser Zeit das schrumpfende Kerngeschäft des Hauses. 1883 weist C.L. Seeliger Eigenkapital in Höhe von rund 2,5 Millionen Mark aus. Ein Jahr später stellt das Unternehmen den Wollhandel ganz ein. Die Konkurrenz aus Übersee bestimmt mittlerweile die Preise und der Geschäftsbereich ist nicht mehr einträglich.

Das Schreckgespenst der Inflation

1891 stirbt Gustav Seeliger und sein ältester Sohn Louis übernimmt. Er steuert das Unternehmen relativ unbeschadet durch die kommenden Jahrzehnte. Nach dem Ersten Weltkrieg profitiert das Bankhaus von der aufkommenden Idee des Sparens. Die Zahl der Konten steigt rasant und ein immer größerer Teil der Wolfenbütteler Bürger wird Kunde bei Seeliger. Doch bald greift das Schreckgespenst der Inflation um sich und macht den Menschen wie auch dem Bankhaus das Leben und Wirtschaften schwer. Binnen kurzer Zeit wird ein Vermögen von rund zwei Millionen Mark vernichtet. Auch die Filialisierung der Großbanken macht Seeliger zu schaffen. So unterhält beispielsweise die Deutsche Bank AG eine Niederlassung in Wolfenbüttel.

Den Künsten zugewandt und hoch verschuldet

Nach dem Tod von Louis Seeliger am 20. April 1923 leitet sein Sohn Carl Ludwig die Geschäfte. Dessen Bruder Werner ist eher den Künsten zugewandt und geht zunächst für eine Ausbildung zum Opernsänger nach Berlin. Später holt er eine Bankausbildung nach und steigt 1924 ins Familienunternehmen ein. Sein ausschweifender Lebensstil bringt in den Folgejahren auch die Bank in Bedrängnis. 1929 zeigt sein Konto einen Schuldenstand von mehr als 80.000 Reichsmark. Die Weltwirtschaftskrise zwingt die Wolfenbütteler Privatbank 1930 zu einem unüblichen Schritt: der Mehrheitsbeteiligung der Braunschweigischen Staatsbank für einen Zeitraum von zehn Jahren.

Politischer Gegenwind im Nationalsozialismus

Während des Nationalsozialismus erhält das Bankhaus politischen Gegenwind. Zwar tritt Werner Seeliger bereits 1931 aus Überzeugung in die NSDAP ein (sein Bruder Carl Ludwig wird nie Parteimitglied), allerdings mutet der Familienname in den Augen der Nazis jüdisch an. Außerdem setzt sich Seeliger beim Finanzamt für die Jüdin Clara Reis ein. Sie leitet damals nach dem Tod ihres Mannes die staatliche Lotterie-Kollektion und soll zur Aufgabe gedrängt werden. Dazu heißt es am 12. August 1933 in einem Artikel der Braunschweigischen Landeszeitung: „Es ist aber unglaublich, daß ein sich deutsch nennender Herr nur um seiner eigenen Vorteile willen gegen die Interessen des gesamten deutschen Volkes sich für eine Jüdin verwendet.“ Wolfenbüttels Bürgermeister Fritz Ramien erwirkt ein Parteiausschlussverfahren und beginnt eine politische Hetzjagd auf die Bankiersfamilie. Aufgrund vieler enger Kundenbeziehungen und einem belastbaren Netzwerk werden die Geschäfte davon allerdings nicht nachhaltig beeinflusst.

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