11. Januar 2016
Freizeit & Gesundheit

Wir wollen uns abheben

C1-Theaterleiter Frank Oppermann über die Eventisierung des Kinos, den geplanten Umbau und ein herausragendes Geschäftsjahr 2015

Die aktuelle Star Wars-Verfilmung könnte den bisherigen Rekordhalter Avatar mit 70000 Besuchern ablösen. Dieser Zuspruch freut auch C1-Theaterleiter Frank Oppermann. Foto: Holger Isermann

Herr Oppermann, wie bewerten Sie das Kinojahr 2015 wirtschaftlich?


Nach Jahren mit nur mäßigem Wachstum war 2015 ein herausragendes Kinojahr. Das Ergebnis hilft uns zu zeigen, dass der Film auf der großen Leinwand immer noch eine große Wirkung hat.

Welchen Umsatz haben Sie erwirtschaftet?

Knapp 9 Millionen Euro.

Was waren die Gründe für den Erfolg?

Die gute Mixtur an Filmen. Es gab einen unglaublichen Output an so genannten Blockbustern. Niemand hat beispielsweise mit dem Riesenerfolg bei Jurrassic World gerechnet. Außerdem war der deutsche Film sehr stark. Honig im Kopf und Fack Ju Göhte 2 zogen beide mehr als 7 Millionen Zuschauer. Es ist sehr selten, dass deutsche Filme in diese Regionen vorstoßen.

Wie wichtig war Star Wars, oder strahlt der Film eher ins Jahr 2016 hinein?

Wirtschaftlich wirkt sich der Film vor allem in diesem Jahr aus. Wir rechnen damit, dass er unseren bisherigen Rekordhalter Avatar mit 70000 Besuchern bereits im Januar ablösen wird.

Was waren die größten Überraschungen?

Es gibt immer Dinge, die wir lokal besser machen, als die Branche insgesamt. Wir können lokal flexibler auf die Wünsche und Reaktionen unserer Besucher reagieren. Dazu kommen lokale Kooperationen. Wir konnten "Spectre 007" zum Beispiel deutlich erfolgreicher auswerten, weil wir mit den Bond-Jubiläen in Zusammenarbeit mit Braunschweigs Bond-Spezialist Danny Morgenstern, der Präsentation als 300. BZ Filmpremiere und dem Braunschweiger Bösewicht Detlef Bothe einen Bond-Hype geschaffen haben.

Wie wichtig ist diese Eventisierung für das gegenwärtige Kino?

Das macht den Erfolg aus. Filme zeigen kann jeder, aber aus dem Filmgenuss ein Event gestalten eben nicht. Das ist auch ein Grund für unsere vielen Zielgruppenprogramme. Es muss nicht immer der rote Teppich sein, manchmal genügt es auch wie bei Milkaus Filmcafé Kaffee und Kuchen zu einer speziellen Filmauswahl zu servieren.

Haben Sie 2015 neue Reihen gestartet?

Ja, wir übertragen seit Herbst 2015 hochkarätige Theaterproduktionen live aus dem National Theatre in London. Die Reihe läuft allerdings noch nicht so gut, wie wir uns das wünschen würden. Ein Grund wird die Originalsprache sein, dafür muss in Braunschweig erst noch eine Plattform gebildet werden.

Kann das C1 solche Events besser als die großen Ketten CinemaxX, Cinestar und Co.?


Wir sind als lokaler Akteur viel flexibler und unabhängig in der Wahl unserer Partner: Zur Premiere von Hateful 8 werden wir natürlich die Crew von Spiel mir das Lied vom Löwen einladen.

Welche Herausforderungen bringt es mit sich, ein kleiner Akteur im Konzert der Großen zu sein?

Manche Produktionen werden lediglich den Großen angeboten. Das CinemaxX zeigt jetzt zum Beispiel exklusiv den Start der neuen Dr. Who-Staffel. Wir müssen viel dafür tun, um uns zu profilieren und den Menschen in der Region immer wieder zu zeigen, dass wir „ganz großes Kino“ machen. Es reicht nicht einfach nur die Türen aufzuschließen, wenn man ambitionierte Ziele hat.

Wie sehen die aus?

Wir wollen wachsen und uns weiter verändern. Es gibt Investitionspläne für die nächsten Jahre, die wir auch umsetzen wollen. Dazu brauchen wir entsprechende Besucherzahlen.

Das legale und illegale Streamen von Filmen macht seit einiger Zeit den Videotheken zu schaffen. Inwieweit tangieren maxdome, Netflix und Co. das Kinogeschäft?

Das Kinofenster in Deutschland gilt weiterhin. Es hat zwar immer wieder Angriffe darauf gegeben, aber gegenwärtig haben wir noch keinen so genannten „Day-and-date“-Release. Alle Versuche in diese Richtung waren bisher zum Glück nicht erfolgreich, zuletzt „Beasts of no Nation“, der parallel in den Kinos und auf Netflix ausgewertet wurde.

Ist der zeitliche Vorsprung die Existenzgrundlage des Kinos?

Ja! Natürlich würde es auch ohne das Zeitfenster weiter Kino geben, aber die enormen Kosten eines Multiplex- Kinos lassen sich dann kaum noch finanzieren. Wir alle wissen ja, wie sich die Besucherzahlen seit Jahrzehnten entwickeln. In Deutschland feiern wir gerade das Kinojahr 2015 mit 130 Millionen Besuchern als Erfolg. Das Branchenziel war aber noch vor wenigen Jahren 200 Millionen.

Über die Breitbandoffensive der Bundesregierung dürften Sie sich nicht besonders freuen, oder?

(lacht). Doch, auch uns könnte dies Vorteile verschaffen, weil dann der Vertrieb der Filme langfristig nicht mehr über den Versand von Festplatten gestaltet werden müsste. Außerdem hätten wir mehr Möglichkeiten alternativen Content wie Konzerte, Sportveranstaltungen oder auch zum Thema Gaming anzubieten.

Klingt nach einer Charmeoffensive für das jüngere Publikum?

Es klingt nach der Suche neuer Möglichkeiten. Wie wir alle wissen, verliert das Kino ja gerade in der Zielgruppe der Jugendlichen, die sich stärker den Angeboten im Internet widmen. Hier sind wir gefordert, attraktive Angebote zu schaffen.

Serielles Erzählen boomt. Wie reagiert das Kino auf den Erfolg des Seriengeschäfts?

Da müssten wir vor allem die Filmemacher und Zuschauer fragen, wie sie auf die Veränderung bei der Narration reagieren. Ich bin nicht sicher, ob der Serieneffekt für das Kino wirklich so spannend ist. Die Menschen kommen ja in der Regel, um sich für einen begrenzten Zeitraum auf das Erlebnis einzulassen und danach auch wieder in die Wirklichkeit zurückzukehren. Nicht alle wollen drogenmäßig dem Medium verhaftet bleiben und von Episode zu Episode angefixt werden.

Werden Sie zukünftig verstärkt Serien zeigen?

Das passiert ja bereits. Nehmen Sie die Franchises wie Star Trek, X-Men, die Marvel Comicverfilmungen oder Mehrteiler wie Star Wars.

Ein nächster großer Entwicklungsschritt für die Medienrezeption könnten Virtual Reality- bzw. Multimedia-Brillen sein. Was machen die aus dem kollektiven Erlebnis Kino?

Virtual Reality- bzw. Multimedia-Brillen sind nicht für die Verwendung in der Gemeinschaft geschaffen. Im Kino suchen die Menschen aber das Erlebnis mit Gleichgesinnten und wollen sich nicht separieren.

Wie bewerten Sie die Kinolandschaft in der Region?

Braunschweig ist mit seinen zehn Leinwänden sicher unterversorgt. Es ist durchaus Bedarf da und wir prüfen sehr genau die Marktlage und unsere Optionen.

Wie kam es denn zur gegenwärtigen Situation mit nur zwei Kinos in der Stadt?

Die Entwicklung in Braunschweig war sehr unglücklich. Das Multiplex hat sehr spät eröffnet mit der Prämisse der Stadt, möglichst viele traditionelle Kinos zu erhalten. Herr Flebbe hatte die Geschicke bei der Cinemaxx-Gruppe nicht mehr wirklich in der Hand, als man dort entschied sich von den traditionellen Kinos zu trennen. Als er dann 2010 als unabhängiger Unternehmer wieder auf der Bildfläche erschien, waren die Fakten schon geschaffen und die Standorte verloren. Wir hätten beispielsweise das City gern weiter betrieben, aber der Vermieter hatte sich schon für eine andere Nutzung entschieden. Auch das alte Gloria-Gebäude haben wir damals ins Auge gefasst, aber es stand kurz dem Verkauf. Kinos sind nicht der große Renditetreiber, das macht es nicht einfacher geeignete Standorte zu finden.

Flebbe steht mit der ASTOR Film Lounge oder dem Astor in Hannover mittlerweile für Premium Kino. Wie passt das C1 in diese Ausrichtung?

Wir sind kein Premium Kino und werden auch zukünftig keins. Aber wir wollen uns weiter entwickeln und nehmen die in diesen Standorten gemachten Erfahrungen bei unseren Investitionen mit auf. Unsere Klientel will kein klinisches Billigkino mehr, sondern Ambiente mit Teppich und Stil und vor allem gutem Service.

Können Sie mehr verraten?

Wir wollen den schwachen Monat der Europameisterschaft nutzen und im Juni das Kino renovieren. Zum Einen wollen wir uns endlich vom CinemaxX-Look trennen und die Foyerzonen sowie den Eingang attraktiver gestalten. Zum Anderen müssen wir an Schallübertragungen zwischen den Kinosälen arbeiten, die durch die Digitalisierung entstanden sind.

Das C1 von heute sieht im Grunde genommen ja aus wie ein Cinemaxx aus den 90ern…

…und das soll definitiv nicht so bleiben. Wir wollen uns abheben und zeigen, wie wir uns die Zukunft des Kinos in Braunschweig vorstellen. Die Leute sollen sich eingeladen und wohl fühlen.

Sind Erweiterungen im Gastro-Angebot geplant?

Da experimentieren wir immer ein wenig, zum Beispiel mit kalten und warmen Snacks. Im Grunde bleiben Softdrinks, Bier, Popcorn und Tacitos im normalen Spielbetrieb aber die gängigen Warengruppen. Bei den Zielgruppenprogrammen ist das anders das Klassik-Publikum wünscht sich beispielsweise offene Weine.

2015 hatten Sie 670000 Besucher. Was erwarten Sie vom aktuellen Kinojahr?

Es wird mit Sicherheit ein schlechteres als das vorige Kinojahr werden. Wir planen für uns mit einem gesunden Level von 620000 Besuchern. Das sollte zu schaffen sein und uns die kommenden Investitionen ermöglichen. Die Digitalisierung verlangt uns hier einiges ab. Analoge Projektoren haben früher 30 Jahre gehalten, aber wenn Cameron nächstes Jahr den neuen Avatar herausbringt, wird den Film wahrscheinlich kein aktuell im Betrieb befindlicher Projektor so abspielen können, wie er geliefert wird.  

 

 

 

 

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