22. Mai 2017
Handel & Dienstleistung

„Die Region ist baumstark“ (2/2)

Julius von Ingelheim war sieben Jahre lang Vorstandssprecher der Wolfsburg AG. Anfang April ist der Jurist zur Volkswagen AG zurückgekehrt.

Ganz entspannt: Julius von Ingelheim vor dem Kontorhaus in der Frankfurter Straße 284 in Braunschweig. Foto: Holger Isermann


Was entgegnen Sie der immer wieder aufkommenden Kritik vom Rand der Region?

Wir sind eine durchaus heterogene Region. Die Entwicklung verläuft nicht gleichförmig. Das ist auch nicht das Ziel. Jeder Teil hat seine Stärken, die wir ausbauen müssen. Und: Die Entfernungen sind kurz. Wenn ich beispielsweise in München vom Stadtteil Solln nach Schwabing über den mittleren Ring fahren muss, bin ich länger unterwegs, als von Braunschweig nach Goslar...


Goslar ist ein gutes Stichwort...

Ich liebe Goslar. Und im Harz tut sich einiges. Das Weltkulturerbe Harz bekommt eine attraktivere Ausrichtung. Der Rammelsberg wird 2019 im Rahmen von "100 Jahre Bauhaus" international gefeiert. Auch beim Sport ist viel passiert: Nehmen Sie den Wurmberg, der inzwischen zu den beliebtesten Skigebieten gehört. Der Harz ist außerdem bei Mountainbikern sehr gefragt. Mit Pedelecs macht es übrigens auch Spaß, bergauf zu fahren. Einziger Wermutstropfen ist die wiederkehrende Frage, zu welcher Region der Harz überhaupt gehört.


Haben Sie eine Antwort auf die Frage?

Der Harz ist der Harz (lacht).


Fehlt der Region das Wir-Gefühl?

Der weiseste Spruch zu diesem Thema stammt meiner Meinung nach von Jörg Röhmann, seinerzeit Landrat in Wolfenbüttel und heute Staatssekretär beim Niedersächsischen Sozialministerium. Er erklärte mir damals: "Die Region, das sind die Menschen." Und genau diese Menschen brauchen wir für die regionale Entwicklung. Ich bin überzeugt, wir sind auf dem richtigen Weg, das Wir-Gefühl wächst.


Der Soziologe Sacha Szabo hat im Standort38-Interview gesagt, dass Männer gerne kochen, aber nur, wenn man es sieht. So in etwa ließe sich auch die Kritik zusammenfassen, die man bisweilen über die Allianz für die Region hört ...

Das fände ich traurig. Unsere Sichtbarkeit entsteht dadurch, dass unsere sechs Handlungsfelder alle Lebens- und Arbeitsbereiche tangieren. Und unser Ziel ist es, dass die Projekte, an denen wir uns beteiligen, erfolgreich sind. So gesehen sind andere beteiligte Einrichtungen genauso präsent ...


Gefühlt eher nicht ...

Wie schon gesagt, die Allianz für die Region ist entstanden, weil den 18 Gesellschaftern klar war, dass man gemeinsam mehr erreicht als allein. Und wenn wir gefühlt im Rampenlicht stehen, dann ist das weniger die Institution, sondern die gemeinsame Initiative: Der Name ist Programm und diese Programmatik verdient viel Aufmerksamkeit. Hinzu kommen unsere Projektpartner, sodass wir alle ab und an auf dem Podium stehen. Hierzulande gehört es außerdem dazu, dass man nicht nur zusammen arbeitet, sondern auch Erfolge gemeinsam feiert.


Sie haben die Wolfsburg AG in Richtung Volkswagen verlassen. Was ist dort Ihr Job?

In meiner Verantwortung liegen die Bereiche Regionalstrategie und Standortentwicklung. Es ist sozusagen ein Perspektivwechsel auf die andere Seite des Schreibtischs, mit vergleichbaren Zuständigkeiten, ergänzt um einen weiteren Schwerpunkt: #WolfsburgDigital. Viel interessanter ist, dass der Konzernpersonalvorstand, Dr. Karlheinz Blessing, nun Mitglied in den Aufsichtsräten der Wolfsburg AG und Allianz für die Region ist. Es ist ein sehr gutes Signal, dass Volkswagen sich auch mit der Unternehmensspitze voll in der Stadt- und Regionalentwicklung engagiert.


Hat jemand, der in so vielen Gremien sitzt und ständig Abendtermine wahrnimmt, noch Zeit für ein Privatleben?

Meine Arbeit macht mir sehr viel Spaß. Wenn Zeit bleibt, entspanne ich Zuhause, am liebsten mit meiner Familie. Ich treffe mich auch gerne mit Freunden, bekomme häufig Besuch und bin ein großer Motorradfan.


Sind Sie auch im Harz unterwegs?

Natürlich, oft sogar!


Eher Cruiser oder mit Geschwindigkeit?

Ganz klar Cruiser. Motorradfahren ist für mich Genuss.


Sie gelten als Kunst- und Kulturliebhaber …

Absolut. Momentan freue ich mich besonders darüber, dass ich wieder das Herzog Anton Ulrich-Museum besuchen kann. Auch die Ausstellungen im Wolfsburger Kunstmuseum oder Goslarer Mönchehaus Museum faszinieren mich. Und ich freue mich, dass die Hochschule für Bildende Künste Braunschweig mit Vanessa Ohlraun eine neue Präsidentin gefunden hat, die sich vornimmt, den künstlerischen Dialog mit der Region wieder aufleben zu lassen.


Frau Ohlraun hat das Jahr 2017 im Standort38-Titelinterview als Superjahr der Kunst bezeichnet. Wird man Sie auf der Documenta in Kassel oder bei den Skulptur Projekten in Münster treffen?

Ich gehe gerne auf Vernissagen oder Finissagen, das ist Nahrung für die Seele. Insofern könnten Sie mich dort in der Tat treffen.


Wie gut geht es den Menschen in der Region heute?

Den Menschen hier geht es ausgezeichnet. Bei allen Sorgen und aktuellen Negativschlagzeilen, die vielleicht ein bisschen demoralisieren, aber auch zusammenschweißen können, gehört diese Region zusammen mit Berlin zu den Gewinnern der Wiedervereinigung. Das liegt an der idealen Lage, an der starken Wirtschaft und der historischen Substanz von Wissenschaft und Kultur. Für mich ist es daher ganz klar: Die Region hat Zukunft.

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